Rohlfs, Gerhard

Geb. 14.7.1892 in Berlin, gest. 12.9.1986 in Hirschau.

 

1913 begann R. das Studium der Romanistik, klassischen Philologie und vergleichenden Sprachwissenschaft in Berlin, meldete sich 1914 als Freiwilliger zum Krieg, wurde verwundet und konnte daher nach 1916 das Studium fortsetzen. 1920 promovierte er mit einer sprachgeographischen, wortgeschichtlichen Dissertation in Berlin (s.u.). 1922 habilitierte er dort bereits mit einer Untersuchung zu einem seiner lebenslangen Forschungsschwerpunkte, den griechischen Dialektinseln in Süditalien (s.u.). Dadurch war er als Spezialist für diese Region ausgewiesen und wurde von Jaberg und Jud für ihren schweizer-italienischen Sprachatlas (AIS) angeworben, um dort die süditalischen Mundarten zu erheben.[1]

1936 wurde er zum ordentlichen Professor für romanische Philologie in Tübingen ernannt, was ihn nach eigenen Worten »zwang«, auch die romanische Literaturwissenschaft (Literaturgeschichte) zu vertreten. 1938 wurde er in München Nachfolger von Vossler, weil diese Stelle ausdrücklich auf die Italianistik ausgerichtet werden sollte und er nach allgemeiner damaliger Auffassung der dafür am besten ausgewiesene Romanist war. Aufgrund von Denunziationen wurde er 1944 unter Anklage gestellt und vom Dienst suspendiert. Gegen eine Geldstrafe wurde das Verfahren am Ende des Jahres wieder eingestellt (s. dazu w.u.), er konnte aber erst nach Kriegsende seinen Dienst regulär wieder aufnehmen. 1957 wurde er emeritiert und kehrte als Honorarprofessor wieder an die Universität Tübingen zurück, wo er 1986 starb.

R. war eine Institution im Fach, der mit Ehrungen überhäuft wurde: Gastprofessuren im Ausland, Ehrenmitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Organisationen (nicht nur in Italien, sondern auch im Baskenland), und nicht zuletzt auch einer Ehrenbürgerschaft in »seinen« süditalienischen griechischen Kolonien.[2]

R. gehörte zur Wandervogelgeneration, die Sprachwissenschaft »mit dem Stock in der Hand« im Gelände betrieb und sich explizit von der akademischen Schreibtischforschung abgrenzte. Bereits vor Studienbeginn hatte er Wanderungen mit Dialektbeobachtungen in Italien unternommen, auf die seine Dissertation zurückgeht, die er bereits in einer Vorfassung 1914 als Preisschrift der Universität Berlin vorgelegt hatte: »Ager, area, atrium. Eine Studie zur romanischen Wortgeschichte«:[3] hier war schon wie später durchgängig bei ihm der Sprachkontakt Thema und zugleich eine archaische »Rückzugsregion«, in der sich seine Forschungsinteressen bündelten.

In diesem Sinne kamen auch später ähnlich gelagerte Regionen der Romania hinzu: seit 1921 Süditalien mit dem Schwerpunkt bei den griechischen Kolonien (Feldforschungen dort seit 1921), wobei ihm über Vosslers Vermittlung die Befürwortung des damaligen italienischen Erziehungsministers Croce zu Hilfe kam. Darauf basierte seine Habilitationsschrift »Griechen und Romanen in Unteritalien. Ein Beitrag zur Geschichte der unteritalischen Gräzität«.[4] Für den AIS unternahm er zu Beginn der 20er Jahre ausgiebige Aufnahmekampagnen in Süditalien, mit Aufenthalten bis zu einem Jahr. Aus dieser Zeit stammt sein Kontakt zu den beiden Kahanes (H. Kahane, R. Kahane), die ihn damals schon bei seinen Aufnahmen in den griechischen Kolonien unterstützten. Ein weiterer regionaler Schwerpunkt war das Pyrenäengebiet, das für ihn durch den Sprachkontakt mit dem Baskischen interessant war – und wegen seiner sprachlich inkongruenten Gliederung zu den politischen Grenzen. Hinter diesen Arbeiten steckte auch ein Stück Abenteuerlust.[5]

