Ruben, Walter

Geb. 26.12.1899 in Hamburg, gest. 7.11.1982 in Ost-Berlin.

 

Nach dem Notabitur 1917 leistete er noch den Kriegsdienst, danach Studium des Indischen (Sanskrit) zunächst am Kolonialinstitut in Hamburg, wo er schon als Schüler begonnen hatte, die Sprache zu lernen. Er studierte Indologie in Bonn und in Berlin, promovierte 1924 bei Jacobi in Bonn, als dessen Schüler er sich betrachtete.[1] Die Dissertation »Die Lehre von der Wahrnehmung in den Nyāyasūtras III, 1«[2] rekonstruiert den Text dieser Abhandlung (im Sanskrit, zurückgehend wohl auf das 2. Jhd.) und erklärt ihn philosophiegeschichtlich im Kontext späterer Auseinandersetzungen im Buddhismus.[3] 1927 Habilitation bei Jacobi in Bonn, dem er in der Arbeit nachdrücklich dankt. Die Habilitationschrift: »Die Nyāyasūtras. Text, Über­setzung, Erläuterung und Glossar«[4] liefert die Edition nach »europäischer Methode« eines zentralen philosophischen Textes, den er inhaltlich ausführlich kommentiert. Später gibt er auch nachge­lassene Schriften Jacobis heraus, u.a. die kommentierte Überset­zung des »Triṃśikāvijñapti des Vasubandhu«.[5] 1931 habili­tierte er nach Frankfurt um, wo er als »Frontkämpfer« bis 1935 lehren konnte, obwohl er im Untergrund (von der Gestapo offensichtlich unbemerkt) im kommunistischen Umfeld aktiv war.

Seine frühen Arbeiten sind philologisch ausgerichtet, texteditorisch und textkritisch, gegebenenfalls mit ausführlichen Erläuterungen schwieriger Textpassagen, der Analyse von Wortbildungsproblemen u. dgl., so etwa seine »Studien zur Textgeschichte des Rāmāyaṇa«[6] mit einer umfassenden Kompilation der Überlieferung und einem ausführlichen Variantenapparat. Ähnlich hatte er vorher schon Studien zum Mahābhārata, dem literarischen Haupttext im Indien vorgelegt, auf den er auch diese Studien vergleichend bezieht, so etwa im engen Anschluß an Lüders in einer kritischen Würdigung der von Sukthankar begonnenen Ausgabe (s. bei Lüders): »Schwierigkeiten der Textkritik des Mahābhārata«.[7] Er publizierte auch später zur indischen Literatur- und Philosophiegeschichte.

1935 emigrierte er vor der rassistischen Verfolgung, aber auch als politischer Gegner des Regimes in die Türkei,[8] wo er durch Vermittlung von Lüders von 1935 bis 1948 eine indologische Professur an der neu gegründeten Universität Ankara innehatte. Von dort aus konnte er eine einjährige Forschungsreise nach Indien übernehmen (s.u.). Bis 1937 hatte er noch seine Lehrbefugnis in Frankfurt und konnte so seine Forschungsergebnisse 1936-1937 in Deutschland auswerten. Von Hamburg aus konnte er 1938 auch an dem internationalen Orientalistenkongreß in Brüssel teilnehmen, s. die Zusammenfassung seines Vortrags »Grundzüge der Recensio der Kṙṣṇa-Epik«.[9]

In der Türkei war er umfassend organisatorisch tätig und gab auch auf türkisch zahlreiche indologi­sche Schriften heraus, zuerst noch von türkischen Mitarbeitern übersetzt, später offensichtlich von ihm selbst. 1944 wurde er (wie seine Frau wurde er als »Halbjude« eingestuft) nach Deutschland zurückgerufen und auf seine Weigerung hin ausgebürgert. Daraufhin wurde die Familie in Anatolien interniert, was R. zu ethnographischen Studien in dem Ort, vor allem auch zu den Spuren der Armenierverfolgung dort nutzte.[10] 1948 migrierte er weiter nach Santiago de Chile, wo er an der Universität eine Professur für indische Sprache und Kultur innehatte; er beschäftigte sich aber auch mit den einheimischen vorkolumbianischen Kulturformen, u.a. auf ausgedehnten Reisen durch Südamerika zu den Hauptstädten des Inkareiches, wozu er später auch publizierte: »Tiahūanaco, Atacama und Araukaner«,[11] wobei er Parallelen zu seinen indischen Studien herstellt, bei denen er ebenfalls die Spannung von alten Stammeskulturen und Hochkultur herausgearbeitet hatte. Eigene (sprachliche) Quellenstudien hatte er in diesem Zusammenhang allerdings nicht betrieben.

1950 kehrte er aus politischer Überzeugung in die DDR zu­rück, wo er einen Lehrstuhl für Indologie an der Humboldt Universität hatte und seit 1955 das Institut für Orientforschung (mit)leitete. Obwohl er politisch zunächst sehr kritisch beurteilt wurde, und auch seinem Aufnahmeantrag 1950 in die SED erst nach mehreren Interventionen 1958 entsprochen wurde,[12] gehörte er später zum inneren Kern der wissenschaftspolitisch enga­gierten Professoren,[13] der in zahlreichen wissenschaftspolitischen Instanzen der DDR Leitungsfunktionen hatte und 1959 auch den Nationalpreis erhielt. Zu seinen Aktivitäten gehörte die Herausgabe der »Mitteilungen des Instituts für Orientforschung«, in deren Reihe er mehrere Festschriften veranstaltete (u.a. 1965 für F. J. Junker, 1966 für R. Hartmann). 1964 wurde er emeritiert.

