Samuelsdorff, Paul Otto

Geb. 26.3.1923 in Hamm.

 

S. wuchs in einer jüdischen, aber nicht sehr religiös orientierten Familie auf, die ihn 1933 in ein Landschulheim nach England schickte. 1936 wanderte er mit der Familie nach Palästina aus, die dort auch 1938 die Staatsbürgerschaft erwarb. 1941 machte er in Tel Aviv das Abitur, von 1942 bis 1946 leistete er den britischen Militärdienst in Nairobi und Kairo, machte in dieser Zeit als Externer in London eine weitere Hochschulzugangsprüfung und nahm das Studium in fremdsprachlichen Fächern auf. 1948 bis 1951 leistete er noch den israelischen Militärdienst, von 1951 bis 1956 war er beruflich im kaufmännischen Bereich tätig.

Nach seiner eigenen Darstellung (»Gedanken zum heutigen Antisemitismus«, Q) kehrte er 1956 nicht zuletzt aus anti-zionistischen Gründen nach Deutschland zurück und nahm an der Universität Köln das Studium der Philosophie und allgemeinen und vergleichenden Sprachwissenschaft auf. 1962 Promotion, danach in einem Forschungsprojekt zur maschinellen Übersetzung (Englisch/Hebräisch), in dessen Rahmen er auch einen einjährigen Studienaufenthalt an der Universität Texas absolvierte. Nach Abschluß des Forschungsprojektes 1967 wurde er Lektor an der Universität Köln für mathematische Linguistik, unterbrochen von einer Dozentur für Sprachwissenschaft in Nairobi (1980-1982). Auch nach der Pensionierung 1985 lehrt er weiter an der Universität Köln, vor allem im Bereich der afrikanischen Sprachen sowie der formalen/mathematischen Linguistik, verbunden mit Gastdozenturen an den Universitäten Nairobi und Lissabon.

In seiner Dissertation »Sowjetische Sprachphilosophie seit 1950«[1] referiert und diskutiert er die sowjetische Sprachreflexion seit den Stalinbriefen 1950, die in den sozialistischen Staaten eine relative Öffnung der Diskussion erlaubten. Die Grundlinie bei S. ist philosophisch ausgerichtet: als Kritik am dialektischen Materialismus, mit der er nachzuweisen versucht, daß die Argumentation weder durch dialektische Figuren noch durch den axiomatisch gesetzten Materialismus gewinnen kann. Für die Klärung des Verhältnisses von Logik und Grammatik fordert er eine unabhängige Darstellung der logischen gegenüber den sprachspezifischen grammatischen Verhältnissen (bes. S. 81). Er hält sich an die erkenntnistheoretischen Argumentationslinien, bei denen nur gelegentlich sprachspezifische Fragen auftauchen (zur Satzdefinition S. 59-61; zum Problem der Kopula im Urteil, besonders bei russischen Nominalsätzen, S. 62; zu unpersönlichen Sätzen, im Russischen wieder ohne expletive Pronomina, vergleichbar dt. es, S. 74-77). Nur an der Darstellung des formalen Ansatzes von Šaumjan (S. 91-93) zeichnet sich seine spätere wissenschaftliche Orientierung schon ab.

Unter der Leitung von Hansjakob Seiler[2] übernahm er in Köln ein Forschungsprojekt zur Syntax des Hebräischen als Grundlage für die automatische Übersetzung ins Englische. In diesem Rahmen arbeitete er sich systematisch in die formalen Modellierungen der Sprachwissenschaft ein, entsprechend der auf Implementierung ausgerichteten Diskussion in der maschinellen Übersetzung von vornherein wohl mit einer kritischen Distanz zur dominierenden generativistischen Linie, orientiert an der Position von Garvin, an dessen computerlinguistische Herangehensweise er sich auch anlehnt (»The Participle in Modern Hebrew – A Study in Automatic Ambiguity Resolution«).[3] In Deutschland war dieses Projekt eines der ersten, das in der damaligen einschlägigen Diskussion präsent war, vgl. noch »Versuch einer Programmierung des hebräischen Verbs«,[4] oder seine damalige Mitarbeit am »Handbuch der maschinellen Übersetzung und maschinenunterstützten Sprachübersetzung« von H. E. Bruderer.[5]

