Spitz, René Arpad

Geb. 29.1.1887 in Wien, gest. 14.9.1974 in Denver/Colorado.

 

S. schloß sein Studium der Medizin 1919 in Budapest ab und begann zugleich eine Ausbildung als Psychoanalytiker bei Sigmund Freud. Im Ersten Weltkrieg leistete er in der österreichisch-ungarischen Wehrmacht seinen Kriegsdienst, danach praktizierte er als Analytiker: zunächst in Budapest, dann in Wien, von 1928-1933 in Berlin. 1933 erwarb er einen weiteren medizinischen Doktorgrad an der Universität Prag, emigrierte im gleichen Jahr nach Frankreich, wo er bis 1938 als Mitglied des Psychoanalytischen Instituts in Paris praktisch tätig war. Während dieser Zeit (1935) hatte er in Wien bei Charlotte Bühler einen Forschungsauftrag zur Analyse von Säuglingen. Als potentiell von der rassistischen Verfolgung Betroffener migrierte er 1938 weiter in die USA, wo er bis 1957 am Psychoanalytischen Institut in New York tätig war, zugleich als Psychiater und Pädiater, seit 1957 als Professor für Psychiatrie an der Universität Colorado in Denver.

Sein Forschungsgebiet (und wohl auch das dominante Feld seiner ärztlichen Praxis) war frühkindliches Verhalten vor dem Erwerb der Sprache, also bis Mitte des 2. Lebensjahres. Er unterschied strikt zwischen der Entfaltung angeborener Anlagen, insbesondere der Entwicklung der motorischen Fähigkeiten des Kindes, gegenüber gelernten, und d. h. für ihn vor allem sozial gesteuerten Verhaltensweisen. Hier identifiziert er notwendige Entwicklungsphasen für den Erwerb des sprachlichen Verhaltens und legt so die Grundlagen für eine umfassende Sprachtheorie, die nicht nur den formalen Aspekt sprachlicher Artikulation in den Blick nimmt. In dieser Hinsicht sind seine Arbeiten in der sprachwissenschaftlichen Diskussion noch zu rezipieren.

In klinisch genauen Analysen, im Vergleich geglückter und pathologischer Entwicklungsverläufe (die letzteren in einer großen Reihe von Untersuchungen bei hospitalisierten Kindern, deren physische und emotionale Verwahrlosung für ihn der Hintergrund für die intellektuelle und sprachliche Entwicklungsstörung ist), rekonstruiert er die Strukturen der Sprachentwicklung als Momente der Entfaltung von Persönlichkeit. Den Rahmen dafür bildet eine ganzheitliche Sicht der Entwicklung, bei der die physische Trennung des Kindes von der Mutter bei der Geburt erst in einem langen sozialen Prozeß psychisch eingeholt wird, in dem das Kind die physische Differenz durch die Eroberung von autonomen Handlungsmöglichkeiten einholt. Minutiös hat er die Phasen dieses Prozesses z.B. in einer Studie zum Lächeln nachgezeichnet, das er zunächst als motorisches Muster von Aktivitäten der Gesichtsmuskeln faßt, das als kontrolliertes Verhaltensmuster ab dem dritten Monat in Reaktion auf wahrgenommene menschliche Gesichter fest wird. Erst später wird eine weitere Differenzierung dieser Wahrnehmung vorgenommen, mit der Unterscheidung von vertrauten Gesichtern (der Mutter) gegenüber Fremden, mit der Verknüpfung mit Lustvollem gegenüber Unlusterfahrungen u. dgl.[1]

Derartige kommunikative, also soziale, Verhaltensmuster müssen ausgebildet sein, damit sie auf einer weiteren Entwicklungsstufe sprachlich ausgebaut werden können. Im ersten Lebensjahr werden die Grundstrukturen ausgebildet, die später mit genuin sprachlichen Artikulationsformen weiter entwickelt werden. Grundlegend ist für S. die Ausdifferenzierung von angeborenen Wahrnehmungsmustern, die schon bei Neugeborenen zu beobachten sind, zu solchen Mustern, die erst in der Interaktion mit der Umgebung ausgebildet werden. Dazu gehört insbesondere die Differenzierung in Belebtes und Unbelebtes, die für ihn in der sozial auszutestenden Reziprozität des Verhaltens begründet ist.

Er unternahm detaillierte Studien, vor allen Dingen auch auf der Basis einer filmischen Dokumentation über das Verhalten von Kleinkindern, in denen er die sozial erworbenen Verhaltensweisen: Greifakte, Lächeln u.a. isolierte. In den so in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres ausgebildeten sozialen Formen fand er die Grundstrukturen dessen, was später mit den sprachlichen Ressourcen dialogisches Verhalten wird, in dem er das genuin Menschliche sieht, das den Menschen von Tieren unterscheidet; s. in diesem Sinne seinen Rückblick auf die Entwicklungen seiner Theorie in »Life and the Dialogue«,[2] und auch detailliert zur Ausdifferenzierung der leiblichen Ressourcen für die symbolische Artikulation, die Ausdifferenzierung des Wahrnehmungsapparates von leiblichen Empfindungen gegenüber der Wahrnehmung in der Distanz als Voraussetzung für das sprachliche Verhalten: »Die Urhöhle. Zur Genese der Wahrnehmung und ihrer Rolle in der psychoanalytischen Theorie«.[3]

