Schirokauer, Arno(ld) Fritz Curt

(als Pseudonym auch: Conrad Auer)

Geb. 20.7.1899 in Cottbus, gest. 24.5.1954 in Baltimore.

 

S.s Arbeiten streuen auf einem breiten Feld: von der »strengen« Philologie der Mediävistik zur methodisch reflektierten Sprachwissenschaft, aber auch von (medien)politischer Journalistik zur eigenen literarischen Produktion, vor allem für das neue Me­dium Rundfunk. Seine Vita ist eines der wenigen Beispiele dafür, daß die Vertreibung/Emigration die Bedingungen, wenn nicht sogar den Zwang zu einer akademischen Karriere im engeren Sinn bot.

1917 hatte S. das Notabitur gemacht, um sich im ersten Weltkrieg freiwillig zu den Jagdfliegern zu melden. 1917 wurde er im Luftkampf schwer ver­wundet; er verlor ein Auge und war auch nach der langwierigen Ge­nesung immer von prekärer Gesundheit. 1918-1921 studierte er in Berlin, Halle und München mit dem Hauptfach Germanistik. Orien­tiert an seinem Lehrer Carl von Kraus arbeitete er über die mhd. Dichtersprache, die er als genuine künstlerische Form begriff – jenseits der regionalen Geschäftssprachen (deren Dokumentation in Urkunden er gegen F. Wilhelm und andere Vertreter des junggrammatischen Mainstreams in diesem Zusammenhang für irrelevant hält!),[1] s. seine Münchener Preisschrift von 1920/1921 »Studien zur mhd. Reim­grammatik«, mit der er 1928 dort promovierte (mit aus­führlicher Dokumentation des nach Wortschatzgesichtspunkten wie phonologisch/phonographischen Kriterien geordneten Corpus von »über einer Million« Reimbelegen).[2]

Trotz der »klassischen« Thematik war das Reim-Thema mit seinem Bezug zur gesprochenen Sprache nicht beliebig für S., der sich auch bei seinen anderen mediävistischen Untersuchungen mit Grenzproblemen verschrifteter Mündlichkeit befaßte. Das gilt so für weitere metrisch-poetologische Untersuchungen (vgl. etwa »Zur Metrik des Hans-Sachs-Verses«),[3] vor allem aber auch für seine eher kulturgeschichtlich argu­mentierenden Arbeiten, die mündliche Praktiken behandeln, wie z.B. »Form und Formel einiger altdeutscher Zaubersprüche«[4] (z.T. in Wiederaufnahme seines frü­heren »Der Eingang des Lorscher Bienensegens«,[5] deren Emendierungsvorschlag er dort wiederholt). Die gesprochene Sprache beschäftigte ihn auch mit einem Gegenwartsbezug, so wenn er ein Forschungsprogramm für die Telefonkom­munikation skizzierte, die seiner Meinung nach die Entwicklung der deutschen Sprache damals ebenso bestimmt wie 200 Jahre früher die Brief(schreib)kultur (»Gehörte Sprache. Zur Entwicklung des Rund­funk-Deutschs«).[6]

Trotz die­ser auch von heute her gesehen ausgesprochen modernen Sicht des Sprachproblems schuf er sich ein »vollgermani­stisches« Profil, das er von seiner Ausbildung bei C. von Kraus her in der Mediävistik ausbaute: mit Arbeiten zur »klassischen« mhd. Dichtung (wiederholt zu Hartmann von der Aue) und auch zum althd. Pflichtpensum, s. sein Versuch einer geistesgeschicht­lich-stilistischen Deutung Otfrieds[7] – später distanzierte er sich von diesem frühen Versuch.[8] Mehr in seinem Element war er in der Moderne, deren Spannung er in der sprachlichen Artikulation nachzeichnet (mit kongenialer Emphase in seiner früheren Arbeit zum »Expressionismus der Lyrik«,[9] gemäßigter in seiner letzten Arbeit »Über Ernst Stadler«).[10]

Nachdem sein Habilitationsstipendium durch die Inflation entwertet worden war, (aber auch, weil S. sich der Karriereprobleme eines »jüdisch« stigmatisierten Wissenschaftlers bewußt war und in einen Konflikt mit seinem Betreuer und Doktorvater von Kraus geraten war),[11] orien­tierte er sich um: kurze Zeit arbeitete er noch bei der Wörter­buchkommission der Bayr. AdW (und legte hier wohl die Grundlage für seine späteren lexikographischen Arbeiten), war dann vorüber­gehend Hauslehrer; von 1924-1926 arbeitete er an der Deutschen Bücherei in Leipzig; danach war er als freier Schriftsteller tätig, lehrte aber auch an der Leipziger Volksakademie.