Im Rahmen des Kölner Universalien-Projektes (unter der Leitung von Seiler) vertrat er eine dezidiert theoretische Position, die auf einer metasprachlich zu verstehenden Modellierung insistiert, s. etwa »Thesen zum Universalienprojekt«.[6] Unter diesen Prämissen arbeitete er systematischer zu den Entwicklungen der formalen Linguistik, vor allem in Hinblick auf die semantische Modellierung, wie schon bei den Arbeiten zur maschinellen Übersetzung für ihn die Frage der Disambiguierung im Vordergrund gestanden hatte. In diesem Feld gehörte S. zu denen, die damals systematisch die Montague-Grammatik, also kategorialgrammatisch aufgebaute Analysen, aufnahmen, wobei er die Passung an sprachspezifische Probleme untersuchte: »On describing determination in a Montague Grammar«[7] (u.a. zur Frage der Repräsentation von Numerusdifferenzierungen), »Is the adverb a universal category?«.[8] Später rezipierte er systematisch die funktionale Grammatik von Simon Dik,[9] die empirischer orientiert ist, aber explizit auf ihre Implementierbarkeit abstellt, vgl. »Pronouns, adpositions, ›adverbs‹ and the lexicon«.[10]

In seiner Zeit in Nairobi hatte er sich schon systematisch in das Suaheli eingearbeitet, dessen Probleme ihm auch zur Illustration der funktionalen Grammatik dienten, u.a. auch auf den Jahrestagungen der Societas Linguistica Europaea 1980 und 1981 (1980 gemeinsam mit einem nairobischen Mitarbeiter, M. H. Abdulaziz), z.B. »The Treatment of Morphology in a Functional Grammar with Special Reference to Swahili«,[11] wo er in diesem Rahmen die Abgrenzung von Morphologie und Syntax behandelt, die sich in der agglutinierenden Morphologie der Bantusprachen als problematisch erweist, wobei für ihn die syntaktischen Funktionen der morphologisch gebildeten Konstruktionen ausschlaggebend sind, vgl. auch »Identification in Turkish«.[12]

Q: Vita; autobiographische Notizen unter dem Titel: »Gedanken zum heutigen Antisemitismus«;[13] Eine Zusammenstellung seiner Schriften ist inzwischen erschienen: P.O.S, Methoden der Linguistik und Wege der sozialen Kommunikation, Nümbrecht: Kirsch 2014 (mit einem Schriftenverzeichnis). Biographische Auskünfte von S.



[1] Köln: vervielfältigt 1962.

[2] Hansjakob Seiler, geb. 1920, von 1959-1986 Prof. für Allgemeine u. Vergleichende Sprachwissenschaft in Köln, der dort das seinerzeit maßgebliche Forschungszentrum für Sprachtypologie aufbaute, s. dazu Th. Stolz (Hg.), »Hansjakob Seiler: Universality in Language beyond Grammar: Selected Writings 1990-2007«, Bochum: Brockmeyer 2008, mit ausführlicher Bibliographie.

[3] In: P. Garvin/ B. Spolsky (Hgg.), »Computation in Linguistics«, Bloomington: Indiana UP1967 – Garvin nahm S.s Arbeit umgekehrt auch in dieses Handbuch auf.

[4] In: H. Eggers (Hg.), »Erstes Kolloquium über Syntax natürlicher Sprachen und Datenverarbeitung«, Wiesbaden: Steiner 1964: 28-36.

[5] München usw.: Saur Dokumentation 1978. S. Vorwort, S. 2 und das von S. beigesteuerte Kapitel mit einem Übersetzungsalgorithmus Englisch-Deutsch, S. 391-420.

[6] In: H. Seiler (Hg.), »Materials for the DFG International Conference on Language Universals held at Gummersbach, October 4-8, 1976«, Köln: akup (= Arbeiten des Kölner Universalien-Projekts 25) 1976: 73-77.

[7] In: H. Seiler (Hg.), “Language Universals: papers from the conference held at Gummersbach/Cologne, Germany, October 3-8, 1976”, Tübingen: Narr 1978: 267-276.

[8] In: G. Brettschneider u.a. (Hgg.), »Wege zur Universalienforschung« (FS H. Seiler), Tübingen: Narr 1980: 95-100.

[9] Simon C. Dik,, »Functional grammar«, Amsterdam: North-Holland 1978.

[10] In: H. Olbertz u.a. (Hgg.), »The structure of the lexicon in functional grammar«, Amsterdam: Benjamins 1998: 267-278.

[11] In: Folia Linguistica 16/1982: 385-398.

[12] In: W. Premper (Hg.), »Dimensionen und Kontinua«, Bochum: Brockmeyer 2004: 17-34.

[13] Berlin: Aphorisma Verlag 2000.