Selz, Otto

Geb. 14.2.1881 in München, gest. 27.8.1943 im Konzentrationslager Auschwitz.

 

Nach dem Abitur 1899 studierte S. in Berlin und in München Jura, das er 1908 mit dem Referendariatsexamen abschloß. Obwohl er als Rechtsanwalt zugelassen war, praktizierte er nicht, sondern setzte das fort, was er als Zweitstudium in der Philosophie und Psychologie bis dahin schon als sein Wunschfach studiert hatte (die Option für Jura folgte dem Wunsch seines Vaters). 1910 promovierte er in München in der Philosophie, 1912 habilitierte er entsprechend in Bonn, wo er seit 1913 als Privatdozent bzw. a.o. Professor lebte und tätig war. In Bonn entwickelte er seine theoretische Auffassung und deren experimentelle Umsetzung im Rahmen der denkpsychologischen Ansätze, in Zusammenarbeit mit Oswald Külpe und auch K. Bühler.[1] Wie auch Bühler setzte er sich für seine theoretische Konzeption gründlich mit Husserl auseinander,[2] mit dem er systematisch zwischen psychischen Erlebnissen und deren (kognitivem) Inhalt unterscheidet, so daß die Analyse kognitiver Strukturen keine »empiristische« Reduktion auf Erlebnisse und Vorstellungen erlaubt. Külpe, Bühler und die anderen Mitarbeiter am Bonner Institut fungierten auch als S.s Versuchspersonen bei seinen Experimenten, deren Protokolle ihrer kognitiven Operationen S. auswertete.

1915 wurde er zum Militärdienst einberufen, war zunächst an der Front, wurde 1917 aber ins Kriegsministerium nach Berlin abkommandiert, um kriegspsychologische Forschungen durchzuführen. Dazu gehörte eine akribische Untersuchung von Fliegerunfällen, die zu Empfehlungen für eine Eignungsprüfung für diese damals neue Kriegstechnik führte, nicht nur bei den Piloten, sondern auch bei den »beobachtenden« Begleitern.[3] Nach Kriegsende lehrte er wieder in Bonn, seit 1920 mit einem um Rechtsphilosophie erweiterten Lehrauftrag. 1923 wurde er als Professor für Philosophie und Psychologie an die Handelshochschule in Mannheim berufen, wofür wohl seine anwendungsorientierte Forschung ausschlaggebend war. Dort hatte er seinen Schwerpunkt in der pädagogischen Psychologie, den er auch mit Veranstaltungen außerhalb der Hochschule umsetzte.[4] Die Handelshochschule erhielt erst 1929 Promotionsrecht und S. war der erste Rektor der neuen Universität. Erst ab diesem Zeitpunkt hätte er systematisch hier ein Forschungszentrum für seine Arbeit mit Doktoranden aufbauen können.

1933 wurde er aufgrund der rassistischen Beamtenregelung zunächst entlassen, war als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs zunächst noch relativ geschützt. Allerdings wurde die Hochschule in Mannheim 1933 aufgelöst und in die Universität Heidelberg integriert, eine dafür erforderliche Neuanstellung von S. wurde aus rassistischen Gründen ausgeschlossen.[5]

S. führte seine Forschungen privat weiter, bis er 1938 ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert wurde, von wo er wohl mit der Auflage der Emigration entlassen wurde. Nach allen persönlichen Zeugnissen (s. Seebohm, Q) war S. kein sehr sozialer Mensch, der die erzwungene Isolation für konzentriertes Forschen nutzen konnte. Daher hatte er auch Angebote zur Emigration zunächst abgelehnt, um so auch seine Familienangehörigen in Deutschland unterstützen zu können.[6] Nach der Entlassung aus dem Konzentrationslager emigrierte er in die Niederlande, wo er von einer jüdischen Hilfsorganisation unterstützt wurde und in der jüdischen Gemeinde auch Kurse gab.[7] Schon bevor ihm 1942 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war, hatte er sich intensiv um die Möglichkeit einer Emigration in die USA bemüht, wobei er auch die Unterstützung von selbst emigrierten Fachkollegen (Koffka, Werheimer) erhielt, die aber aufgrund seines Alters und seiner relativ geringen Prominenz (in den USA!) nichts ausrichten konnten (s. die Dokumente bei Beckmann 2001, Q). 1943 wurde er im Konzentrationslager Westerbork interniert, von wo er am 24.8.1943 ins Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurde. Dort wurde er am 27.8.1943 umgebracht.

