Spitzer, Leo Siegfried

Geb. 7.2.1887 in Wien, gest. 16.9.1960 in Forte dei Marmi bei Lucca.

 

S.s wissenschaftliche Laufbahn verlief in der Romanistik, aber er war nicht zuletzt durch seine Veröffentlichungen breit in der allgemeinen und vergleichenden Sprachwissenschaft ausgewiesen. Seine späte Rezeption erfolgte (vor allem in Deutschland) überwiegend in der Literaturwissenschaft. Insofern kondensieren sich in seinem wissenschaftlichen Profil die fachgeschichtlichen Probleme. Er war eines der Opfer der rassistischen Verfolgung, die die Stigmatisierung als Jude offen akzeptierten – ohne selbst eine Bindung an das Judentum zu haben.[1] Alles das rechtfertigt eine ausführliche Darstellung, die in nuce die Probleme verdeutlichen kann, die sich mit diesem Katalog stellen.

Für S. bestimmend waren seine ausgedehnten sprachlichen Interessen, denen er nicht zuletzt auch mit umfassenden Fremdsprachenkenntnissen nachging. Ungarisch war für ihn nahezu eine Zweitsprache, zu der er in seinen frühen Jahren regelmäßig in »Magyar Nyelvőr« veröffentlichte und dabei seine umfassenden Kenntnisse mit Glossen zum umgangssprachlichen Ungarisch, etymologischen Fragen, dialektalen Elementen u. dgl. unter Beweis stellte.[2] S. ist durch die rigide junggrammatische Schule gegangen: seinem Doktorvater Meyer-Lübke widmete er später, als er längst programmatisch mit dessen »Positivismus« abgerechnet hatte, auch noch seine Bücher (z.B. »Motiv und Wort«, 1918; »Italienische Umgangssprache«, 1922, s.u.) – an ihm arbeitete er sich sein Leben lang gewissermaßen als Instanz seines Über-Ichs ab.[3] Im Anschluß an die Promotion 1910 bei diesem ging er zur Vertiefung der Indogermanistik nach Leipzig zu Brugmann, später noch nach Paris zu Gilliéron, um seine Habilitation vorzubereiten, also mit einer ausgesprochen sprachwissenschaftlichen Ausrichtung.

Damit sind auch schon die wissenschaftlichen Pole bezeichnet, mit denen S. sich zeitlebens kritisch auseinandersetzte: die drei Genannten verkörperten für ihn den Positivismus, gegen den er sein eigenes wissenschaftliches Programm setzte: die Sprachpraxis als notwendig kreativen Umgang mit den konventionellen (tradierten) Vorgaben der Sprache auszuloten. Dabei blieb für ihn die traditionelle sprachwissenschaftliche Ausbildung eine notwendige methodische Grundlage. Von Anfang an aber ist in seine Arbeiten die Spannung zwischen dieser methodischen Vorgabe und seinem spezifischen Projekt eingeschrieben. Das wurde schon bei seiner Dissertation deutlich: »Die Wortbildung als stilistisches Mittel exemplifiziert an Rabelais, nebst einem Anhang über die Wortbildung bei Balzac in seinen ›Contes drôlatiques‹«,[4] die er pflichtbewußt als Umsetzung der Vorgaben seines Lehrers präsentierte (bes. S. 42), in der er aber vor allem Anspielungen als kreativen Formen der Sprachpraxis nachspürte: als Mechanismen der indirekten Reanalyse (wie z.B. bei Rabelais torcheculatif als Replik auf speculatif, dabei aber als Spiel mit dem Bildungselement cul [als Wort: »Arsch«], und torcher [»wischen«], S. 30).

Wohl im Blick auf seine Karriere arbeitete er sich für die Habilitation in die Sprachgeographie ein, die damals das dynamischste Feld in der romanischen Sprachwissenschaft war, wozu er 1912 für ein Jahr nach Paris zu Gilliéron ging, der mit seinem französischen Sprachatlas (ALF) das methodische Vorgehen neu definiert hatte (vor allem im Gegensatz zur deutschen Schule, zu dem damals erst in Anfängen publizierten Deutschen Sprachatlas [DSA]). Mit der Schrift »Die Namengebung bei neuen Kulturpflanzen im Französischen (mit drei Karten)« habilitierte er 1913.[5] Den fachgeschichtlichen Teil der Habilitationsschrift veröffentlichte er separat: »Die Sprachgeographie (1909-1914)«.[6] Der für die Habilitation geforderte literaturwissenschaftliche Pflichtteil war sein Vortrag über die zeitgenössische italienische Schriftstellerin Matilde Serao, bei dem er zwar auch einen literaturgeschichtlichen Überblick über die italienische Literatur gab, der ihm bei dieser Autorin vor allem aber die Möglichkeit bot, seinen sprachlichen Interessen durch eine Analyse von deren eher journalistischem Sprachstil nachzugehen.[7] Seine sprachgeographische Ausrichtung blieb zunächst noch bestimmend, so etwa in »Atlas linguistique ou grammaires-dictionnaires-textes?«[8] mit einer Kritik jetzt auch an Gilliéron, dessen Art, Sprache zu dokumentieren, nicht kompatibel mit seinen eigenen Interessen an einer Rekonstruktion der kreativen Momente der Sprachpraxis ist.

1918 habilitierte er nach Bonn um, wohin er seinem Lehrer Meyer-Lübke folgte und von wo aus er einigermaßen verzweifelt versuchte, eine reguläre Stelle zu erhalten. 1921 wurde er zum a.o. Professor mit der Venia für iberoromanische Sprachen und Literaturen ernannt. Die Stigmatisierung als Jude hatte er vorher schon, später auch in Bonn, in eine politisch radikale Kritik der Verhältnisse umgesetzt, indem er sich durch sie als Paria gegenüber dem ihn ausgrenzenden militaristisch-kapitalistischen System verstand. Sein Bemühen um einen wissenschaftlichen Neuansatz ging zusammen mit gesellschaftskritischem Engagement: er gehörte zu denen, die damals eine Wissenschaft mit »Sitz im Leben« anstrebten und sich in diesem Sinne auch im Ersten Weltkrieg politisch engagierten, s. »Fremdwörterhatz und Fremdvölkerhass. Eine Streitschrift gegen die Sprachreinigung«;[9] »Anti-Chamberlain. Betrachtung eines Linguisten über H. S. Chamberlains ›Kriegsaufsätze‹ und die Sprachbewertung im allgemeinen«.[10] Diese Arbeiten gehen zum großen Teil auf Vorträge in der Wiener Urania zurück, die S. in Uniform hielt (s. dazu seine entsprechenden Bemerkungen in den Briefen). Dabei stilisierte er sich als lebendigen Widerspruch: das Militärische als Inkarnation des Anti-/Unintellektuellen gab ihm die Form für sein intellektuelles Auftreten. Sein pazifistisches Engagement hatte er auch in seinen Zensuraktivitäten deutlich gemacht, die ihm als Wehrdienst im Weltkrieg übertragen waren: statt kriegspropagandistischen Vorgaben zu folgen, versuchte er, den pazifistischen Grundgehalt in den Gefangenenbriefen zu dokumentieren, s. »Die Weisheit der Kriegsgefangenen«.[11]

In Bonn war S. Dozentensprecher und trat in ähnlicher Weise politisch auf. Allerdings machte ihm das in Bonn noch mehr Probleme als vorher in Wien, weil er jetzt als »Roter« galt und für seine Karriere fürchten mußte;[12] auch der französischen Militärverwaltung war er suspekt, so daß er hier sowohl gegen die rechts ausgerichtete Dozentenbewegung wie gegen die von dieser bekämpften Franzosen agieren mußte. In diesen Konflikten wurde er zunehmend empfindlicher und auch vorsichtiger, v.a., nachdem die Inflation das familiäre Vermögen reduziert hatte und er weniger souverän auf die materiellen Bedrohungen reagieren konnte (ausführliche Spuren davon finden sich in den Briefen).[13] Explizite politische Stellungnahmen, etwa auch zur Universitätsreform, wie er sie in seiner Wiener Zeit abgab, finden sich später nicht mehr: 1919 plädierte er noch im revolutionären Gestus für eine Rätestruktur an der Universität, wobei er den Kampf gegen Militarismus, Rassismus und Kapital als Folie für seine eigene Biographie entfaltete, als jemand, der als Jude und politisch aktiver Mensch ohne einflußreichen Familienhintergrund keine Karrierechancen sah.[14] Versuche, die sprachwissenschaftliche Analyse als politisch-aufklärerische Intervention zu nutzen, finden sich so nur in den frühen Wiener Schriften, die er z.T. in der schweizer Internationale(n) Rundschau veröffentlichte, u.a. »Sprache und Nationalität« und »Die Sprache als Kampfmittel«.[15]

1925 wurde er auf eine Professur für Romanistik nach Marburg berufen, 1930 nach Köln. Als Ordinarius, der das Fach Romanistik in seiner ganzen Breite vertreten mußte, beschäftigte er sich zwangsläufig systematischer mit der Literaturwissenschaft. Das wurde deutlicher in Köln. Vor diesem Hintergrund artikulierte er auch seine Abgrenzung zur traditionellen akademischen (Sprach-)Wissenschaft sehr viel schroffer als vorher. [16] So produzierte er 1931 eine programmatische Abrech­nung mit der »Verabsolutierung der Sprachwissenschaft in seinen Jugendjah­ren«.[17]

Trotz seiner akademischen Erfolge blieb für ihn die Bedrohung als jüdisch stigmatisierter Wissenschaftler bestehen, die ihn die politische Entwicklung am Ende der 20er und frühen 30er Jahre mit Sorge verfolgen ließ. Dazu gehörte auch die Entwicklung an seinem Kölner Institut, dem ein Institut für Italienisch angelagert war, dessen Leitung er hatte und mit dessen politisch durchgedrückter »Faschisierung« er zu kämpfen hatte.[18] Vor diesem Hintergrund verfolgte er kritisch und besorgt die Politisierung seiner Fachkollegen, wenig zu trennen von deren Karrierismus, den er auch an seinem eigenen Institut wahrnahm.

Die von ihm seit seiner frühen Wiener Zeit befürchtete politische Zäsur trat dann 1933 ein. Als er im April zunächst beurlaubt wurde, hatte er keine Illusion darüber, daß damit das eintrat, was er seit langem befürchtet hatte.[19] Immerhin gab es in Köln noch eine gewisse kollegiale Unterstützung und auch Solidaritätsaktionen von Studierenden und seinen Assistenten. Er bemühte sich den ganzen Sommer 1933 über in z.T. hektischen Anstrengungen um eine Stelle im Ausland, wobei er zunehmend auch von materiellen Problemen bedrückt war (Vossler unterstützte ihn auch finanziell).

Über die Schweizer Notgemeinschaft für verfolgte deutsche Wissenschaftler erhielt er schließlich in Istanbul eine Professur, die in seiner Kölner Wahrnehmung der Romanistik galt. In Istanbul selbst zeigte sich dann aber, daß er einen Vertrag mit großen Verpflichtungen angenommen hatte und dort kein Milieu vorfand, das seine hochfliegenden sprach- und literaturtheoretischen Pläne begünstigt hätte. Seine Aufgabe war es, an der explizit gegen Ankara in Istanbul aufzuziehenden Reformuniversität eine fremdsprachliche »europäische« Abteilung aufzubauen. S. entwickelte sofort einen Ausbauplan für den Aufbau der Einzelphilologien, neben der Romanistik auch Anglistik und Germanistik, einschließlich ihres pragmatischen Unterbaus für die reformierte Lehrerausbildung, die hier erfolgen sollte.[20] Dazu rekrutierte er schon in Köln eine Gruppe von Assistenten (Romanisten, Anglisten und Germanisten, s. hier Anstock, Buck, Heyd, auch Literaturwissenschaftler wie den Romanisten Herbert Diekmann und, später nachgeholt: Traugott Fuchs). Einen Großteil der frugalen Alltagsarbeit der Sprachkurse und des Gerangels mit den Behörden konnte er seinen Mitarbeiter(inne)n überlassen.[21]

Mit seinen Kölner Schülern, aber auch einigen Nachwuchswissenschaftlern aus der Türkei, versuchte er, sein wissenschaftliches Programm weiterzuführen. Er verfolgte seine Analyse der sprachlichen Polyphonie weiter und zwar auch gerade außerhalb literarischer Texte, z.B. die Inszenierung von Gerichtsverfahren in der Presseberichterstattung, wo die erlebte Rede an die Stelle der im Text zu zitierenden Vorlage tritt und als Mittel der Inszenierung eine »Tempusanarchie« wirksam wird (»Zeitgebung im französischen Gerichtssaalbericht«).[22]

Dazu gehörte aber auch, daß S. sich auf seine Art als Sprachwissenschaftler auf die neue Situation einließ: so schrieb er z.B. über die türkische Syntax: »En apprenant le turc. Considérations psychologiques sur cette lan­gue« mit Anmerkungen zu den infiniten (konverbalen) Prädikaten (S. 86), dem Evidential (-miş-) (bei ihm »Dubitativ/Narrativ« S. 92) und dem Versuch einer explizit so genannten »charakterisierenden« Typologie des Türkischen (S. 95).[23] Seine Türkischkenntnisse nutzte er aber auch für kontrastive (typologisch orientierte) Analysen bei seinen syntaktischen Arbeiten etwa des Französischen, wo er z.B. in dem zitierten Aufsatz von 1936 über die Pressesprache den Gebrauch französischer Konditionale mit türkischen Evidentialen vergleicht (mit dem Suffix -miş-, a.a.O. 327). Die Beschäftigung mit dem Türkischen (die er mit seinen mitgenommenen MitarbeiterInnen teilte) war aber auch eine Form, sich für die sozialen (und menschlichen) Erwartungen im Land zu öffnen, wodurch er offensichtlich ein ungemein produktives Arbeitsumfeld gerade auch für den türkischen akademischen Nachwuchs schuf.[24] Daneben publizierte er in Istanbul noch eine Reihe kleinerer Studien über umgangssprachliche syntaktische Erscheinungen des Französischen, die insbesondere auch in der Gegenwartsliteratur zu finden sind (mit Analysen wie der zu je ne sache pas, S. 238-241, nahm er die aktuelle Debatte über »Insubordination« vorweg).[25]

Neben den seinen wissenschaftlichen Plänen wenig kongruenten Arbeitsbedingungen an der Istanbuler Universität waren es aber vor allem wohl die ungeklärten Fragen seiner Alterssicherung und die Sorge um die Ausbildung seines Sohnes (s. Anstock Autobiographie: 204), die ihn dazu brachten, sobald es ging, weiter in die USA zu emigrieren, wo er 1936 an der Johns Hopkins Universität in Baltimore eine Professur erhielt. Den Ruf hatte er schon 1934 erhalten, aber er erfüllte zunächst noch seinen Dreijahresvertrag in der Türkei. Als der Wechsel in die USA geregelt war, vermittelte er Auerbach als seinen Nachfolger in Istanbul.[26]

Die Arbeitsbedingungen in der Türkei hatten die Umorientierung in seinem wissenschaftlichen Projekt noch verstärkt, die sich seit der Habilitation schon abzeichnete. Bei seinen frühen empirischen Arbeiten bildete zunächst über die Galloromania hinaus das Katalanische einen Schwerpunkt (das auch ein präferiertes Forschungsgebiet von Meyer-Lübke war)[27] und dann auch das Italienische (s.u.). Dabei war er zu einer zunehmend schärferen Kritik am junggrammatischen Positivismus gekommen, gerade auch in der Dialektologie und der daran ausgerichteten etymologischen Forschung, etwa in »Ein französisches etymologisches Wörterbuch [zum FEW]«.[28] Von hier aus fand er zu seiner Hauptfrage zurück, den kreativen Mechanismen der Sprachpraxis, denen er vor allem in etymologischen Studien nachging, in denen er die Sedimentierung solcher kreativer Prozesse nachzuweisen suchte, programmatisch so in seinem Beitrag zur Festschrift für Meyer-Lübke: »Französische Etymologien«.[29] Der anders ausgerichtete Gamillscheg, sein Mitstudent bei Meyer-Lübke, mit dem er noch gemeinsam für diesen einen Band veröffentlicht hatte (»Beiträge zur romanischen Wortbildungslehre«;[30] darin von S. »Über die Ausbildung von Gegensinn in der Wortbildung«), wurde später zu seinem bevorzugten Kritikobjekt.

