Spanier, Arthur

Geb. 17.11.1889 in Magdeburg, gest. 30.3.1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.[1]

 

Nach dem Abitur in Magdeburg 1908 studierte er in Berlin klassische Philologie und gleichzeitig an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Hebräisch und jüdische Geschichte und Literatur, zugleich als begonnene, aber nicht als abgeschlossene Rabbiner-Ausbildung (s. Neufeld, Q). 1914 legte er das Staatsexamen für den höheren Schuldienst in den Fächern Latein, Griechisch und Hebräisch ab. Danach 1915-1918 Kriegsdienst, 1919/1920 Gymnasiallehrer in Königsberg/Neumark. 1920 Promotion an der Universität Freiburg/Br. Die Dissertation »Der logos didaskalikos des Platonikers Albinus« (masch.schr. mit handschr. eingetragenen griechischen Passagen) rekonstruiert über einen Textvergleich mit parallelen neuplatonischen Schriften (bes. Apulejus) die Überlieferungsgeschichte, im wesentlichen in Bezug auf den argumentativen Aufbau (er avisiert seine Arbeit auch als »literaturgeschichtlich«, S. 2), gelegentlich aber auch mit genaueren sprachlichen Analysen (z.B. S. 52 zu der von ihm als verderbt bestimmten Syntax). Er setzte den Schuldienst nicht fort, sondern arbeitete zunächst für die Akademie der Wissenschaft des Judentums, wo er sich mit sprachwissenschaftlichen Fragen vor allem der Talmud- / Mischnah-Überlieferung befaßte.

Sein Hauptwerk, das ihn auch als methodisch stringenten Sprachwissenschaftler ausweist, ist »Die masoretischen Akzente«.[2] Mit Prämissen, die den gegenwärtigen Analysen zur Informationsstruktur entsprechen, rekonstruiert er die hebräische Prosodie als Funktion der grammatischen Satzstruktur: das syntaktische Grundverhältnis der Determination (bei ihm Regens/Rectum) entspricht der prosodischen Struktur von unbetont (Regens) zu betont (Rectum). Da der Satzbau des Hebräischen keine diskontinuierlichen Konstituenten aufweist, läßt sich für ihn auf diese Weise die Konstituentenstruktur auch komplexer Sätze direkt prosodisch artikulieren, wobei die offenen Optionen für die relative prosodische Prominenz in Abhängigkeit von der Interpretation genutzt werden. Diese Analyse führt er für längere (und z.T. recht komplexe) Textpassagen vor, wobei er auch sehr deutlich den Unterschied zwischen dem graphischen System der Akzentzeichen (für ihn eine Umnutzung griechischer Auszeichnungsformen, die strukturell eine ganz andere Funktion hatten) und prosodischen Strukturen macht.

Diese Analyse wird als grundlegend auch in den meisten neueren sprachwissenschaftlich orientierten Arbeiten zum Hebräischen aufgeführt.[3] Dabei ist es für den Juden S. selbstverständlich, daß seine Analyse, ausgehend von der heutigen Leseweise der biblischen Texte (so explizit im Vorwort, 1-3), auch für das biblische Hebräisch gilt. Damit provozierte er eine harsche Kritik von Kahle,[4] der auf dem artifiziellen Status der Auszeichnungen für den liturgischen Vortrag insistierte, die in den verschiedenen Überlieferungstraditionen auch nicht einheitlich sind. In einer bemerkenswert selbstbewußten Replik darauf (»Der Satzakzent im Hebräischen«)[5] bekräftigt S. nicht nur seinen Standpunkt, sondern expliziert ihn auch mit systematisch sprachtypologischen Überlegungen: wo er in dem Buch (1927) die Besonderheiten des Hebräischen vor allem im Vergleich zum Deutschen herausgestellt hatte, erweitert er hier die Argumentation auch in Hinblick auf die im Hebräischen prosodisch nicht blockierte Gestaltungsfreiheit, die in Sprachen mit fester Prosodie (bei ihm als Beispiel das Französische, S. 6) vergleichbare informationsstrukturelle Markierungen mit syntaktischen Mitteln zu artikulieren verlangt. Bemerkenswert ist seine strikte Analyse von oben nach unten, die es ihm erlaubt, einen robusten Satzakzent im Hebräischen anzusetzen, demgegenüber der wortprosodische Umbau (infolge von Syn- und Apokopen, Änderungen der Quantitätenverhältnisse u. dgl.), der für Kahle im Vordergrund stand, nicht so gravierend zu Buche schlägt.

