Rosén, Hannah (geb. Steinitz)

Geb. 25.12.1931 in Berlin.

 

1934 emigrierte H. R. mit ihren Eltern nach Palästina.[1] Nach der Schule absolvierte sie 1952/1953 ihren Militärdienst und nahm dann das Studium der klassischen Philologie und Sprachwissenschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem auf, 1953 mit dem B.A. abgeschlossen. Im gleichen Jahr heiratete sie Haiim Rosén. 1956 machte sie den M.A.[2] und unterrichtete seitdem Latein an einem Gymnasium in Jerusalem bis 1983. In diesen Jahren setzte sie ihr Studium an Universitäten in Paris und Chicago mit einer sprachwissenschaftlichen Schwerpunktsetzung fort, z.T. wohl in Verbindung mit dortigen Gastprofessuren ihres Mannes. 1976 promovierte sie an der Universität Chicago. Seit 1980 ist sie Dozentin an der Hebräischen Universität in Jerusalem, seit 1986 als Assoc. Prof., seit 1989 als Professorin und zugleich Direktorin des Instituts für Klassische Philologie.

Ihre ersten Veröffentlichungen sind auf die Unterrichtspraxis abgestellt, v.a. auch mit Textanthologien aus dem Griechischen und Lateinischen, die sie zwischen 1956 und 1965 in Jerusalem auf Hebräisch herausgab. Gemeinsam mit ihrem Mann und v.a. wohl auch unter dem Einfluß ihres gemeinsamen Lehrers Polotsky arbeitete sie systematisch an sprachwissenschaftlichen Themen und steuerte z.B. auch zu der hebräisch publizierten Arbeit ihres Mannes »Unser Hebräisch«[3] das Kapitel über den komplexen Satzbau des Ivrit bei, der nicht mit Mustern des klassischen (biblischen) Hebräischen zu fassen ist, was einer der Hauptangriffspunkte in der mit diesem Buch ausgelösten Kontroverse war (s. bei H. B. Rosén).

Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist seit ihrer Dissertation das Lateinische, in der v.a. auch syntaktisch orientierten Untersuchung von dessen Umbau seit der altlateinischen Überlieferung bis zu der klassischen Zeit. Grundlegend für ihre späteren Arbeiten blieb die Dissertation über Nominalisierungen: »Studies in the syntax of the verbal noun«.[4] Hier baut sie ihre M.A.-Arbeit (s.o.) zu einer systematisch corpusbasierten Untersuchung der Nominalisierung im Lateinischen aus (mit der beabsichtigten vollständigen Auswertung altlateinischer Belege). Sie trennt die syntaktischen Potentiale deverbaler Bildung als propositionale Köpfe von ihren morphologischen Optionen (Möglichkeit der Pluralbildung u. dgl.), jeweils mit Fallunterscheidungen: Valenz der Verben, semantische Klassen u. dgl., ausführlich vor allem auch zur figura etymologica, ihren syntaktischen Funktionen und Ausbaupotentialen (101-127), Verbalnomina in periphrastischen Konstruktionen mit »leichten« (Funktions-)Verben (130-159) u. dgl. Kursorisch geht sie dort auch auf altirische Parallelen ein (bes. 127-130), s. dazu w.u.

In späteren Arbeiten hat sie diese Analyse weiter verfolgt und für speziellere Fragen konkretisiert, z.B. »The mechanisms of latin nominalization and conceptualization in historical view«,[5] in der sie zeigt, daß die altlateinische Syntax mit dem extensiven Gebrauch von Verbalnomina später durch eine verbalere Syntax mit partizipialen/konverbalen Konstruktionen bzw. auch finiten Sätzen mit äquivalenter Funktion abgelöst wurde; oder »General subordinators and sentence complements«,[6] mit einer detaillierten Studie über die faktiven Subjekte bei persönlichen Ereignisverben (accidit, evenit u.a.).