Gleichzeitig versuchte er vor dem Hintergrund von erfahrenen Ablehnungen, die ihn bis 1925 als »Linguisten« für eine romanistische Professur als ungeeignet behandelt hatten, sich ein literaturwissenschaftliches Profil zuzulegen, statt nur, wie vorher, literarische Werke zum Gegenstand sprachwissenschaftlicher Analyse zu machen. In diesem Sinne hatte er früh die Schriften des ihm in seinem pazifistischen Engagement nahestehenden Henri Barbusse analysiert (»Studien zu Henri Barbusse«);[31] ausdrücklich knüpfte er dabei an sein w.u. erwähntes »Motiv und Wort«-Projekt an und versuchte sich in einer psychoanalytisch orientier­ten Interpretation der »Sexualisierung« der Sprache bei Barbusse (bes. S. 63-96), den er mit einer bemerkenswerten Spiegelung seiner eigenen Praxis als »Erotomanen« bestimmte. Daneben stehen vor allem aber auch sprachsoziologische Überlegungen zur »Soldatensprache«, die Barbusse in den dialogischen Passagen nutzt, in denen S. eine Form der Auseinandersetzung mit der Situation im Schützengraben analysiert (S. 58-62).[32] Für seine Neuorientierung wurde in Bonn seine enge Verbindung und fachliche Kooperation mit dem germanistischen Literaturwissenschaftler Walzel wichtig.[33]

Im Gegensatz zur literaturwissenschaftlichen Diskussion, die das Eindringen der »Volkssprache« in die Literatursprache problematisierte, kehrte er den Blick um und nahm die Alltagssprache zum Ausgangspunkt: er definierte die literarische Praxis als einen anderen Umgang mit den Ressourcen der alltäglichen (nicht-literarischen) Praxis. Ohne deren Erforschung hängt für ihn die Stilanalyse des »sprachlichen Kunstwerks« in der Luft. Bei diesem Unternehmen faszinierten ihn besonders Autoren, die sich (wie Rabelais) über die Schranken der literarischen »Hochsprache« hinwegsetzten. Bei seinen methodischen Anstrengungen orientierte er sich an der Psychoanalyse, explizit so in der programmatischen und in den Ansprüchen alles andere als beschei­denen gemeinsamen Arbeit mit Hans Sperber »Motiv und Wort. Studien zur Literatur- und Sprachpsychologie«,[34] wo S. eine »Psychoanalyse des sprachlichen Ausdrucks« unterneh­men wollte (S. 91). Hier analysierte er die Sprachform als Ausdruck psychischer Strukturen. In seinem Beitrag »Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Christian Morgen­sterns« (S. 53-123) deutet er Morgensterns stilistische Techniken als im­plizite (besser: invertierte) Sprachanalysen, de­ren komische Wirkung er auf die Regression auf früh­kindliches dingli­ches Umgehen mit Sprache zu­rückführt, also auf die so ermöglichte unzen­sierte »Wollust« (S. 74) im Hantieren mit dem Sozialisationsinstrument Sprache. Damit partizipierte er an den damaligen (nicht nur Wiener) Intellektuellendiskussionen über die Sprachkrise, die seinerzeit Hofmannsthal eindringlich artikuliert hatte.[35] S. findet in der Morgensternschen Reduktion der Sprache auf ihre poetische Funktion gewissermaßen eine spiegelverkehrte Reaktion auf diesen Diskurs (etwa mit Hinweis auf Mauthner, S. 109).

Eine wissenschaftliche Orientierung für sein Unternehmen suchte und fand er bei Hugo Schuchardt, dessen anti-junggrammatische Etymologien für ihn zunächst Modellcharakter hatten und in dessen Festschrift er einen entsprechenden programmatischen Beitrag veröffentlichte »Über einige lautmalende Wörter im Französischen«.[36] Sein Leben lang veröffentlichte er mehr oder weniger umfangreiche etymologische Studien.[37] Dabei folgen die Gegenstände seinen biographischen Stationen. In den ersten Jahren nach der Habilitation war es vor allen Dingen die Ibero-Romania (»Notes étymologiques«),[38] dann einerseits vor dem Hintergrund der kulturellen Dominanz des Französischen in der Türkei, aber auch der besorgt verfolgten Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Deutschland, das Französische vor allem auch im Bereich des politischen Journalismus: Neologismen u. dgl.: »L’avant-guerre ›Vorkriegszeit‹«,[39] Besprechung von A. Kuhn »Das französische Neuwort«;[40] zu den entsprechenden Arbeiten in der Türkei, s.o. Später in den USA setzte er diese analytische Praxis fort mit der Wortgeschichte englischer Termini, z.B. »Nausea > of (eng.) Noise«,[41] zum Italienischen, vor allem auch mit literarischen Quellen: z.B. »Decameron VIII, 9: Carapignare«.[42] Bei diesen Studien hatte er eine ausgesprochene Vorliebe für sexuelle Termini, wie schon in seinem Beitrag zur Schuchardt-Festschrift, in dem er z.B. mirely »weibliches Geschlechtsteil« aus einem »Ausruf der befriedigten Lust« herleitet,[43] bis zu späteren Veröffentlichungen wie »Figl« in der Festschrift für Roman Jakobson.[44] Für diese etymologischen Studien bombardierte er seine Fachkollegen mit Postkarten, in denen er ihnen seine Einfälle unterbreitete.[45]

Das zumindest von S.s Seite aus sehr enge Verhältnis zu Schuchardt läßt sich in seinen Briefen an diesen 1912 bis 1927 (Schuchardts Todesjahr) verfolgen.[46] Den Höhepunkt in ihrer Beziehung bildete S.s Herausgabe des »Hugo-Schuchardt-Brevier. Ein Vademekum der allgemeinen Sprachwissenschaft«,[47] mit dem S. auch indirekt seine eigene Sicht der Sprachwissenschaft dokumentierte. Nicht zuletzt in dem Gedankenaustausch mit Schuchardt wird sein Forschungsprogramm deutlich, das er mit der Dissertation angefangen hatte: die Analyse der produktiven Mechanismen der Sprachpraxis, die deren permanente Innovation im vorgegebenen kulturellen Material ermöglichen. Dabei versteht er sich ausdrücklich als Sprachwissenschaftler, der früh die Anregungen von de Saussure aufnahm, etwa »Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft«.[48] Das von ihm herausgegebene »Schuchardt-Brevier« versteht er ausdrücklich als einführendes Handbuch der Sprachwissenschaft im Sinne der Suche nach einer methodischen Kontrolle.

Vor diesem Hintergrund verfolgte er irritiert die damalige Neuformierung der strukturellen Sprachwissenschaft, die sich als professionell eigenständig mit internationalen Kongressen darstellte, s. etwa seinen »Bericht über den 1. Internationalen Linguistenkongreß in Den Haag (10-15. April 1928)«.[49] Als weiterweisende Arbeit nimmt er auf diesem Kongreß vor allem Mathesius’ Vortrag zu einer »charakterisierenden Typologie« wahr (S. 442), mit der er auch seine eigene Arbeit identifiziert und eine gemeinsame Basis für die dann ein Leben lang fortgesetzte Beziehung zu E. Lewy hat. Sprachwissenschaft ist für ihn ein Instrument, mit dem es die komplexen Fragestellungen kultureller Praxis anzugehen gilt – und so sind seine Arbeiten denn auch von zeitgenössischen Sprachwissenschaftlern aufgenommen worden.[50] Das, was von heute aus gesehen den entscheidenden Durchbruch auf dem internationalen Kongreß 1928 ausmacht, die programmatische Erklärung der Phonologie, ist für ihn dagegen eine mehr terminologische Frage, hinter der für ihn die von »französischen und russischen Sprachwissenschaftlern betriebene Verselbständigung der Linguistik« steht. Der gegenüber plädiert er für »die Rückkehr der Linguistik in den Schoß der Philologie« (S. 440). Das bestimmt auch seine Rezensionen in dieser Zeit, etwa der trotz bissi­ger, teils die Vorlage persiflierender Polemik methodologisch gründliche Verriß von Lerchs »kultursoziologisch« intendierter Sprachanalyse.[51]

Ein umfassendes großes Projekt nahm er mit dem Italienischen auf. Hier hatte er schon früh begonnen, neben seiner Arbeit in der etablierten Dialektologie sich mit den akademisch weniger akzeptierten Formen der Umgangssprache zu beschäftigen. Diese wurden unmittelbar Gegenstand seiner Arbeit, als er im Ersten Weltkrieg als Zensor bei italienischen Kriegsgefangenen eingesetzt wurde (s.o.). Er sammelte die Briefe und analysierte die sprachliche Form als Ausdruck von Kreativität in dem Versuch, den Zensor auszutricksen, indem geteilte Anspielungen und Metaphern zwischen Briefschreibern und Briefempfängern genutzt wurden: »Die Umschreibung des Begriffes ›Hunger‹ im Italienischen. Stilistisch-onomasiologische Studie aufgrund von unveröffentlichtem Zensurmaterial«[52] und (als Hg.) »Italienische Kriegsgefangenenbriefe. Materialien zu einer Charakteristik der volkstümlichen italienischen Korrespondenz«.[53]

In dieser strikt corpusbasierten Untersuchung erweist S. sich als Sprachwissenschaftler, der die Lagersituation als quasi sprachwissenschaftliches Experiment begreift, dessen Bedingungen er in seiner Analyse kontrolliert berücksichtigen kann.[54] Schon vorher hatte S. mit der Analyse der nicht normierten Sprache auf der Grundlage von populären italienischen Theaterstücken begonnen: so in seiner umfassend intendierten »Italienischen Umgangssprache«.[55] Zwar finden sich auch hier (wie bei der Analyse der Kriegsgefangenenbriefe) »völkerpsychologische« Stereotype zu den Italienern, diese sind aber im Kontext seines Versuchs zu sehen, gegen akademische Grundauffassungen anzugehen, die sprachspezifische Unterschiede ignorieren und damals das Italienische mit dem Französischen über einen Kamm scheren. Sein Bezug auf »die Italiener« artikuliert insofern die relative Eigenständigkeit der italienischen Sprache. Vor allem versuchte S. hier, die Spezifik gesprochener Sprache: die situativ kontrollierte Interaktion, herauszuarbeiten, mit der Folge einer anderen Syntax als im literaten, auf Lektüre abgestellten Register. Gegenstand sind hier daher auch nicht Sätze, sondern Gesprächsfragmente. Grundlage waren italienische Theatertexte, für die er dialektologische Hintergrundinformationen heranzog.[56] Mit dieser Arbeit verband er ein umfassendes Forschungsprojekt, wie an anderen Arbeiten deutlich wird, die er selbst in Bonn anregte und betreute.[57]

Diese Arbeiten gehören in sein Programm, der (sprach-)wissenschaftlichen Analyse alle Bereiche zu er­schließen und eben auch »trivialen« Gegenständen durch die analyti­sche Bearbeitung etwas abzugewinnen, von seinen frühen »intimen« Studien bis zu der später in der gleichen Weise analysierten US-amerikanischen Werbung (s.u.). Dazu gehörte insbesondere auch eine Sammlung und angefangene systematische Auswertung der in der zensierten Korrespondenz aufgefundenen Postkarten.[58] Dadurch lassen sich seine Arbeiten weder auf das akademische Profil eines Sprach-, noch eines Literaturwissenschaftlers abbilden.

Im Grunde hatte S. sein wissenschaftliches Projekt schon mit der Dissertation zu Rabelais definiert: die formale Analyse der Sprachstrukturen war für ihn instrumental – sie identifiziert die Ressourcen und die Schranken der sprachlichen Praxis, auf deren Rekonstruktion seine Arbeiten angelegt sind. Insofern nahm er methodische Neuerungen auch des Strukturalismus auf, konnte sich mit diesen aber ebenso wenig identifizieren wie mit der junggrammatischen Buchführung über diachrone Fakten. Intellektuelle Entsprechungen fand er bei dem Projekt von Paul Kammerer (1880-1926), der damals als Biologe versuchte, serielle Strukturen als universal zu etablieren, die in der physikalischen wie in der psychischen und der sozialen Welt wirksam sind; zu dessen abschließender Monographie steuerte S. die Beispiele für den Abschnitt über Sprache bei.[59]

Von hier aus erklärt sich auch der rhapsodische Charakter vor allem seines frühen Werkes. S. geht der spontanen Kreativität in der kindlichen Sprachentwicklung und auch in der emotional geprägten intimen Sprachpraxis nach, wobei er die Kin­dersprache über ihre Prä-Artikuliertheit in der Sprache des Eltern­hauses analysiert (»Puxi. Ein kleine Studie zur Sprache einer Mutter«),[60] auch hier wieder z.T. verquickt mit – oft etwas tri­vialer – »psychologischer« Durchdringung der Alltagspraxis, etwa »Über einige Wörter der Liebessprache«[61] (»Opfer« seiner empirischen Beobachtungen war hier wie auch bei der Puxi-Studie seine Frau). Diese frühen Arbeiten blieben für ihn auch später noch Bezugsgrößen, s. etwa seinen Verweis auf die Arbeit über die »Liebessprache« (1918) in seinem Beitrag zur Festschrift Gamillscheg: »Span. Querer ›to love‹«;[62] auf sie greift er auch in seiner späteren programmatischen Darstellung seines Unternehmens in den USA (in dem Festschrift-Band 1948, s.u.) wieder zurück. Für ihn waren es keine anekdotischen Exkurse, sondern der sichtbar gemachte Gegenpol zur virtuosen Kreativität in der Kunst, wobei Rabelais auch in seinen späteren literarischen Studien immer zentraler Bezugspol blieb.[63]

Die Psychoanalyse verstand er als theoretischen Zugang zu den Ressourcen und Schranken individuellen Handelns. Explizit formulierte er dieses Programm in einem späten Versuch, die Systematik seines Lebenswerkes darzustellen: »Sviluppo di un metodo«,[64] wo er auch ausführlich die Rolle der Psychoanalyse und sein frühes gemeinsames Unternehmen mit Sperber herausstellte; ähnlich auch in seinem letzten (postum veröffentlichten) Vortrag: »Les études de style et les différents pays«,[65] publiziert in dem Kongreßbericht, der ihm gewidmet ist, in dem L. L. Hammerich ihn im Vorwort als »genial« würdigt. Mit anderen, die damals in ähnlicher Weise versuchten, Sprachbiographien zu rekonstruieren (wie vor allem E. Lewy), hielt er zeitlebens Kontakt. Entsprechungen zu seinem Unternehmen sah er vor allem bei Vossler, zu dem er zuerst einen sehr respektvollen, später freundschaftlich engen Kontakt hatte, was sich in den Briefen spiegelt. Trotz einiger Irritationen in den späteren Jahren bleibt diese freundschaftliche Beziehung in den erhaltenen Briefen (bis zum Jahre 1940) bestehen.[66] Nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit Vossler bemühte er sich um eine Klärung des in seinen früheren Arbeiten noch weitgehend ungeklärten Verhältnisses individualpsychologischer zu sozialen Faktoren der Analyse.