Er war ein en­gagierter pazifistischer Publizist, der sich mit der monarchistischen Reaktion anlegte (und seine Rolle als schwer ver­wundeter Frontsoldat gegen die Offizierskaste auch zornig auszu­spielen wußte, s. »Die Gardes du Corps holen ihren Krieg nach«).[12] Er veröffentlichte auch in Publikationen der Linken gegen Militarismus, Rassismus und Na­tionalismus.[13] Aufklärend-publizistisch machte er sich an Sachbücher, veröffentlichte u.a. eine Lassalle-Biographie, die offensichtlich so erfolgreich war, daß sie am 10.5.1933 auf dem Scheiterhaufen ver­brannt wurde. Nur als Manuskript im Nachlaß ist eine agitatorische Schrift (mit expressionistischen Stilelementen) überliefert, in der er sich mit den politischen Verhältnissen und insbesondere auch ihren medialen Inszenierungsformen auseinandersetzt (»Müllers Esel – der bist Du«, datiert 1937, eine zweite Fassung ist datiert 1941).[14]

Vor allem war er literarisch tätig (wie übrigens auch seine Frau, Erna [Selo-]Moser). Er schrieb Hörspiele, weil ihn die Innovation des Rundfunks faszinierte, die er im Sinne einer zeitgemäßen Literatur der »Neuen Sachlichkeit« explorierte. So versuchte er eine neue Dramaturgie zu entwickeln, die die technischen Möglich­keiten realisierte – statt anachronistisch Theater auf den Funk zu bringen, wobei er sich mit Brecht einig wußte, auf den er sich gelegentlich auch explizit bezog, s. etwa seine polemische Kri­tik, von der sich die Redaktion der Zeitschrift zugleich mit dem Abdruck heftig distanzierte: »Umsturz des Hörspiels«;[15] zu seiner Stellung zu Brecht s. auch »Revolution des Theaters. Brechts ›Versuche‹ über das ›Lehr­stück‹«.[16] In seinen Hörspielen setzte er seine Vorstellungen um,[17] auch noch später in der US-Emigration. Er versuchte sich auch mit einem »Sachbuch«, das die moderne Technik als Abenteuer im »Mate­rial« einer Polarexpedition sichtbar machen sollte.[18]

1929 erhielt er eine Stelle bei der Mitteldeutschen Rundfunk AG (MIRAG) in Leipzig, wo er 1930 zum Leiter der Kulturabteilung avancierte. Außer seiner Vorliebe (als Autor wie als Regisseur) für Hörspiele verfolgte er seine politische Journalistik weiter – vor allem auch in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. 1933 wurde er aus rassistischen Gründen entlassen und seine Bücher wurden verbrannt. Er verlagerte mit seiner Familie seinen Wohnsitz nach Italien (regulär lebte er aber erst ab 1935 in Florenz), arbeitete für den Berner Rundfunk und war unter Pseudonymen auch weiter in Deutschland publizistisch tätig. 1936 führt das Propagandaministerium in einem Erlaß seine Bücher unter den nicht-zugelassenen auf. 1937 kehrte er zur Paßverlängerung nach Deutschland zurück, wo er 1934 noch eine Frontkämp­ferauszeichnung erhalten hatte. Er wurde als politischer Gegner festgenommen und bis 1939 in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald inhaftiert. 1939 verschafften ihm die Bemühungen seines vorher schon in die USA ausgewanderten Freundes Paulsen die Freilassung (über ein »Lösegeld«) und die Ausreise über Kuba in die USA, wo er zunächst (trotz fehlender Englischkenntnisse) eine Unterrichtsstelle am Southwestern College in Memphis/Tennessee hatte. 1940 wurde er ausgebürgert und ihm daraufhin auch die Promotion aberkannt.[19]