Wegen seines Arrangements mit den politischen Agenturen, das ihm lange Zeit eine gradlinige Fortführung seiner Forschungen in der Zeit des Faschismus (in Deutschland wie auch in Italien) möglich machte, ist er in der jüngeren Fachgeschichtsschreibung heftig kritisiert worden.[6] Wie wenig er aber auf eine politische Linie eingeschworen war, zeigen seine Besprechungen von linientreuen Publikationen, die er in dem von ihm von 1931 bis 1954 herausgegebenen Archiv für das Studium der neueren Sprachen publizierte. Da kann man dann zu einem Elaborat lesen »Für solche ›Wissenschaft‹ gibt es nur eine Bezeichnung: Rassenfimmel! Und solcher Blödsinn wird in Kriegszeiten in einer Zeitschrift gedruckt, während für ernste und wertvolle wissenschaftliche Forschungen das benötigte Papier oft nicht bereitgestellt werden kann!«.[7] Im privaten Gespräch, und offensichtlich auch in seinen Lehrveranstaltungen war er nicht weniger direkt, was die o.g. Denunziationen auslöste. Bemerkenswert ist, daß der mit dem Verfahren befaßte Staatsanwalt das Verfahren nicht auf die lebensbedrohliche politische Ebene eskalieren ließ und R. nur mit einer Geldstrafe belegte.

In der Kritik an R. wurde sein vorgeblicher Antisemitismus öfters hervorgehoben. Kolportiert werden dementsprechende Bemerkungen v.a. von Klemperer, der allerdings eine von R.s Lieblingszielscheiben für unwissenschaftliches Arbeiten gewesen war und der sich daher immer schon gekränkt gefühlt hatte. In R.s Publikationen wird es gestützt auf eine Bemerkung in einer Rezension von 1938, an der v.a. auch Spitzer Anstoß genommen hatte: »Wenn von den literarischen Wegbereitern des ›neuen Frankreich‹ gesprochen wird, so sollte in Hinblick auf die hier behandelten Fragen unterschieden werden zwischen echten Franzosen und jüdischen Schriftstellern. Jedenfalls mutet es eigenartig an, den Juden André Suarès zwischen Paul Claudel und Charles Péguy eingereiht zu sehen«.[8] Immerhin liest sich dieser Satz etwas anders, wenn man ihn in den Kontext der Rezension stellt, die R. über das Buch »Frankreich und der Rassegedanke« (von E. Mangold, 1937) verfaßte, dem R. vorwirft, ungenügend verschiedene Rassebegriffe zu differenzieren: »[...] daß der französische Rassebegriff von anderen Voraussetzungen ausgeht als in der deutschen Auffassung. Rasse ist für den Franzosen keine primäre Gegebenheit, die blutmäßig und biologisch bedingt ist, sondern das Produkt einer gemeinsamen Erziehung«. Das ändert nichts an der Monstrosität der Formulierung (im politischen Kontext 1938), muß aber mit der offensichtlich nicht immer sehr reflektierten Art zusammen gesehen werden, in der R. seine Buchbesprechungen verfaßte (s.o.). Immerhin liegt darin eine indirekte Kritik an dem teutonischen »Rassefimmel« (s.o.), dem er hier eine Differenzierung gegenüberstellt, die auf kulturelle Kontexte abzielt. Wie auch immer solche Bemerkungen im zeitgenössischen Kontext zu lesen sind, daß R. kein Antisemit war, geht mehr als deutlich aus den Berichten von Menschen hervor, die ihn in der damaligen Zeit kannten. Besonders aussagekräftig ist das Zeugnis von Heinrich Kahane, der als vertriebener Jude mit ihm in Italien in den 30er Jahren weiter eng zusammenarbeitete, und den R. auch noch auf Kephalonia besuchte, bevor er mit seiner Frau Renée Kahane in die USA weitermigrierte.[9]

