Reifler, Erwin

Geb. 16.6.1903 in Wien, gest. 23.4.1965 in Seattle.

 

Nach dem Abitur 1922 in Wien begann R. dort 1923 das Studium der Politologie und der Sinologie, das er 1931 als Dr. rer. pol. mit einer historischen Arbeit über Staat und Verwaltung im alten China abschloß (die Dissertation ist nicht mehr erhalten). Bereits von 1924 bis 1927 unterrichtete er am Orientalischen Institut (bei seinem Lehrer Rosthorn, einem früheren österreichischen Botschafter in China), daneben arbeitete er als Dolmetscher für Chinesen in Österreich und journalistisch zu China. Um seine Chinesischkenntnisse zu verbessern, ging er 1932 im Rahmen einer österreichisch-chinesischen Kooperation nach Shanghai, wo er seinen Lebensunterhalt als Übersetzer und mit Sprachkursen verdiente. Da er sich unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Entwicklung in Deutschland zunehmend von der rassistischen Verfolgung bedroht sah, holte er seine eigene Familie 1936 auch nach Shanghai und wandte sich zugleich selbst zunehmend dem Judentum zu, u.a. dadurch, daß er bei einem lokalen Rabbiner Hebräischunterricht nahm. Während des Weltkrieges mußte er seinen Aufenthalt wechseln (zeitweise lebte er in Hongkong), war aber in Shanghai durch eine pro-jüdisch eingestellte japanische Militärverwaltung relativ geschützt und wurde als älterer Einwanderer auch nicht wie die inzwischen massenhaft ankommenden Flüchtlinge interniert (dagegen wurden seine Frau und Kinder zeitweise interniert). Die österreichische (deutsche) Staatsbürgerschaft wurde ihm nach 1938 entzogen, und so war er staatenlos.

Von 1932 bis 1937 lehrte er Deutsch an einer Technischen Hochschule in Shanghai, 1937 bis 1938 dasselbe an einer Medizinischen Hochschule in Hongkong, zugleich mit Chinesisch-Kursen für Ausländer. 1939 kehrte er nach Shanghai zurück, wo er an der Aurora-Universität zuerst als Professor für Deutsch und Latein, seit 1943 als Professor für Chinesisch lehrte.[1] Zugleich wurde er dort 1943 mit der Herausgabe der Universitätszeitschrift betraut (Bulletin de l’Université de l’Aurore). Nach Kriegsende bemühte er sich um die Ausreise, zunächst vergeblich nach Großbritannien, wo er sich auch vergeblich um die Staatsbürgerschaft bemühte (seine Frau und eine im damals britischen Hongkong geborene Tochter hatten diese), dann in die USA. Die Möglichkeit dazu ergab sich in Verbindung mit einem Vortrag, den er 1947 auf einem Kongreß der American Oriental Society in Washington/D.C. hielt. Mit Unterstützung anderer Emigranten, insbesondere von K. A. Wittfogel, erhielt er eine Stelle an der Universität Washington/Seattle, wo er an der Abteilung für Ostasien und Slawistik lehrte, seit 1955 bis zu seinem Tod als Professor für Chinesisch.

Seine Faszination durch das Chinesische war v.a. auf die Schrift gerichtet. Gegen den Mythos von deren Irrationalität und enormer Gedächtnisbelastung suchte er nach einem Weg, sie aus einfachen Elementen zu konstruieren, die für ihn semantisch unmittelbar motiviert sein mußten. Der Schlüssel für seine Herangehensweise war für ihn, daß die chinesische Schrift in der späteren Entwicklung zusätzliche Zeichenelemente zur Phonetisierung eingeführt habe, die zu kalauernden assoziativen Verknüpfungen führten, durch die ihre semantischen Strukturen verdunkelt werden.[2] So kommt er zu einer logographischen Erklärung der chinesischen Schrift, für die er etymologisch piktographische/ideographische Grundelemente zu identifizieren sucht, die semantische Invarianten repräsentieren, die die Annahme disparater Homophonien überflüssig machen. Deren semantische Struktur wiederum vermutet er in universalen semantischen sprachlichen Grundeinheiten, wofür er Parallelen chinesischer Wortfelder zu einer Fülle anderer Sprachen (europäischer, japanischer und auch semitischer Sprachen) anführt, wie z.B. bei lat. pupilla (junges Mädchen und auch Augapfel),[3] ebenso mit einer Fülle weiterer Beispiele im Vergleich bis hinzu amerindischen Sprachen in einem späten Aufsatz »Linguistic analysis, meaning and comparative semantics«.[4] Offensichtlich hat Bliss bei seinem China-Aufenthalt von R. die Grundideen für seine »Semantographie« bezogen.