In seinen Arbeiten der 20er Jahre fand er eine eindeutige Antwort auf seine programmatischen Fragen: Sprache kann nicht als Ausdruck (allein) analysiert werden – sie ist, auch als Form idiosynkratischer Befindlichkeit, immer eine sozial kontrollierte Form, artikuliert in kulturell tradiertem Material. So unternahm er eine systematische Auseinandersetzung mit (und in Abgrenzung von) Vossler, dessen sprachlicher Duktus (vor allem der Verweis auf die »Volkspsyche«) in seinen früheren Arbeiten wie etwa der zur italienischen Umgangssprache noch vorherrschend war (s. dort etwa S. 290-293).

Seine Hochachtung (und vielleicht auch Karriererücksichten) machen ihn Vossler gegenüber vorsichtig, den er aber auch wegen seiner anti-antisemitischen Aktivitäten schätzte.[67] Dagegen drischt er geradezu auf dessen Münchener »Jünger« ein, etwa auf Hatzfeld.[68] Für die spezielle Ausprägung der Münchener hatte er nichts übrig. Nur Lerch gegenüber war er ambivalent: einerseits schätzte er ihn wissenschaftlich (s.o.), andererseits konnte er ihn persönlich nicht ausstehen und qualifizierte ihn gelegentlich auch als »unwissenschaftlich« ab, s. »Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft«.[69] Klemperer war für ihn ein »Schwätzer«, dem gegenüber er explizit mit »ich als Sprachwissenschaftler« auftrat, s. »Der Romanist an der deutschen Hochschule«.[70] Hatzfeld rezensierte er so vernichtend, daß dieser seine Orientierung völlig wechselte, s. seine Rezension von dessen »Führer durch die Literarischen Meisterwerke der Romanen II. Spanische Literatur«[71] – generell war die Kulturkunde für S. schlechtes Feuilleton. Hier bewahrte er sich seine Meyer-Lübke-Orientierung. Dabei dienten ihm diese Kritiken auf verwandtem Terrain vor allem auch dazu, mit seinen eigenen Ambivalenzen umzugehen, wie etwa bei Lerch, in dessen völkerpsychologischen Stereotypen (der Franzose) er Rassismus diagnostizierte.[72]

In systematischer Hinsicht wird der allen »Neuerern« mit Vossler gemeinsame Rückbezug auf Humboldt bei S. pro­duktiv, durch den S. den relativ naiven Psychologismus seiner frühen Arbeiten angeht, in denen er (gemeinsam mit Sperber, s. dort) in einer vordergründigen Freud-Rezeption die sprachliche Form direkt als Ausdruck seelischer Verfassung bzw. Prozesse zu lesen versuchte (eine systematische Beschäftigung mit Humboldt fehlt allerdings: der Bezug war eher emblematisch). Mit Vossler begriff S. die sprachliche Form sozial, d.h. als eine der individuellen Praxis vorgängig präartikulierte Form (dafür verwendet er den Terminus der Sprachstile), gegenüber dem, was in der individuellen, insbesondere in der künstlerischen Praxis daraus gemacht wird (die Stilsprachen, die er in seinen Einzelstudien untersucht). Über die Vossler-Schule hinausgehend faßte er die sprachlichen Strukturen der analysierten Texte in ihrer relativen Autonomie ge­genüber der darin artikulierten Praxis – die von ihnen ermöglicht, aber eben auch begrenzt wird (explizit so in der genannten Barbusse-Studie).

So sehr sich S. in diesem Zusammenhang als methodisch orientierter Sprachwissenschaftler (vor allem auch im Rückgriff auf Saussure) begriff, so wenig konnte er sich mit der akademischen, junggrammatisch geprägten sprachwissenschaftlichen Disziplin identifizieren. Sein umfassendes Programm der Analyse der Sprachpraxis stellte er zunehmend mehr auf die Form ab, in der die sprachlichen Ressourcen gewissermaßen ausgereizt werden: die künstlerische Praxis. Hier traf er sich mit Vossler, dem, mehr aber noch seiner Schule, er eine methodisch kontrollierte Stilanalyse gegenüberstellte. Ihm ging es um die Auseinandersetzung mit einem sprachlichen Werk, die dessen spezifische Form als Gestaltung im sprachlichen Material rekonstruiert, das selbst wiederum als Grammatikalisierung solcher sprachlicher Ausdrucksformen die Gestaltung präartikuliert.[73] Das verhinderte allerdings nicht, daß ihm selbst psychologisierende Stereotypen unterliefen, wie seine kruden Bemerkungen in der »Hungerstudie« und auch der Ausgabe der Kriegsgefangenenbriefe zeigen – und auch, daß er sich selten sexistische Nebenbemerkungen über Frauen verkneifen konnte.

Ende der 20er Jahre ist in seinen Arbeiten eine dramatische Spannung zu verzeichnen, mit der er einerseits die Vossler-Schule wegen ihrer literarischen und methodisch zu wenig kontrollierten Fixierung kritisierte und vor vorschnellen kulturpsychologischen Interpretationen warnte, gleichzeitig aber die sprachwissenschaftliche Fixierung auf die gesprochene Sprache (vor allem die Mundart) kritisierte, die die schriftsprachlichen Formen der »richtunggebenden Kultur« ausblendet (so z.B. in der Rezension zu von Wartburgs Französischem Etymologischen Wörterbuch).[74] Ein zentrales Diskussionsfeld war dabei die vor allem auch im Umfeld der Vossler-Schule betriebene Analyse der erlebten Rede, die als ein Spezifikum der modernen Literatur gilt.[75] Die Auseinandersetzung mit dieser von den Normen der Schulgrammatik nicht gedeckten Ausdrucksform zieht sich durch S.s Analyse der Gegenwartsliteratur: sie ist für ihn die Form, in der die Literatur (vor allem der Roman) die Polyphonie der gelebten Sprachpraxis (re)produzieren kann.[76]

In genauen Detailstudien geht er der sprachlichen Polyphonie nach, die eine Spannung zwischen der normativen Grammatik und der Schriftsprache setzt, bei der Autoren wie Ramuz nicht nur im Modus der erlebten Rede schreiben, sondern auch syntaktische Brüche und ähnliches inszenieren, um die nicht-schriftsprachliche Praxis zu repräsentieren – im Gegensatz zu Autoren, bei denen die wörtliche Rede den gleichen sprachlichen Duktus hat wie der literarische Text sonst (»Le style de Ch.-F. Ramuz: Le raccourci mystique«).[77] Das erklärt, daß er sich immer wieder mit L. F. Céline befaßt hat, der diese literarische Form ins Extrem getrieben hat, s. »Une habitude de style (le rappel) chez M. Céline«,[78] wo er den grammatisch weniger fest integrierten Bau der Äußerung im gesprochenen Französisch analysierte, bei dem der rhematische Teil an den thematischen nur lose adjungiert wird – was etwas anderes ist als rechtsversetzte Extrapositionen, wie sie auch im Deutschen möglich sind ([...] puis il va s’asseoir Pierre [...], S. 198); vgl. noch »Eh! l’autre salaud qui va nous faire repérer! – un motif Marcenat«,[79] wo er seine Analyse als Beitrag zur »Entgreisung der Sprachwissenschaft« bestimmte (S. 58). Nicht von ungefähr bezeichnete er Céline gelegentlich auch als Nachfahren von Rabelais, was diese durchgehende Linie in seinem Werk unterstreicht.

Theoretischer Bezugspunkt seiner Untersuchungen wurde (wie für Vossler) Croce. Ende der 20er Jahre bemühte er sich allerdings noch darum, beide Seiten seines Programms auszubalancieren. Dabei unterschied er systematisch seine Stilanalysen von mehr sprachwissenschaftlichen Arbeiten, wie in der zweibändigen Sammlung seiner »Stilstudien«[80] deutlich ist, bei der Bd. I »Sprachstile« betitelt ist und vorwiegend syntaktische Analysen enthält, Bd. II »Stilsprachen« mit der Analyse literarischer Texte. Von hier aus gewann er einen anderen Blick auf die literarische Praxis – vor allem da, wo diese ebenfalls die »klassischen« Normen überschritt. Das steht auch hinter seiner Faszination von Rabelais, die sich später in der wiederholten Beschäftigung mit Céline fortsetzt, Autoren, die für ihn deswegen faszinierend waren, weil sie gegen akademische Normen anschrieben. Dazu gehört auch Lope de Vega, den er in einer Vossler gewidmeten Schrift analysiert: »Die Literarisierung des Lebens in Lope’s Dorotea«,[81] wo er in Lope de Vegas Spielen mit hybriden Sprachformen ausdrücklich eine Parallele zu Rabelais sieht (z.B. S. 25).[82]

Daneben standen aber schon früh (wie bei seinem Freund Kammerer) Beobachtungen zu trivialen Alltagserscheinungen, etwa der Werbung: z.B. seine Beobachtungen zur Modehausreklame in »Attributive Anreihungen von Substantiven im Französischen«.[83] Systematisch verfolgte er so sein sprachwissenschaftliches Projekt weiter. Von Anfang an war die Syntax im Zentrum seiner Arbeit, mit der er direkter an den Strukturen der Sprachpraxis ansetzen konnte, vor allem auch um Muster zu analysieren, die von den Sprechern/Schreibern kontrolliert wurden, wie es ja insbesondere auch die von ihm für seine »italienische Umgangssprache« untersuchten Theaterstücke deutlich machten.

So hatte er schon früh angefangen, syntaktische Erscheinungen jenseits der normierten Grammatik zu analysieren, s. etwa »Zur romanischen Syntax«,[84] s. auch oben zum Katalanischen. Dabei waren syntaktische Analysen für ihn fast definitionsgemäß immer vergleichend: syntaktische Strukturen artikulieren die konkrete Sprachpraxis, sie sind daher unabhängig von dieser definiert. Hier orientiert er sich an der zeitgenössischen Diskussion (häufig Hinweise vor allem auf Meillet). Recht systematisch verfolgte er die Diskussion zum Deutschen, so in seinem Artikel »Über den Schwund des einfachen Präteritums«,[85] wo er Parallelen im Umbau des Verbalsystems im Deutschen/Germanischen und Französischen/Romanischen betrachtet, neben formalen Aspekten (Umbau von synthetischen zu analytischen Bildungen), aber auch die (zumindest in der noch nicht fest grammatisierten Phase) kognitiven Implikationen der Haben-Perspektive beim Perfekt (bei dem Verb haben spricht er dort sogar von einer »kapitalistischen Färbung«, S. 87).

Eine Umkehrung des Topos der damaligen Syntax/Stil-Forschung zieht sich durch seine Arbeiten, die er in dem »Wortkunst«-Aufsatz von 1925 formuliert: nihil est in syntaxi quod non fuerit in stylo (S. 179 – in einer Variation eines scholastischen Axioms). Bei der beobachtbaren syntaktischen Form stehenzubleiben ist für ihn gleichbedeutend damit, für eine Erklärung blind zu sein, die nur über das Aufsuchen »stilistischer« Varianten möglich wird, die sich ggf. in festen Formen sedimentieren können, also grammatikalisiert werden (durchgängig benutzt er dazu den Meilletschen Terminus). Das erklärt die Fülle von anekdotischen Einzelbeobachtungen, vor allem auch zur gesprochenen Sprache, und seine Analyse von Autoren, die in der literarischen Inszenierung diese stilistischen Variationsräume ausloten und damit die Vorgaben der klassischen (Schul-)Sprache und Literatur überschreiten wie insbesondere L. F. Céline (s.o.). Die Konventionalisierung von Ausdrucksformen verfolgte er als Weg zu ihrer Grammatikalisierung, aber auch zur Lexikalisierung wie bei Mustern der Namensgebung bis hin zu ihrer orthographischen Variation, s. »L’appellation française des lieux étrangers«,[86] »Note sur la prononciation des noms propres«,[87] wo er die Eigennamen als spezifisches sprachliches Feld bestimmt, das anders (in jedem Fall mehr) als sprachliche Zeichen sonst sprachbiographische Zusammenhänge symbolisch bindet und sich daher auch formal anders verhält (nicht nur wie im Titel angegeben auf der lautlichen Ebene, sondern auch grammatisch und vor allem orthographisch).

Die Schwankungen in S.s Argumentation sind nicht nur seinem hektischen Arbeitsstil geschuldet, sie erklären sich auch durch die sozialen Umstände seines Lebens: die antisemitische Diskriminierung und auch die materiell-soziale Bedrohung, seit das ererbte Vermögen durch die Inflation reduziert wurde. Insofern nervte ihn der Akademismus im Fach, der für ihn auch Ausdruck derer war, die in dem akademischen Betrieb zuhause waren. Das verschärfte seine wissenschaftliche Kritik an positivistischen Fachvertretern wie von Wartburg oder Gamillscheg (s.o.), weil diese in seiner Wahrnehmung für einen akademischen Betrieb stehen, der ihn selbst auszuschließen drohte.

In seinen Briefen aus der Zeit seiner Berufung nach Marburg (1925) wird deutlich, welche Befreiung diese für ihn bedeutete, die es ihm auch ermöglichte, einen entkrampfteren Kontakt zu jüngeren Fachkollegen wie Lerch zu haben, die für ihn bis dahin vor allen Dingen Konkurrenten waren. In Marburg hatte er offensichtlich freundschaftliche und kollegiale Beziehungen weit über sein Fach hinaus, z.B. zu Frings, zu dem er seit  Bonner Zeiten enge Beziehungen hatte, die er später weiterführte. Dabei blieb er sensibilisiert für die politische Entwicklung, wie es sich nicht nur in den frühen Briefen aus der Bonner Zeit spiegelt (s. bei Hurch, Q). Nicht zufällig behielten jüdische Themen bei ihm einen festen Platz bzw. werden erst recht nach der Vertreibung explizit ein kontinuierliches Thema (als Spiegelung seiner eigenen sprachlichen Diaspora!):[88] »Una locuzione giudeo-italiana«,[89] »Judeo-Italian«,[90] s. auch »Figl« (s.o.), »Dezmazalado«,[91] aber auch schon vorher: »Judéo-esp. ›meldar‹«.[92] Durchgehend reflektierte er (auch in der Korrespondenz mit dem alles andere als liberalen Schuchardt) sein Judentum als Risikofaktor – und ist zugleich genervt von anderen, die ihr Judentum vorzeigen.[93]

Durchgängig bemühte er sich um eine systematische Ortsbestimmung seiner eigenen Arbeit, für die methodische Auseinandersetzungen wichtiger sind als der sprachliche Gegenstand. Am deutlichsten wird das vielleicht bei seiner Textsammlung »Meisterwerke der romanischen Sprachwissenschaft«,[94] wo seine Position in ausführlichen Nachbemerkungen zu den dort versammelten Autoren deutlich wird: Meyer-Lübke, Gilliéron, Antoine Thomas u.a., auch Wagner und solche, die an anderer Stelle bevorzugte Zielscheibe seiner Kritik waren, wie Lerch. Bemerkenswert ist in diesem Rahmen seine Kontroverse mit Auerbach, der bei ihm in Marburg habilitierte. Dieser warf seinem Projekt mangelnde methodische Kontrolle und vor allem einen fehlenden soziologischen Blick vor. In seiner Replik darauf warf umgekehrt S. diesem ein Wissenschaftsverständnis des 19. Jhdts. vor, das gewissermaßen die Analyse der individuellen Praxis überspringt, der gegenüber soziale Strukturen nur als Schranken der Präartikuliertheit des individuellen Verhaltens zu fassen sind.[95] Der Positivismus-Vorwurf gipfelte schon in diesem Aufsatz (1933), seine späteren Auseinandersetzungen in den USA antizipierend, darin, daß Auerbachs »Neoscientismus« von der Art sei, »wie sie amerikanische und in Europa amerikanisierte Wissenschaft liebt« (Sp. 112).

