Rice, David Storm

(früher: Sigismund Sussia Reich)

Geb. 28.3.1913 in Schönbrunn (Österreich), gest. 19.4.1962 in London.

 

R.s Familie emigrierte 1923 nach Palästina, wo der zionistisch engagierte Vater als Wasserbauingenieur bei der Kolonisierung tätig war. R. schloß in Haifa seine Schulausbildung auf einer deutschsprachigen Schule ab. Danach ging er 1931 nach Florenz, um Kunst(-Geschichte) zu studieren, 1932 nach Paris zum Studium der Orientalistik, mit einem Schwerpunkt bei den semitischen Sprachen. 1935 absolvierte er die Licence am Institut für orientalistische Sprachen, woraufhin er einen Vertrag als Mitarbeiter am französischen Institut in Damaskus erhielt. In dieser Eigenschaft verbrachte er 1936 8 Monate zur Feldforschung in Dörfern einer aramäischen Sprachinsel im (heutigen) Syrien (Qalamoun, in der Nähe von Damaskus). Das Ergebnis war seine Dissertation »Études sur les villages araméens de l’Anti-Liban«,[1] mit der er 1937 an der Sorbonne promovierte. Es handelt sich um eine ethnographische Studie, gestützt auf teilnehmende Beobachtung mit einer Sammlung von Texten (landwirtschaftliche Tätigkeiten, Folklore, Lieder u. dgl.). Der Schwerpunkt der Auswertung liegt im Wortschatz, mit einer Orientierung an der Wörter-und -Sachen-Richtung, ausgiebig gestützt auf eine fotografische Dokumentation, bes. auch zu Architekturfragen (nur zum kleinen Teil in der Publikation reproduziert). Da alle Sprecher in den drei von ihm untersuchten Dörfern zweisprachig sind, nimmt die Analyse des Verhältnisses der aramäischen zu der arabischen Sprachform einen großen Raum in der Analyse ein (in Hinblick auf das lokal gesprochene syrische Arabische – anders als bei früheren Arbeiten, die das Verhältnis von Arabisch und Aramäisch diachron betrachteten). Dadurch gibt es Entsprechungen zwischen seiner Analyse und den damals parallel unternommenen Arbeiten von Polotsky, dem R. auch im Vorwort für seine Unterstützung dankt. Parallel verfolgte R. aber seine kunstgeschichtlichen Interessen weiter, die sich über den gesamten islamischen Kulturraum erstrecken, wie auch schon frühe kleinere Arbeiten zeigen, z.B. sein Forschungsbericht über die Studien zum Südjemen (»L’exploration du Ḥaḍramût«).[2]

Seine akribischen Untersuchungen und Editionen sind Standardwerke der einschlägigen Forschung, so bes. »Le Baptistère de Saint Louis«,[3] in dem er ein fälschlich dem König Ludwig IX. zugeschriebenes Metallbecken vermutlich ägyptischer Provenienz aus dem frühen 14. Jhd. beschreibt, mit detaillierter Einordnung der reichen Ziselierarbeiten (mit menschlichen und tierischen Darstellungen), vor allem aber auch den Inschriften (bis hin zu dekorativen Pseudoinschriften auf dargestellten Waffen, z.B. S. 16). Eine parallele Arbeit »Arabic inscriptions on a brass basin made for Hugh IV de Lusignan«[4] gilt einem ähnlichen Becken aus Palästina, ebenfalls aus dem 14. Jhd, das französische und (problematische) arabische Inschriften aufweist, die er in wechselseitigem Bezug interpretiert. Dort gibt er auch eine Typologie dieser Metallarbeiten (FN 2, S. 391).