Diese Analysen stellte er auf orientalistischen und altertumswissenschaftlichen Tagungen vor, so 1948 in den USA und auch in Frankreich, wo sie mit Interesse aufgenommen wurden – wohl im Gegensatz zur sprachwissenschaftlichen Rezeption, auch innerhalb der Sinologie. Im damaligen sprachwissenschaftlichen Kontext war die Phonologie die Kernwissenschaft, sodaß ein Ansatz, der die lautliche Seite der Sprache als sekundär betrachtete, befremdlich erscheinen mußte. Das galt umso mehr, als in diesem Kontext auch während des Krieges gerade zu den ostasiatischen Sprachen systematische Sprachkurse entwickelt worden waren (v.a. im Rahmen des US-Army-Programms), die die späteren Sprachlaborübungen begründeten. R.s Insistieren, daß das Chinesische als klassische Schriftsprache zu lernen ist, für die die Aussprache und erst recht umgangssprachliche Elemente eher sekundär sind, irritierte die Kollegen.

So verfolgte er auch nicht so sehr diese Richtung, sondern seine kulturwissenschaftlichen Interessen weiter, wobei er innerhalb des Chinesischen ältere literarische und historische Probleme bearbeitete, mit kulturübergreifenden Ausflügen. Ein Schwerpunkt waren für ihn die metrischen Systeme, für die er auch wieder kulturübergreifende Invarianten gefunden zu haben glaubte, wozu er vergleichend zur chinesischen, vorderasiatischen und auch zur Kultur des Indus-Tals publizierte, z.B. »The archaeological and metrological evidence for an Indus Valley and Sumero-Babylonian origin of the ancient Chinese measuring system«,[5] wo er detailliert die Passung erhaltener Standards aus Mesopotamien, dem Indus-Tal und China nachweist, vor allem in Hinblick auf den ihnen gemeinsamen dezimalen Umrechnungsmodus. Solche Übereinstimmungen zeigen für ihn den Handel als Grundlage des Kulturaustauschs (im Gegensatz zu einem Rückgang auf ethnisch bestimmte Verhältnisse).

Eine Möglichkeit, aus seiner wohl auch inneruniversitären Isolation herauszukommen,[6] bot sich ihm mit den Anfang der 50er Jahre lanzierten Programmen zur maschinellen Übersetzung. Er nahm 1952 an dem von Bar-Hillel am MIT organisierten großen Kongreß dazu teil und partizipierte in der Folge an den dazu freigegebenen Forschungsmitteln. Für ihn bot die Beschränkung der maschinellen Sprachverarbeitung auf die Verarbeitung von Zeichenketten gewissermaßen die Chance, seine Vorstellung vom Ausklammern der lautlichen Form (und der daran gebundenen semantischen Assoziationen) radikal umzusetzen. So war er einer der prononziertesten Vertreter des Programms einer vollständig maschinell durchzuführenden Übersetzung. Er versuchte zwar, die Übersetzung aus dem Chinesischen (auf der Basis der Han-Zeichen) als Modellprojekt zu lanzieren, beteiligte sich dann aber an den aus strategischen Gründen allein realisierten Unternehmungen der Übersetzungsprojekte aus europäischen Sprachen (besonders Russisch), die seiner Meinung nach zuviel morphologische Komplexität aufzulösen fordern, s. »The first Conference on mechanical translation«,[7] in Auseinandersetzung mit den Vorschlägen und Aktivitäten von Bar-Hillel.

In einer ersten Phase 1952-1955 arbeitete bei ihm ein Projekt zur Übersetzung Deutsch-Englisch, in einer zweiten Phase 1956-1960 zum Russisch-Englischen, erst seit 1960 doch zum Chinesisch-Englischen. Hier entwickelte er operationale Verfahren zur Auflösung ambiger Zeichenfolgen, etwa am Beispiel deutscher Wortformen wie Wachtraum (Wach+Traum vs. Wacht+Raum), unter Nutzung vor allem auch der orthographischen Kodierungen (Majuskelschreibung im Deutschen u. dgl.) und kontextueller Desambiguierungen (mit lexikalisierten Idiomen als Grenzwert), s. »Mechanical determination of the constituents of German substantive compounds«.[8] Bestimmend für seine Arbeit blieben die Prämissen, unter denen er sich in den ersten Jahren mit dem Chinesischen beschäftigt hatte: ein lexikographischer Zugang unter weitgehender Ausklammerung der Syntax, den ihm seine Sicht des Chinesischen nahe legte – eine technisch sophistizierte Variante »direkter Sprachanalyse«, ohne weitere methodische (grammatische bzw. syntaktische) Brechungen.[9]

