Slotty, Friedrich

Geb. 19.10.1881 in Brig bei Breslau, gest. 23.12.1963 in Jena.

 

Zunächst Studienrat für Latein und Griechisch in Potsdam, währenddessen Promotion (Dissertation »Die kopulative Komposition im Lateinischen«),[1] hier schon in einer Verbindung von deskriptiver Materialaufnahme und theoretisch ambitionierter »logischer« Sprachreflexion. 1912 Habilitation in Jena (Habilschrift: »Der Gebrauch des Konjunktivs und Optativs in den grie­chischen Dialekten. 1. Teil: Der Hauptsatz«);[2] dort erhielt er 1919 eine a.o. Professur für Philologie und Vergleichende Sprachwissenschaft und zugleich ein Lektorat für Latein- und Griechischkurse. 1928 wurde er ordentlicher Professor für vergl. idg. Sprachwissenschaft an der Deutschen Univ. in Prag. Dort trat er öffentlich gegen den Faschismus auf. Daraufhin wurde er im Februar 1939 (also schon vor dem Einmarsch der deutschen Truppen im März) als »untragbar« genötigt, sein Urlaubsgesuch einzureichen; nach der Errichtung des »Reichsprotektorats Böhmen und Mähren« wurde er dann entlassen. Er blieb (anders als seine Tochter Ingeborg S. und deren Mann) in der Tschechoslowakei, wo er ohne Bezüge leben mußte. Nach dem Krieg erhielt er wieder seine Prager Professur. Versuche, ihm  zu einer westdeutschen Professur zu verhelfen, hatten keinen Erfolg. Einem Ruf auf die indogermanistische Professur in Jena konnte er erst 1953 folgen. 1954 wurde er dort emeritiert.

Seine wissenschaftlichen Arbeiten weisen ihn als de­skriptiv orientierten Sprachwissenschaftler aus, der die vergleichende sprachliche Rekonstruktion durch Material aus dem Sanskrit und dem Avestischen zu stützen weiß. Durch eine sorg­fältige Materialaufnahme (ein Viertel der Habilschrift ist eine nach Dialekten gegliederte Beispielsammlung) bewegt er sich im Rahmen des Brugmann-Delbrückschen Kanons der vergleichenden Grammatik, insbes. der damals üblichen Auseinandersetzung mit den Kategorien der indischen Grammatik (in der Dissertation dvandva-Komposita wie z.B. Celtiberi), bzw. den durch die Dialektologie angeregten Differenzierungen zur »normativen« Grammatik der klas­sischen Sprachen (in der Habilitationsschrift zu den »fließenden Grenzen« zwischen Konjunktiv und Optativ in den eher umgangsprachlichen »Dialekt«texten gegenüber grammatisch ausgerichteten Unterscheidungen im schriftsprachlichen Attisch).

Bekannt wurde er vor allem durch seine vielfach neuaufgelegten Stu­dientexte: »Vulgärlateinisches Übungsbuch«;[3] »Einführung ins Griechische für Universitäts­kurse und zum Selbststudium Erwachsener auf sprachwissenschaftli­cher Grundlage«.[4] Bemerkenswert ist hier sein Bemühen, eine Di­daktik auf der Grundlage der vergleichenden Methode (und entspre­chend präsentiertem Material) zu geben, wofür er ausdrücklich seine positiven Schulunterrichtserfahrungen anführt (für heutige Leser sind die »heroischen« Beispielsätze darin allerdings schwer genießbar, die das patriotisch-militaristische Syndrom des damaligen humanistischen Gymnasiums spiegeln).

Entsprechend einer damals häufigen Kombination hat S. sich ne­ben den klassischen Schulsprachen mit dem Etruskischen befaßt; 1933 unternahm er einen Studienaufenthalt am Istituto degli Studi Etruschi in Florenz. Resultat sind seine »Beiträge zur Etruskologie I: Silbenpunktierung und Silbenbildung im Altetruskischen«,[5] die wiederum deskriptive Sorgfalt in der vollständigen Präsentation und Auswertung der altetruskischen (6.-4.Jhd. v. d. Z.) Inschriften zeigen. Ausgehend von einer spezifi­schen Interpunktionsschreibweise, die er (nach Vetter) nicht nur als Worttrennung, sondern auch als rhythmische Lesehilfe durch Sil­bentrennung deutet, versucht er die Silbenstruktur des Etruski­schen zu definieren – bemerkenswert ist auch hier (wie es schon Thema in der Habilitationsschrift war) der Versuch, die angenommene Varia­tion (die Texte sind bekanntlich nicht übersetzbar) durch »Stildifferenzen« zu erklären: zwischen »amtlichen« konservativen Texten und privaten »progressiven« Texten, die entsprechend dem angenommenen starken Druckakzent sprechsprachlich näher z.B. auch die Synkope notieren (vgl. bes. S. 65).

