Stein, Otto 

Geb. 21.10.1893 in Saaz (Böhmen), gest. im Frühjahr 1942 auf einem Transport aus dem Ghetto Łodz in ein KZ.

 

S. war zweisprachig und studierte an der Deutschen Universität in Prag Gräzistik, Indologie und Alte Geschichte. 1916 mußte er wegen des Militärdienstes das Studium unterbrechen, war dem aber gesundheitlich nicht gewachsen und verbrachte die Kriegszeit in Krankenanstalten. 1918 Promotion in Prag mit einer indolo­gischen Arbeit, die griechisch-indische Kul­turbeziehungen zum Gegenstand hat: »Megasthenes und Kauṭilya«.[1] S. zeigt, daß die angenommene Datierung des indischen Verwal­tungslehrbuches Kauṭilya nicht zu einer sachlich gleichzeitigen griechischen Quelle über Indien (Megasthenes) paßt und insofern jün­ger sein muß. Auf der Linie seiner Dissertation lagen auch seine späteren Arbeiten: (kultur)geschichtlich ausgerichtet – aber mit akribischen philologischen Studien, die vor allem im Bereich von Etymologien und Wortgeschichte wichtige sprachwissenschaftliche Beiträge enthalten).[2]

1922 habilitierte S. an der Prager Deutschen Universität und lehrte seitdem dort: 1930 wurde er zum a.o. Prof. ernannt, 1935 zum o. Prof. 1931/1932 un­ternahm er eine große Forschungs- und Vortragsreise nach Indien, die u.a. durch seine Mitgliedschaft in indischen Fachorgani­sationen und Herausgebergremien begründet war. Er bemühte sich, die Edition indischer Texte an europäischen Standards auszurichten und beteiligte sich an der Ausbildung des indischen wissenschaftlichen Nachwuchses. Nach dem Münchner Abkommen 1938 bemühte sich S. um eine Emi­gration, bereits im Dezember 1938 konnte er schon nicht mehr lehren. Die materiellen Voraussetzungen für seine Emigration waren dank kollegi­aler Hilfe in England auch gegeben, und S. konnte im April 1939 schon seine Bibliothek nach GB verfrachten. Allerdings erhielt er für sich und seine Frau kein Visum für die Ausreise, und beide wurden 1941 in das Ghetto Łodz (Litzmannstadt) deportiert.[3] Im Frühjahr 1942 sollten sie in ein KZ transportiert werden, wobei sie umkamen. Seine »Kleinen Schriften« hat F. Wilhelm herausgegeben.[4]

Q: F. Wilhelm, »The Legacy of Otto Stein«, in: Annals of the Bhandarkar Oriental Research Institute 68/1987: 621-625, ders. in der Einleitung zu den »Kleinen Schriften«, ebd. S. V-XI; Bibliographie dort S. XIII-XXV; Stache-Rosen 1990: 223; Hanisch 2001: 97.; V. Petrbok in: Österr. Biogr. Lex. 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 60) 2008: 155.



[1] Pu­bliziert 1922 in der SB der Wiener AdW, Bd. 191/5; Wien: Hölder.

[2] Zu dieser Bewertung s. etwa M. Mayrhofer, in: Die Sprache 31/1985: 108-109.

[3] Er war registriert beim Transport B von Prag nach Łodz am 21.10.1941 (s.  www.yadvashem.org) Zu seiner Situation in Łodz, s. O. Rosenfeld, »Wozu noch Welt. Aufzeichnungen aus dem Ghetto Lodz (sic!)«, Frankfurt/M.: Verlag Neue Kritik 1994: S. 83 und 124 (Hinweis von J. Riecke, Heidelberg).

[4] Wiesbaden: Steiner 1985.