Daneben stehen von ihm »literarkritisch« genannte Arbeiten zur rabbinischen Literatur, insbesondere zu der parallel zur Mischnah vorliegenden Tosefta, die er als Scholien (Erläuterungen) zu dieser versteht. Er plante eine größere Edition, die er aber immer wieder aufgrund der philologischen Probleme zurückstellte (s. »Die Toseftaperiode in der tannaitischen Literatur«).[6] Seine Edition einer von ihm in der Berliner Bibliothek entdeckten Handschrift (»Das Berliner Baraita-Fragment«)[7] mußte er später als im Überlieferungszusammenhang falsch eingeordnet erkennen (»Zur Frage des literarischen Verhältnisses zwischen Mischna und Tosefta«).[8] Hierher gehören noch kleinere Arbeiten in der Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums.

1921 trat er in den Bibliotheksdienst bei der Preußischen Staatsbibliothek ein, wo er ab 1925 als planmäßiger Bibliothekar angestellt war. Er arbeitete in der Orientalischen Abteilung (unter der Leitung von G. Weil), zeitweise auch als Aushilfe an der Breslauer Universitätsbibliothek (1926). An der Staatsbibliothek war er mit der Beschreibung und Erschließung der hebräischen Handschriften und Frühdrucken befaßt sowie auch mit der Katalogisierung armenischsprachiger Publikationen (er hatte sich auch in diese Sprache eingearbeitet). Über die hebräische Handschriftensammlung publizierte er 1923 eine Beschreibung.

1933 sollte er aus rassistischen Gründen entlassen werden, als Frontkämpfer konnte er den Dienst aber noch bis 1935 weiterführen. Gegen die Entlassung richtete er noch im Dezember 1935 ein Schreiben mit der »Bitte um Belassung im Amt«. Bis November 1938 unterrichtete er noch ehrenamtlich als Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin über Masorah und hellenistische Literatur. Im November 1938 wurde er ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert, wo auf ihn Druck ausgeübt wurde, auszuwandern. Im gleichen Jahr erhielt er ein Angebot, in das Hebräische College in Cincinnati einzutreten. Obwohl er von den deutschen Stellen die Ausreisegenehmigung erhielt, erhielt er von dem amerikanischen Konsulat kein Non-quota-Visum; da er nur ehrenamtlich an der Lehranstalt in Berlin (also an keiner anerkannten Universität) unterrichtet hatte, fiel er nicht unter die Sonderregelungen für »einzuwerbende« Hochschullehrer.[9] Daraufhin wanderte er im Juni 1939 in die Niederlande aus, wo er zunächst bei seiner Mutter lebte. Eine erneute Einladung nach Cincinnati scheiterte wieder an der US-amerikanischen Behörde, die ihm wiederum kein Non-quota-Visum erteilte. Die deutschen Behörden verlängerten bis zum Kriegseintritt der USA seine Aufenthaltsgenehmigung in den Niederlanden wegen der für sie noch maßgeblichen Einladung nach Cincinnati. In dieser Zeit arbeitete S. wissenschaftlich weiter; wie aus Briefen hervorgeht, vorwiegend auch mit sprachwissenschaftlichen Interessen (s. den bei Schochow [Q] abgedruckten Brief, S. 340-341). 1942 wurde er in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert, wo er am 30.3.1945 verstarb.

Q: BHE; Nachruf : S. I. Neufeld, in: Allg. jüdische Wochenzeitung v. 24.4.1970. W. Schochow: »A. S. – Die stille Autorität«, in ds.: »Die Berliner Staatsbibliothek und ihr Umfeld«, Frankfurt/M.: Klostermann 2005: 335-344; DBE; Ellinger 2006.



[1] Z.T. anderes Todesdatum in Q; hier nach den Recherchen von Schochow (Q) korrigiert.

[2] Berlin: Akademie Verlag 1927.

[3] Z.B. in der Grammatik von Blau 1976 (s. ebd.).

[4] In: Orientalistische Literaturzeitung 31/1928: 581-584.

[5] Berlin: Selbstverlag 1928.

[6] Berlin: Schocken 1922, 2. Aufl. 1936. Tannaim ist die Bezeichnung für die Bearbeiter dieser Texte.

[7] Berlin: Poppelauer 1931.

[8] Berlin: Selbstverlag 1931: 16.

[9] Zu den Hintergründen dieser fehlgeschlagenen Vermittlungsversuche, die über die Berliner Lehranstalt liefen, s. Meyer 1976: 364.