Anders als Bühler, der ihn systematisch rezipiert hat und sich auch entsprechend auf ihn bezog,[8] hat S. sich zwar nicht explizit auf die zeitgenössischen sprachwissenschaftlichen Diskussionen eingelassen, hat vor allem aber in seinen experimentellen Arbeiten systematisch Fragen der Sprachverarbeitung behandelt, die ihn zu einem Pionier der neueren Psycholinguistik/Kognitionswissenschaft machen. Legt man deren derzeitiges Koordinatensystem zugrunde, gilt das insbesondere für konnexistische Konzeptionen, die mit einem usage-based-Sprachlernen wieder auf assoziationspsychologische Figuren zurückgreifen, die S. in seinen Arbeiten zu widerlegen versucht hat.[9]

Seit seiner Dissertation von 1910 setzte S. sich systematisch mit den Möglichkeiten auseinander, komplexe kognitive Vorgänge auf elementare Momente und ihre Verknüpfungen zu reduzieren, die in der Assoziationspsychologie durch die Verstärkung von Verknüpfungsbahnen (also wie heute in den stochastischen Modellierungen durch Häufigkeitsgewichtungen) gesteuert werden. Er stellt dem in einer langen Reihe von experimentellen Forschungen den Nachweis entgegen, daß sprachlich geformte kognitive Prozesse nicht in diesem Sinne reduziert werden können, daß sie vielmehr Strukturen aufweisen, die, nicht anders als Reflexe beim Verhalten sonst, einen primären Status haben. Im Gegensatz zu Reflexen sind die kognitiven Lösungsmuster mit der Sprache gelernt.

Dieses Dilemma der Suche nach einer biologischen Verankerung sprachlicher/kognitiver Leistungen ist erst fünfzig Jahre nach S. in den Fokus sprachtheoretischer Reflexion gerückt. Insofern gehört S. in den intellektuellen Kontext, in dem auch die strukturalistischen Theorieansätze in der Sprachwissenschaft zu sehen sind, die im ersten Drittel des 20. Jhdts. die genuin sprachlichen Strukturen von dem am Material Beobachtbaren unterschieden, das sie artikulieren (damals vor allem in der Phonologie exemplarisch diskutiert, s. Bühler, Trubetzkoy).

Sprachanalysen waren der unerklärte Gegenstand seiner experimentellen Untersuchungen, in denen seine Versuchspersonen die in der Psychologie damals etablierten Assoziationstests durchführen mußten.[10] S. zeigt in einer langen Reihe akribisch protokollierter Experimente, daß diese Assoziationen nicht in einem ungeordneten Feld von Verknüpfungen verlaufen, sondern durch die vorgegebene Aufgabe gesteuert werden: wenn die Vorgabe die Nebenordnung von Begriffen ist, wird zu Katze und dgl. Hund assoziiert, wenn die Aufgabe eine Überordnung ist, wird Tier und dgl. assoziiert. Vor allem zeigt er, daß die Assoziationen abhängig von der Interpretation der Aufgabe sind und daß insofern auch Mißverständnisse die Assoziationen steuern können (wenn statt der Überordnung die Aufgabe als Angabe eines Ganzen zu einem Teil interpretiert wird und dgl.). Für S. projiziert jede Aufgabe ein Lösungsschema, das wie ein Formular Leerstellen enthält (vgl. S. 315), die mit den einzelnen Lösungsschritten ausgefüllt werden, die jeweils selbst habitualisiert sein können und automatisch ablaufen. Der Versuch einer Lösung antizipiert notwendigerweise solche Lösungsschemata.

Zumindest die experimentell erhobenen Denkformen zeigen in den Protokollen ein Denken fürs Sprechen (vgl. S. 307), bei dem S., ohne dem systematisch nachzugehen, vor der Frage steht, wieweit die so extrapolierten Strukturen mit Denken schlechthin gleichgesetzt werden können. Basis für kognitive Operationen, vergleichbar mit animalischen Reflexen, ist nur die Unmöglichkeit, kognitive Versatzstücke unverknüpft nebeneinander stehen zu lassen: das setzt die Notwendigkeit der »Komplexergänzungen«, die durch solche (antizipierten) Schematisierungen ihre Form erhalten.