Die gesamte Entwicklung ist für ihn eine der Festigung der kleinen Persönlichkeit, der Ausbildung von Ich-Autonomie, bei der die Ausdifferenzierung der Sprache den Abschluß der symbiotischen Bindung an die Mutter markiert.[4] Am Ende des ersten Lebensjahres/zu Beginn des zweiten Jahres hat das Kind Möglichkeiten, motorische Aktivitäten zu entwickeln, mit denen es seine physischen Körpergrenzen überwindet und daher mit sozial gesetzten Schranken konfrontiert ist: Verboten, die von den erwachsenen Bezugspersonen gesetzt werden. Im Nein der Erwachsenen sieht S. insofern auch den Anfang der »Semantisierung« der bis dahin differenzierten Gesten. In der Mitte des zweiten Jahres ist in der Regel für ihn diese Phase erreicht, die ihren vorläufigen Abschluß darin findet, daß dann auch das Kind probeweise den Erwachsenen ein solches Nein entgegensetzt. In solchen kommunikativen Formen, bei denen der intendierte Gegenstand in der Distanz bewahrt bleibt (also die Verhaltensweisen nicht mehr das Ziel des unmittelbaren Kontakts und der Einverleibung haben), liegt die Grundlage für die Repräsentation des Gegenstandes als Basis einer symbolischen Praxis. Erst wenn diese symbolische Phase des Verhaltens erreicht ist (auf der kognitiven Ebene über das Abspeichern entsprechender Verhaltensmuster), kann Sprache im engeren Sinne gelernt werden, als »Semantisierung« der lautlichen Gesten, die das Kind bis dahin entwickelt hat.[5]

S. bewegt sich bei seinen Analysen strikt in den konzeptuellen Bahnen der orthodoxen Freudschen Psychoanalyse, setzt dieser aber ein explizit empirisch angelegtes Forschungsdesign entgegen (und beschränkt sich nicht auf die Modellierung von Strukturen der analytischen Anamnese). Er dokumentierte seine Beobachtungsdaten seit 1933 extensiv mit Filmaufnahmen, die er auch für die ärztliche Ausbildung nutzte und darüber hinaus auch für Aufklärungskampagnen vor allen Dingen im Pflegebereich.[6] Systematisch bemühte er sich um eine formalere Modellierung seiner Überlegungen, wobei er an die Arbeiten der Bühler-Schule anschließt (vor allem auch an die Arbeiten von Hetzer).[7] Hier ist für ihn auch der Ort, an dem er die Differenzierung der Anlagen zur sprachlichen Artikulation sieht, gesteuert von dem, was er in der Bühler-Tradition als Funktionslust bestimmt, die im Spiel mit den sprachlichen Ressourcen die Entwicklung vorantreibt.[8] In dieser Modellierung sieht er nicht zuletzt eine Voraussetzung für die Kontrolle der therapeutischen Praxis.[9]

In seinen frühen Arbeiten, später dann auch in den Auseinandersetzungen in den USA, war eine explizit antirassistische Ausrichtung bestimmend; dabei stellte er die Folgen von sozialen Bedingungen des Aufwachsens und damit der kindlichen Entwicklung den insignifikanten Faktoren rassischer Differenzen gegenüber.[10] Diese ausgesprochen politische Stoßrichtung, die sich auch mit seiner biographischen Position als Vertriebener verbinden läßt, wird in den späteren Arbeiten zunehmend von zivilisationskritischen Bemerkungen überlagert, mit denen er in einem gelegentlich apokalyptischen Duktus vor den Folgen der Überbevölkerung in den Städten, der körperfeindlichen Kleinkinderziehung u. dgl. warnt, die zum Untergang der Zivilisation führen können. Mit diesen Arbeiten wurde er in der deutschen Pädagogik extensiv rezipiert – im Gegensatz zu den analytischen Arbeiten zur Sprachentwicklung, die noch zu rezipieren bleiben. Bemerkenswert ist auch, daß er später nicht mehr auf deutsch publizierte (auch seine auf deutsch erschienenen Aufsätze sind immer aus dem Englischen übersetzt – demgegenüber publizierte er noch auf französisch).

Q: Festschrift: H. S. Gaskill (Hg.), »Counterpoint: Libidinal Object and Subject«, New York: International Universities Press 1963. Dort S. 188-200 eine Bibliographie (bis 1963), einschließlich der von ihm erstellten Filme. http://psyalpha.net/biografien/wiener-psychoanalytische-vereinigung-bis-1938/rene-arpad-spitz (Oktober 2012).

 


[1] »The smiling response«, in: Genetic Psychology Monographs 34/1946: 57-125.

[2] Als Festrede auf der Feier seines 75. Geburtstages, wieder abgedruckt in der Festschrift von Gaskill herausgegeben 1963: 154-176 (auf deutsch auch in einer Sammlung seiner späteren Arbeiten »Vom Dialog«, Stuttgart: Klett 1976).

[3] In: Psyche 9/1956: 641-667 (zuerst englisch 1955).

[4] »Die Entstehung der ersten Objektbeziehungen. Direkte Beobachtungen an Säuglingen während des ersten Lebensjahres«, Stuttgart: Klett 3. Aufl. 1973 (zuerst franz. 1954).

[5] »Nein und Ja. Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation«, Stuttgart: Klett 3. Aufl. 1978 (englisches Original 1957).

[6] »Films and mental health«, in: Bulletin of the World Federal Mental Health 4/1952: 35-40.

[7] »Psychoanalytische Begriffsbildung und physiologisches Denkmodell«, in: Schweizerische Z. f. Psychologie 12/1953: 24-39.

[8] »Wiederholung, Rhythmus, Langeweile«, in: Imago 23/1937: 171-195.

[9] »Übertragung und Gegenübertragung«, in: Psyche 10/1956: 63-81.

[10] S. z.B. »Environment vs. Race«, in: Archives of Neurology and Psychiatry (Chicago) 57/1947: 120-125.