Seine Versuche, als freier Schriftsteller zu reüssieren, mißlangen,[20] so daß er auf seine akademischen Tätigkeiten für den Lebensunterhalt angewiesen war. Bis 1941 behielt er die Stelle an dem College in Memphis bei. Seine damalige Position in der deutschen Emigrantenszene bezeugt die von ihm gemeinsam mit W. Paulsen herausgegebene Festschrift für S. Singer (»Corona«),[21] zu der u.a. H. Sperber, L. Spitzer, G. von Grunebaum – aber auch Thomas Mann Beiträge lieferten. Von 1941-1945 hatte er eine Forschungsstelle an der Yale Univ., zwischendurch war er 1943/1944 als Gastprofessor am Kenyon College in Gambier/Ohio. 1945 kam er an die Johns Hopkins Univ. in Baltimore, zunächst als Gastprofessor, ab 1946 als o. Prof. Hier arbeitete er mit Spitzer zusammen, mit dem er 1949 auch eine methodische Kritik an einem mit unzureichenden Mit­teln unternommenen Versuch einer Sprachkritik des Sozialpsycholo­gen Thorner vorlegte, der die autoritäre Persönlichkeitsstruktur der Deutschen direkt an deutschen Wortbeispielen abzulesen ver­sucht hatte (»German words, German personality and protestantism again«).[22] Für das amerikanische Bildungssystem waren gerade die Breite seiner fachlichen Ausrich­tung und seine publizistische Praxis gute Erfolgsbedingungen, und so veröffentlichte er 1949 bereits ein offensichtlich erfolg­reiches Lehrbuch »Deutsche Kulturepochen« (das mir nicht zugäng­lich war, s. Strich [Q], S. 11).

In Verbindung mit seinen frühen Inter­essen fand er seinen Arbeitsschwerpunkt jetzt quer zu den in der Großgermanistik kanonisierten Epochen, vor allem beim Frühneuhoch­deutschen. Ausgangspunkt war für ihn ein Projekt, das er seit seiner Münchener Wörterbucharbeit schon verfolgte: die Wort­schatzsammlungen und generell die ältere, vor allem frühneuzeitliche Lexikogra­phie, die im Kontext des Buch­drucks den Standardisierungsprozeß des Deutschen vorantrieben. Die Publikation einer Monographie zu einem solchen Wörterbuch, dem Dasypodius (mehrere Auflagen zwischen 1537-1569), kam allerdings nicht zustande;[23] aus den Vorarbeiten resultierten aber eine Reihe von Ein­zelstudien, die außer der Lexikographie bes. auf die frühen Drucke (vor allem die Bibeldrucke) Bezug nahmen, s. u.a. »Der Druckort der Schriften des Thomas von Imbroich«;[24] »Taucher und tauchen«;[25] »Die Wortbildung ›zirlin – mirlin‹«;[26] »Die Mentelbibel«.[27]

Das Frühneuhochdeutsche interessierte ihn als Gegenstück zu klassi­schen Epochen, für die er die traditionelle »Lachmannsche« Ideali­sierung der Sprachgeschichte bzw. kritische Textbearbeitung mit seinem Lehrer von Kraus als adäquat ansah (s. etwa seine Kritik an Virgil Moser in der Rezension zu dessen Grammatik).[28] Die Inhomogeni­tät der frühneuhochdeutschen Überlieferung ist für ihn die Voraus­setzung, auch in der Überlieferung die Dynamik der Sprachpraxis im Spannungsfeld sozialer und stilistischer Abgrenzung zu fassen – jenseits simplizistischer Reduktionen, sei es anachronistisch-un­historischer Romantizismen wie bei Frings (s. seine methodologische Kritik zu dessen »Grundlegung«),[29] sei es dialektologische Unsensibilität für die Dimensionen sozialer Praxis gerade auch in der Analyse der (ortho)graphischen Praktiken (s.o. zu V. Moser, auch »Die Reimsprache des ›Türkenka­lenders‹«),[30] die ihn umgekehrt auch dazu brachte, sich gerade mit den regionalen Fundierungen der neuen Sprachform gründlicher auseinanderzusetzen (außer dem Westoberdeutschen seiner lexikographischen Hauptquellen auch mit dem Niederdeutschen, s. etwa »Öwer Kopp un Wunnen«,[31] oder »Das Futurum als Ausdrucks­form der Ungewißheit«).[32]