Daß R. in Italien sprachgeographische Positionen vertrat, die der politischen italienischen Linie genehm waren, etwa was die politisch strittigen Ansprüche auf Korsika betrifft, kann ihm nur vorgehalten werden, wenn man die sprachhistorischen und sprachgeographischen Verhältnisse nicht kennt. Das gilt insbesondere für einen von ihm 1940 bis 1942 mehrfach in Italien gehaltenen Vortrag über die sprachliche Italianität Korsikas (»L’italianità linguistica della Corsica«).[10] Für R. ist Korsika ein weiteres Beispiel für die Inkongruenz von modernen politischen Grenzen und historisch gewachsenen sprachlichen Ausgliederungen: für ihn ist das Korsische sprachlich ein toskanischer Dialekt, der jahrhundertelang unter dem Einfluß der städtischen Sprache von Genua bzw. Pisa gestanden hat, während die politische Integration in Frankreich 1769 demgegenüber nur sekundäre Spuren im Wortschatz hinterlassen hat.[11]

Wie schon erwähnt, haben R.s Arbeiten regionale Schwerpunkte, angefangen bei seiner Dissertation, die Entwicklungen von drei lateinischen Etyma in ihren dialektalen Spuren wortgeschichtlich untersucht, die dort zu Raumbezeichnungen verwendet werden und vielfache Überlagerungen zeigen. Der von ihm untersuchte Sprachraum reicht von Neapel über Venedig bis ins Friaul, wo er bei seinen Wanderungen zu Fuß in insgesamt 195 Orten Sprachaufnahmen gemacht hatte. Schon in seiner Dissertation wird eines seiner Grundthemen deutlich: die Spannung zwischen der »spontanen«, im lokalen Raum sich entfaltenden Sprache auf der einen Seite und Einflüssen der Schriftsprache auf der anderen (hier insbesondere beim Etymon ATRIUM, das aus der Kirchensprache stammt). Eine systematische Darstellung des alpen-romanischen Sprachraums lieferte er mit »Rätoromanisch. Die Sonderstellung des Rätoromanischen zwischen Italienisch und Französisch. Eine kulturgeschichtliche und linguistische Einführung«.[12]

Das Forschungsgebiet, das ihn international bekannt machte, waren seine oben schon genannten Forschungen zu den griechischen Gemeinden in Unteritalien (zwei Sprachinseln, eine bei Otranto, südlich von Lecce, die andere in Kalabrien, westlich von Reggio). Es handelt sich dabei um »sterbende Sprachinseln«, wo er v.a. in Kalabrien Aufnahmen mit Sprechern der letzten Generation machte. Bereits in seiner Habilitationsschrift von 1922 (publiziert 1924) hatte er den Nachweis geführt, daß diese Mundarten nicht, wie es die italienische Sprachgeschichtsschreibung bis dahin wollte, die sprachliche Fortsetzung sekundärer Kolonien aus der byzantinischen Zeit sein konnten, sondern archaische Siedlungssprachen aus der Frühzeit, die nicht wie die meisten griechischen Dialekte heute auf die Koiné zurückgehen.

In z.T. heftiger Kontroverse mit v.a. den italienischen Sprachhistorikern hat R. diese Position bis an sein Lebensende in einer ganzen Reihe von Publikationen weiter ausgebaut, die international (und vor allem auch von griechischer Seite) positiv aufgenommen wurden. Inzwischen sind sie auch auf der italienischen Seite akzeptiert. Eine systematische Darstellung hat er noch einmal mit seiner »Historische[n] Grammatik der unteritalienischen Gräzität«[13] gegeben, in der er über eine detaillierte Rekonstruktion auf den verschiedenen sprachlichen Ebenen, von der Phonetik bis zur Syntax, den Nachweis führt, daß es sich hier um eine genuine Sprachform handelt, die einerseits Archaismen aufweist, andererseits aber Innovationen, die nicht im Horizont der Koiné bzw. der byzantinischen Sprachexpansion zu interpretieren sind. Hier wird sein Ansatz besonders deutlich, hinter den aufgenommenen sprachlichen Details die »innere Form« der Sprache zu fassen, so explizit in »Griechischer Sprachgeist in Süditalien«,[14] wo zu den herausgestellten Merkmalen z.B. auch die in diesen Sprachinseln im Gegensatz zur Koiné und den griechischen Dialekten bewahrten Infinitive gehören.[15]