Ihre Arbeiten sind geprägt durch eine rigide formale Methodologie, zugleich durch die Erweiterung des syntaktischen Horizonts durch Fragen der Informationsstruktur (ausgerichtet auf die Arbeiten zur funktionalen Satzperspektive), so z.B. in »Die Arten der Prolepse im Lateinischen in typologischer Sicht«.[7] In ihren Arbeiten kumuliert sie ein großes Belegmaterial, v.a. auch in einer systematischen Auswertung des lateinischen Thesaurus. Das erlaubt ihr z.B. systematische diachrone corpusbasierte Studien zur Wortbildung, bei denen sie verschiedene zeitliche Schnitte auch in Hinblick auf verschiedene Stilregister der Quellen kontrolliert und dabei strikt syntaktisch relevante gegenüber syntaktisch irrelevanten Bildungstypen unterscheidet (in systematischer Auseinandersetzung mit der einschlägigen Forschung, u.a. mit Marchand): »Grammatical-converting and semantically mutating word-formation in the Latin lexicon«.[8]

Dabei greift sie auch zentrale Fragen der lateinisch-romanischen Sprachforschung auf: »The definite article in the making, nominal constituent order, and related phenomena«,[9] wo sie in einer strikt diachronen Textauswertung verschiedene Entwicklungsmomente trennt: die frühe grammatische Nutzung des späteren gemeinromanischen Artikeletymons ILLE zur Markierung nominaler Funktionen gegenüber der späteren Nutzung für semantische (»Definitheits«-)Funktionen; als Möglichkeit, die auch erst spät regularisierte Defaultworstellung (SUBJEKT ~ THEMA < OBJEKT ~ RHEMA) zu überschreiben, was sie im 4. Jhd. belegt findet (bei Augustinus).[10] Auch hier verfährt sie mit einer sorgfältigen Corpusauswertung, bei der sie die Analyse auf Relevanzstellungen (im Gegensatz zu einer großen Zahl syntaktischer Neutralisierungen) einschränkt, was ältere Arbeiten unterlassen haben, deren Auszählungen daher wenig aufschlußreich sind.

In kleineren Studien arbeitet sie auch auf anderen Feldern, etwa zur Etymologie (»On the plausibility of ancient etymologies«)[11] oder »Phonetica Latina varia«[12] mit der Rekonstruktion von Formdubletten (h- ~ f-), die auch scherzhaft in der Komödie genutzt wurden u. dgl.; oder auch zu grammatographischen Fragen: so in dem Nachweis, daß die terminologische Unterscheidung in einen »genitivus objectivus vs. subjectivus« sich erst im 19. Jhd. eingebürgert hat, während sie in der älteren Grammatikschreibung in anderen syntaktischen Konzepten verankert wurde (»The emergence of a syntactical notion: ›Genitive of the object‹ and ›Genitive of the subject‹ in continental Renaissance grammars of Latin«),[13] oder zu dem terminologischen Problem bei »Mitbedeuten« (consignificare), das sie als eine Reinterpretation einer antiken Lehnbildung eines griechischen Terminus nachweist (»Consignificare and ΠΡΟΣΣΗΜΑΙΝΕΙΝ: Re-evaluation of a grammatical term«).[14]

Schon in ihrer Dissertation (publiziert 1981, s.o.) war das Irische auf Anregung des Betreuers Hamp für sie als Kontrastsprache wichtig (pers. Mitteilung von R.), weil es ebenfalls in der Syntax einen extensiven Gebrauch von nominalen Verbformen macht. Kontrastierende Hinweise ziehen sich durch viele ihrer einschlägigen Arbeiten; dazu hat sie auch spezielle Studien vorgelegt z.B. »Periphrasis and figura etymologica in some sources of Middle Irish«.[15] Auch hier bildet wieder die Informationsstruktur den Horizont für die Analyse, indem sie zeigt, daß die analytische Prädikatsbildung, die den Verbinhalt nominal von einem finiten funktionalen Element trennt, eine große Flexibilität der Thematisierung oder auch Fokussierung erlaubt. Dabei stützt sich auch diese Arbeit wieder auf ein extensives Belegmaterial und operiert mit differenzierten Fallunterscheidungen. Ebenso ist es in ihrer Studie »Irish attitudinal expressions«[16], wo sie einerseits »Satzadverbien« analysiert (ausdrücklich mit Rückgriff auf die deutsche Grammatik), andererseits aber (angesichts des relativ marginalen Status von Adverbien im Irischen) systematisch Übersetzungsäquivalente, mit denen sie dieses Feld von Einstellungsmarkierungen strukturiert. Ihre Belege reichen von der altirischen Literatur bis zu modernen Comic Strips.

