Rechnitz, Wilhelm Lorenz

Geb. 24.10.1899 in Cottbus, gest. 14.2.1979 in Brisbane/Austr.

 

Studium der klassischen Philologie in Berlin, 1925 mit der Promotion abgeschlossen. Die Dissertation »Studien zu Salvius Julianus«[1] ist eine formale Stilanalyse mit dem Schwerpunkt bei der metrischen Form, auf deren Grundlage er auch den Originaltext von späteren Zusätzen zu trennen versucht. Die Arbeit ist an E. Norden orientiert und von diesem wohl auch betreut worden. Eduard Fraenkel hat sie einer vernichtenden Kritik unterzogen.[2] Danach Ausbildung zum Bibliothekar (1930 Examen) und als solcher an der Staatsbibliothek Leipzig beschäftigt. 1931-1935 betreute er eine Editionsreihe der klass. Philologie »Bibliotheca Philologica Classica« (3 Bde. erschienen). In dieser Zeit war er auch literarisch tätig: adaptierte u.a. altgriech. Theaterstücke für die Aufführung, beschäftigte sich auch mit Hörspielen u. dgl. mehr.[3] 1934 Emigration nach England, wo er zum Anglikanismus konvertierte (Beitritt zur Church of England) und dann in kirchlichen Einrichtungen als Lehrer tätig war (zunächst in Cumberland, dann in London). 1940 wurde er als enemy alien interniert und nach Australien deportiert. Nach der Entlassung aus dem Lager war er von 1943-1952 wieder in kirchlichen Einrichtungen tätig (Schulen und Bibliotheken). Religiöses Engagement, zugleich auch tätig in jüdisch-christlichen Organisationen. 1954 wurde er vom Bischof der Diözese Carpentaria zum Priester geweiht. Seitdem war er als solcher im Norden von Queensland tätig, seit 1956 vor allem in der Inselgruppe Torres Strait (Nordspitze von Queensland).

R. bemühte sich dort um eine Seelsorge und den Elementarunterricht in den indigenen Muttersprachen, insbes. Miriam (Meriam), eine Papua-Sprache, aber in Nordaustralien gesprochen, und Mabuiag (Kala Lagaw Ya), eine australische Sprache. Mit Hilfe von Einheimischen übersetzte er Meß- bzw. Gesangbücher in diese Sprachen (z.B. »Opalera Wetpur« in Miriam, 1961) und laß auch die Messe in Miriam. Als Mitherausgeber der Zeitschrift Milla wa- Milla (The Australian Bulletin of Comparative Religion) publizierte er über unterschiedliche Probleme der muttersprachlichen Seelsorge, so insbes. »Language and Languages in the Torres Strait Islands«,[4] mit einem Überblick über seine Aktivitäten, »Assimilation, Emancipation, Redemption«[5] mit einem Plädoyer für zweisprachige Erziehung (be­merkenswerterweise verweist er auf die Emanzipation der europäi­schen Juden als Vorbild!), »The Torres Strait Mind«[6] mit einigen Hinweisen auf die in die Sprache eingeschriebenen For­men des tradierten Weltbildes. Diese Aufsätze zeigen allerdings zumeist mehr den Prediger, der seine guten Wilden lobt, als den Wissenschaftler. In einer späteren Arbeit »Translation, Sacred and Secular«[7] analysiert er aber sehr genau mit konkreten Beispielen das Übersetzungsproblem in den noch nicht verschrifteten Eingeborenen- Sprachen: er verweist darauf, daß ggf. eine erläuternde Paraphrase angebracht ist – diese Sprachen zu respektieren heißt notwendig, sie so auszubauen (bes. in der Orthographie), daß selb­ständige Übersetzungen möglich werden, die auch konnotative Abstu­fungen der Vorlagen replizieren. In der australischen Sprachwissenschaft scheint er keine Rolle zu spielen bzw. unbekannt zu sein.[8]

Der Nachlaß liegt in der State Library of Queensland (http://www.slq.qld.gov.au/straithome/exhibitions/slqgallery/rechnitz abgerufen am 21. Jun 2013).

Q: BHE; IfZ; Sternfeld/Tiedemann; Moses in der Einleitung zu den von ihm hg. Schriften (FN 3).



[1] Weimar: Böhlau 1925.

[2] Zuerst in: Savigny-Z. 47/1927: 397-414, repr. in E. Fraenkel: »Kleine Schriften II«, Rom: Edizioni di Storia e Letteratura 1964: 491- 514.

[3] Einige dieser frühen literarischen Arbeiten sind postum ediert worden von J. A.Moses (Hg.), »W. L. R.: Altphilologe und Priester«, St. Lucia (Queensland, Australien): Broughton Press 1992.

[4] Bd. 1/1961: 45-54.

[5] Bd. 4/1964: 35-47.

[6] Bd. 7/1967: 41-48.

[7] Bd. 10/1969: 39-45.

[8] Keiner der von mir darauf angesprochenen Kollegen, die zu den australischen Sprachen arbeiten, kannte auch nur seinen Namen.