Dabei waren es auch hier die arealen Verhältnisse, die ihn faszinierten und zu dem Versuch führten, den alten griechischen Siedlungsraum durch sprachliche Spuren v.a. in den Ortsnamen Süditaliens zu rekonstruieren. Siehe dazu noch »Dizionario toponomastico e onomastico della Calabria«.[16] In den dialektalen Verhältnissen dieses Gebietes findet er bemerkenswerte Differenzen zu den archaischen Kernmundarten, so z.B. den Verlust des Infinitivs nach dem neugriechischen Modell in den italienischen Mundarten Süditaliens, während die griechischen Sprachinseln ihn bewahrt haben (s.o.).

Der krönende Abschluß seiner italienischen Forschungen ist seine monumentale historische Grammatik »Historische Grammatik der italienischen Sprache und ihre Mundarten«,[17] die in ihrer Art auch heute noch in Bezug auf andere Sprachgebiete relativ einmalig dasteht. Sie rekonstruiert auf den verschiedenen Ebenen, von der Lautlehre bis zur Syntax und in der Morphologie, ausführlich auch in der Wortbildung, das Profil eines Sprachraums auf der Basis der dialektalen Verhältnisse (als systematische Auswertung des AIS, ergänzt durch monographische regionale Darstellungen und vor allem seine eigenen ausgiebigen Mundartaufnahmen).

Der dritte Sprachraum, mit dem er sich systematischer beschäftigte, war der Pyrenäenraum, mit dem Baskischen in seinem Zentrum. Auch hier verbanden seine Forschungen von Anfang an die beiden Fragerichtungen der Sprachkontaktforschung: einerseits die lateinisch romanischen Einflüsse auf das Baskische, andererseits das baskische Substrat in den regionalen romanischen Varietäten. Im Sinne der ersten Frage rekonstruierte er ein »Baskolateinisch« (in: »Baskische Kultur im Spiegel des lateinischen Lehnwortes«).[18] Er avisierte die innere Form der Sprache, mit der für ihn bemerkenswerten Beobachtung, daß das Baskische im Lexikon zwar außerordentlich durchlässig für das Lateinische ist (im Schwerpunkt der Untersuchungen stehen Wortfelder, die er kulturgeschichtlich zu interpretieren sucht), während der grammatische Sprachbau kaum tangiert wurde. Die umgekehrte Fragerichtung verfolgte er insbesondere im Wortschatz, systematisch aber auch in der Wortbildung, der Rekonstruktion von Wortbildungssuffixen und dgl., nicht zuletzt auch in den Ortsnamen, in: »Beiträge zur Kenntnis der Pyrenäenmundarten«[19] und »Baskische Reliktwörter im Pyrenäengebiet«.[20]

Auch diese Forschungen kulminieren wieder in dem Profil eines besonderen Sprachbaus, der inneren Form einer sprachlichen Varietät in der Romania, die er in ihrer Eigenständigkeit, gegen die nationalsprachliche dialektologische Subsumtion (hier v.a. der französischen Dialektologie) herausstellt: »Le Gascon«.[21] Die politische grenzüberschreitende Forschung ist auch hier zentraler Motor, so hat er seine Forschungen auch auf der anderen Seite der politischen Grenze systematisch betrieben und die Übergangszonen in den Vordergrund gerückt, wieder v.a. Dingen im Wortschatz, so sein »Diccionario dialectal del Pirineo aragonés«,[22] zu dem er noch in den 80er Jahren Mundartaufnahmen gemacht hat.