Fern von allen linearen Konstruk­tionen, etwa der Sicht des Buchdrucks als per se fortschrittlichen Motors in einem linearen Entwicklungsmodell, betont er dessen in­strumentellen Charakter bei der Austragung von gesellschaftlich-kulturellen Widersprüchen, der auch verstärkend bei »rückschritt­lichen« Praxen wirkt (erneute regionale Partikularisierung der Druckersprachen nach der Reformation; soziale Demarkation nach un­ten bei der elitären Revision der Bibeldrucke nach 1525 u. dgl., s. »Der Anteil des Buchdrucks an der Bildung des Gemein­deutschen«)[33] und systematisch dann in sei­ner einflußreichen Gesamtdarstellung, die das Projekt einer histo­rischen Sprachsoziologie für die frühneuhochdeutsche Zeit entwirft: »Frühneuhochdeutsch«.[34]

Besonders reizte es ihn, diskursive Formationen unter ihrer selbst de­klarierten Oberfläche herauszupräparieren: den vorgeblichen Popu­lismus der »Grobianismen« als intellektuelle Demarkation vom Volk (entsprechende Texte, auch niederdt., machte er in einer Ausgabe zugänglich: [mit Th. P. Thornton, Hgg.] »Grobianische Tischzuchten«),[35] den vorgeblichen gemeindeut­schen Ausgleich in den Drucker-Glossaren zur frühen Bibelüberset­zung Luthers, die deren sozial nach unten durchlässige Sprache wieder ausgrenzten u.a. mehr. Diese Fragestellung brachte ihn zu einer systematischen Auseinandersetzung mit der Fachgeschiche, die er bes. auf seinem Spezialgebiet, der Lexikographie, in Bezug auf das Grimm­sche Wörterbuch betrieb: die romantische Grundhaltung einer Volkswissenschaft bewundert er bei den Grimms (er bringt in die Würdigung von deren Bemühen um Wirkung, also um Volkserziehung, wohl auch autobiogra­phische Momente ein), lehnt aber die unhistorische Verdrängung der Modernen ab, die aus Sprachwissenschaft letztlich eine Pseudo-Natur­wissenschaft macht, indem sie Etymologie anstelle von Wortgeschichte treibt (s. »Jacob Grimms romantische Schriftauffassung«;[36] »Spätromantik im Grimmschen Wörterbuch«[37] – in erweiterter Fassung auch wieder als »Das Grimmsche Wörterbuch als Dokument der Romantik«).[38] Gegen den romantischen Normati­vismus verlangt er z.B. eine Analyse der modernen Orthographie als Aus­druck der modernen sprachlichen Verhältnisse.[39]

Von dieser Position aus unternahm er Ausflüge in den gesamten germanistischen Untersuchungszeitraum, bei denen er das Spannungsfeld aufspürte, in dem die Überlieferung als inhomogen aufzuzeigen ist – mit ironischen Spitzen gegen die herrschende (germanentümelnde) Lehre, die eine homogene lineare Entwicklung postuliert. So analysierte er marginale Texte (»Der zweite Merseburger Zauberspruch«),[40] wie auch kanonisierte Texte (»Das Nibelungenlied«)[41] und eben auch in der Gegenwartsliteratur vor allem extreme Ausdrucksformen (s.o. zum Expressionismus und auch zu seiner letzten nachgelassenen Arbeit zu Stadler, der wie S. selbst auf die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg reagierte). Die sprachliche Heterogenität des Deutschen war für ihn in der stilistischen Ausarbeitung, aber auch in dialektalem Material und nicht zuletzt in der historischen Entwicklung durch die Auseinandersetzung mit dem Lateinischen gegeben.[42]