Die Stilanalyse diente ihm als Nenner für seine methodisch-theoretischen Neuorientierungsversuche. Als solche war sie keine Innovation – sie war akademisch fest etabliert als methodische Neubegründung der Philologien (nicht: der sprachwissenschaftlichen Ausgliederung aus diesen!) seit den 70er Jahren des 19. Jhdts. (Boeckh 1886). Daran schlossen Vossler und seine Adepten an, und insofern hatte S. kein Problem, in deren Rahmen zu publizieren; aber die Stilanalyse stand bei ihm für ein umfassenderes Programm: s.o. zu seiner »Puxi-Studie«, so auch seine Anti-Kritik an Meillet: »Zu Meillets Kritik von ›Jahrbuch für Philologie‹ Bd. 1«.[96] Die Spannung seines Arbeitsprogramms reflektierte er in einem autobiographischen Rückblick in: »Wortkunst und Sprachwissenschaft«,[97] wo er nochmals die methodische Kritik an der Literaturwissenschaft herausstellt und sein Programm einer Stilanalyse sprachwissenschaftlich definiert, als Aufsuchen der sprachlichen Praxis, die in der Grammatik (der Syntax) sedimentiert (bes. S.179).

Was ihm damals als metho­dologische Schwäche vorgeworfen worden war (etwa von Vossler oder Leo Jordan und später der zentrale Kritikpunkt von Struk­turalisten wie Riffaterre war, s.u.), wird jetzt zu einem Programm und einer Kritik an der Sprachwissenschaft: es geht ihm um die »Total­analyse« eines literarischen Werkes, verstanden als Bearbeitung der Wirkung, die es auf den Leser ausübt, der sich auf es/auf die freie Lektüre einläßt (die Parallele zur klini­schen Technik des freien Assoziierens in der Psychoanalyse ist si­cher nicht von ungefähr). Die sprachliche Form des Werkes, die der Leser so verinnerlicht, stößt dabei auf habitualisierte Formen; die explizite Rekonstruktion der daraus resultierenden Auseinan­dersetzung ist das Verfahren einer wissenschaftlichen An­eignung des Kunstwerks. Sprachwissenschaftlich-philologische Verfah­ren/Wissensbestände fungieren dabei nur subsidiär – zur Kon­trolle der historischen Eigenform des Materials, das vom Autor im Werk ja im persönlichen Ausdruck überwunden wurde (auch hier aber: das Verfahren dazu ist die extensive kontrastive Lek­türe, die versucht, konnotative Zusammenhänge der auffälligen For­men des Textes zu kontrollieren).

Sein Programm ist es, in der Sprachpraxis, insbesondere im sprachlichen Kunstwerk, das sich durch eine ästhetisch geschlossene Form auszeichnet, das zu rekonstruieren, was sie individuell macht – wobei er sich wohl bewußt ist, damit das Paradox anzugehen, für das er gelegentlich auch den scholastischen Lehrsatz zitiert: Individuum est ineffabile (später so z.B. in seinem Einleitungsaufsatz zu dem Sammelband »Essays« 1948, s.u.). Insofern machte er Front gegen alle Formen literaturwissenschaftlicher Reduktion, die die sprachliche Form des Kunstwerks gewissermaßen röntgt und ihren Gegenstand hinter dieser sucht: die biographische Methode, die literaturgeschichtliche Einordnung, die Ideengeschichte u. dgl. (so vor allem in den später in den USA geführten Kontroversen, s. dazu Wellek [Q]), aber auch gegen eine sprachwissenschaftliche Analyse, die die formale Seite von ihrer Funktion als Artikulation des Kunstwerks trennt). Dagegen stellte er sein Verfahren, analytisch seine unmittelbare Reaktion (Lektüre) auf den Text zu analysieren, also in Analogie zur psychoanalytischen Methode. Mit diesem Versuch, die Autonomie der sprachlichen Form zu wahren, traf er sich mit den strukturalen Neuansätzen, von denen ihn aber diese Zielsetzung wiederum trennte.[98]

S. hat dieses Programm in einer Un­menge von Interpretations­beispielen umgesetzt, die seine heutige, meist ausschließliche, Wahrnehmung als Literaturwissen­schaftler be­stimmen. Dabei ist bei den Arbeiten aus der Zeit nach der Emigration die Verletzung durch seine Vertreibung nicht zu übersehen. S. war nicht nur als Opfer betroffen, er analysierte auch politisch – vor allem die im Reich weiter betriebene Wissenschaft: »Die romanistischen Zeitschriften im deutschen Reich«,[99] »Rassisch-nationale Stilkunde«.[100] Dabei erschienen ihm schiefe Formulierungen politisch eindeutig, so daß er z.B. Rohlfs aufgrund einer allerdings befremdlichen Formulierung Rassismus vorwarf (er bringt ihn auf eine Linie mit dem inzwischen offen rassistisch agierenden Céline).[101] Auch seine sprachanalytischen Detailstudien wurden zunehmend von dieser Konstellation bestimmt: diese wurde für sein Projekt der Diskursanalyse bestimmend, die er jetzt auf den Nationalsozialismus anwendete: »La vie du mot ›nazi‹ en français»,[102] »Nazi – Spezi«,[103] (mit Arno Schirokauer) »German Words, German Personality and Protestantism Again«.[104] Entsprechend sind seine Beobachtungen zum Englischen in den USA geleitet von Parallelen des Nazi-Deutschen, die sich ihm aufdrängen (»La psychologie du langage: Un Français cent pour cent«).[105]

Die Situation in den USA war für ihn ein Drama: er fand keine Möglichkeit mehr, sein sprachwissenschaftliches Projekt auf disziplinärem Boden anzugehen. So sehr er die Arbeit und Lebensverhältnisse in den USA, vor allem auch an seiner neuen Universität in Baltimore, zu schätzen wußte, so sehr schockierten ihn die wissenschaftlichen Verhältnisse dort, die, im Gegensatz zu denen in der Türkei, nicht die Entschuldigung von materiellen Problemen hatten: in ihnen sah er eine erschreckend konservierte positivistische deutsche Wissenschaft, gegen die der Kampf in Deutschland schon gewonnen schien.[106] Zuhause war er in Emigrationskreisen wie z.B. in der Zusammenarbeit mit Schirokauer, zu der von diesem herausgegebenen Festschrift für Singer er einen Beitrag beisteuerte mit Analysen von Neubildungen in französischen politischen Debatten.[107]

Die Situation spitzte sich für ihn nach dem Kriegseintritt der USA 1940 zu – jetzt wurden die Kontroversen schärfer, er argumentierte auch persönlich verletzter. Während er noch in der Literaturwissenschaft ein gewisses Ansehen genoß und eingeladen wurde, galt er in der Sprachwissenschaft so gut wie nur noch als kurioser Kauz, der nicht ernst genommen wurde (Hinweise darauf verdanke ich H. Penzl). Hier verschärfte sich die Konstellation, die sich in seiner Besprechung des ersten Linguistenkongresses von 1928 schon abgezeichnet hatte: seine Position, im amerikanischen Strukturalismus eine Weiterführung des junggrammatischen Akademismus zu sehen, konnte hier nicht verstanden werden. Seine zunehmend verbitterte Art sich zu äußern ist wohl auch bestimmt davon, daß er keinerlei positive Rückmeldung mehr erhielt. S. reagierte darauf mit einer immer erbitterter vorgetragenen Kritik an den »Bloomfieldians«: »Why does language change?«,[108] »Answer to Mr. Bloomfield«,[109] »Crai e poscrai o poscrilla e posquacchera again, or the crisis in modern linguistics«,[110] »The state of linguistics: Crisis or reaction?«.[111]

War S. im­mer schon konflikt­freudig und polemisch in seinen Darstellungen gewesen, so domi­nierte dieser Zug jetzt.[112] In polemischen Rundschlägen in sprachwissen­schaftlichen Debatten apostro­phierte er Bloomfield als Exponenten des amerikanischen Kulturverfalls und Nihilismus – Bloomfields höflich-nüchterne Antwort auf diese In­vektiven machen S.s Isolation nur umso deutlicher.[113] S.s Dilemma wird deutlich daran, daß er im gleichen Atemzug die Abrechnung mit der vom Faschismus kompromittierten deutschen Sprachwissenschaft versuchte.[114] Als 1948 in den USA eine Festschrift für ihn erschien (»Essays in historical semantics«),[115] wies die Tabula gratulatoria zwar weit über 200 Namen von Fachkollegen auf (neben zahlreichen Universitäten und Bibliotheken), darunter aber niemand, der den US-amerikanischen Deskriptivismus repräsentiert hätte.[116] Allerdings hatten sich auch außerdisziplinär die Verhältnisse geändert: es war damals die Situation, in der »einheimische« Fachkollegen wie R. A. Hall dazu aufriefen, Geld zu spenden, um den vom Nationalsozialismus Vertriebenen eine Rückfahrkarte zu spendieren. S. steht hier in einer Reihe mit parallelen Schicksalen: BühlerSperber, Werner ...

Er konnte sich mit einer Reduktion der Sprachwissenschaft auf das methodisch Kontrollierbare nicht abfinden, wie er vor allem in einer detaillierten Kritik an Sturtevants Einführung von 1947 deutlich machte,[117] dem er vorwarf, alle kulturellen Fragestellungen systematisch auszublenden, einschließlich der Stilanalyse. Noch heftiger brachte er diese Kritik sogar jüngeren Leidensgenossen gegenüber vor, etwa gegenüber Malkiel, für den er zunächst noch die Einreise in die USA befördert hatte und dessen Dissertation er positiv rezensiert hatte, dessen etymologische Praxis er aber als uninteressantes junggrammatisches Handwerk abqualifizierte.[118]

Für seine spätere Rezeption wurde vor allen Dingen seine Auseinandersetzung mit Michael Riffaterre ausschlaggebend, der es in den USA unternahm, strukturalistische Verfahren für die Stilanalyse nutzbar zu machen.[119] S. hatte dessen Dissertation zu Gobineau mit großer Schärfe rezensiert, der er absprach, überhaupt eine Stilanalyse zu sein, sondern nur eine Akkumulation von Stilmitteln, die in den analysierten Texten zu finden sind.[120] In der Folgezeit verschärfte sich der Ton zwischen beiden: Riffaterre antwortete[121] und warf S. vor, keinerlei methodische Kontrolle in seinen Analysen zu haben und nur mit seinen Impressionen zu spielen (s. auch die durchgängigen Verweise auf S. gewissermaßen als Gegenbild seiner eigenen Analyse in R.s Buch 1971). Die Kontroverse macht deutlich, daß S. zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage war, die methodische Herausforderung strukturaler Analyse für seine eigenen Arbeiten aufzunehmen.

S. empfand sich immer als politisch und rassistisch Vertriebener, wie indirekt daran deutlich wird, daß er sich für andere (vor allem auch jüngere, die in der späteren Zeit massive Widerstände in den USA zu überwinden hatten) einsetzte, ihnen Affidavits für die Einreise verschaffte u. dgl. Seine eigene Biographie kommt dabei nur indirekt zur Sprache, nur über Bande gespielt kann er deutlicher werden, s. »In memoriam E. Richter«.[122] Er registrierte immer äußerst sensibel rassistische Untertöne in fachlichen Argumentationen. Ein Beispiel dafür ist sein Essay »Why does language change?« (1943, s. Fn. 108), in dem er verschiedene Erklärungen für die Ausgliederung von Sprachen mustert, darunter auch die (damals) gängige mit verschiedenen Artikulationsbasen bei ethnischer Mischung. Wenn jemand wie van Ginneken, der sonst auf diese Weise feinkörnige dialektale Ausgliederungen zu fassen versucht, von einer »base d'articulation des Israëlites« spricht (zitiert a.a.O. S. 419), dann zeigt das eine empirische Blindheit für die große sprachliche Variation bei den jüdischen Gemeinschaften (ebenso wie für deren unterschiedliche Bildungstraditionen, die als Erklärungsfaktor einbezogen werden müssen), die zu dem bedrohlichen rassistischen Syndrom gehört, auf das S. in diesem Beitrag mehrfach anspielt.

Erst nach Kriegsende konnte er entspannter zumindest mit dem jüdischen Komplex umgehen, nach der Niederlage des deutschen Faschismus, als die antisemitische Bedrohung gewissermaßen gebannt war. Jetzt konnte er sogar Frings gegen Auerbach (und Curtius...) in Stellung bringen, dessen völkisch-romantische Vorstellung von der spontanen Volkskultur (bäuerlichen Kultur) als Nährboden für die moderne Literatur im Mittelalter er ausgerechnet bei seiner Beschäftigung mit der jüdischen Dichtung in Andalusien als Kronzeugen anführt.[123] In den neu entdeckten mozarabischen Liebesliedern in Form der muwaššah sah er eine Entsprechung zu der romanischen alba, im Gegensatz zu der sonst herausgestellten Herleitung von den ƶağal, die in der Regel als Vorlage für die okzitanische Trubadordichtung und damit indirekt für den deutschen Minnesang angeführt werden. Allerdings über Frings hinausgehend sah er in diesem Gegensatz auch einen von weiblicher Sexualität gegenüber männlich zensierter gelehrter Dichtung, s. »The mozarabic lyric and Theodor Frings’ theories«.[124] Andererseits war er nach der Niederlage des Faschismus bemerkenswert liberal im Umgang mit denen, die durch die politischen Verhältnisse diskreditiert waren. So rezensierte er (verbunden mit einer Laudatio) Fritz Krüger, der aufgrund seiner Kollusion mit dem Regime nach dem Krieg Berufsverbot erhielt und nach Argentinien auswandern mußte.[125]

Seine Pra­xis von spontanen, meist kürzeren Aufsätzen über syntaktische und etymologische Fragen, oft mit der Tendenz, »Natio­nalcharaktere« aus einer »Kavaliersperspektive« an­zuvisieren, zugleich mit einer Vorliebe für leicht schlüpf­rige Sujets, setzte er fort[126] – in Publikationsorganen der »Europäer« in den USA wie Word.

Dabei verfolgte er auch seine typologischen Interessen in der Sprachwissenschaft weiter, u.a. in Auseinandersetzung mit E. Lewy, mit dem er seit den 20er Jahren eine enge Verbindung hielt, den er trotz »alles Abstrusen« wissenschaftlich sehr schätzte,[127] dem er aber bemerkenswerterweise eine Blindheit für die typologische Spannung zwischen geschriebener und gesprochener Sprache vorwarf (spiegelverkehrt zu seiner Kritik an von Wartburg), mit einer gerade auch heute aktuellen Kritik an typologischem Sampling, das den unterschiedlichen Ausbaustand der herangezogenen Sprachen ignoriert: »Sobre un nuevo metodo de tipologia linguistica«.[128]

In seinem typologisch ausgerichteten sprachvergleichenden Horizont publizierte er über slawische Sprachen (etwa »The actor-infinitive construction in Russian and other indo-european languages«), [129] nicht anders als über Deutsch (z.B. mit einer materialreichen Studie »MHD ein in auffälliger Verwendung (mit romanischen Parallelen)«.[130] In diesem Aufsatz entwickelt er programmatisch sein Programm einer sprachwissenschaftlichen Stilanalyse als Ausloten des Raumes von Optionen, die von grammatischen Formen ermöglicht werden, hier bei dem im Mhd. noch wenig grammatisierten Artikel ein auch für diskurs-definite Referenten, wie auch als Ressource des Wechsels der Textperspektive (erlebte Rede).