Theoretisch orientierte Überlegungen haben in seinem Werk keinen Platz. Im Vordergrund steht für ihn die methodisch kontrollierte Analyse der Daten, mit denen die jeweilige Sprache in ihrer Besonderheit (in der »inneren Form«) zur Geltung kommt. Damit stand er gegen einen junggrammatischen Faktenpositivismus, wie v.a. durch seine harschen Kritiken an faktenhuberischer Sammeltätigkeit nicht anders auch als an formalen Rekonstruktionsspielereien deutlich wird. Insofern gehörte er zu den Neuerern der 20er Jahre und konnte sich daher auch durchaus mit der Zielsetzung dessen einverstanden erklären, was seinerzeit Vossler programmatisch repräsentierte: er konnte sich denen zurechnen, die nach der Jahrhundertwende »gegen den formalistischen und ver­knöcherten Betrieb innerhalb der […] Sprachwissenschaft zu Felde zog[en]« (so und soweit zustimmend zu Vossler in: »Sprache und Kultur«).[23] In gewisser Weise war auch bei ihm Sprachanalyse letztlich immer eine Kulturanalyse, allerdings nicht ausgerichtet auf die hochkulturelle künstlerische Form, sondern auf die Volkskultur, wie er ja auch den größten Teil seiner Arbeitsenergie dörflichen Dialekten widmete. Methodisch finden sich hier Entsprechungen zu der Wörter- und Sachen-Richtung, in der Art, wie R. lexikalische Feldstrukturen aufbaute (in diesem Sinne war er ja auch als Mitarbeiter in den AIS eingewiesen worden). Die Autonomie des Sprachlichen ist für ihn im Sprachkontakt besonders deutlich greifbar, in dem sich auch neue Formen herausbilden können. Hier schließt er in gewisser Weise an die Forschungen von Hugo Schuchardt an (s. hier auch bei Spitzer).

Methodisch am detailliertesten hat er seine Position für den italienischen Sprachraum in z.T. heftiger Kritik an dialektologischen Kollegen v.a. auch in Italien vorgeführt. Die wichtigsten Positionen hat er später noch in Sammelbänden wieder zusammengestellt, so »An den Quellen der romanischen Sprachen«,[24] »Studi e ricerche su lingua e dialetti d’Italia«.[25]

Kritisch registriert er die zunehmend extern ausgerichtete Sprachforschung, die Dialektologie in einem politisch nationalen Rahmen betreibt, gegebenenfalls kleinräumiger für Regionen eines politischen Raumes, statt autonom von Sprachstrukturen auszugehen (mit gegebenenfalls einem historischen Blickwinkel), so in seinem Beitrag »Atlanti linguistici e vocabulari dialettali«.[26] In diesem Sinne ist auch gewissermaßen sein Vermächtnis an die Romanisten zu sehen, sein kleiner pan-romanischer Sprachatlas »Panorama delle lingue neolatine«,[27] der auf 275 Karten die Ausgliederung von Sprachräumen der Romania quer zu politischen Gliederungen verdeutlicht.

In umgekehrter Blickrichtung diskutiert er den Sprachkontakt, methodisch auch in Hinblick auf die Substrat- und Superstrateinflüsse wendet er sich gegen die mystifizierende Substratdiskussion, die gerade in der Romanistik seinerzeit eine Art Modebewegung war. Substrate sind für ihn nur interessant, wo sie auch im Sprachkontakt in actu beobachtbar sind, wie es im Pyrenäenraum bei den Basken der Fall ist und in Unteritalien bei den Griechen. Historisch rekonstruierbar, weil in ähnlicher Weise kontrollierbar, sind bei ihm auch Superstrateinflüsse durch die germanischen Sprachen. Mit anderen Substraten kann er wenig anfangen – so fehlt bei ihm auch bei seinen unteritalienischen Forschungen völlig das Arabische, dessen Präsenz in Sizilien und Süditalien sich für ihn auf ein Intermezzo beschränkt, das nach der, wie es bei ihm heißt: »la cacciata degli Arabi«,[28] keine Spuren hinterlassen hat.