Für seine späten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen spielten an­scheinend die spezifischen US-amerikanischen Entwicklungen keine besondere Rolle (er wurde nicht Mitglied der Lingui­stic Society) - für ihn war weiterhin die Konfrontation mit dem aka­demischen Junggrammatismus bestimmend, gegen den er auch noch in den letzten Jahren zu Felde zog (s. seinen systematischen Pro­blemaufriß »Neue Probleme der deutschen Philologie«).[43] Hier ordnet er sich explizit in das Vosslersche Programm ein; bereits vorher entwickelte er in seinem zweiteiligen Aufsatz »Zur Geschichte des Artikels im Deutschen«[44] exemplarisch eine »Syntax als Geschichte« (1942: 22). Ausgehend von Behaghel rekon­struiert er stilistische Optionen in der Determiniertheitskorrela­tion bei verschiedenen Autoren (»magischer« Heliand vs. »rationa­listischer« Otfried), beim Wandel in der sozialen Orientierung ei­nes Autors (Jean Paul im Kontext der französischen Revolution) usw. Methodisch sorgfältig kontrolliert er Kontextbedingungen (z.B. Determiniert­heit durch den bestimmten Artikel vs. durch ein Genitiv-Komple­ment, das in der Frühzeit mit dem bestimmten Artikel unverträglich ist) und zeigt vor allem, daß die formal gleiche Erscheinung in verschie­denem Kontext verschiedene soziale Bedeutung haben kann (artikel­loser Stil bei O. Spengler vs. Kant); aber auch signifikante ge­meinsame Züge signalisieren kann (expressionistische Dichtung vs. totalitärer Sprachgestus im Nationalsozialismus). Diese Differen­zierung bestimmt später auch seine schon erwähnte, mit Spitzer ge­meinsam vorgebrachte Kritik an Thorners Sprachkritik (s.o.).

Vor dieser Folie kritisiert er die psychologisie­rende Sprachkritik Hans Sperbers (bei weitgehender Zustimmung in der Sache) als nicht sprachwissenschaftlich.[45] Im gleichen Sinne reagierte er auch gereizt auf Curtius' bedeutungs­vollen Gestus, der methodische Kontrolle unterbindet – bei allem Respekt vor der philologischen Leistung von dessen »Europäischer Literatur«,[46] die aber (ähnlich wie bei Grimm) in der romantischen Tradi­tion der Verweigerung vor der erforderlichen Analyse der Moderne steht. So führt S. merkwürdig deplaziert den kritischen Diskurs der späten 20er Jahre in den USA fort – anscheinend auf seinem Spezialgebiet unangefochten und respektiert, ohne die polemischen Interventionsgelüste seines geistesverwandten Kollegen Spitzer – und ohne dessen Schwankungen in den eingenommenen Positionen.

Ob­wohl die äußeren Stationen seines Lebens dramatische Brüche aufwiesen, hat er sein frühes Anlie­gen (und auch frühe Formulierungen) einer Wissenschaft, die be­lehren will, und einer Auseinandersetzung mit Kunst, die die Erziehung zum Kunstgenuß voraussetzt, bis in sein Spätwerk durchgehalten. Was sich ändert, ist die zunehmende methodische Stringenz seiner Argumentation – wohl nicht so sehr in Reaktion auf das spezifische US-amerikanische Wissenschaftsmilieu (aus dem er häu­fig Autoren zitiert, die selbst Immigranten waren, wie O. Springer u.a.), als viel­mehr wohl in Reaktion auf die hier bewußt eindeutig als Lebensauf­gabe angenommene wissenschaftliche Arbeit (dafür spricht auch sein offensichtlicher Erfolg als Hochschullehrer, der in den Nachrufen und Würdigungen herausgestellt wird, und für den auch seine Karriere in den USA spricht).

