Seidel, Eugen

Geb. 4.7.1906 in Jena, gest. 12.12.1981 in Berlin (DDR).

 

Nach dem Abitur 1925 in Jena machte er zunächst eine kaufmännische Lehre in den Zeiss-Werken dort (1925-1928). Danach begann er ein Studium der vergleichenden Sprachwissenschaft, Germanistik, Romanistik und Slawistik in Jena, Prag und Königsberg, wobei sein Schwerpunkt vor allem auch die Erweiterung der sprachpraktischen Kenntnisse war (in Königsberg mit dem Schwerpunkt beim Litauischen). 1933 legte er in Jena das Staatsexamen ab und ging in den Schuldienst. Im gleichen Jahr promovierte er dort.

Die Dissertation war eine Fleißarbeit über die »Geschichte und Kritik der wichtigsten Satzdefinitionen«,[1] mit der er eine gewisse Bekanntheit erreicht hat: ergän­zend zu der Riesschen Kompilation[2] kompiliert er weitere 294 Definitionsver­suche von der Antike bis Bloomfield. Insgesamt sehr eklektisch (Heidegger wird genauso wie Bühler zitiert), ist die Arbeit für die damalige deutschsprachige Literatur doch bemerkenswert durch ihren Versuch, eine strukturelle Position zu gewinnen (s. etwa zu Bloomfield S. 38-39, 77 und das Plädoyer für einen »funktionalisti­schen« Ansatz, S. 74).

Von ähnlichem Zuschnitt wie die Dissertation ist seine Arbeit »Das Wesen der Phonologie«,[3] zugleich auf Rumänisch in Bukarest erschienen, in der er ausgerichtet auf die Prager Phonologie (vor allem Trubetzkoy) die zeitgenössische Diskussion zusammenfaßt bis hin zu auch abstrusen Beiträgen (die Bibliographie weist 470 Titel auf), wobei er sich bemüht, die strukturellen Positionen herauszuarbeiten, in Abgrenzung einerseits zu Bemühungen um eine phonetische (»physikalistische«) Reduktion, andererseits zu psychologisierenden Positionen. Zentraler Bezugspunkt ist für ihn einerseits die Tradition von Baudouin&, andererseits in der phänomenologischen Tradition von Husserl vor allem Bühler.

Bereits 1932/1933 lehrte er an der Universität Jena. Als Gegner des Nationalsozialismus war er nicht bereit, den Eid auf Adolf Hitler zu leisten und emigrierte mit seiner Frau Ingeborg Seidel-Slotty nach Prag, wo deren Vater F. Slotty lebte. Bis zur Besetzung der Tschechoslowakei 1938 lebten beide dort von Gelegenheitsarbeiten, waren gleichzeitig aber im Prager linguistischen Zirkel aktiv. Er hielt dort Vorträge, z.B. »Zum Pro­blem der Sprache H. Heines«[4] – womit er im übrigen auch ein breites (»kulturwis­senschaftliches«) Verständnis von Sprachwissenschaft dokumen­tierte, wie es die Prager Gruppe charakterisierte.

Wie eng er in diese integriert war, zeigen Arbeiten wie »Zu den Funktionen des Verbalaspekts«,[5] in denen er die damalige Grundsatzdiskussion über die Abgrenzung grammatischer (Aspekt) gegenüber lexikalischer Kategorien (Aktionsarten) kritisch diskutiert, insbes. in Anlehnung an Roman Jakobson, etwa in Hinblick auf kritische Probleme des Iterativs u. dgl. Seine Ausführungen unterfüttert er mit detaillierten Analysen zum Tschechischen. Methodisch weiterführend ist dabei die Art, wie er Jakobsons Markiertheitstheorie in eine Textanalyse überführt, bei der er einerseits zeigt, daß auch die im Paradigma markierte Form (das Perfektiv) im Kontext eine unmarkierte Option sein kann, wenn sie dort erwartet wird (bzw. sogar grammatisiert ist); anderseits nutzt er den Nachweis möglicher Kontraste im gleichen Kontext (ggf. sogar im gleichen Satz), um die semantischen Potentiale der Formen herauszuarbeiten.

1938 emigrierte er mit seiner Frau weiter nach Rumänien, wo sie zumeist in Cluj (Klausenburg) lebten, wiederum angewiesen auf Gelegenheitsarbeiten und vor allem Privatunterricht. Auch hier war er im rumänischen Linguistenzirkel (Société Linguistique de Roumanie) aktiv. Er publizierte hier vor allem zu Fragen des Rumänischen und der slawischen Sprachen, insbesondere auch des Sprachkontakts. Autobiographische Elemente finden sich in seinen dort verfaßten Arbeiten zur Mehrsprachigkeit, wo er den Einfluß einer dominierenden Zweitsprache auf die Erstsprache verfolgt (»Zum Bilinguismus«).[6] Vor diesem Hintergrund nahm er auch seinen Prager Heine-Vortrag wieder auf (»Heinrich Heines Prosastil«),[7] wo er vor allem in Hinblick auf die Wortstellung (die Kontaktstellung bei komplexen Prädikaten, keine Endstellung des Prädikats in abhängigen Propositionen u. dgl.) nachzuweisen versucht, daß Heine nicht nur im Französischen zu Hause war, sondern daß bei ihm französische Strukturen sein Deutsch überlagern (mit dem Hinweis auch auf Parallelen im Jiddischen, das Heine auch bei »mauschelnden« Figuren in Szene setzt).