Geradezu gereizt reagierte er auf papierne Substratkonstruktionen, deren extremster Exponent auf deutschem Boden für ihn der Romanist Harri Meyer war (s. die heftige Kritik in: »Zur Methodologie der romanischen Substratforschung [Substratomanie und Substratophobie]«).[29] Hier stand er in der Tradition von Schuchardt und berief sich gerne auch auf Wagner, der ebenso wie er selbst im Rahmen des AIS Mundartaufnahmen gemacht hatte.[30] Explizit stimmte er Vossler in »Sprache und Kultur« zu,[31] mit dem, mehr noch aber mit dessen Münchener »Schule«, er ansonsten eine heftige und auch in den Formulierungen scharf ausgetragene Auseinandersetzung führte,[32] durch die er in den 20er Jahren zu einem der exponiertesten Geg­ner der »idealistischen« Richtung wurde, der keine Gelegenheit versäumte, ihren Vertretern in drastischer Weise am Zeug zu flicken, angefangen bei Vossler, gegen den die schon erwähnte Schrift »Sprache und Kultur« von 1928 gerichtet war – im übrigen ein programmatischer Vortrag auf dem Philologentag in Göttingen gegen die »kulturkundliche« Wende im Fremdsprachenunterricht (vgl. etwa in gleicher Schärfe gegen Lerch »hastig [...] veröffentlicht, nur um zu veröffentlichen«,[33] zu Klemperer »Eindruck des Hastigen und Dilettan­tischen«,[34] zu Hatzfeld »unwissenschaftliche und oberflächliche Kompilation«).[35]

Mit soliden Argumenten wies R. nicht nur die Unhaltbarkeit vieler faktischer Aussagen der »Idealisten« nach, sondern er be­tonte, daß Rückschlüsse von der sprachlichen Form auf historische (soziale bzw. kulturelle) Strukturen eine Gegenprobe im Sprachvergleich verlangen (was bei den projektiven Deutungen der »Idealisten« durchweg unterblieb). Was er selbst unter einer solchen vergleichenden Gegenprobe verstand, machen dann seine eigenen Beispiele deutlich (nicht nur in dieser Schrift, sondern pas­sim in seinen wortgeschichtlichen Erklärungen): Tendenzen der Metaphernbildung (Sexualisierung von Bezeichnungen), Tabume­chanismen, sprachliche Deformationen in der Kindersprache, die er aus bunt zusammengewürfelten Sprachen belegt. Trotz seines Bemühens um die »innere Form« fehlt ihm das Gespür für die (relative) Autonomie der sprachlichen Form, die er mit solchen (damals gängigen) psychologisierenden Erklä­rungsmustern unterläuft oder aber im Bereich von Wörter und Sa­chen als transparent für außersprachliche Gegebenheiten behandeln kann. So kann er denn auch verwundert fragen, wieso die »Idealisten« vorwiegend die formale Seite der Sprache, die lautlichen Er­scheinungen bzw. die Grammatikalisierungen (bes. in der Syntax), analysieren und nicht das sehr viel transparentere Lexikon (S. 11). Für ihn ist eine kulturelle Analyse nur möglich in einer direkten Beziehung von (atomaren) sprachlichen und vorge­gebenen außersprachlichen Fakten (wie er auch seine Laut- und For­menlehre atomistisch behandelt).

Die Kontroverse zwischen R. (zusammen mit anderen Traditionalisten wie Gamillscheg) und den »Idealisten« bestimmte die zeitgenössische Methodendiskussion in der romanischen Sprachwissenschaft; sie trug sicher ihren Teil dazu bei, daß eine methodische Weiterentwicklung dort lange unterblieb – so vor allem auch nach dem Rückzug der »Idealisten«. In einer scharfen Frontstellung stand R. denen gegenüber, die sich der Disziplin professionellen Arbeitens nicht unterwarfen, wobei sein Lieblingsschimpfwort das der Phantasterei oder (etwas abgemildert) phantasievoller Arbeitsweise war. Lieblingsprügelknaben in diesem Sinne waren nicht nur der von ihm als Vossler-Schüler angegriffene Lerch, sondern auch Etymologen wie Sainéan.