Die weitere Entwicklung der Diskussion, die zunehmend von syntaktischen Modellierungen bestimmt wurde (den Problemen des parsing) vollzog er nicht mit, insbes. nicht die Ablehnung der Zielsetzung einer vollständigen maschinellen Übersetzung, wie sie zuletzt Bar-Hillel und Oettinger vorbrachten (s. bei diesen für sie sprachwissenschaftlich fundierte Kritik an Vorstellungen wie denen von R.).

In den letzten Jahren arbeitete er wohl wieder hauptsächlich an kulturgeschichtlichen Fragen, zunehmend auch wieder zum Biblisch-Hebräischen, im Kontakt mit jüdischen wissenschaftlichen Kreisen in den USA und wohl auch in Israel. Hier ging er bis zu bibelphilologischen Analysen, bei denen er seine methodischen Einsichten aus der maschinellen Übersetzung zur Geltung brachte: in seinem (postum publizierten) Aufsatz »Semantic parallelisms in Job 5: Part I«,[10] 1998, löste er eine schwierige Textstelle auf, indem er von einer scriptio-continua-Version des überlieferten Textes ausging und eine neue Wortsegmentierung vorschlug. Er hatte vor, seine umfangreichen Notizen zur Geschichte der chinesischen Sprache bzw. Schrift im Ruhestand für die Publikation auszuarbeiten. Sein früher Tod verhinderte das.

Q: (E.) Bruce Brooks, in Sinology Project 2004 (www.umass.edu/wsp/sinology/persons/reifler.html, Febr. 2009); Walravens 1990; Kern: 522-523; Führer: 245-265; J. Yiren in »China today«: http://www.chinatoday.com.cn/ctgerman/cwdb/txt/2008-05/28/content_123491.htm (Febr. 2009).



[1] Shanghai hatte damals einen internationalen Status, in dem einzelne Stadtviertel unter fremder Verwaltung standen mit jeweils eigenen entsprechenden Einrichtungen. Im französischen Sektor gab es eine der französischen Universitäten in China, die Aurora-Universität.

[2] Chinesische Wortschreibungen bestehen in der traditionellen Schrift (Hanzi »Han-Zeichen«) in der Regel aus zwei Zeichen, einem semantischen und einem die Aussprachen symbolisierenden. R. setzt die Phonetisierung der chinesischen Schrift mit volksetymologischen Umbildungen in den europäischen Sprachen gleich, für die er Beispiele wie Englisch Bridegroom (entsprechend deutsch Bräutigam) gibt, bei dem der verdunkelte zweite Teil, das nicht mehr durchsichtige germanische gumo »Mann«, verballhornt wird durch groom »Diener«.

[3] »La Langue chinoise à la lumière de la philologie moderne«, in: Bulletin de l’Université l’Aurore III, 4/1943: 419-434.

[4] In: Lingua 3/1952: 371-390.

[5] In: R. N. Dandekar (Hg.), »Proceedings of the Twenty-Sixth International Congress of Orientalists New Dehli«, Bd. 4, Neu Dehli: International Congress of Orientalists 1970:139-161.

[6] Immerhin hatte er in seinem Aufsatz in Lingua (1952, s.o.) extensiv die Leitfiguren des US-amerikanischen Distributionalismus zitiert, um zu zeigen, daß seine Analyse letztlich mit diesen kompatibel sei.

[7] In: Mechanical Translation 1/1954: 23-32.

[8] In: Mechanical Translation 2/1955: 3-14.

[9] Für den Stellenwert von R.s Arbeiten im Kontext der maschinellen Übersetzung s. J. Hutchins, »Looking back to 1952: the first MT conference« (1997), nur online: www.hutchinsweb.me.uk/TMI-1997.pdf (Febr. 2009) und detailliert auch von seinem langjährigen Mitarbeiter L. R. Micklesen, in: W. John Hutchins (Hg.), »Early Years of Machine Translation«, Amsterdam usw.: Benjamins 2000.

[10] In: The Jewish Bible Quarterly 103/1998: 143-148.