Reichardt, Konstantin

Geb. 30.4.1904 St. Petersburg, gest. 19.1.1976 in New Haven/Connecticut.

 

Als Kind ist R. zeitweise bei einer Pflegefamilie in Norwegen aufgewachsen, wo er wohl die Grundlage für seine späteren nordi­stischen Interessen und Sprachkenntnisse erhielt. Schulbesuch in St. Petersburg (auf einer reformierten Schweizer Schule), München und Berlin (dort 1923 Abitur). Studium 1923-1927 in Berlin, mit ei­ner Promotion in der Altgermanistik abgeschlossen. In der Disser­tation (»Studien zu den Skalden des 9. und 10. Jahrhunderts«, Ber­lin 1928) wendet er sich gegen die These einer mystifizierenden, unverständlichen Skaldendichtung (in dróttkvætt), wie sie insbe­sondere von F. Jónson vertreten wurde, und versucht in genauer philologischer Analyse einzelner Dichtungen (bes. in syntaktischer Hinsicht) nachzuweisen, daß hier eine bestimmte literarische Tech­nik vorliegt, die als lernbar eben auch tradierbar war. Als Pio­nierbeitrag zur methodisch kontrollierten Stilanalyse in der Alt­germanistik wurde die Arbeit äußerst positiv aufgenommen.[1]

Bereits vor der Promotion war er Lektor für skandinavische Spra­chen und Literaturen in Berlin gewesen, von 1926-1929 war er Assi­stent am Dt. Seminar der Univ. Köln; 1927-1928 unternahm er eine Forschungsreise nach Norwegen, 1930 erhielt er ein Forschungssti­pendium des Preuß. Kulturministeriums bzw. der Preuß. AdW für Bibliotheksstudien in Kopenhagen. Diese gehörten wohl zu seinem Habilitationsprojekt, das er aber nicht abgeschlossen hat. Mit energischer Unterstützung von Th. Frings wurde er 1931 a.o. Prof. für nordische Philologie an der Univ. Leipzig. Hier vertrat er die Nordistik vor allem auch auf dem Gebiet der neuskandinavi­schen Literatur, neben seinem zeitweiligen Hauptarbeitsgebiet, den Runen. Zu diesen verfaßte er 1936 eine einführende Darstellung,[2] die in Anlehnung vor allem an Arntz recht geschickt mit zahlreichen Beispielen einen Einblick in die Runenproblematik gibt und so seine im Vorwort dargelegte Mo­tivation (»Liebe zum germanischen Altertum«) vermittelt. Die kri­tische Stoßrichtung gegen die damals modische germanentümelnde »Sinnbildforschung« wird in seinem Beitrag »Schrift« in H. Schneider (Hg.), »Germanische Altertumskunde«[3] noch deutlicher: sorgfältig ist zu trennen die Al­phabet-Schrift (mit der lautlichen Umsetzung der Zeichen), als welche er die Runen eindeutig auf die norditalischen epigraphi­schen Schriften zurückführt, von dem Gebrauch dieser Schrift, bei den Runen verbreitet magische Praktiken, die er in seinem Einführungsband in extenso illustriert.

Er etablierte sich als Altgermanist auch auf weiteren Gebieten. So arbeitete er bei A. Hübner 1933-1936 am »Deutschen Wörterbuch« mit.[4] Systematisch betrieb er vor allem auch wortgeschicht­lich-etymologische Forschungen, wobei er über das Germanische hin­aus sich mit dem Keltischen und Slawischen befaßte und so auch bei den idg. etymologischen Wörterbüchern mitarbeitete, zunächst bei Walde, später bei Pokorny (s. dessen Vorwort zum Bd. 2 seines »In­dogermanischen Etymologischen Wörterbuchs«).[5] Neben einer umfangreichen Rezensionstätigkeit in der germanischen Philologie publizierte er Übungstexte zum Altnordischen, daneben auch Übersetzungen altisländischer Sögur (eine solche erschien auch noch 1940).