Daß sie Sprachwissenschaftlerin ist, zeigt sie nicht zuletzt dadurch, daß sie auch ganz andere Gegenstände behandelt, z.B. phonologische Neutralisierungen im gesprochenen Griechischen bei einer aus Griechenland eingewanderten Studentin in Jerusalem, bei der sie zusätzlich Interferenzen durch das Hebräische nachgeht (»Sibilants and cognate phones in one form of modern Greek«).[17] Polotsky widmet sie in einer gemeinsam mit ihrem Mann hgg. Schrift eine Studie »›Exposition und Mitteilung‹ – The imperfect as a thematic tense-form in the letters of Pliny«[18] – wie der (teilweise) deutsche Titel zeigt, eine Auseinan­dersetzung vor allem mit der deutschsprachigen lateinischen Lite­ratur, wobei sie explizit H. Weinrichs textlinguistische Tempusbe­grifflichkeit ihrer Analyse von Plinius’ Sprachgebrauch zugrunde­legt. R. gehört zu den ausgesprochen sprachwissenschaftlichen Vertretern der Klassischen Philologie, die als solche auch international in Erscheinung tritt, auf den Kongressen zur lateinischen Sprachwissenschaft, von denen sie 1993 auch selbst einen in Jerusalem organisiert und später herausgegeben hat. Zu ihren Arbeiten zum Keltischen gehören auch sprachliche Überblicksartikel für die Encyclopedia Hebraica.

Q: Auskünfte (Lebenslauf und Bibliographie) und Hinweise von H. R.; außerdem von Renate Steinitz (Berlin); Bibliographie bis 2001 auch in der FS: L. Sawicki/D. Shalev (Hgg.), »Donum grammaticum. Studies in Latin and Celtic linguistics in honour of Hannah Rosén«, Leuven usw.: Peeters 2002, sowie auf der Webseite der Univ. Jerusalem (http://www.huji.ac.il/dataj/controller/ihoker/MOP-STAFF_LINK?sno=360297&Save_t=).


[1] Sie ist verwandt mit Wolfgang Steinitz, der ein Vetter ihres Vaters war.

[2] Die M.A.-Arbeit galt der nominalen Syntax in einem Cato-Text.

[3] Ha-ivrit šelanu. Tel Aviv. 1955.

[4] München: Fink 1981.

[5] In: W. Haase/H. Temporini (Hgg.), »Aufstieg und Niedergang der römischen Welt«, Teil 2, Bd. 29.1, Berlin: de Gruyter 1983: 178-211.

[6] In: G. Caboli (Hg.), Proceedings of the 3rd Colloquium on Latin Linguistics (Bologna 1985), Amsterdam: Benjamins 1989: 197-218.

[7] In: O. Panagl/Th. Krisch (Hgg.), »Latein und Indogermanisch. Akten des Kolloquiums der Indogermanischen Gesellschaft, Salzburg 1986« (= Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Bd. 64), Innsbruck: Institut für Sprachwissenschaft 1992: 243-262.

[8] In: R. Coleman (Hg.), »New Studies in Latin Linguistics«, Amsterdam: Benjamins 1990.

[9] In: J. Herman (Hg.), »Linguistic Studies on Latin«, Amsterdam: Benjamins 1994: 129-150.

[10] Zu dem Problem der angenommenen »Gelenkspartikel« s. hier bei Lerch, dessen Arbeiten R. auch anführt.

[11] In: Historische Sprachforschung 101/1988: 116-126.

[12] In: P. Anreiter/E. Jerem (Hgg.), »Studia Celtica et Indogermania«, (= FS W. Meid), Budapest: Archaeolingua Alapívány 1999: 397-407.

[13] In: Folia Linguistica 12/1978: 267-283.

[14] In: Historiographia Linguistica 16 (3)/1989: 225-233.

[15] In: Z. celt. Ph. 43/1989: 53-83.

[16] In: Z. celt. Phil. 49/1997: 784-805.

[17] In: Phonetica 3/1959: 217-237. Das Problem der s-Laute hat sie auch bei ihrer o.g. etymologischen Studie (1999) aufgegriffen.

[18] In: H. u. H. B. Rosén, »On moods and tenses of the Latin verb«, München: Finck 1980: 27-48.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 08. November 2014 um 22:32 Uhr