Im gleichen Horizont stehen seine Untersuchungen zu Handschriften. So z.B. seine Edition einer kalligraphischen und reich verzierten Koran-Handschrift aus dem 11. Jhd., »The unique Ibn-al-Bawwāb manuscript in the Chester Beatty Library«,[5] die eine paläographische Bestimmung durch eine ausgiebige Synopse paralleler Handschriften unterfüttert. Auch hier behandelt er Reflexe der europäisch-muslimischen Beziehungen im Mittelalter, so z.B. arabische Inschriften in italienischen Darstellungen, solche, die offensichtlich Kenntnisse des Arabischen zeigen, aber auch das Vorzeigen von pseudo-arabischen Versatzstücken: »Une inscription Mamlouke sur un dessin Italien du quinzième siècle«.[6]

Ein weiterer Schwerpunkt war die arabische Epigraphie, zu der er schon früher kleinere Gelegenheitsarbeiten beigesteuert hat, wie z.B. zu einem syrischen Epitaph (»No. 2947 – Épitaphe. Syrie«).[7] Später war die (heutige) Türkei sein Hauptarbeitsfeld. In »Alanya (’Alā’iyya)«[8] bietet er eine vollständige Aufnahme aller erhaltenen Inschriften dieser westtürkischen Stadt (nahe von Antalya), einschließlich auch einer (überschriebenen) griechischen Stele, mit der Analyse der graphischen Form und der formulaischen Elemente (mit einer Synopse paralleler Formen anderswo), aber ggf. auch den Spuren unzureichender Arabischkenntnisse der Schreiber (z.B. S. 67).

R.s zionistisches Engagement war offensichtlich ein Problem für seine ansonst nach der Promotion mögliche Karriere im Französischen Institut (s. Pichon, Q). Im Zweiten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zur englischen Armee, wo er militärisch Karriere machte: im Einsatz in unterschiedlichen Regionen des Vorderen Orients, nach dem Krieg u.a. auch in der Alliierten Militärverwaltung in Deutschland. In dieser Zeit änderte er seinen Namen und nahm auch die englische Staatsbürgerschaft an.

1947 erhielt er eine Dozentur an der Londoner School of Oriental and African Studies, wo er 1959 zum Professor ernannt wurde. Sein Arbeitsschwerpunkt lag hier in der islamischen Kunstgeschichte und Archäologie. Er führte selbst Ausgrabungen durch, so insbesondere in Harran (Urfa, Südosttürkei [Edessa, im römischen Reich: Carrhae]). Eine schwere Krankheit machte es ihm in den letzten Jahren unmöglich, seine geplanten Arbeiten abzuschließen. Dazu gehörte auch der Plan einer systematischen Darstellung der Semitistik im Deutschen Reich.[9]

 

Q: F. Pichon, »S. R.«, in: Dictionnaire des orientalistes de langue française (s. http://dictionnairedesorientalistes.ehess.fr/document.php?id=140, abgerufen am 1. Juli 2013). Nachrufe: G. Fehérvári, in: Kunst des Orients II/1968: 81; J. B. Segal, in: Bull. School Oriental and African Studies 25/1962: 666-671 (mit unvollständiger Bibliographie).



[1] Publiziert als Band 7 der »Documents d’ études orientales de l’Institut Français de Damas«, 1937.

[2] In: Bull. d’ études orientales 6/1936: 108-116.

[3] Paris: Les Éditions du Chêne 1951.

[4] In: »Studi orientalistici in onore Giorgio della Vida«, Bd. 2, Rom: Istitutio per l’Oriente 1956: 390-402.

[5] Dublin: Walker 1955.

[6] In: Bull. de l’Inst. d’Egypte 22/1940: 123-131.

[7] In: E. Combe u.a. (Hgg.), »Répertoire chronologique d’épigraphie arabe«, Kairo: Publications de l’Institut Français d’Archéologie Orientale 8/1937: No. 2947 A, S. 295.

[8] Mit S. Lloyd, London: The British Institute of Archaeology at Ankara 1958.

[9] S. die Hinweise bei Hanisch in: Elvert / Nielsen-Sikora 2008: 523.

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 04. September 2014 um 21:25 Uhr