Vordergründig hatte er in der Literaturwissenschaft der USA Erfolg – und so war er auch an der Johns Hopkins Universität von einer Aura europäischer Gelehrsamkeit umgeben.[131] Das verband er mit einer ausgeprägten kritischen Frontstellung zum dortigen Literatur-(Wissenschafts-)Betrieb. Seine Kontroversen mit der »geistesgeschichtlichen« Literaturwissenschaft (Criticism) waren nicht weniger scharf als die oben angesprochenen mit der Sprachwissenschaft, vgl. »Geistesgeschichte vs. History of Ideas as applied to Hitlerism«;[132] Literary Criticism war für ihn ohne einen sprachwissenschaftlich-methodischen Unterbau Feuilleton, Schwätzerei, s. seine Rezension von S. Gilman, »The Art of ›La Celestina‹« (1956).[133] In einigen Beiträgen sprach er den Amerikanern schon mangels Lateinkenntnissen die Voraussetzungen zu einer Diskussion über Kultur (Culture »mit hohem C«) ab.[134]

Zugleich trieb er sein eigenes Projekt voran, die Analyse der sprachlichen Form bei einzelnen Autoren (also in seinem Sinne das genuin literaturwissenschaftliche Unternehmen von Stilstudien) als individuellen Ausformungen von Sprachstilen durch eine systematische Aufarbeitung von Stilsprachen zu fundieren. Dazu legte er eine Reihe von Einzelanalysen vor, die er in dem für seine Festschrift (1948) zusammengestellten Band »Essays in historical semantics« (s.o.) auch programmatisch präsentierte (s. dort seine Einleitung, S. 1-12). Hier profiliert er ausgesprochen scharf die doppelte Frontstellung seines Unternehmens: einerseits gegen den US-amerikanischen Deskriptivismus, andererseits aber auch gegen die positivistische Tradition der europäischen Sprachwissenschaft mit ihrer Ausrichtung auf die lokalisierbaren Daten dialektologischer Erhebungen und formalen Etymologien – also auch als Abgrenzung von seinen eigenen frühen Arbeiten, hier jetzt explizit auch gegen Schuchardt gerichtet, exemplarisch mit Verweis auf dessen viel gerühmte Etymologie der Wortfamilie von frz. trouver u.a. »finden« aus einem *TURBARE »trüben« (der Rückgriff auf diese Technik des Fischfangs wurde quasi eponymisch für die Wörter-und-Sachen-Forschung); für S. ist das jetzt das Paradebeispiel für eine historisch blinde Forschungstradition (so S. 3).[135]

Vor allem in dem schon 1944 (auf deutsch!) erschienenen Aufsatz »Muttersprache und Muttererziehung«[136] entwickelte er exemplarisch sein Forschungsprogramm in Auseinandersetzung mit einer naturalisierenden Sprachbetrachtung – hier in einer Kritik an der deutschtümelnden Analyse des Ausdrucks Muttersprache durch Leo Weisgerber. Wie er zeigt, ist die Wortgeschichte dieses Ausdrucks nur in einem europäischen Horizont zu fassen, in der christlichen Reartikulation lateinischer Konzepte, durch die dem klassisch-lateinischen Begriff der Sprache, der auf den gesellschaftlichen Horizont kalibriert war, in dem die Sprache schulisch und insbesondere als Schriftsprache ausgebaut wurde (sermo patrius – gemünzt auf den politischen Terminus patria für den staatlich verfaßten Raum), ein naturhaftes Konzept Muttersprache (materna lingua u. dgl.) gegenübergestellt wurde, einerseits gemünzt auf die für die kirchliche Verkündigung im Vordergrund stehenden jungen romanischen Sprachen, andererseits aber auch verankert in der grundlegenden Polarisierung von Wissen / Vernunft / »Kunst« (die lingua des Sprachausbaus) gegenüber Glauben und Gefühl, die auf die Mutter (bzw. die Amme) projiziert werden, ohne aber die gewissermaßen biologische Konnotation des deutschen Muttersprache zu haben. Er zeigt, daß dieser deutsche Ausdruck (und der entsprechende der anderen germanischen Sprachen) als Kalkierung der romanischen Neologismen entstanden (und daher auch nur später als diese belegbar) ist.[137]

In den weiteren dort versammelten Aufsätzen illustriert er diese Herangehensweise an anderen Beispielen, einerseits gerade auch »volkstümlichen« wie Redensarten (»Er hat einen Sparren«, S. 67-133), dann Konzepten, die in der »kulturkundlichen« Sichtweise als unübersetzbar gelten wie dt. »Schadenfreude« (S. 135-146), oder die für die politischen Auseinandersetzungen zentral sind wie »Rasse« (S. 147-176), andererseits gerade auch solchen der zeitgenössischen philosophischen Diskussion wie Lebenswelt (»Milieu and ambiance«, S. 179-316).[138] In dem »Milieu«-Artikel kritisiert er (gewissermaßen parallel zur Weisgerber-Kritik im ersten Aufsatz) ausdrücklich Heideggers Naturalisierung seiner eigenen Begrifflichkeit (und stellt diese ausdrücklich der Husserlschen Praxis gegenüber, s. bes. S. 308-311). In allen diesen Beispielen zeigt er, daß eine wortgeschichtliche (also semantisch transparente) Analyse nur in einem gesamteuropäischen Horizont und nicht einzelsprachlich beschränkt möglich ist. Der christlich-lateinische Horizont ist hier bestimmend, in dem für ihn ausdrücklich die jüdische Tradition aufgegangen ist (»absorbed«, S. 7), vorgeführt an der christlichen Kalkierung einer jüdischen Grenzziehung (»Gentiles«, S. 171-178). Der »Milieu«-Aufsatz ist dabei so etwas wie eine Vorstudie für sein nur posthum erschienenes magnum opus, s.u.

Diese Emphase auf die »hochkulturellen« Zusammenhänge hinderte ihn nicht, in der Kontinuität seiner frühen Un­tersuchungen der »trivialen« Kreativität nach­zuforschen, so in seinem berühmt ge­wordenen Aufsatz über »American Advertising Ex­plained as Popular Art«.[139] Und so sprach er auch bei seinem letzten großen öffentlichen Auftritt, beim 8. Kongreß der Fédération Internationale des Langues et Littératures Modernes 1960 in Lüttich (s.o.), von sich als »nous autres linguistes« (S. 31) und bezeichnete dort im übrigen seine eigenen Stilstudien in Abgrenzung von der Literaturwissenschaft ausdrücklich als »struktural« (S. 28).

Immer wieder hat er versucht, sein gesamtes Unternehmen im Zusammenhang darzustellen, so in »Language of poetry«,[140] wo er systematisch ansetzt bei elementaren Formen sprachlichen Ausdrucks und die Analyse systematisch bis hin zur Untersuchung von Sonetten aus der Renaissancezeit durchführt (in einem für das allgemeine Publikum bestimmten Band ohne englische Übersetzung!). Hier macht er sein Anliegen deutlich: daß Sprache nicht reduzierbar ist auf naturhafte Ausdrucksformen auf der einen Seite, andererseits aber als kulturelle Praxis immer gebunden ist an die materiellen Beschränkungen, insbes. auch die historisch sedimentierten Ausdrucksformen, die einem sprachlichen Ausdruck immer eine Art zeitlich versetzte Struktur gegenüber dem damit Ausgedrückten geben. Kern der Sprache ist für ihn, daß mit ihr der Mensch naturhafte Zwänge überwindet – und das eben am deutlichsten da, wo für ihn Sprache gewissermaßen zu sich selbst kommt: in der Dichtung.

Es sind allerdings nicht zuletzt die von ihm (bzw. von seinen US-amerikanischen Schülern) veröffentlichten Sammelbände mit seinen späten Aufsätzen (die auch vielfach übersetzt worden sind), die sein heute dominierendes Bild von einem Literaturwissenschaftler begründet haben, s. etwa »Linguistics and Literary History. Essays in Stilistics«,[141] »A Method of Interpre­ting Li­terature«, [142] sowie postum »Essays in seventeenth-century French Literature«.[143] Nur eher marginal nehmen diese Bände Bezug auf den Sprachwis­senschaftler S., [144] obwohl der in ihnen öfters reproduzierte Werbungsaufsatz von 1949 zeigt, daß die literaturwissen­schaftliche Einvernahme S.s nicht möglich ist.[145]

Dem leistete allerdings S. selbst Vorschub, der sich in seinen späten Arbeiten oft auch vehement von den positi­vistischen Anfängen absetzte (po­lemisch ge­gen Meyer-Lübke nicht an­ders als gegen Schuchardt). Sein Verhältnis zur Literatur als privilegiertem Untersuchungsgegenstand spiegelt sich hier immer wieder in Vorwürfen des »Naturalismus« gegenüber der »traditio­nellen« Sprachwissen­schaft, die für ihn über­sieht, daß die kreativen Leistungen der Sprachge­schichte bei »the language of cultured circles« zu suchen ist.[146] Dem entspricht auch, daß auch zu seiner 1958 erschienenen Fest­schrift (»Studia philologica et literaria in honorem L. Spitzer«)[147] von US-amerikanischen Sprachwissenschaftlern wieder nur »Europäer« beitrugen (Auerbach, Hatzfeld, Jakobson, Lewent, Marti­net, Sperber, Wagner) – die einzige Ausnahme ist ein Fakultätskol­lege an Johns Hopkins, der (selbst auch eher philolo­gisch ausge­richtete) Germanist Kemp Malone, dem S. seiner­seits in dessen Festschrift 1949 gratuliert hatte.

Die deutsche Nachkriegsrezeption vereindeutigte das literaturwissenschaftlich halbierte Spitzerbild noch weiter. Sie wurde vor allem von denen betrieben, mit deren fachlichem Zuschnitt eine andere Sichtweise nicht verträglich gewesen wäre, in Deutschland angefangen bei Hugo Friedrich, dessen Sammelband für das nachkriegsdeutsche Spitzerbild bestimmend wurde: »L. S., Romanische Literaturstudien 1936-1956«.[148] Die deutschen Aus­gaben seiner Schriften bieten eine literaturwissen­schaftlich gefilterte Auswahl der amerikanischen Sammelbände, s. »Eine Methode Literatur zu inter­pretieren«[149] und »Texterklärungen. Aufsätze zur europäischen Literatur«[150] – die Rezeption erfolgt, wenn überhaupt, dann über den halbierten S. des 2. Bandes seiner in der Regel zi­tierten frühen Stilstudien – so, als ob es sich da­bei nicht um die Kehrseite des ersten »sprachwissen­schaftlichen« Bandes gehandelt hätte (s.o.).[151]

Er selbst hat diese Inszenierung mitgespielt, da sie ihm nicht zuletzt in seiner Heimat Erfolgserlebnisse verschaffte, wie der postum veröffentlichte Gastvortrag in Heidelberg 1958 zeigt (»Interpretationen zur Geschichte der französischen Literatur«).[152] Offensichtlich gefiel er sich in der Rolle eines virtuosen Literaturinterpreten, als der er international gewürdigt wurde – auf der Grundlage seiner umfassenden Sprachkenntnisse, die er vor allem auch sprachpraktisch immer zu perfektionieren bestrebt war.[153] So interpretierte/publizierte er souverän quer zu und in den europäischen Schulsprachen, später auch zum Englischen, s. »Explication de texte applied to three great Middle English poems«[154], und auch zum Deutschen auf deutsch »Zu einer Landschaft Eichendorffs«.[155] Aber sein ambitioniertes Projekt konnte er in den USA zumindest im akademischen Rahmen nicht verwirklichen: nur gelegentlich publizierte er später noch mehr programmatische Skizzen dazu, etwa »The individual factor in linguistic innovations«.[156] Vor allem in den zahlreichen autobiographischen Rückblicken, die er in den letzten Jahren veröffentlichte, versuchte er, die Einheit seines lebenslangen Unternehmens herauszustellen – immer wieder mit seinem frühen Rabelais-Werk als Achse.[157] Während dieses Unternehmen in den USA bzw. dem englischsprachigen Raum und in Deutschland kein sonderliches Echo gefunden hatte, war es anders in Italien.[158] Hier waren ja nicht zuletzt immer auch seine frühen sprachwissenschaftlichen Arbeiten zum Italienischen, vor allen Dingen die zu den Kriegsgefangenenbriefen, präsent geblieben. So fand er in seinen letzten Lebensjahren in Italien zunehmend eine neue Heimat (s. die Hinweise in dem Aufsatz von A. Bianchini, Fn. 132).

Daneben versuchte er allerdings doch seine frühen Skizzen zu einer anderen Art von Sprachforschung mit einem großen Werk abzuschließen, das sowohl eine Alternative zum ge­schichtsblinden amerikanischen Deskriptivismus (und zu der in der Literaturwissenschaft dominierenden »History of Ideas«) sein sollte wie zum in seinem Sinne ebenfalls unhi­storischen deutschen »Strukturalismus« der Wortfeldforschung (explizit in der Kritik an Weisgerber und Trier). Nur postum erschien davon fragmentarisch: »Classical and Christian ideas of world harmony. Prolegomena to an interpretation of the word ›Stimmung‹«,[159] s.o. dazu schon in seiner Aufsatzsammlung (Festschrift) von 1948. Mit diesem ambitionierten Versuch einer genuin historischen Sprachforschung versuchte er in gewisser Weise das einzulösen, was Hugo Schuchardt ihm seinerzeit als methodischen Fehler und als Desi­derat einer historischen Sprachwissenschaft (die die Rekonstruk­tion der Sprachbewertungssy­steme impliziert) vorgehalten hatte.[160] Dabei ist seine Argumentation überdeterminiert: die Auseinandersetzung mit der US-Wissenschaft ist bei ihm immer auf der Folie seiner Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus erfolgt. Insofern war für ihn das Programm einer wissenschaftlichen Sprachkritik immer auch auf die Sprache im Nationalsozialismus anzuwenden (s. »Geistesge­schichte vs. History of Ideas as ap­plied to Hitlerism«).[161]

Am Ende der bitteren Auseinander­setzung mit den »Bloomfiel­dians« ist ihm wohl auch das eigene Di­lemma deutlich geworden. Be­mer­­­kenswerterweise in einer deut­schen Zeitschrift unmittelbar nach Kriegsende reflektierte er seine Biographie im Horizont der sprach­wissenschaftlichen Entwicklung in diesem Jahrhundert: resi­gniert schrieb er, daß der amerikanische Strukturalismus nichts anderes als eine langweilige Fortsetzung der junggrammatischen Faktenhube­rei sei – aber zugleich eben doch auch Ausdruck einer moralischen Integrität, die einen Faschismus in den USA nicht möglich machte (»Das Eigene und das Fremde«).[162]

1946 hatte die Universität Köln S. die Rückkehr auf seinen früheren Lehrstuhl angeboten,[163] was ihn als Geste offensichtlich berührte, die er aber ablehnte, weil er seine Aufgabe in den USA sah, wo er sich ausdrücklich als »Linguist und Medievist (sic!)« darstellte (S. 83) – im Kampf gegen den Positivismus, den er früher in Deutschland geführt hatte. Er bot eine Gastprofessur an, die aber nicht zustande kam. 1956 wurde er emeritiert. Er verstarb 1960 bei einem seiner in den letzten Jahren regelmäßigen Italienaufenthalte.