S. machte solche Fragen auch zum Gegenstand einer eigenen Untersuchung, als er als Mitglied einer »Volkszählungskommission« 1942-1944 Erhebungen in rumänischsprachigen Gebieten der Ukraine machte, wo er nach seinen Befunden keine »ausbalancierte« (der Terminus findet sich bei ihm allerdings nicht) Zweisprachigkeit konstatiert, sondern den moldawischen rumänischen Dialekt nur noch im intimen Register findet, während in den formalen Registern das »Kleinrussische« (Ukrainische) gesprochen wird (»Linguistische Beobachtungen in der Ukraine«).[8] Indikator für die Reduktion auf eine »Reliktsprache« ist für ihn die große Formenvariation, die er (wie auch die neuere Forschung zum Sprachtod) auf ein Fehlen sozialer Kontrolle in der Sprachpraxis zurückführt. Methodisch aufschlußreich sind seine Reaktionen auf die Kritik an der Interpretation von Befunden, die er in dem Aufsatz 1942 als offizieller Funktionsträger registriert hatte, denen er in dem Aufsatz 1943 die Auswertung von frei gesprochenen Texten (Nacherzählungen) gegenüberstellte.

In dieser Zeit arbeitete er an grammatiktheoretischen Fragen, die er durch die empirische Analyse der Verhältnisse im Rumänischen unterfütterte. Das gilt z.B. für eine größere Studie zum Artikel, bei der er systematisch die Funktion (Determination und Individuation) von den formalen Ausdrucksformen trennt. Bei den letzteren analysiert er die Fusion mit anderen grammatischen Markierungen (Kasus, Numerus, Genus), die Distribution abhängig vom syntaktischen Kontext (in Funktion eines Prädikativs, bei der Negation u. dgl.) und schließlich die möglichen Konkurrenzformen (Demonstrativ, Possessiv) u. dgl. (»Zu den Funktionen des Artikels«).[9] Dabei insistiert er auf methodisch kontrollierten strukturellen Analysen, indem er Relevanzpositionen, die einen möglichen Kontrast zulassen, von der Neutralisierung trennt (bis hin zur »Grammatikalisierung« der Artikelmarkierung). In einem Folgeaufsatz diskutierte er die damalige Forschung (»Der gegenwärtige Stand der Artikelprobleme«)[10] mit einer Revision seiner früheren Kritik an Lerch. Dessen Leistung hat er später auch in einem Beitrag zu dessen Festschrift (»Rumänische Einzelheiten zu Lerchs syntaktischen Arbeiten«)[11] gewürdigt, verbunden aber mit einer sehr deutlichen Kritik an Lerchs Neigung zu »völkerpsychologischen« Ausdeutungen seiner Befunde, begründet in den entgegenstehenden Parallelen im Französischen und im Rumänischen (hier beim »Heische-Futur«).

Durch das faschistische rumänische Regime und den Einfluß nicht zuletzt auch der Gestapo in der Innenpolitik war das Leben in Rumänien für die beiden Seidels schwierig.[12] Nach dem Separatfrieden im August 1944 und der Befreiung vom Faschismus wurde er 1944 zunächst als Deutscher interniert, aber auf Intervention vor allem von Rosetti,[13] dem damaligen Leiter der Rumänischen Akademie, freigelassen und konnte jetzt eine Hochschulkarriere beginnen: 1946-1947 war er Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft in Bukarest, nachdem er auch die rumänische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. In dieser Zeit publizierte er dort auf Rumänisch, u.a. eine russische Grammatik (1947). 1947-1950 hatte er eine ordentliche Professur für Germanistik in Cluj (Klausenburg). Bei Kriegsende beteiligte er sich sogleich wieder an der internationalen fachlichen Diskussion, wie insbesondere seine (schriftlichen) Antworten auf die Umfrage zu einer Bestandsaufnahme der Sprachwissenschaft für den 6. Internationalen Linguistenkongreß in Paris (1948) zeigen, mit denen er für eine empirisch offene Forschung plädiert (gegenüber dem axiomatischen Postulat von Universalien), vor allem in Hinblick auf die Einbeziehung von Sprachkontaktphänomenen.[14]

Von 1950 bis 1955 war er Direktor der Sektion für Philologie an der Rumänischen Akademie der Wissenschaft. 1955 remigrierte er in die DDR, wo er an der Humboldt-Universität in Berlin eine Professur für Vergleichende Sprachwissenschaft erhielt (seit 1959 als ordentlicher Professor, nachdem er auch die deutsche Staatsbürgerschaft wiedererhalten hatte). Auch nach der Emeritierung 1971 lehrte er weiter, außer an der Humboldt-Universität auch in Rostock und in Greifswald. Die Arbeitsgegenstände reichten jetzt vom Deutschen über die slawischen Sprachen (bes. Russisch) zum Rumänischen, wobei er außer slawisch-rumänischen Lehnbeziehungen u.a. auch kulturelle Beziehungen zwischen Deutschen und Rumänen im Wortschatz nachgegangen ist.[15]