Seine späten Veröffentlichungen sind deutlich politisch profiliert, bestimmt von der Dritte-Welt-Problematik (s. etwa seine Bemerkung zum Orientalistenkongreß 1964).[14] Er bemühte sich um die systematische Ausarbeitung einer marxistischen Rekonstruktion der »asiatischen Produktionsweise« auf der Grundlage seiner indischen Arbeiten, wozu er 1967-1973 eine sechsbändige Darstellung der »Gesellschaftlichen Entwicklung im alten Indien« publizierte, grundlegend Bd. 1 »Die Entwicklung der Produktionsverhältnisse im alten Indien«,[15] wobei die Besonderheiten des indischen (hinduistischen) Kastensystems mit der niedrigsten Schicht der Śūdra (»Unberührbaren«) im Vordergrund stehen, das für ihn nicht im Sinne einer Sklavengemeinschaft (mit der massenhaften Nutzung menschlichen Arbeitsviehs) zu sehen ist, weil dazu die Voraussetzungen in der Produktionsweise fehlen.

Grundlegend für dieses Unternehmen war die oben erwähnte Forschungsreise nach Nord-Ost-Indien (Bihar, Orissa) 1936/1937, s. »Eisenschmiede und Dämonen in Indien«.[16] Er analysiert dort den synkretistischen Charakter der Kultur des Volkes der Asûr, die damals noch relativ abgeschieden in einer Dschungelregion lebten. Mithilfe seines Dolmetschers dokumentiert er sprachliche Varietäten dieser Munda-Sprache,[17] reproduziert dabei aber nur die Wertungen des Dolmetschers, der assoziativ Hindi-, Munda-, drawidische und andere Sprachformen sieht (s. z.B. zu den aufgezeichneten Liedern, S. 67-68); um eine Analyse der tatsächlich wohl mehrsprachigen Verhältnisse bemüht er sich nicht. So stehen auch bei seinen späteren Studienbüchern (z.B. »Einführung in die Indienkunde«)[18] die sozialen und historischen Verhältnisse im Vordergrund; die Sprachverhältnisse werden nur benannt.

Q: Lebensläufe im Universitätsarchiv der Humboldt Universität sowie weitere Personalakten dort; LdS: permanent; BHE; Widmann 1973 mit Bibliographie; Wenig 1968; Sternfeld/Tiedemann 21970; Maria Schetelich: »Walter Ruben«, in: L. Boia, »Great Historians of the Modern Age. International Dictionary«, New York usw. 1991: 309; Heuer 1997; Kürschner 1970; H. Krüger (Hg.), Festschrift (»Neue Indienkunde«), Berlin: Akademie 1970 (mit Bibliographie); Stache-Rosen: 235f.; Hanisch 2001: 87; Hoss 2007: 176-177. Der Nachlaß liegt im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie. Diese hat auch ein Schriftenverzeichnis (über die dort zugänglichen Schriften) erstellt (2002): http://bibliothek.bbaw.de/kataloge/literaturnachweise/ruben/literatur.pdf.

 


[1] H. J. (1850-1937) hatte eine indologische Professur zunächst in Kiel (1885), dann seit 1889 in Bonn, wo er 1922 emeritiert wurde.

[2] Bonn: masch.-schr. 1924.

[3] Zusammenfassung in: Jb. der Philosophischen Fakultät Bonn 2/1924: 26-29.

[4] Leipzig: Dt .Morgenländ. Ges. Abh. 18/2, 1928.

[5] Stuttgart: Kohlhammer 1932 – Reihenherausgeber war pikanterweise der später mehr als linientreue Hauer.

[6] Stuttgart: Kohlhammer 1936 – lt. Vorwort 1931 bereits abgeschlossen und von Ankara aus in dieser von Kahle herausgegebenen Reihe »Bonner Orientalistische Studien« publiziert. Im Vorwort dankt er besonders Lüders.

[7] In: Acta Orientalia 8/1930: 240-256.

[8] Im Scurla-Bericht ist von seinen »linksradikalen« Ansichten die Rede (S. 57).

[9] In den Akten des Kongresses, Löwen: Muséon 1940: 177.

[10] S. (mit Fotos) »Haymatloz« 2000: 82-83. Der Sohn Gerhard hat die entsprechenden Aufzeichnungen inzwischen hg. (W. R, »Kırşehir: Eine altertümliche Kleinstadt Inneranatoliens«, Würzburg: Arbeitsmaterialien zum Orient. Bd. 13. 2003); s. auch dessen Darstellung des Lebens in der Internierung, zitiert bei Hoss 2007: 176-177.

[11] Leipzig: Harrassowitz 1952.

[12] Zu den entsprechenden Konflikten um R.s politisch verdächtige »Westemigration« mit Bekanntschaften mit »Gegnern« wie dem damaligen Westberliner Bürgermeister Ernst Reuter, aber auch dem damaligen Rektor der Freien Universität Rohde, s. »Haymatloz« 2000: 207-208.

[13] Auch Klemperer berichtet über sein politisch rigides Verhalten in den DDR-Tagebüchern. Entsprechende Hinweise (brieflich) auch von F. Wilhelm (München).

[14] In: Mitt. hist. Orientf. 10/1964: 1.

[15] Berlin: Akademie Verlag 1967.

[16] Leiden: Brill 1939.

[17] Das Asurî ist eine eng mit dem Mundari verwandte Varietät des Nord-Munda.

[18] Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften 1954.