R. war im Rahmen der Ausdifferenzierung der philologischen Fächer ein entschiedener Sprachwissenschaftler, der allerdings als Ordinarius für romanische Philologie das Fach in seiner ganzen Breite, einschließlich der Literaturwissenschaft zu vertreten hatte, die er in seinen Veranstaltungen als Literaturgeschichte interpretierte.[36] Dazu gehörten auch Studien und Übungsbücher zum Altfranzösischen, vor allem grundlegend für das damalige Studium der Romanistik Übungsbücher zum Vulgärlateinischen: »Sermo vulgaris Latinus«[37] oder »Vom Vulgärlatein zum Altfranzösischen. Einführung in das Studium der altfranzösischen Sprache«,[38] sowie sein zweibändiger Studienführer »Einführung in das Studium der romanischen Philologie«, in den er auch umfassende Hinweise auf die Literaturgeschichte einbaute. Gerade diese Studienliteratur macht aber auch deutlich, wie wenig er mit den methodischen Neuerungen der Sprachwissenschaft anfangen konnte. Zwar sind entsprechende Hinweise für ihn dort auch unvermeidlich, aber Saussure wird von ihm in der erweiterten Neuauflage der Einführung 1966 als »Sprachsoziologe« angesprochen (S. 124). Da es in den 60er Jahren nicht mehr anging, gerade auch in der Romanistik ohne Hinweise auf die Phonologie auszukommen, kommentierte er diese mit dem Hinweis: »zur Aufnahme gewisser phonologischer Deutungen, wie sie [...] vertreten werden, habe ich mich nicht entschließen können [...] Noch ist die Diskussion über den Wert der Phonologie und der phonologischen Methode in vollem Gange«.[39] Er selbst praktizierte, wie insbesondere seine »Historische Grammatik der italie­nischen Sprache« zeigt, stur das »junggrammatische« Muster laut- und for­mengeschichtlicher Ableitungen, unberührt von den sprachwissen­schaftlichen Methodendebatten.

Q: Kürschner; Stammerjohann; Lausberg, H./Weinrich, H. (Hgg.), »Romanica. FS für G. R.«, Halle/S.: Niemeyer 1958; Baehr, R./Wais, K. (Hgg.), »Serta Romanica. FS für G. R. zum 75. Geburtstag«, Tübingen: Niemeyer 1968; Rohlfs, E., »Ricordo del padre«, in: N. de Blasi et al. (Hgg.), »Le parlate lucane e la dialettologia italiana (Studi in memoria di G. R.)«, Atti del Covegno di Potenza-Picena, 2-3 dicembre 1988, Catania: 149-153. Nachrufe von H. H. Christmann, in: Z. rom. Ph. 103/1987: 698-712; Henry Kahane und Renée Kahane, in: Romance Philology XVII(3)/1989: 279-284; Helmut Stimm, in: Revue de linguistique Romane 51/1987: 308-314. G. Casagrande, in: Italica 64/1987: 533-536.



[1] Im Detail mit der Auswertung der erhaltenen Briefwechsel K. Rautmann, »Die Entstehung des Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz« (AIS), unveröffentlichte M.A.-Arbeit Hamburg 1993.

[2] Siehe die ausführliche Liste bei Stammerjohann, dort auch die Nachrufe, die auf diesen Aspekt z.T. sehr ausführlich eingehen.

[3] Borna Leipzig: Noske 1920.

[4] Genf: Olschki 1924.

[5] Jaberg qualifizierte ihn als eine »draufgängerische Forschernatur« (Rautmann: 61), die genau das war, was er für sein Atlasunternehmen suchte – und der wegen seiner Begeisterung auch relativ preisgünstig zu haben war.

[6] S. Hausmann 2000, bes. S. 432-449; differenzierter Hutton: 55-56 u.ö. Bei Hausmann ausführlich zu R.s Aktivitäten im Rahmen der Deutschen Akademie in München, deren Mitglied R. war.

[7] In: Archiv Stud. Neueren Spr. 183/1943: 61.

[8] In: Archiv Stud. Neueren Spr. 173/1938: 133; dazu wieder Hausmann, s.o.