Q:[164] BHE; Christmann/Hausmann 1989; Widmann 1973; Stammerjohann; Hinweise von B. Hurch (s. auch Hurch 2006) und R. (Burkart-)Heyd. Briefe: B. Hurch (Hg.), »Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt«, Berlin: de Gruyter 2006 (Ausgabe des Briefwechsels mit Schuchardt mit einer Einleitung von B. Hurch 2006: 3*-40*). Briefe an Vossler 1913-1940 (Universitätsarchiv München).[165] Nachrufe: R. Wellek, in: Comparative Literature 12 (4)/1960: 310-344; Y. Malkiel, in: Rom. Ph. 14/1960/1961 (repr. in Th. Sebeok [Hg.], »Portraits of Linguists«, Bloomington: Indiana UP 1966, Bd. 2: 522-526); H. Hatzfeld, in: Hispanic Review 29 (1)/1961: 54-57; F. Schalk, in: »Marburger Gelehrte in der er­sten Hälfte des 20. Jahrhunderts«, Marburg: Elwert 1977: 523-535.

Ausführliche Würdigungen: T. de Mauro, »Linguaggio, poesie e cultura nel pensiero e nell’opera di Leo Spitzer«, in: Rassegna di Filosofia 5/1956: 184-172; I. Iordan, in: I. Iordan/M. Bahner (Hgg.), »Einführung in die Geschichte und Methoden der romanischen Sprachwissenschaft«, Berlin: Akademie-Verlag 1962: 159-167; Hausmann 2000: 296-322; zu seiner Situation in den USA s. Coser 1984: 262-267; H. U. Gumbrecht, »Leo Spitzers Stil«, Tübingen: Narr 2001 (wieder abgedruckt in ds., »Vom Leben und Sterben der großen Romanisten«, München: Hanser 2002: 72-151); sowie die Einleitungen zu den im Text genannten Sammelbänden.

Festschriften: Bereits 1937 erschien als Festschrift zu seinem 50. Geburtstag ein ihm gewidmetes Heft 21/2-3 des Archivum Romanicum.[166] Breiter ausbalanciert ist das Bild von S. als Sprach- und Literaturwissenschaftler in der späteren Festschrift »Studia philologica et literaria in honorem L. Spitzer«, Bern: Francke 1948,[167] die parallel zu der oben im Text schon besprochenen Festschrift erschienen ist, die A. Hatcher/Ch. Singleton hg. haben (»Essays in historical semantics«), in der sich S. in seinem Vorwort ausdrücklich als Sprachwissenschaftler präsentiert.

Bibliographien: Ein nicht vollständiges Schriftenver­zeichnis seines Œuvres mit über 1000 Titeln in: Baer, E. Kristina/Shenholm, Daisy E.: »Leo Spitzer on Language and Literature: A Descriptive Bibliography«, New York: Modern Language Association 1991. Bei den Teilbibliographien in den genannten Sammelwerken, Nachrufen und Würdigungen (z.B. in dem genannten Band von Hatcher [Hg.] 1962) stehen die literaturwissenschaftlichen Arbei­ten im Vorder­grund.



[1] Schon die Eltern waren ohne enge Bindung. S. heiratete eine protestantische Frau und ließ seinen Sohn taufen. In seinen Briefen, vor allem in denen an Vossler, stellt er immer wieder heraus, daß er sich als Deutscher begreift, dem aber das Deutschsein verweigert wird. In diesem Zusammenhang spricht er dann ausdrücklich von seinem »Buchstaben-Judentum« (Brief an Vossler v. 17.12.1919).

[2] Beiträge von ihm finden sich in den von mir überprüften Bänden 51/1922-53/1925: ein längerer Beitrag mit einer Würdigung von Hugo Schuchardt (51: 1-5), dann sprachliche Glossen in 51:30-31, 63, 64, 94, 123; 52: 32, 62-63, 79-80, 98; 53: 32, 98-99. Im Ersten Weltkrieg absolvierte er seinen Kriegsdienst in einer ungarischen Einheit der österreichischen Armee.

[3] So scharf er in seiner Kritik an den Genannten sein konnte, so wenig akzeptierte er aber eine Kritik von anderen, die seiner Meinung nach deren fachliche Grundlage nicht hatten. Das drückt sich später dann noch in einer Kontroverse mit Malkiel aus (s.u.).

[4] Halle/S.: Niemeyer 1910.

[5] Gedruckt in: Wörter und Sachen 4/1912: 122-165. Die Habilitation erfolgte offensichtlich gegen einen erheblichen Widerstand in der Fakultät, deren antisemitische Ursachen S. in seinen Briefen mehrfach anspricht (als Angehöriger einer »race maudite«), s. Hurch (Q), Brief vom 24.11.1912 u. 10.1.1917. Die Zulassung zum Verfahren erfolgte mit 29:12:2 Stimmen, die Habilitation selbst mit 34:3:5.

[6] In: Revue dialectol. rom. 6/1914-1915: 318-371.

[7] »Matilde Serao (eine Charakteristik)«, in: Germ.-rom. MS 6/1914: 573-584.

[8] In: Revue int. études basques 19/1928: 169-175.

[9] Wien: Manz 1918. In dieser Streitschrift gegen die Sprachreinigung findet sich eine explizite Kritik an E. Richters Sprachpurismus und ihrem nationalistischen Hintergrund (S. 22 u.ö.), den er mit dem antisemitischen Diskurs parallelisiert, S. 42 explizit mit einem Hinweis auf die Judenpogrome.

[10] Leipzig: Reisland 1918.

[11] In: Der Friede vom 2.2.1919: 113. L. Renzi hat diese Auszüge ins Italienische rückübersetzt und sie in den zeitgenössischen politischen Kontext gestellt (mit Hinweisen auf die spätere Diskussion in Italien), in: Belfagor 58/2003: 337-341 und seine Nachbemerkung »Postilla«, 341-344.

[12] Er selbst spricht in seinen Briefen halb ironisch von seinem »Universitäts-Spartakismus«, Hurch (Q): 5.2.1919.

[13] Vossler gegenüber legte er detailliert seine ökonomischen Probleme dar. In einem Brief vom 13.4.1923 schreibt er: »Wir müssen unbedingt, um nicht unterzugehen, in größerem Maße Geld verdienen. Meine Sorgen sind wirklich groß.« Dazu nutzte er die Familienvilla in Pörtschach kommerziell, wo er z.B. im Juli 1923 einen »Ausländerkurs [...] angesagt [hatte], für den in Skandinavien schon viel Propaganda gemacht worden ist«, s. dazu auch Hurch (Q), Einleitung.

[14] »Demokratisierung der Universitäten«, in: Die Wage 4/1919: 80-86.

[15] »Glossen und Polemiken«, in: Internationale Rundschau/Zürich 1918.

[16] Seine damalige Doktorandin und spätere Assistentin und Mitarbeiterin, Rosemarie (Burkart-) Heyd, war sogar der Meinung, daß er sich damals definitiv von der Sprachwissenschaft abgewandt habe (so in einem Gespräch 1987).

[17] Einleitung zu »Romanische Stil- und Literaturstu­dien«, Bd.1, S. 1 – dort auch Wiederabdruck des program­matischen Aufsatzes »Zur sprachlichen Interpretation von Wort­kunstwerken« aus dem Jahre 1930, Marburg: Elwert 1931.

[18] Ausführlich dazu in den damaligen Briefen an Vossler.

[19] Zu den Vorgängen an der Universität Köln s. Golczewski 1988 und Hausmann 2000, bes. 296-312. Anstock berichtet allerdings in seiner Autobiographie (s. dort), daß S. ihm schon im Mai 1933 angeboten habe, ihn ggf. nach Istanbul zu holen. Zumindest anderen (jüngeren) gegenüber nahm S. offensichtlich die Haltung von Zuversicht für die Lösbarkeit aller Schwierigkeiten ein.

[20] Er hatte eine Professur für »Westliche Sprachen und Literaturen«, damit verbunden die Leitung eines aufzubauenden Instituts für Romanistik, dem eine deutsche Abteilung angeschlossen war, s. dazu Konuk 2005.

[21] T. Fuchs hatte noch im Herbst 1933 eine Solidaritätsaktion für S. unternommen, um ihn an die Universität Köln zurückzuholen. S. holte ihn daraufhin ebenfalls nach Istanbul. Aus den detaillierten Schilderungen von Anstock wird deutlich, daß S. durchaus organisatorische Fähigkeiten im Aufbau des Institutes und in den Auseinandersetzungen mit den türkischen Behörden an den Tag legte (nach Anstock: im Gegensatz zu seinem Nachfolger Auerbach). Daß S. in dieser Hinsicht pragmatisch agierte, zeigt sich auch daran, daß er keineswegs primär Verfolgte im Sinne der Flüchtlingshilfe nach Istanbul holte, nicht nur (Burkart-) Heyd, bei der persönliche Gründe im Spiel waren, sondern eben auch Anstock, der auch von einer entsprechenden Kritik durch den Istanbuler Vertreter des Schweizer Hilfskomitees, Schwartz, berichtet (Autobiographie: 149). Ich verdanke seiner dama­ligen Assisten­tin R. (Burkart-) Heyd Auskünfte über diese Verhältnisse.

Seine Verbundenheit mit seinen Schülern blieb auch später, wie vor allem sein fürsorgliches Bemühen um T. Fuchs zeigt, s. die bei M. Vialon abgedruckten Auszüge aus seinen späteren Briefen an diesen, »Traugott Fuchs zwischen Exil und Wahrheit am Bosporus. Meditationen zu klassischen Bild- und Textmotiven«, in: G. Stauth/F. Birtek 2007: 53-129.

[22] In: Vox Romanica 1/1936: 318-333.

[23] In: BSL Pa­ris 35/1935: 82-101.

[24] S. dazu Apter 2003, die den Unterschied zu Auerbach herausstellt.

[25] In dem von Auerbach redigierten 1. Band der Istanbuler Arbeiten »Romanoloji Semineri Dergisi«, Istanbul: Devlet Basımevi 1937 (=Travaux du Séminaire de Philologie Romane 1).

[26] Wie ernst er seine Arbeit in Istanbul genommen hat, wird in seinen Briefen aus den USA deutlich, in denen er sich besorgt über die Art äußert, wie sein Nachfolger dort die Institutsgeschäfte führte – seiner Meinung nach, ohne den institutionellen Anforderungen der Arbeit in der Türkei gerecht zu werden.

[27] S. »Syntaktische Notizen zum Katalanischen«, in: Revue de dialectologie romane 6/1914-1915: 82-138, Nachträge: 237-240; »Lexikalisches aus dem Katalanischen und den übrigen iberoromanischen Sprachen«, Genf: Olschki 1921; (mit E. Gamillscheg) »Beiträge zur romanischen Wortbildungslehre«, Genf: Olschki 1921 (=Bibl. Arch. Rom. Ser. II, 2) = FS Meyer-Lübke; »Aus Anlaß von Gamillschegs ›Französischen Etymologien‹«, in: Z. rom. Ph. 42/1923: 5-34; Rezension zu A. Griera, »Atlas linguistic de Catalunya«, in: Z. rom. Ph. 45/1925: 614-623.

[28] In: Die Neueren Sprachen 30/1922: 264-270.

[29] In: Z. rom. Ph. 41/1922: 161-181.

[30] In: Bibliothek Archivum Romanicum II/2/1922.

[31] Bonn: Cohen 1920 – Teile davon waren schon 1918 in der »Internationalen Rundschau« erschie­nen, s.u.

[32] In B.s Kriegsroman »Le feu« (1916).

[33] Oskar Walzel (1864-1944) war wie S. Österreicher und 1921 nach Bonn berufen worden, später ebenfalls rassistisch verfolgt.

[34] Leipzig: Reisland 1918.

[35] Die im übrigen ein theoretisches Echo in der Grundlagendiskussion der damaligen Sprachwissenschaft fand. Das Präartikulierte in jeder sprachlichen Artikulation bestimmte nicht zuletzt auch Saussures Reflexion, vor allem seine Anagramm-Studien, s. dazu Maas, »Probleme und Traditionen der Diskursanalyse«, in: ZPSK 41/1988: 717-729. Es war ein durchgängiges Salonthema der damaligen Zeit, im individuell Gelebten das Serielle zu fassen. Das stellte sich so in allen Disziplinen, und in dieser Hinsicht war für S. vor allen Dingen die Diskussion mit seinem engen Freund Paul Kammerer wichtig, s.u. Reflexe davon ziehen sich durch die Briefe.

[36] In: Bibliothek Archivum Romanicum II/3/1922: 140-168.

[37] Ganz im Sinne von Schuchardt, der ihm 1924 schrieb »Sie wissen, daß ich das Etymologisieren auch heute noch für einen erquicklichen Sport und eine gesunde Zimmergymnastik [...] halte«, (Q-Briefe: 323). (Burkart-) Heyd, die mit ihm in den türkischen Jahren eng zusammen lebte, berichtete, daß S. oft schon vor dem gemeinsamen Frühstück einen etymologischen Aufsatz fertig geschrieben hatte (pers. Mitteilung).

[38] In: Revista de Filologia Española 14/1927: 243-255.

[39] In: Z. franz. Spr. u. Lit. 54/1931: 326-336.

[40] In: Le Français Moderne 6/1938: 91-92.

[41] In: Word 1/1945: 260-276.

[42] In: Mod. Lg. Notes 49/1944: 88-92.

[43] Über »Lat. mentula« (BSL 40/1939: 45-47), wo er dieses Wort für Penis mit dem gegensinnigen mens »Verstand« zusammenbringt (gestützt auf einen Kalauer bei Rabelais).

[44] Den Haag: Mouton 1956. Der in diesem jiddischen Wort entrundete Vokal des Deutschen verdeckt das Thema (im Hochdeutschen mit »ö«).

[45] Einige davon habe ich in den Nachlässen von K. Luick und Jokl in der Österreichischen Nationalbibliothek gefunden.

[46] S. B. Hurch 2006 (Q) – leider sind nur wenige Gegenbriefe Schuchardts erhalten. Die bei Hurch (Q) abgedruckten Auszüge hatte S. schon selbst publiziert: »Hugo Schuchardt als Briefeschreiber« (mit unveröffentlichten Briefen), in: Revue Intern. Études Basques 31/1930: 591-617.

[47] Halle/S. Niemeyer 1922; Nachdruck der 2. Auflage 1928: Darmstadt: Wissenschaftliche Buch­gesellschaft 1976.

[48] In: Archiv für das Studium der Neueren Sprachen 141/1921: 111-131, bes. 130.

[49] In: Die neueren Sprachen 156/1928: 439-444.

[50] Meil­let sah 1921 in seinen Analysen bereits eine Umsetzung seiner ei­genen programmatischen Untersuchungen zur Transformation grammati­scher Systeme durch die Grammatikalisierung kontingenter Aus­drucksformen, s. seine Nachbemerkung zu »L'évolution des formes grammaticales« (1912) in seinem Sammelband »Linguistique histori­que et linguistique générale«, Paris: Champion 1921: 148.In diesem Zusammenhang erklären sich auch seine relativ engen Kontakte zum Prager Linguistenkreis: es gibt nicht nur eine fortlaufende Korrespondenz, Trubetzkoy wollte ihn sogar dazu bewegen, für Jakobson in der Türkei eine universitäre Anstellung zu verschaffen, s. dazu Ehlers (2005), bes. S. 245-6.