Obwohl er nach 1945 den Kontakt zu seiner alten Universität München wieder aufnahm und dort Vorträge hielt, machte die Universität bis 1996 keine Anstalten, den 1940 verfügten Entzug des Doktorgrades wieder rückgängig zu machen.[47] 1953 erhielt S. einen Ruf an die Univ. Frankfurt/M., kam auch für ein Semester zu einer Gastprofessur, nahm den Ruf aber nicht an und kehrte wieder in die USA zurück. Gegenüber einer Rückkehr­perspektive fühlte er sich wohl in den USA zuhause – so wie er von dort aus das Deutsche betonte (und Bedenken gegen Partialperspektiven etwa aus skandinavischer Sicht auf den niederdt.-hansischen Raum anmeldete).[48] Er publizierte durchgängig auf Deutsch und hielt das Bild einer unkorrumpierten deutschen Germanistik hoch,[49] deren »positive« Vertreter er passim als wissenschaftli­che Autoritäten anführte (Brinkmann, Gumbel, Teske u.a.), wie er auch in der deutschen Germanistik präsent blieb, vor allem über seine Beziehungen zu Stammler, mit dem er gemeinsam als Herausgeber der »Texte des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit« firmierte. Unterhalb dieses Arrangements mit der Nachkriegsgermanistik (auch mit »belasteten« Kollegen) blieb für ihn aber die Erfahrung mit der »Barbarei« in Deutschland bestimmend, die vor allem in einer nachgelassenen Sprachgeschichte explizit greifbar wird: »Die Deutschen in Europa. Kulturgeschichtliches Lesebuch« (editorisch von W. Paulsen bearbeitet).[50]

Q: Sternfeld/Tiedemann 1970; BHE; IGL (T. Wittenbrink); F. Strich, Vorwort zu ds. (Hg.), »A. Sch.: Germanistische Studien«, Hamburg: Hauswedell 1957 (S. 8-17), in diesem Band S. 438-451 eine (unvollständige) Bibliographie; W. Paulsen, Nachwort, in ds. (Hg.), »A. Sch.: Frühe Hörspiele« (Kronberg/Ts.: Scriptor 1976: 157-162); K. H. Christ, »Über A. Sch.«, als Einleitung zur Ausgabe »Der Weg zum Pol«, Heidelberg: Winter 1989: 7-14. Nachrufe: W. H. McClain, in: Monatshefte f. d. Deutschunterricht 46/1954: 346-347; W. Stammler, in: Z. dt. Ph. 74/1955: 434-436. Zu seinem publizistischen und literarischen Werk, s. H. Heinze in: Amsterdamer Beiträge z. Neueren Germanistik 31-33/1990/1991: 713-729.



[1] Wilhelm revanchierte sich dafür, indem er S. jede wissenschaftliche Qualifikation absprach und seine Reimgrammatik als »Gipfel wissenschaftlicher Demoralisation« qualifizierte (so in der Einleitung zu Bd. 1 seines »Corpus althochdeutscher Originalurkunden bis zum Jahre 1300«, Lahr 1932: 58*-59*). Zur Schärfe der Auseinandersetzung wird beigetragen haben, daß S. für Wilhelm vor allem ein Schüler von von Kraus war (s. bei F. Wilhelm. Zur Kontroverse s. Harrecker 2007).

[2] Teilabdruck in: B. Gesch. dt. Spr. u. Lit. 47/1923: 1-126.

[3] In: B. Gesch. dt. Spr. u. Lit. 50/1926: 296-301.

[4] In: Z. dt. Ph. 73/1954: 353-364.

[5] In: Mod. Lg. N. 57/1942: 62-64.

[6] In: Rufer und Hörer 2/1932: 265-268.

[7] »Otfried von Weißenburg«, in: Dt. Vierteljahresschrift f. Lit.wiss. u. Geistesgesch. 4/1926: 74-96.

[8] In: Monatshefte f. dt. Unterr., dt. Spr. u. Lit. 33/1941: 350, Anm. 2.

[9] 1926, nachgedruckt in Strich (Q) 1957: 20-117.

[10] 1954, postum nachgedruckt in Strich (Q) 1957: 417-435.

[11] S. Stammler (Q): 434.

[12] In: Das Tagebuch 10/1929: 1349-1354.

[13] S. etwa in: Der Kulturwille. Monatsblätter f. Kultur d. Arbeiterschaft 8/1931: 52, 107 u. 36*; oder ebd. 9/1932: 14-15 u. 28; auch »Kriegswissenschaft«, in: Das Tagebuch 10/1929: 1682-1684.

[14] Im Literaturarchiv Marbach.

[15] In: Der Deutsche Rundfunk 9/1931: 6-7.