In seinen Analysen zeigt S. die grammatischen Feldstrukturen, in denen die von ihm erhobenen komplexen Bedeutungen definiert sind – mit gewissermaßen konzentrisch erweiterten Feldern, die auch ein Kontinuum zwischen der Fokussierung von Wortstrukturen über syntagmatische Bindungen (idiomatische Ausdrücke) bis hin zu syntaktischen Komplexen (Satz) zeigen.[11] Nicht anders als in den derzeitigen konstruktivistischen Ansätzen sind für ihn die in dieses Kontinuum einzuziehenden Schwellen nicht als kognitive Strukturen definiert, sondern eine Frage der Routinisierung, also der letztlich sozial definierten Festigkeit bestimmter Schemata wie bei lexikalischen Wörtern und Idiomen gegenüber den ad hoc zu erzeugenden syntaktischen Komplexen.

Dadurch, daß er hier die Routinisierung als Gegenpol zu »spontanem« Problemlöseverhalten definiert, kommt bei ihm auch der Gegensatz zwischen der sehr viel mehr auf Routinen beruhenden mündlichen Kommunikation gegenüber den intellektuell anspruchsvolleren schriftlichen Praktiken in den Blick. Tatsächlich spiegelt sich in seiner sorgfältig aufbereiteten Protokollierung der experimentellen Verläufe vieles von dem wider, was in der derzeitigen sprachwissenschaftlichen Diskussion auch als problematische Grenzziehung des Lexikons diskutiert wird: die im Lexikon zu verankernden syntagmatischen Strukturen (Valenzstrukturen des Verbs, Qualia-Strukturen nominaler Formen und dgl. mehr). Seine auf einer ausgesprochen abstrakten Argumentationsebene entwickelten Überlegungen sah er als unmittelbare Grundlage für die Lösung praktischer Probleme, vgl. etwa seine Überlegungen zu Leseprozessen S. 452-459, sowie vor allem auch die Nachschrift eines Kurses »Die geistige Entwicklung und ihre erzieherische Beeinflussung«, den er 1942 in Amsterdam für die dortige jüdische Gemeinde gehalten hatte.[12]

Es ist offensichtlich, daß S. in dieser Hinsicht auch noch sehr viel weiter gegangen wäre, hätte er die Möglichkeit gehabt, ein entsprechendes Forschungszentrum an der Universität mit einem Doktorandenprogramm durchzuführen, wie es etwa Bühler in Wien aufbauen konnte. Daß S. in der Sprachwissenschaft bisher nicht entsprechend rezipiert worden ist (ansatzweise aber in der Psychologie), ist unmittelbarer Ausdruck seines Schicksals. Über die Psychologie hinaus wird er dagegen in den Kognitionswissenschaften als ein Pionier der Forschungen zur künstlichen Intelligenz/Informationsverarbeitung rezipiert, wo neuere computergestützte Modellierungen direkt als Umsetzungen und Differenzierungen seiner konzeptuellen Vorgaben gesehen werden.[13]

Q: Autobiographische Aufzeichnungen (1939) in Beckmann, s. u.; H.-B. Seebohm, »O. S.: Ein Betrag zur Geschichte der Psychologie«, Diss. Phil. Heidelberg 1970 (vervielfältigt), mit Bibliographie, einem Verzeichnis sowie auch teilweisem Abdruck des Nachlasses; K. J. Groffmann (Hg.), »Leben und Werk von O. S.«, Mannheim: Universität 1981; N. H. Frijda/A. D. de Groot, »O. S.: His contribution to psychology«, The Hague etc.: Mouton 1981; A. Métraux/Th. Herrmann (Hgg.), »O. S.: Wahrnehmungsaufbau und Denkprozeß: Ausgewählte Schriften«, Bern etc.: Huber 1991 mit einer biographischen Einleitung und Teilbibliographie; biographischer Artikel http://www.osi.uni-mannheim.de/otto_selz/index.html (Oktober 2012); H. Beckmann, »S. in Amsterdam«, in: Psychologie und Geschichte 9/2001: 3-27 (mit Abdruck persönlicher Dokumente).



[1] S. stellte sich auch selbst als Külpe-Schüler dar, so in der von ihm besorgten (posthumen) Ausgabe von dessen Logik-Vorlesung (s. Oswald Külpe, Vorlesungen über Logik. Leipzig: Hirzel 1923; dazu s. auch bei Bühler) was ihn nicht davon abhielt, auch kritische Anmerkungen zum Text anzubringen. Er beteiligte sich auch an den damals publizistisch heftig ausgetragenen Kontroversen der verschiedenen gestaltpsychologischen Schulen, die  sich untereinander extensiv beharkten (meist nach den geographischen Zentren etikettiert: Graz, Würzburg, Berlin; Külpe, Bühler und auch S. gelten als Vertreter der »Würzburger Schule«), s. dazu Seebohm (Q): 256-283.