[51] In: Archiv für das Studium der Neueren Sprachen 141/1921: 114.

[52] Halle/S.: Niemeyer 1921 (Beiheft Z. rom. Ph.).

[53] Bonn: Hanstein 1921 (ital. Übersetzung/Neuausgabe hg. von L. Renzi, »Lettere di prigionieri di guerra italiani 1915-1918«, Turin: Boringhieri 1976 mit einer ausführlichen Einleitung). Renzi problematisiert in seiner Einleitung S.s Volksbegriff, der nicht ohne weiteres mit Befunden aus einer Lagersituation zu begründen ist. Andererseits zeigt Vanelli in ihrem sprachwissenschaftlichen Kommentar (dort S. 295-306) zu den Briefen und zu S.s Analyse, daß die Briefe vielleicht nicht so sehr als dialektologische Quelle zu lesen sind, sondern vielmehr die Etablierung einer italienischen Umgangssprache zeigen, die hier in einem informellen Register der Briefe genutzt wird und in ihren Grundstrukturen der heutigen italienischen Umgangssprache entspricht. Direkt dialektologische Befunde sind demgegenüber eher marginal, entweder als stilistisch eingesetzte Versatzstücke oder aber als unzureichend kontrollierte schriftsprachliche Fundierung (mit der Sondersituation von Schreibern aus Triest bzw. Istrien, wo die lokale Varietät mit dem Italienischen durchaus auf der Prestige-Ebene konkurriert).

[54] Auf die dialektologisch orientierte Kritik von C. Folignos Besprechung von »Hunger« (1921) in: Mod. Lg. Rev. 17/1922, die seiner Meinung nach sein diskursanalytisches Unternehmen verfehlt, reagiert er in: »Abwehr«, in: Archivum Romanicum 7/1923: 164-166.

[55] Bonn/Leipzig: Schroeder 1922 – laut Vorwort bereits 1914 im Manu­skript fertig. Eine italienische Übersetzung erschien 2007 (C. Caffi/C. Segre [Hgg.], »L. S.: Lingua italiana del dialogo«, Mailand: Saggiatore), die die »pragmatische« Ausrichtung der Spitzerschen Analyse schon im Titel herausstellt.

[56] Modell für diese Untersuchung war die in gleicher Weise gearbeitete Untersuchung von Hermann Wunderlich, »Unsere Umgangssprache in der Eigenart ihrer Satzfügung«, Weimar: Felber 1894.

[57] Insbesondere W. Beinhauer, »Spanische Umgangssprache«, Berlin usw: Dümmler 1930 (eine von S. in Bonn betreute Dissertation von 1923).

[58] Kammerer hat Auszüge aus einem Spitzerschen Bericht an die Zensurabteilung publiziert: »Meine Ansichtskartensammlung« (1919), wieder abgedr. in: Kammerer (Hg.), »Menschheitswende. Wanderungen im Grenzgebiet von Politik und Wissenschaft«, Wien: Der Friede 1919: 86-97. Er widmete diesen Band Leo Spitzer in »Vierfältiger Kameradschaft (der Schule, der Lehre, des Kriegsdienstes, der Gesinnung)«. Analysiert werden dort die Kartenmotive, vor allem aber auch die Art, wie die Schreiber sie eventuell konterkarieren – das ganze als Schritt zu einer umfassenden »Kulturwissenschaft«, die auf diese Weise »tiefste Einblicke in Volksseele und Volkskultur« erhellt (S. 97). Gramsci hätte seine Freude an diesem Versuch gehabt.

[59] Paul Kammerer, »Das Gesetz der Serie. Eine Lehre von den Wiederholungen im Lebens- und dem Weltgeschehen«, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1919, hier der Abschnitt »Philologie und Linguistik«, S. 393-404. Siehe dazu S.s Brief an Schuchardt vom 25.8.1917 (Hurch 2006, Q: 63). Kammerers Forschungen zur epigenetischen Festigung habitualisierter Lebensformen hatten seinerzeit eine zentrale Stelle in den intellektuellen Diskussionen, nicht zuletzt als Gegenposition zum biologischen Rassismus; isofern waren sie auch für S. ein wichtiger Bezugspunkt. Entsprechend waren sie auch Anlaß für antisemitische Angriffe, die in einer Kampagne mit Fälschungsvorwürfen gegen seine biologischen Forschungen gipfelten, die letztlich dazu führten, daß Kammerer sich 1926 das Leben nahm. Das enge Verhältnis von S. zu Kammerer, den S. schon seit der Schulzeit, dann besonders auch aus der Zeit seiner Zensuraktivitäten im Ersten Weltkrieg kannte, wird in den Briefen sehr deutlich.

[60] In: Jb. f. Ph. 3/1927-1928: 35-54, 101-115, 170-183. Die Beschäftigung mit der Kindersprache war dabei ohnehin damals in Mode (s. hier bei Stern).

[61] Leipzig: Reisland 1918.

[62] »Syntactica et Stilistica«, Tübingen: Niemeyer 1957: 579-580.

[63] So vor allem auch in seinem autobiographischen Rückblick auf sein Werk als Einleitung zu dem Sammelband »Linguistics and Literary History«, Princeton: Princeton UP 1941: 1-41. In ähnlich ausgerichteten neueren Arbeiten ist S. denn auch immer präsent, vgl. etwa A. Grésillon, »La règle et le monstre: Le mot-valise«, Tübingen: Niemeyer 1984, bes. S. 13 (gekürzte Fassung ihrer Dissertation Paris 1983).

[64] In: Cultura Neolatina 20/1920: 109-128.

[65] In: Actes du VIIIe Congrès de la Fédération Internationale des Langues et Littératures Modernes, Paris: Société d’Éditions »Les Belles Lettres« 1961: 23-39.

[66] Nach Vosslers Tod artikulierte er seine Verletzung allerdings sehr deutlich, so z.B. in dem postum gedruckten »Classical and Christian ideas of world harmony« (A. Granville Hatcher [Hg.], Baltimore: Hopkins Press 1963: 198) – s. dazu weiter unten.

[67] S. den Brief an Schuchardt vom 1.2.1923 bei Hurch (Q).

[68] S. seine Rezension in: Z. rom. Ph. 44/1924: 373-376 – deutlich im Vergleich zu dessen geradezu devoter Besprechung von S.s »Stilstudien« (1928), in: Literaturblatt für germanische romanische Ph. 28/1928: Sp. 420-426. Auch in seinem Nachruf (Q) schreibt Hatzfeld noch »S. was a real genius«, S. 54.

[69] In: Archiv für das Studium der Neueren Sprachen 141/1921: 111-131. Später drückte sich seine fachliche Wertschätzung darin aus, daß er einen etymologisierenden Beitrag zur Lerch-Gedenkschrift (die als Festschrift geplant war) beisteuerte: »Fr. Soleil«, B. Bruneau/P. Schon (Hgg.), »Studia Romanica: Gedenkschrift für Eugen Lerch«, Stuttgart: Port 1955: 400-408.

[70] In: Die Neueren Sprachen 35/1927: 241-260.

[71] München: Hueber 1923, in: Z. rom. Ph. 44/1924: 373-376.

[72] So in dem o.g. Aufsatz in: Archiv für das Studium der Neueren Sprachen 141/1921.

[73] Zu S.s Stellung in diesem Feld s. H. Aschenberg 1984 und W. D. Stempel, »Idealistische Sprachwissenschaft«, in: G. Holtus u.a. (Hgg.), »Lexikon der romanistischen Linguistik I, 1«: 189-207, Tübingen: Niemeyer 2001.

[74] In: Die Neueren Sprachen 30/1922: 264-270.

[75] Bei Vossler hatte darüber Gertraud Lerch (die erste Frau von E. Lerch) promoviert, die dazu auch einen Beitrag zu der von Klemperer/Lerch hgg. Vossler-Festschrift beigesteuert hatte (»Idealistische Neuphilologie«, Heidelberg: Winter 1922: 107-119). Das (ebenfalls Vossler gewidmete) Standardwerk dazu hatte E. Lorck (1860-1933) verfaßt (»Die erlebte Rede«, Heidelberg: Winter 1921), der im übrigen S.s Amtsvorgänger in Köln war, und auf den dieser einen Nachruf verfaßte, s. dazu B. König, »Etienne (Stephan) Lorck und die Anfänge der romanischen Philologie in Köln«, in: R. Baum u.a. (Hgg.), »Lingua et Traditio« (=Festschrift H. H. Christmann), Tübingen: Narr 1994: 517-529.

[76] Hier gibt es systematische Parallelen zu der theoretischen Reflexion der damaligen Leningrader sprach- und literaturwissenschaftlichen Gruppe (M. Bachtin, V.Vološinov), die S.s Arbeiten genau verfolgt hat und durchgängig auf sie verweist. Der Terminus der Polyphonie findet sich allerdings bei S. noch nicht. Bachtin bezieht sich mehrfach auf die frühen Arbeiten von S., vor allem auch auf die »Italienische Umgangssprache« (1922), als Modell. In den Arbeiten zur »erlebten Rede« ist S. bis heute eine feste Größe, bes. so in Italien, s. etwa B. M. Garavelli, »La parola d’altri«, Palermo: Sellerio 1985.

[77] In: Agonia 12/1944: 12-25. In dieser Hinsicht gehörte S. zu den Pionieren, die den modernen »Roman parlant« analysierten, s. dazu J. Meizoz, »L’Âge du Roman Parlant (1919-1939)«, Genf: Librairie Droz 2001: 33.

[78] In: Le Français Moderne 3/1935: 193-208. Zu diesem Zeitpunkt kannte S. Célines antisemitische Pamphlete noch nicht, die erst danach erschienen. Später führte er ihn dann als rassistische Leitfigur an, s.u. zur Invektive gegen Rohlfs (1939).

[79] In: Zt. franz. Sprache u. Literatur 54/1931: 48-59.

[80] München: Hueber.

[81] Bonn: Röhrscheid 1932.

[82] In einer Nachbemerkung findet er im übrigen auch eine Parallele zwischen seinem Unternehmen und dem von Walter Benjamin (S. 61).

[83] In: »Stilstudien«, Bd. 1, München: Hueber 1928, ²1961.

[84] In: Z. rom. Ph. 36/1912: 679-704 und 717-724.

[86] In: Le Français Moderne 5/1937: 113-120, 288, 325-328.

[87] In: Bulletin Société Linguistique 40/1939: 31-45.

[88] Eine gewisse Rolle mag auch gespielt haben, daß S. an der Johns Hopkins die Nachfolge von D. S. Blondheim (1884-1934) angetreten hatte, der sein Hauptforschungsgebiet beim Judenspanischen hatte, s. die Hinweise von Hausmann zu dem Aufsatz von A. Bianchini (s. Anm. 132), Rom. Zt. f. Literaturgesch. 35/2011: 152, Fn. 38.

[89] In: Arch. Rom. 23/1939: 464.

[90] In: The Universal Jewish Encyclopedia 6/1942: 255- 256.

[91] In: Nuevo Revista Fil. Esp. 1/1947: 78-79.

[92] In: Revista Fil. Esp. 8/1921: 288-291.

[93] So etwa in einem Brief vom 18.12.1925 über Hans Sperber: »Vor kurzen war H. Sperber hier, mich zu besuchen und, merkwürdig, es tat sich eine Riesenkluft zwischen uns auf: Er ist im Innern immer Jude geblieben, ich bin, wenn ich so sagen darf, jüdischer Deutscher geworden« (Hurch [Q]: 382).

[94] München: Hueber Bd. 1/1929; Bd. 2/1930.

[95] S. seine Rezension zu V. Larbaud »Technique« (Paris: Gallimard 1932), in: Literaturblatt germ. u. rom. Ph., Jg. 1933 (Nr. 3-4): Sp. 109-115 (als Replik auf Auerbachs Rezension von »Romanische Stil- und Literaturstudien«, in: Deutsche Literaturzeitung 53/1932: Sp. 360ff.).

[96] In: Jb. f. Philologie 2/1927: 293-297.

[97] In: Germ.-rom Monatsschrift 13/1925: 169-186 – bemerkenswerterweise E. Richter gewidmet.

[98] Daher hat de Mauro (Q) ihn als einen Sprachwissenschaftler bestimmt, der nicht den Weg der anderen neueren Sprachwissenschaftler gegangen ist. Allerdings betont er diesen Unterschied, ohne S.s Ansatz hinreichend herauszuarbeiten.

[99] In: Maß und Wert 31 (1)/1938: 473-478; Maß und Wert war eine Exil-Zeitschrift, die u.a. von Thomas Mann mithg. wurde.

[100] In: Mod. Lg. Notes 55/1940: 16-24.

[101] In: Mod. Lg. Notes 54/1939: 236-237. Allerdings war ihm Rohlfs auch schon vorher suspekt, nicht zuletzt als Verkörperung des Positivismus im Fach.

[102] In: Le Francais Moderne 2/1934: 263-269.

[103] In: Germanic Review 21/1946: 114-117.

[104] In: Psychiatry 12/1949: 185-187. Schirokauer war ein anderer Vertriebener (Germanist) – hier schließt er auch an seine frühe Orientierung an der Psychoanalyse an.

[105] Le Francais Moderne 6/1938: 49-55.

[106] Zitat aus einem Brief an Vossler vom 20.1.1937: »Man muß auch sagen, daß die deutsche Wissenschaft von 1870 verhängnisvoll auf dieses Land gewirkt hat, deren Fahrigkeit, Schwerfälligkeit und Pedanterie als Erfordernisse von Wissenschaft seitdem gelten. Der alte Kampf gegen den Positivismus, den wir längst in Deutschland ad acta gelegt hatten, muß wieder neu geliefert werden«.

[107] »Zwei französische Neologismen: paramilitaire, moscoutaire«, in: »Corona. Studies in celebration of the 80th birthday of Samuel Singer«, Durham/North Carolina: Duke UP 1941: 100-116.

[108] In: Mod. Lg. Quarterly 4/1943: 413-431.

[109] In: Lg. 20/1944: 245-251 (zu Bloomfields Kritik in: Mod. Lg. Quarterly 4/1943: 430 und in Lg. 20/1944: 45-55).

[110] In: Italica 21/1944: 154-169.

[111] In: Mod. Lg. Quarterly 61/1946: 497-502.

[112] S. den bissigen Nachruf von Yakov Malkiel 1961, in dem er als ehrgei­zige, auf Brillianz ausgerichtete, mit allen verfeindete Persön­lichkeit erscheint, die als wissenschaft­liche Existenz gescheitert ist; selbst Malkiel er­wähnt dort S.s frühe Arbeiten nicht! Immerhin hat Th. Se­beok S. in seine Galerie der 73 großen Sprachwissenschaftler aufgenommen, die vor 1900 geboren und vor 1966 gestorben sind (»Portraits of Lin­guistics«, 2 Bde., Bloomington: Indiana UP 1966; dort auch der Nachdruck von Malkiels Nachruf: 522-526). Ein anderer Emigrant, Heinrich Kahane, hat S. zuletzt noch poin­tiert als »master of impressionistic lin­guistics« gewürdigt. S. seinen autobiographischen Bericht in Tennessee Linguistics 6:2/1986: 15.

