Reuning, Karl

Geb. 27.2.1889 in Rüsselsheim, gest. 4.6.1989 in Swarthmore/Pennsylvania.

 

Studium der Germanistik und der Neueren Philologien in Gießen in Verbindung mit Auslandsaufenthal­ten (Dublin, Oxford, Genf). Für die Dissertation unternahm er Quellenstudien im British Museum. 1911 Lehramtsprüfung und seitdem bis 1923 Lehrtä­tigkeit an Schulen in Darmstadt, Gotha, Liegnitz und Wiesbaden (zu­letzt als Studienrat). Während des Ersten Weltkriegs leistete er seinen Dienst als Lehrer an der Deutschen Schule in Istanbul. 1923 nahm er eine Lehrerstelle in den Niederlanden in der Nähe von Gro­ningen an, wo er eine weitere Prüfung an der Universität absol­vierte. Neben diesem offensichtlich großen pädagogischen Engagement (auch sein Vater war Lehrer) verfolgte er seine wissenschaftlichen Interessen: 1912 hatte er in Gießen mit einer anglistischen Arbeit promoviert: »Das Altertümliche im Wortschatz der Spensernachahmungen des 18. Jahrhunderts«,[1] die eine lexikologische Auswertung der entsprechenden Texte bietet (verbunden mit dem Abdruck einiger Texte, S. 175-196). Im Vordergrund stehen archaische Wortformen, die in dieser romantischen Dichtung in Mode waren, die er ggf. auch erläutert, ansonsten aber nur in Hinblick auf ihre sonstige Belegtheit mit dem Oxford English Dictionary abgleicht.

1923 ging er in die USA, wo er zunächst in Princeton Bibliotheksrecherchen betrieb, 1924 bis 1926 Deutsch unterrich­tete (zuerst an der Univ. Minnesota, dann Univ. Wisconsin). In die­ser Zeit heiratete er seine amerikanische Frau. 1926 kehrte er nach Deutschland zurück; 1926/1927 war er Lektor für Englisch an der Univ. Gießen, 1927-1930 in Breslau. Als Mitglied der SPD bekam er po­litische Schwierigkeiten und verließ 1930 die Universität nach der Aufforderung, der NSDAP beizutreten. Zunächst unterrichtete er wie­der an einer Schule (Lage/Lippe), ließ sich aber 1931 beurlauben, um wieder in den USA Deutsch zu unterrichten (am Swarthmore Col­lege/Pennsylvania). Er beabsichtigte wohl eine Rückkehr nach Deutschland (oder als politisch Oppositioneller wenigstens in die Schweiz), wurde aber 1933 (als beurlaubter Beamter) wegen »politischer Unzuverlässig­keit« aus dem Schuldienst entlassen. So blieb er auf seiner regulären Stelle am Swarthmore College bis zur Emeritierung 1956 (1950 als associate professor of German), nahm aber zahlreiche Gastprofessuren wahr (u.a. wurde er 1973, vermutlich wohl auch in Bezug auf seine politische Haltung, von der Universität und Akademie in Moskau geehrt). In den USA hatte er offensichtlich aufgrund seiner politischen Haltung bei vielen einflußreichen Ger­manisten mit eher Pro-NS-Einstellung Schwierigkeiten, sodaß er wohl auch nach 1945 gerne remigriert wäre.[2] 1936 hatte er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Sein wissenschaftliches Arbeitsfeld war sehr breit gefächert: philologisch im traditionellen Sinne der »Älteren Abteilung« der Germanistik/Anglistik; literaturwissenschaftliche Arbeiten, auch Herausgabe von Textsammlungen; Materialien für den Sprachun­terricht (sprachdidaktische Werke), aber auch »landeskundliche« Ar­beiten mit spezifisch politischer Akzentsetzung.[3] Seit seinem Türkeiaufenthalt arbeitete er auch zum Türkischen.

Vor dem Hintergrund seiner Biographie bemerkenswert ist »Joy and Freude. A Comparative Study of the Linguistic Field of Pleasurable Emotions in English and German«,[4] mit der R. ausdrücklich die deutsche Tradition »inhaltsbezogener« Sprachwissenschaft (Trier, Schmidt-Rohr, Weisgerber, Porzig) reklamiert und in die US-Diskussion einführen wollte.[5] Auf der Basis einer Wortfeldanalyse (mit kursorischen Exzerpten aus der modernen Literatur, vor allem aber der gegenwärtigen »Umgangssprache«, vii) will er den Unterschied des deutschen und englischen Sprachgeistes (S. 40 und passim) aufzeigen, wofür er außer auf sprachwissenschaftliche auf psychologische Arbeiten rekurriert (bes. auf Stern). In formaler Hinsicht analysiert er die Wortbildungen und Kollokationspotentiale der entsprechenden Wörter sowie ihre Semantik in den Dimensionen Tiefe, Intensität und Dynamik des so Ausgedrückten – mit dem Hinweis, daß auch die psychologische Forschung auf eine Analyse der sprachlichen Artikulation der Emotionen angewiesen ist.

Nach dem Krieg strengte er einen Wiedergutmachungsprozeß gegen die Stadt Lage/Lippe an, mit dem er erreichte, als politisch Verfolgter anerkannt zu werden.

Q: BHE; Materialien im IfZ; Auskünfte des Swarthmore College (C. Pescatore). Der Nachlaß von R. liegt in der Deutschen Nationalbibliothek (Exilarchiv 1935-1945).[6]



[1] Straßburg: Trübner 1912.

[2] Brief von A. Senn an Krahe im Archiv G. Simon.

[3] Sie waren in Deutschland nicht zugänglich.

[4] Selbstverlag 1941, Vertrieb über den Swarthmore College Bookstore.

[5] Triers Arbeiten sind primärer Bezugspunkt, die er ausführlich und relativ kritisch diskutiert, u.a. auch mit einer kontrastiven Würdigung von Sperber (S. 19). Aber im November 1949 schickte er Trier ein Exemplar mit der Widmung »mit dem Ausdruck der Dankbarkeit« (Exemplar der Universitätsbibliothek Trier).

S. S. Asmus/ B. Eckert, »Neue Nachlässe im Deutschen Exilarchiv 1933-1945«, in: Dialog mit Bibliotheken 20(1)/2008: 42-46, s. http://www.dnb.de/SharedDocs/Downloads/DE/DNB/service/dialog200801volltext.pdf;jsessionid=00BB511E4C9AC7D306561A3EC50395D2.prod-worker3?__blob=publicationFile (abgerufen am 24. Juli 2013).