[2] Das ist bei seinem Habilitationsvortrag besonders deutlich: »Husserl’s Phänomenologie und ihr Verhältnis zur psychologischen Fragestellung«, in: Seebohm (Q): 73-87.

[3] »Über den Anteil individueller Eigenschaften der Flugzeugführer und Beobachter an Fliegerunfällen“, in: Z. f. angewandte Psychologie 15/1919: 254-300. Daß diese Empfehlungen praxistauglich waren, bestätigte auch ein Aktiver, der Hauptmann J. Hell, in: Z. f. angewandte Psychologie 15/1919: 296-298.

[4] Hier setzte S. auch seine angewandten Arbeiten fort, wenn auch nicht mehr unmittelbar »kriegswichtig«: Mit empirischen Untersuchungen zum Studierverhalten an der Hochschule Mannheim, zur Nutzbarkeit jugendlicher Zeugenaussagen bei Gericht, und vor allem zum Lernverhalten und in Fördermöglichkeiten retardierter Kinder, s. Seebohm (Q) für bibliographische Angaben.

[5] Zu den institutionellen Bedingungen in Mannheim und im Hintergrund für S.s Berufung, s. H. Lück, »Wirtschaftspsychologie in Mannheim«, in W. Bungard/B. Koop u.a. (Hgg.), »Psychologie und Wirtschaft leben«, München: Hampp 2004. Zur Auflösung der Mannheimer Hochschule 1933 s. Bollmus (1973), dort zu S.: 130-131.

[6] Ein solches Angebot lag wohl aus China vor, wo offensichtlich früh Interesse an seinen Arbeiten bestand, s. auch die für dort bestimmte Kurzfassung seiner Theorie »Die Gesetze der produktiven und reproduktiven Geistestätigkeit«, Bonn: Cohen 1924, im Vorwort (Nachdruck in: Groffman 1981 (Q); s. dazu auch Seebohm (Q). Ein Zeugnis für seine Art, mit der repressiven Situation umzugehen, ist ein Brief, den er am 14.8.1938 an K. Bühler schrieb (also kurz vor seiner Inhaftierung im KZ Dachau): er lud diesen, von dessen schwierigen Verhältnissen nach der Haft in Wien er durch einen Brief von Ch. Bühler erfahren hatte, zu sich nach Mannheim ein, um über ihre gemeinsamen wissenschaftlichen Anliegen zu sprechen - wobei er ihn ausführlich über kostengünstige Reisemöglichkeiten informierte. (Brief im Bühler-Nachlaß, Graz, s. bei diesem).

[7] S. dazu Beckmann (2001, Q).

[8] Siehe dessen »Sprachtheorie«, S. 254.

[9] Für seine Bedeutung für die Psycholinguistik s. z.B. C. Knobloch, »Was die moderne Sprachpsychologie von Otto Selz lernen könnte«, in: Ehlich/Meng (2004): 73-90. Aus psychologischer Sicht schon T. Herrmann, »Allgemeine Sprachpsychologie«, München: Urban Schwarzenberg 1985, bes. S. 276 (FN 19).

[10] So in seiner großen zweibändigen Arbeit »Über die Gesetze des geordneten Denkverlaufs« (insgesamt fast 1000 Seiten). Teil I unter dem gleichen Titel in Bonn 1912 als Habilitationsschrift (gedruckt Stuttgart 1913), Teil II »Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums« erschien erst nach dem Weltkrieg (Bonn: Cohen 1922). In diesem zweiten Teil finden sich die explizitesten Sprachanalysen. Seitenverweise im Folgenden beziehen sich auf diesen Band.

 

[11] Vgl. seine Definition von Grammatik: »Derartige grammatische Regeln sind nichts anderes als die in Form einer allgemeinen Regel zum Bewusstsein gebrachte Zuordnung zwischen einer bestimmten Struktur des Gedankeninhalts sowie einer bestimmten grammatischen Struktur der bereits sprachlich fixierten oder antizipierten Satzteile einerseits und der Aktualisierung und Ausfüllung bestimmter sprachlicher Schemata, als der Anwendung bestimmter sprachlicher Operationen, andererseits« (S. 348). Zu seiner entsprechenden Rekonstruktion der Kategorie Satz s. S. 362-367 mit einer Diskussion konkurrierender Ansätze (bes. bei Bühler).

[12] S. Métraux/Herrmann (Q): 71-135 – es war wohl S.s letzte Arbeit, bevor er ins KZ verschleppt wurde.

[13] S. H. A. Simon, »O. S. and information processing psychology«, in: Frijda/de Groot (Q): 147-163.

 

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 08. November 2014 um 22:24 Uhr