[113] S. Bloom­field in Lg. 20/1944: 45-55, wo er S.s Attacke auf ihn in Mod. Lg. Quarterly 4/1943: 430 in extenso reproduzierte – was S. dazu trieb, seine Invektiven zu verschärfen, s. Lg. 20/1944: 245-251.

[114] Expliziter ausgeführt in mehreren Aufsätzen in der US-amerikanischen Zeit­schrift Monats­hefte für den Deutschunterricht, wieder abgedruckt in der als Festschrift erschienenen Aufsatzsammlung »Essays in Historical Semantics« (1948), s.u. Gelegentlich bezeichnete er die Gesellschaft in den USA als »entgeistet« und setzte sie parallel zu der von ihm in gewisser Weise auch traumatisch erfahrenen Gesellschaft in der Türkei – beide gewissermaßen gleich weit weg von dem geistigen Zentrum Europa.

 

[115] Hgg. von A. Hatcher/Ch. Singleton, New York: Vanni 1948, s. dazu w.u.

[116] Während gewissermaßen selbstverständlich eine große Zahl derer darunter ist, die in diesem Katalog verzeichnet sind: Adolf, Auerbach, Buck(-Vanioğlu), Debrunner, Eisenberg (Bach), Hatzfeld, Henry Kahane und Renée Kahane, Leo, Lewent, Marchand, Reichenberger, Rohlfs, Schirokauer, Seidel, Hans Sperber, Tedesco, Max Leo Wagner, Max Weinreich – und z.B. auch Roman Jakobson. Bemerkenswerterweise fehlt auch Malkiel, während dessen (spätere) Frau Maria Rosa Lida vertreten ist.

[117] In: American Journal of Philology 71/1950: 90-99.

[118] In: Rom. F. 62/1950: 227-234.

[119] S. den zusammenfassenden Band von ihm »Essays de stilistique structurale«, Paris 1971, deutsch: »Strukturale Stilistik«, München: List 1973, Riffaterre hatte zunächst S. als Pionier der Stilanalyse gewürdigt.

[120] In: Mod. Lg. Notes 73/1958: 68-74.

[121] In: Mod. Lg. Notes 73/1958: 474-480.

[122] In: Rom. Ph. 1/1947-1948: 329-337, mit deren persönlicher Haltung, ihrem Nationalismus und Militarismus, vor allem auch ihrer »judenfeindlichen« Haltung er größte Schwierigkeiten hatte, die durchgängig in seinen Briefen zur Sprache kommen, etwa 30.3.1923 bei Hurch (Q).

[123] Allerdings hatte er Frings schon in der Bonner Zeit schätzen gelernt, s. z.B. Brief vom 17.5.1919: »Frings rara avis« (»seltener Vogel«); Hurch (Q): 123; später in Marburg waren beide freundschaftlich verbunden, s.o.

[124] In: Comparative Literature 4/1952: 1-22. Die zugrundeliegende Textsammlung hat er ausführlich besprochen in: Hispanic Review 25/1955: 303-305.

[125] In einer Rezension für dessen 1953 erschienene Festschrift in Lg. 30/1954: 295-298 – er spricht Krüger (1899-1974) dort gewissermaßen als Leidensgenossen an (the sad experience of the émigré), S. 296.

[126] S.o. zu »Figl«, in der FS R. Jakobson, 1956.

[127] S. z.B. Brief vom 20.7.1922 bei Hurch (Q) u.ö.

[128] In: An. Inst. Linguistica (Univ. de Cuyo) 2/1942: 109-127.

[129] In: Word 10/1954: 442-456.

[130] In: Neuphilologische Mitteilungen 57/1956: 285-315. Es spricht für den wissenschaftlichen Rang seiner Arbeiten, daß sie auch in den entsprechenden Disziplinen rezipiert werden: dieser Aufsatz ist z.B. ein Standardtitel in germanistischen Handbüchern, s. H. Paul/P. Wiehl/S. Grosse, »Mittelhochdeutsche Grammatik«, Tübingen: Niemeyer, 23. Aufl. 1989: 388.

[131] In: J. of the Hist. of Ideas 5/ 1944: 191-203.

[132] S. das beeindruckte »Esquicio de L. S.«, das P. Salinas als Einleitung zur Festschrift 1948: xv-xviii entwirft (s.u.), und auch die Darstellung seiner damaligen Doktorandin Angela Bianchini, die selbst aus rassistischen Gründen Italien hatte verlassen müssen, von ihm und den Verhältnissen an der Johns Hopkins, in ds., »Rückkehr nach Johns Hopkins – Hommage an L. S.« (mit Anmerkungen von F. R. Hausmann), in: Rom. Z. f. Literaturgeschichte 35/ 2011: 135-160. S. hatte auch ein Vorwort zu einer altfranzösischen literarischen Anthologie geschrieben, die Bianchini in italienischer Übersetzung herausgegeben hatte (»Romanzi medievali d'amore e d'avventura«, Rom 1957, Neuausgabe Mailand: Garzanti 16. Auflage 2011; dort S. xlix-lii).

[133] In: Hispanic Review 25/1957: 1-25 (Replik darauf von J. R. Andrews/J. H. Silverman, »On ›Destructive Criticism‹. A Rejoinder to Mr. Leo Spitzer«, in: Modern Language Forum 42/1957).

[134] So in Lg. 20/1944: 250. Insofern ist es verfehlt, aus Nachkriegstexten, in denen er die amerikanische Kultur als Garanten für die Überwindung der faschistischen Barbarei feiert, S.s Identifikation mit der amerikanischen Kultur herauszulesen, wie es z.B. G. Green, »Literary Criticism and the Structures of History. Erich Auerbach and Leo Spitzer«, Lincoln and London: Univ. Nebraska Press 1982: 140 u.ö. tut.

[135] So z.B. auch in Meyer-Lübkes Romanischem etymologischen Wörterbuch. Für S. war das Bedeutungsfeld des Terminus vor allem durch das Schlüsselwort der altokzitanischen Dichtung trobare bestimmt; insofern lagen für ihn etymologische Herleitungen aus dem Bildungswort tropus nahe (»Interpretationsweise« mit einem reichen Verwendungsspektrum: in der Musik als Melodie, bei Texten als spezifische Lesweise, übertragene Bedeutung u. dgl.), mit Belegen im christlichen Latein der philologischen Praxis mit contopare und attropare für die Textauslegung. Dem folgen auch die neueren Darstellungen, z.B. O. Bloch/W. von Wartburg, Dictionnaire étymologique de la langue française. Paris. Presses univ. de France 8. A. 1989 s.v° trouver.

[136] In: Monatshefte für Deutschen Unterricht 36/1944: 113-130 (in dem Band 1948 S. 15-65).

[137] S.s Analyse ist inzwischen auch von der einschlägigen Forschung aufgenommen worden, s. H. Göbl, »Der ›Muttersprache Not‹ in der Romania. Eine begriffsgeschichtliche Betrachtung zum Bezeichnungstyp ›langage maternel français‹«, in: Grazer Ling. Studien 27/1986: 69-87.

[138] Zuerst erschienen in: Philosophy and phenomenological research 3/1942: 1-42; 169-218.

[139] Zuerst in dem genannten Sammelband von 1949, deutsch auch in »Eine Methode Literatur zu interpretieren«, München: 1966, S. 79-98.

[140] In: R. N. Anshen (Hg.), »Language: an enquiry into its meaning and function«, New York: Harper 1957: 201-231.

[141] Prince­ton: UP 1948 (3. Aufl. 1970).

[142] Northampton, Mass.: 1949.

[143] D. Bellos, (Hg.), Cambridge usw.: Cambridge UP 1983.

[144] Das gilt erst recht für die Sekundärliteratur: in der ansonsten um eine systematische Rekonstruktion des Gesamtwerkes in Auseinandersetzung mit den erfahrenen gesellschaftlichen Verhältnissen bemühten Darstellung von E. Green (1982), s. Anm. 132, wird S. (ebenso wie Auerbach) einfach als »literary critic« angesprochen (S. 6), der eben auch Analysen wie die der Kriegsgefangenenbriefe dadurch vorgenommen hat, daß er sie als »literary texts« las (S. 101).

[145] S. etwa die Einleitung von H. Peyre in dem von A. Hatcher hg. Band »Leo Spitzer: Essays on English and American Literature«, wo es von S.s Arbeitsweise heißt: »The texts selec­ted must be significant, typical, subtle, rich, or else the subt­lety of the explicator will be exercised in a void«, S. VII.

[146] »Essays in historical semantics«, New York: Vanni 1948 (21968): 3.

[147] Bern: Francke 1958.

[148] Tübingen: Niemeyer 1959. Liest man S.s Bemerkungen zu Friedrich, den er schon von dem Kölner Institut her kannte, in den Briefen aus der Vorkriegs- und Kriegszeit, kann man diese Rezeption nur als makaber bezeichnen, so bezeichnet er z.B. Friedrich in einem Brief an W. Krauss vom 19.7.1946 als »Konjunkturnazi« und »Reklamemacher« (s. bei diesem).

[149] Mün­chen: Hanser 1966.

[150] Mün­chen: Hanser 1968.

[151] Auch Volker Klotz, der S. im­merhin als in der BRD noch zu rezipieren würdigte, sieht ihn als Literaturwissen­schaftler, der nur später noch seine Herkunft als Sprachwissen­schaftler reklamierte, s. »Leo Spitzers Stilanalyse«, in: Sprache im technischen Zeitalter 11-12/1969: 992-1000.

[152] Heidelberg: Selbstverlag des Romanischen Seminars 1961.

[153] So reagierte er auch auf die für ihn erfreuliche italienische Rezeption in seinen letzten Jahren damit, daß er mit einer Italienerin intensiv Italienischstudien betrieb. S. dazu die von I. Jackson publizierten »Lettres à une inconnue« (1956-1960), in: Belfagor 59/2004: 59-74 und 701-706. In den USA publizierte er zunächst lange Zeit noch vorwiegend auf Französisch, bis er sich im Englischen sicher fühlte – das er auch hier wieder mit einem intensiven Studium mit weiblicher Hilfe perfektionierte.

[154] In: Arch. Ling. 3/1951: 137-165.

[155] In: Euphorion 52/1958: 142-152.

[156] In: Cultura neolatina 16/1956: 71-89.

[157] So auch in einem Interview, das er seiner Heimat-Universität gab (Johns Hopkins Magazine 2/1952: 18-27), vor allem in seiner Einleitung zu »Linguistics and literary history« (1958), die auch in dem französischen Sammelband »Etudes de Style« (Paris: Gallimard 1970) abgedruckt ist und für seine französische Rezeption bestimmend blieb; s. dort die Einleitung von J. Starobinski; als Übersetzer fungierte u.a. M. Foucault. Hier wird S. als Vor­läufer der Dis­kursanalyse gewürdigt (s. J. Starobinski, »Leo Spitzer et la lecture stylistique«, in: L. S., »Etudes de style«, Paris: Gallimard 1970, 2. Aufl. 1980: 7-42, bes. S. 10), der wie andere später (etwa Roland Barthes) die Ana­lyse der sprachlichen Form als In­skription sozialer Praxis der Analyse er­schlossen hat – statt sie mit einem ideologiekritischen Röntgen­blick durchdringen zu wollen. Eine Bibliographie zu den literaturwissenschaftlich/stilistisch orientierten Auseinandersetzungen um S.s Methode findet sich bei Hatzfeld, »Essai de bibliographie critique de stylistique française et romane«, Paris: Publication de la Faculté des lettres 1961.

[158] Eine Ausnahme stellt der Versuch des Literaturwissenschaftlers J. V. Catano dar, der S. von der methodisch-sprachwissenschaftlichen Seite her in den Blick zu nehmen versucht, »Language, History, Style. Leo Spitzer and the critical tradition«, London: Routledge 1988 – dem allerdings auf sprachwissenschaftlichem Gebiet eine ganze Reihe von Fehleinschätzungen unterlaufen. Auch in Italien stehen selbstverständlich die literaturwissenschaftlichen Arbeiten im Vordergrund, für deren Rezeption nicht zuletzt Croce seit den 30er Jahren gesorgt hatte (auch in einer solidarischen Reaktion auf S.s Vertreibung aus Europa mit einem explizit S. 1934 gewidmeten Buch). Hier unterlassen allerdings auch literarisch ausgerichtete Sammlungen seiner Arbeiten es nicht, S. als Sprachwissenschaftler zu würdigen, s. z.B. die Einleitung von G. Contini in dem von ihm herausgegebenen Band: »Saggi di critica stilistica«, Florenz: Sansoni 1985: 7-12. Zur italienischen Rezeption insgesamt, die bereits 1954 mit einem von A. Schiaffini herausgegebenen Sammelband sprachwissenschaftlicher und literaturwissenschaftlicher Schriften eingesetzt hatte, s. C. Segre, »Critica Stilistica e storia del Linguaggio nel Carteggio Spitzer-Schiaffini«, in: F. Fida u.a. (Hgg.), »Studies for Dante«, Florenz: Edizione Calmo1998: 501-510. Hinweise auf die italienische Rezeption verdanke ich B. Hurch.

[159] Hg. von A. G. Hatcher, Baltimore: Johns Hopkins 1963. Eine italienische Übersetzung erschien 1967 (»L’armonia del mondo«, Mailand: Mulino 2. Aufl. 2006).

[160] In seiner Rezension zum »Anti-Chamberlain« (1918) in: Literaturblatt 39/1918: Sp. 281-287, bes. Sp. 283; vgl. auch dessen Rezension zu »Fremdwörterhatz« (1919), ebd. 40/1919: Sp. 5-20.

[161] In: J. of the History of Ideas 5/1944: 191-203. So spickt er auch seinen gegen den US-Deskriptivismus gerichteten Essay »Why does language change?« (1943 - s. FN. 108) mit sprachkritischen Anmerkungen zu Hitlers Sprechweise.

 

[162] In: Die Wandlung 1(7)/1946: 576-594. Diesen Aufsatz hatte Werner Krauss für die von ihm mitbegründetet Zeitschrift von S. erbeten, s. die editorische Anmerkung zum Nachdruck in: Lendemains 69-70/1993: 191.

[163] Der Briefwechsel ist abgedruckt bei W. Jung, »Leo Spitzers Briefe an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Köln (1946)«, in: Christmann/Hausmann 1989: 79-84.

[164] Da der Name Spitzer nicht gerade selten ist (insbesondere auch bei österreichischen Juden), gibt es weitere Emigranten mit dem Namen Leo Spitzer und sind falsche Fährten im Personalschrifttum nicht selten, so z.B. auch im Nachruf von Schalk, s. dazu Hurch (Q): 23*. Hierher gehört z.B. der mit S. nicht verwandte Leo Spitzer, der unter dem Titel »Hotel Bolivia. The Culture of Memory in a Refugee from Nazism« (New York: Hill and Wang 1998) eine Geschichte der deutschsprachigen Emigration verfaßte (er war als Sohn von aus Österreich eingewanderten Juden dort geboren).

[165] Eingesehen in den Kopien bei B. Hurch.

[166] Von sprachwissenschaftlicher Seite sind Beiträge von Auerbach, Dauzat und seinem rumänischen Freund Iordan enthalten (neben literaturwissenschaftlichen Arbeiten). Vossler hatte einen Beitrag abgesagt (s. den Briefwechsel Auerbach-Vossler, hier bei Auerbach).

[167] Mit Beiträgen von Auerbach, Hatzfeld, Jakobson, Lewent, Martinet, H. Sperber, M. L. Wagner u. K. Malone. Diese Festschrift hatte Auerbach arrangiert.