Wie bei der Runenproblematik offensichtlich, war ein Konflikt mit der germanentümelnden Fraktion der NS-Kulturpolitik programmiert, den R. vor allem auch in seinen Lehrveranstaltungen zur »nordi­schen« Literatur zu spüren bekam. In seiner politischen Hal­tung war er offensichtlich ein Gegner des politischen Regimes, obwohl sein Name auch auf opportunistischen Erklärungen auftaucht[6] (im Herbst 1934 tritt er im übrigen aus der protestantischen Kirche aus). Je­denfalls machte er bei den geforderten antisemitischen Ausgrenzun­gen nicht mit und führte weiterhin als »jüdisch« stigmatisierte Quellen in seiner Lehre an. 1935 beteiligte er sich an einer Protestaktion gegen die Entlassung von B. Landsberger.[7]

Die daraus für ihn resultierenden Schwierigkeiten gingen zusammen mit einer persönlichen Verbitterung darüber, daß es ihm (trotz Un­terstützung von Frings) nicht möglich war, eine materielle Verbes­serung seiner Situation zu erlangen, wo er bis zuletzt nach der untersten Gehaltsstufe besoldet wurde. 1937 bekam er die Genehmi­gung zu einer mehrmonatigen Forschungsreise nach Skandinavien. Von Dänemark aus beantragte er am 29.9.1937 seine Entlassung, weil er es für unmöglich ansah, weiterhin in der Lehre seine »von den offiziellen und offiziösen Meinungen und Richtlinien abweichende wissenschaftliche Überzeugung [zu] vertreten«, und er sich wei­gerte, sich zu einer anderen »Betrachtungsweise und Wertung zwin­gen« zu lassen. Dem Antrag wurde zum 1.1.1937 stattgegeben (Nach­folger wurde Hans Kuhn).[8] Nach Angaben seiner späteren (zweiten) Ehefrau sollen später wiederholt Versuche unternommen worden sein, R. wieder nach Deutschland zurückzuholen, die er aber trotz damit verbundener materieller Vorteile abgelehnt habe (ein R. betreffen­der Aktenvorgang von 1944 im Univ. Archiv Leipzig re­gistriert ne­ben R.s wissenschaftlicher Bedeutung auch, »lehnt das 3. Reich ab«).

1937 ging R. nach Schweden, wo er 1938 an der Univ. Göte­borg Deutsch und nordische Philologie unter­richtete (ohne feste Stelle). Im gleichen Jahr migrierte er, nach ei­nem vergebli­chen Versuch, eine Stelle in England zu finden, weiter in die USA, wo er bis 1947 an der Univ. Minnesota lehrte (zunächst als Gastprofessor); zugleich war er aktiv in Hilfskomitees für deutsche Flüchtlinge. 1939 er­hielt er dort eine Professorenstelle für deutsche und skandinavi­sche Philologie. 1942 führte er Russisch-Kurse für die US-Armee durch und vertrat in Minnesota auch die russi­sche Philolo­gie in Verbindung mit einer Änderung seiner Denomination in »Linguistics and comparative Philology«. 1944 wurde er eingebürgert. 1947 ging er als Professor für germanische Sprachen und Literaturen nach Yale, wo er später die germanische und auch die mediävistische Abteilung leitete. Sein wissenschaftlicher Status in der US-amerikanischen Sprachwissenschaft wird nicht zuletzt daran deutlich, daß er (mit B. Bloch, F. Edgerton und A. Götze) Mit-Herausgeber der William Dwight Whitney Linguistic Series war.[9] 1957/1958 hatte er eine Gastprofessur an der Univ. Marburg.

Q: LdS: temporary; BHE; Personalakte im Univ. Archiv Leipzig (in Auszügen von J. Erfurt, damals Leipzig, mitgeteilt); Angaben der Witwe von K. R. im IfZ, München; IGL.



[1] U.a. von de Boor, in Idg. F. 48/1920: 324. S. auch die Würdigung von R. durch H. Kuhn in der FS für R. (hg. von Chr. Gellinek) Bern: Francke 1969, S. 63-72.

[2] »Runen­kunde«, Jena: Diederichs.

[3] 1938, Repr. München: Beck 1951: 431-459.

[4] Bd. IV/1/6 und X/4 – ohne daß die späteren Hg. das allerdings im Vorwort vermerken!, s. aber den Überblick im 1971 erschienen Quellenverzeichnis S. 1074-1078.

[5] Bern: Francke 1951: 1.

[6] Bei den Leipziger Unter­zeichnern des »Bekenntnis deutscher Professoren zu Adolf Hitler« im Herbst 1933 (neben Frings). Das verweist aber wohl nur auf die dubiosen Umstände, unter denen diese Erklärung zustande kam bzw. publiziert wurde, siehe hier auch bei Schücking.

[7] S. Müller 1979: 84.

[8] Zu diesem Vorgang s. auch Grüttner/Kinas: 181.

[9] U.a. 1951 bei der Neuausgabe von Sturtevants vergleichender Hethitischer Grammatik.

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, 15. Juli 2013 um 08:41 Uhr