In der DDR kam er nicht umhin, sich an den ideologischen Abgrenzungen zur Wissenschaft im Westen zu beteiligen. Dabei versuchte er aber zumindest in den gedruckten Beiträgen, plakative Beschwörungen des dialektischen Materialismus zu vermeiden und wissenschaftsintern zu argumentieren. So etwa in seinem systematisch intendierten Beitrag »Der Positivismus in der Sprachwissenschaft«,[16] wo er nicht nur den amerikanischen Strukturalismus dem Positivismus subsumiert, sondern insbesondere auch Husserl, oder in einer Kritik an dem rein formalen und daher methodisch seiner Meinung nach nicht fruchtbaren Soziologismus in der französischen Sprachwissenschaft in der Saussure-Nachfolge in: »Zu einigen theoretischen Diskrepanzen bei Antoine Meillet«.[17]

Weniger zimperlich agierte er denen gegenüber, die er als Akteure nicht nur des »Klassenfeinds« im Westen, sondern in der Kontinuität der selbst erfahrenen faschistischen Verfolgung identifizierte, so in einer Kritik an Weisgerber (»Sprachwissenschaft, ›Weltbild‹ und Philosophie«),[18] in Verbindung mit durchaus formal sauberen Nachweisen von Unklarheiten in Weisgerbers Argumentation.[19] Zu der gemeinsam mit seiner Frau Ingeborg Seidel-Slotty verfaßten Arbeit »Sprachwandel im Dritten Reich« (1961), auf der Basis eines bereits 1938 in der Tschechoslowakei abgeschlossenen Manuskriptes, das vor allen Dingen in Hinblick auf Kontinuitäten in der Bundesrepublik ergänzt wurde, siehe bei dieser.

Q: BHE; Lebenslauf; Schriftenverzeichnis und andere Dokumente im Archiv der Humboldt-Universität Berlin; Nachrufe von R. Sternemann in: Zt. f. Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung 35/1982: 371-372, und A. Rosetti in: Revue Roumaine de Linguistique 28/1983: 371; Hinweise zur Lebensgeschichte auch im Archiv G. Simon, Tübingen.



[1] Jena: Fromann 1935.

[2] John Ries, »Was ist ein Satz?«, Prag: Taussig & Taussig 1931, dort S. 208-224.

[3] Kopenhagen: Munksgaard 1943.

[4] S. das Veranstaltungsprogramm des Linguistenzirkels bei F. W. Galan, »Historic Structures. The Prague School Project«, 1928-1946, London usw.: Croom Helm 1985: 207-214, hier S. 209.

[5] In: »Études dediées au quatrième congrès de linguistes«, Prag 1936, Reprint Nendeln/Liechtenstein: Kraus 1968: 111-129.

[6] In: Buletinul Institutului de Filologie Romînâ »Alexandru Philippide« 6/1939: 128-131.

[7] In: Bulletin Linguistique (Bukarest) 12/1944: 17-32.

[8] 2 Teile, in: Bulletin Linguistique (Bukarest), Teil I: 10/1942: 91-121 und Teil II: 11/1943: 73-111.

[9] In: Bulletin Linguistique (Bukarest) 8/1940: 5-94.

[10] In: Bulletin Linguistique (Bukarest) 9/1941: 114-121.

[11] In: »Studia Romanica« (= FS Lerch), Stuttgart: Port 1955: 384-393. Seine Belege nimmt er überwiegend aus Tiktins Wörterbuch.

[12] Über seine Schwierigkeiten mit den Deutschen und seine Haltung im rumänischen Exil berichtet anekdotisch seine Frau in der FS Klemperer 1958: 393.

[13] Alexandru Rosetti (1895-1990), von 1938-1965 als Professor der Univ. Bukarest auch der organisatorische Kopf der rumänischen Sprachwissenschaft, der dieser eine explizit strukturale Ausrichtung gab.

[14] In der gedruckten Fassung der Kongreßberichte 1949 bes. S. 201-202 und 335-336.

[15] Z.B. in seinem Beitrag »Rumänisch-Mittelhochdeutsche Parallelen«, in der FS Klemperer 1958. Er publizierte auch weiterhin auf Rumänisch in Rumänien, z.B. eine syntaktische Untersuchung zum Rumänischen (1958).

[16] In: Z. f. Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung 29/1976: 503-505

[17] In: Z. f. Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung 32/1979: 16-18.

[18] In: Deutschunterricht (DDR) 7/1958: 337-349.

[19] Das korrespondiert mit der Kritik an Weisgerbers Position in der kritischen Analyse von dessen Texten aus der Zeit 1933 bis 1945 als Quelle in dem gemeinsamen Buch mit seiner Frau 1961 (dort S. 139-143).