Schaeffer Philipp

Geb. 16.11.1894 in Königsberg, am 13.5.1943 hingerichtet.

 

Als Kind ist S. mit der Familie nach Petersburg übergesiedelt, wo er 1913 das Abitur machte und ein Studium der Orientalistik begann. 1914-1917 mit der Familie interniert, nach der Befreiung 1917 durch die sozialisti­sche Revolution 1918 Rückkehr nach Deutschland und seit 1920 Stu­dium der Indologie und Sinologie in Heidelberg (als Werkstudent, der sein Stu­dium selbst finanzieren mußte, wie seine Kommilitonin A. Seghers später anschaulich schilderte).[1] 1923 promovierte er bei dem Indologen/Tibetologen Walleser (1874-1954) in Heidelberg. Die Dissertation (»Yukti ṣaṣtikā karikā des Nāgārjuna«, Heidelberg, masch.-schr. 1923 – auch gedruckt als »Yukti-sastika. Die 60 Sätze des Negativismus«)[2] über­setzt jeweils eine tibetische und chinesische Version eines kurzen philosophischen Traktats des indischen Mönchs Nagarjuna (2.-3. Jhd.), der nicht im Sanskrit-Original überliefert ist. Die beiden Übersetzungen sind ausführlich kommentiert, die chinesische zu­sätzlich noch durch eine Konkordanz der Wortformen (1124 Zeichen) erschlossen. S. bemüht sich dabei auch, aus Differenzen zwischen den beiden Versionen die originale Sanskritfassung zu extrapolie­ren.

S. war offensichtlich zunächst bei seinem Lehrer Max Walleser Assistent, den er bei der Herausgabe der »Materialien zur Kunde des Buddhismus«[3] unterstützte (dort war auch die o.g. Druckfas­sung seiner Dissertation als Heft 3 erschienen); u.a. übersetzte er für diese Reihe aus dem Russischen O. Rosenberg, »Die Weltanschauung des mo­dernen Buddhismus im fernen Osten« (Heft 6/1924). Um 1925 zog S. nach Berlin, wo er verschiedenen Jobs nachging: Gelegenheits­arbeiter in der Filmindustrie, Bibliothekar bei verschiedenen Bü­chereien, seit 1928 an der Volksbibliothek.[4] Daneben arbeitete er an einem chinesisch-deutschen Wör­terbuch, dessen Materialien später von der Gestapo beschlagnahmt wurden und seitdem verschollen sind. Seit 1928 war er als Mitglied der KPD im politischen Kampf engagiert, weshalb er 1932 entlassen wurde. Nach 1933 setzte er die politische Arbeit in der Illegalität fort (sowohl im Rahmen von Arbeitersportvereinen als auch in bürgerlich-kulturellen Zirkeln); an der Berliner Uni­versität leitete er eine studentische Widerstandsgruppe »Rote Standarte«. Zusammen mit seiner ebenfalls politisch aktiven Frau Ilse wurde er wiederholt inhaftiert, von 1935-1940 im Zuchthaus Luckau. Auch im Zuchthaus bemühte er sich, mit seinen Mitinhaftier­ten die Sprachstudien fortzusetzen; dazu organisierte er dort einen Sprachunter­richt (so nach seinem Schicksalsgenossen W. Guddorf, s. dazu bei Kraushaar, Q, Bd. I: 345). Nach der Entlassung arbeitete er wieder in Gelegenheitsjobs und war gleichzeitig in der Schulze-Boysen/Harnack-Organisation (»Rote Kapelle«) aktiv. Mit deren Aushebung wurde er am 2.10.1942 verhaftet, im Februar 1943 zum Tode verurteilt und am 13. Mai 1943 hingerichtet (zu seiner Rolle in dieser Widerstandsorganisation s. Höhne 1970 passim).

Q: Weisenborn 1953; J. Mader, »Philipp Schaeffer«, in: Asien-Afrika-Lateiname­rika 2/1974: 982-988; A. Seghers, L. Kraushaar u.a. (Hgg.), »Deutsche Widerstandskämpfer 1933-1945«, Berlin: Dietz, Bd. II: 138-140; Ausstellung zu S. 2007 im Zentrum Moderner Orient, Berlin; Univ. Archiv Heidelberg sowie Auskünfte von dessen Leiter Dr. Renger (1991).[5]



[1] A. Seghers, »Erinnerungen an Ph. Sch.« in: Neue Berliner Illustrierte 31. Jg., Heft 45/1975: 10-11 (repr. in P. Roos/F. Hassauer-Roos (Hgg.), Anna Seghers - Materialienbuch. Neuwied: Luchterhand 1977: 160-163) mit weiteren Hinweisen zur Biographie von S.

[2] Leipzig: Harrassowitz 1924.

[3] Heft 1/1923ff. – in Kommission Leipzig: Harras­sowitz.

[4] Berlin, Brunnenstraße – diese Bibliothek ist seit 1952 nach ihm benannt.

[5] Seine Promotionsakte ist im Universitätsarchiv Heidelberg nicht mehr vorhanden (Auskunft von Dr. Renger). Es bleibt noch zu prüfen, ob das auf eine repressive Maßnahme (Aberkennung der aka­demischen Rechte nach dem Hochverratsprozeß) zurückgeht.