[16] In: Der Kulturwille 8/1931: 52.

[17] S. jetzt den Sammelband, hg. von W. Paulsen, »A. Sch.: Frühe Hörspiele«, Kronberg/Ts.: Scriptor 1976.

[18] H. Christ/H. Heinze (Hgg.), »A. Sch.: Der Weg zum Pol. Sehnsucht, Opfer, Eroberung«, Hei­delberg: Winter 1989 – mit einer literaturgeschichtlichen Würdi­gung S.s durch Heinze im Nachwort.

[19] S. Harrecker 2007: 360-361.

[20] Für Einzelheiten s. die Geschichte seines auch stark autobiographisch geprägten Projektes »Der Weg zum Pol«, in der Einleitung zur Ausgabe von 1989.

[21] Durham: Duke UP 1941.

[22] In: Psychiatry 12/1949: 185-187.

[23] S. jetzt die Publikation aus dem Nachlaß durch K. P. Wegera, »A. Sch.: Studien zur frühneuhochdeutschen Lexikogra­phie und zur Lexikographie des 16. Jhdts.«, Heidelberg: Winter 1987.

[24] In: Mod. Lg. N. 58/1943: 346-350.

[25] In: Mod. Lg. N. 61/1946: 330-334.

[26] In: J. Engl. a. Germ. Phil. 47/1948: 398-402.

[27] In: Mod. Lg. N. 68/1953: 301-303.

[28] In: Anz. f. dt. Altert. u. dt. Lit. 66/1952/1953: 132-140.

[29] In: Mod. Lg. N. 66/1951: 190-194.

[30] In: Mod. Lg. N. 64/1949: 372-379.

[31] In: Mod. Lg. N. 57/1942: 264-268.

[32] In: Monatshefte f. dt. Unterr., dt. Spr. u. Lit. 45/1953: 268-271.

[33] Erschienen 1957 in der Dt. Vierteljahresschrift, repr. in den »Kleinen Schriften«, S. 251-298.

[34] In: W. Stammler (Hg.), »Deutsche Philologie im Aufriß«, Berlin: Schmidt 1952 u. spätere Auflagen, z.B. ²1970, Bd. I, Sp. 855-930.

[35] Berlin: Schmidt 1957.

[36] In: Imprimatur 1/1930: 88-100.

[37] In: The German Quarterly 15/1942: 204-213.

[38] In: Philobiblon 1/1957: 308-323.

[39] Als kuriose Ironie sei angemerkt, daß er in seinem o.g. Aufsatz von 1930 die von Grimm anachronistisch postulierte Antiqua-Reform unter den Vorzei­chen von »Pan-Europa« in der Mitte des 20. Jhdts. auf der Tagesord­nung sah – und damit unfreiwillig den entsprechenden NS-Schrifter­laß von 1941 antizipierte!

[40] In: S. Paulsen, Festschrift Singer 1941: 117-141.

[41] In: Monatshefte für Deutschunterricht 46/1954: 365-373.

[42] S. Mod. Lg. N. 65/1950: 287-288 – als Rezension zu W. Betz, »Deutsch und Lateinisch« (1949).

[43] Zuerst 1947 in J .Engl. a. Germ. Ph., in: »Kleine Schriften«, S. 223-250

[44] In: Monatshefte f. dt. Unterr., dt. Spr. u. Lit. 33/1941: 349-355 u. 34/1942: 14-22.

[45] In: Monatshefte f. dt. Unterr., dt. Spr. u. Lit. 46/1954: 396-397 – als Rezension zu Sperber/Estrich, »Three Keys to Language« (1952).

[46] S. seine Rezension in J. o. Engl. a. Germ. Ph. 49/1950: 395-399.

[47] Erst 1996 wurden alle damaligen Aberkennungen an der Universität München für ungültig erklärt, s. Harrecker 2007: 12.

[48] S. Mod. Lg. N. 61/1961: 569-571, in einer Rezension zu Korlén und den Lunder Niederdeutschen Mitteilungen.

[49] So z.B. in J. Engl. a. Germ. Ph. 46/1947, Anm. 14.

[50] Als Manuskript im Literaturarchiv Marbach.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 23. Juli 2013 um 09:45 Uhr