[9] Ich stütze mich auf persönliche Mitteilungen von H. Kahane und R. Kahane. Auf diese Zusammenarbeit geht auch eine der letzten Veröffentlichungen von R. zurück: »Venetian relics on the Greek island of Cephalonia. The domain of wind and water«, in: M. Braune u.a. (Hgg.),»FS S. Saporta«, Seattle: Noit Amrofer 1986: 213-230.

[10] Wien: Schroll 1941. In seinem späteren Sammelband »An den Quellen der romanischen Sprachen« (Halle: Niemeyer 1952: 89-107) verweist er zwar auch auf diesen Text (S. 92), nimmt ihn aber nicht auf; s. dazu Hausmann 2000: 437.

[11] Diese Position wird auch in der französischen Dialektologie vertreten, s. etwa den Forschungsüberblick von G. Tuaillon »Comportements de recherche en dialectologie française« (Paris: CNRS 1976), wo das Korsische selbstverständlich als »toskanischer« Dialekt behandelt wird, dessen Situation »absolument étrangère au gallo-roman« ist (S. 5).

[12] München: Beck 1975.

[13] München: Bayerische Akademie der Wissenschaften 1950.

[14] München: Beck 1947.

[15] Diese Grammatik ist dann auch in einer überarbeiteten Variante 1977 in italienischer Übersetzung erschienen »Grammatica storica dei dialetti italogreci«, allerdings in Deutschland (München: Beck).

[16] Ravenna: Longo 1974. Eine umfassende Neubearbeitung soll in Athen erscheinen.

[17] Bern: Francke, 3 Bde., 1949-1954.

[18] In FS Voretzsch, Halle: Niemeyer, dort 1927: 58-87, hier S. 86.

[19] In: Revue de linguistique romanes 7/1931: 119-169.

[20] in: Z. rom. Ph. 47/ 1927: 394-408.

[21] Halle: Niemeyer 1935, 3. Aufl. 1977.

[22] Zaragoza: Diputacion Provincial 1985.

[23] Braunschweig: Westermann 1928: 6.

[24] a.a.O. 1952.

[25] Florenz: Sansoni 1972.

[26] In: »Atti del Convegno internazionale sul tema: Gli atlanti linguistici: Problemi e resultati«, Roma: Accademia Nazionale dei Lincei, S. 27-45; also dem internationalen Sprachatlantenkongreß in Rom 1967.

[27] Tübingen: Narr 1986.

[28] 1937, in »Quellen«: 100.

[29] In: »Syntactica und Stilistica. FS Gamillscheg«, Tübingen: Niemeyer 1957: 495-509.

[30] Zu Wagner hatte er ein ambivalentes Verhältnis, wie die Korrespondenz bei Rautmann zeigt. In seinem Nachruf auf Wagner wird das allerdings nicht deutlich, in: Jb. Bayer. AdW 1963: 182-187.

[31] Braunschweig: Westermann 1928: 6.

[32] R. hielt 1938 eine für Vossler lobende Antrittsrede in München, die den Gegensatz zu den Epigonen betonte, s. auch »Karl Vossler zum siebzigsten Geburtstag«, in: Archiv Stud. Neueren Spr. 182/1942: 1-6 publiziert.

[33] In: Z. rom. Ph. 42/1923: 128.

[34] In: Z. rom. Ph. 42/1923: 635.

[35] In: »Sprache und Kultur«, Op. cit., S. 15.

[36] Daß ihm die Literatur nicht von der Sache her zuwider war, macht seine Lobeshymne auf seinen Berliner Lehrer Heinrich Morf deutlich, dessen sprachwissenschaftlicher Orientierung er offensichtlich auch viel verdankt, den er dort aber v.a. Dingen auch für seine faszinierenden literaturwissenschaftlichen Kollegs lobt (»Zur Erinnerung an Heinrich Morf«, in: Z. rom. Ph. 41/1922: 259-263).

[37] Halle/S.: Niemeyer 1951.

[38] Tübingen: Niemeyer 1960 (3. Aufl. 1968).

[39] Vom Vulgärlatein zum Altfranzösischen, 2. Aufl. 1968: 10.