Nicht monographisch, aber in einer Reihe von Aufsätzen hat S. sich auch mit allgemeinen Fragen der Grammatiktheorie beschäftigt (bes. dem Problem der Wortarten); dabei nimmt er funktionalistische Argumentationsweisen auf. In diesem Sinne war er auch im Cercle Linguistique de Prague aktiv, zu dessen Organisation er gemeinsam mit W. Mathesius entscheidend beitrug. Entsprechend wurde dort auch sein 50. Geburtstag gefeiert.[6] Er trug dort auch vor und publizierte in den »Travaux« . Daß S. sich in Prag im Kern der damaligen Diskussion bewegte, zeigt sein gemeinsam mit Roman Jakobson verfaßter Bericht »Die Sprachwissenschaft auf dem ersten Slavistenkongreß in Prag vom 6.-13. Oktober 1929«,[7] in dem beide die neue strukturalistische Analyse und ihre Vertreter gegenüber traditionellen Ansätzen auf dem Kongreß hervorheben.

Zu seinen Beiträgen s. z.B. »Zur Theorie des Nebensatzes«,[8] wo er ausgesprochen klar mit den Unterscheidungen operiert, die heute in der syntaktischen Analyse selbstverständlich sind (bzw. sein sollten), hier mit einer ausdrücklichen Kritik an Nehring, vorsichtiger auch an seinem Schwiegersohn Seidel.

Er trennt dort zwischen dem Sachverhalt und der sprachlichen Form, in der eine Aussage über ihn gemacht wird (allerdings fehlt eine terminologische Unterscheidung von Proposition und Satz) – mit dem Grenzwert einer nur nominalen Beziehung. Recht stringent entwickelt er die Verhältnisse im komplexen Satz mit dem Grundmuster von Determiniertem (»Hauptsatz«) und Determinierendem (»Nebensatz«),[9] wobei er auch sehr klar den Sonderstatus von Attributkonstruktionen herausstellt, bei denen das Determinatum keine Proposition ist, sondern eine (nominale) Konstituente im »Hauptsatz«.

Gegenüber der an schriftlichen Konventionen orientierten Diskussion insistiert er auf einer strukturalen Analyse, unter Einbeziehung der Prosodie, aber auch der heute wieder ausführlich diskutierten asyndetischen Satzgefüge mit »Hauptsatzstellung« (Ich glaube, er kommt), weil-Sätze mit »Hauptsatzstellung« u.a. Argumentierte er so strukturell (wenn auch, wie damals üblich, mit psychologisierender Diktion), so wandte er sich auch schon gegen eine akademische Erstarrung strukturalistischer Schematisierungen und insistierte auf der Dynamik der Sprachstrukturen, die die Frage der Motiviertheit und Transparenz skalar macht – in einer etwas altbackenen Variante dessen, was heute mit spiegelverkehrter Stoßrichtung als Lexikalisierung und Grammatikalisierung diskutiert wird.[10] Seine deskriptiv-syntaktischen Arbeiten waren in den traditioneller ausgerichteten Handbuchdarstellungen durchaus Standardverweise.[11]

 

Q: R. Lühr, »Von B. Delbrück bis F. Sommer: Die Herausbildung der Indogermanistik in Jena« (http://www.indogermanistik.uni-jena.de/dokumente/Weitere/delbrueck.pdf) (Oktober 2012); Hinweise auf die Biographie im Archiv G. Simon, Tübingen.



[1] Veröffentlicht als »Beilage« zum »Programm des Königlichen Viktoria-Gymnasiums zu Potsdam«, Potsdam: Müller 1911.

[2] Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1915.

[3] Bonn: Marcus und Weber 1918, seit 1929 in Berlin: de Gruyter (der damals den Bonner Verlag übernahm), zuletzt 1960.

[4] Bonn: Marcus und Weber 1922, später Berlin: de Gruyter, zuletzt 1964.

[5] Hei­delberg: Winter 1952.

[6] Für Hinweise auf seine Aktivitäten in der Prager Linguistik, s. Ehlers (2005). Vachek stellt ihn in seiner quasi offiziösen Darstellung des Prager Linguistenkreises als eines von dessen Mitliedern vor (J. Vachek, »The linguistitc school of Prague«. Bloomington: Indiana univ. pr. 1966: 134.

[7] In: Indog. Jahrb. 14/1930: 384 -391.

[8] In: »Études dediées au quatrième congrès de linguistes«, Prag 1936, Reprint Nendeln/Liechtenstein: Kraus 1968: 133-146. K.-H. Ehlers (»Prager Deutsche im Prager Zirkel. Ein Überblick«, in: M. Nekula (Hg.), »Prager Strukturalismus«, Heidelberg: Winter 2003) bezeichnet ihn sogar als eine der zentralen Figuren im Prager Linguistenkreis.

[9] Die heute übliche »transparente« Terminologie von Matrix- vs. abhängigem Satz (Proposition) fehlte damals noch.

[10] So z.B. in: »Die Termini ›Nennwert‹ und ›Deutewert‹ in ›Sprache‹ und ›Rede‹«, in: Idg. F. 61/1954: 240-248, mit Hinweisen auf seine früheren Aufsätze.

[11] S. z. B. bei H. Krahe, »Grundzüge der vergleichenden Syntax der indogermanischen Sprachen«: z.B. 38-40, 56 u.ö., Innsbruck: Institut vgl. Sprachwiss. 1972.

 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 13. März 2015 um 10:44 Uhr