Sperber, Alexander

Geb. 15.9.1897 in Czernowitz/Bukowina (Chernovtsy, Ukraine), gest. 15.7.1970 in Jerusalem.

 

Die Familiensprache war vermutlich Jiddisch – er lernte seine Bildungssprache Deutsch in hebräischer Schrift schreiben. Die gymnasiale Ausbildung schloß er 1916 mit dem Abitur in Wien ab. Danach studierte er in Wien (u.a. bei Torczyner [Tur-Sinai]) und in Berlin orientalische Philologie und besuchte gleichzeitig in Berlin das Rabbinerseminar. 1924 ging er nach Bonn zu Kahle, bei dem er im gleichen Jahr promovierte. Die Dissertation »Zur Sprache des Prophetentargums« (gedruckt 1927 in der Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft und die Kunde des nachbiblischen Judentums, separat auch als Dissertationsdruck) enthält das Programm seines Lebenswerks: die Etablierung der frühen aramäischen Überlieferung der Bibel als Zugang zum Urtext, im Gegensatz zu einer Rückprojektion aus der späteren grammatisch konstruierten Version (die Masorah) – womit er in gewisser Weise das Frühwerk von Kahle fortsetzte (s. dessen Dissertation von 1898). In der Dissertation erläuterte er die methodischen Probleme, den aramäischen Text anhand der Variation zwischen den Textzeugen zu rekonstruieren, und edierte exemplarisch einen Auszug aus dem Buch der Könige.

Seit 1925 hatte er eine Forschungsstelle an der Berliner Akademie für die Wissenschaft des Judentums, für die er insbesondere die Prophetenübersetzungen (hebr. Targumim) edieren sollte.[1] Von 1925 bis 1928 war er zur Kompilation der Handschriften in England. Aufgrund seiner Vorarbeiten wurde bereits der Apparat in der 3. Aufl. der hebräischen Bibel (die Kahle besorgte) erstellt. 1928 habilitierte er in Bonn in der Judaistik (er war damals der einzige mit dieser Venia in Deutschland), wiederum mit Kahle als Betreuer. Die Habilitationsschrift bot eine erste Zusammenstellung seiner Materialien, auf die er schon in seinem Lebenslauf zur Dissertation verwies. Im Habilitationsvortrag (8.3.1928) setzte er sich kritisch mit einer Deutung des Göttinger (griechischen) Septuaginta-Projektes auseinander, das aus seiner Sicht keine Rückschlüsse auf den hebräischen Urtext erlaubt: »Septuaginta Probleme I«[2] (gewidmet seinem Lehrer Kahle, der die Schrift auch herausgab).

Als er 1933 von der rassistischen Verfolgung bedroht war, ließ er sich zunächst beurlauben und kehrte in die Bukowina zurück. Nachdem ihm im Dezember 1933 die Lehrbefugnis entzogen wurde, emigrierte er nach Palästina, wo er 1933/1934 eine Forschungsstelle an der Hebräischen Universität in Jerusalem hatte. 1934 emigrierte er weiter in die USA, wo er seitdem an der Jüdischen Theologischen Hochschule in New York lehrte, zeitweise auch in Philadelphia (unterbrochen von verschiedenen Gastprofessuren und Forschungsaufenthalten). Seit 1965 hatte er seinen Hauptwohnsitz in Israel, kehrte aber immer wieder in die USA zurück. 1957 hatte ihn die Universität Bonn zum apl. Professor für semitische Philologie ernannt. Nicht zuletzt wohl auch in Folge seiner Lehrtätigkeit in den USA entwickelte er ein großes deskriptives Programm zur Arbeit an den biblischen Texten, das er mit umfassend exzerpierten Belegstellen von Überlieferungsvarianten dokumentierte, so in einem Abriß der hebräischen Phonologie »Hebrew Phonology«[3] und schließlich seiner »Hebrew Grammar«.[4]

Diesem Forschungsprogramm ging er in einer ganzen Reihe von Aufsätzen nach, die schließlich zu seiner großen historischen Grammatik (705 Seiten) führten »A historical Grammar of Biblical Hebrew«.[5] Seine programmatische Position, daß die spätere hebräische, vor allem die masoretische Überlieferung nur eine Quelle neben der aramäischen Überlieferung sein kann, dokumentierte er in zwei großen Editionsvorhaben: einerseits der vormasoretischen Bibel, die er in drei großen Faksimilebänden mit einer umfangreichen Einleitung vorlegte: Bd. I, »Codex Reuchlinianus«,[6] zwei weitere Bände erschienen ebenfalls in Kopenhagen 1958 und 1959. Sein Hauptwerk war die abschließende Herausgabe der aramäischen Bibel, die in 4 Bänden 1959 bis 1968 erschien (mit einem weiteren postumen Band 1973): »The Bible in Aramaic«.[7] Auffällig ist in seinen Arbeiten, wie sehr er sich bis zuletzt in seiner deutschen Bildungssprache bewegte, von der er Versatzstücke in den englischen Text einstreut, auch wo es sich nicht um technische Termini handelt (I enjoyed Bewegungsfreiheit, Hebrew as Schriftsprache, Hebrew Sprachschatz u. dgl.), wie er auch seinen Arbeiten gelegentlich deutsche Motti voranstellte.

Q: V; BHE; Walk 1988; Höpfner 1999: 49; Nachruf von H. L. Ginsberg in: Proceedings of the American Academy for Jewish Research 38/1972: xxi-xxiii.



[1] S. dazu die Berichte der Akademie 6/1925: 44, 7/1926: 42, 8/1927: 32, 9/1928: 40; 10/1930: 30.

[2] Stuttgart: Kohlhammer 1929.

[3] Cincinnati: Hebrew Union College Annual (Reprint) 1941.

[4] In: Journal of Biblical Literature LXII/1943: 137-262.

[5] Leiden: Brill 1966.

[6] Kopenhagen: Munkegaard 1956.

[7] Leiden: Brill.