Rauhut, Ignaz Bernhard Franz

Geb. 2.10.1898 in Frankenthal, gest. 1.3.1988 in Würzburg.

 

Nach dem Abitur 1917 zunächst Militärdienst, dann ab 1918 Studium der Romanistik, Germanistik und Geschichte in Würzburg, 1925 mit der Promotion abgeschlossen. 1921 legte er die Lehramtsprüfung ab und war danach Lehrer in Würzburg bis zu seiner Habilitation 1930 in München, nach der er dort als Dozent der Romanistik lehrte.

Die Dissertation »Die Stellung Mallarmés in der französischen Lyrik«[1] hat zwar ausdrücklich eine stilanalytische Zielsetzung, ist aber i. S. einer einfühlenden Sprachkritik verfaßt, mit dem Nachweis der Vermeidung von »Clichés«, der Abgrenzung gegenüber der »rationalisierten«, »logischen« Sprache, die den Autor zur »Vergewaltigung der Syntax« nötigt u. dgl., ohne eine sonderliche sprachwissenschaftliche Kontrolle.

R.s hauptsächliches Arbeitsgebiet war die moderne Dichtung in Frankreich und Italien (auch auf die Iberoromania ausgedehnt), zu dem er Monographien zu ein­zelnen Autoren, insbes. aber auch Textanthologien vorgelegt hat, v.a. eher »schwierige« Autoren: Paul Valéry (in seiner Habilitationsschrift 1930), Nerval, später dann v.a. auch aus der italienischen Literatur: Pirandello. Er gab Anthologien zur Lyrik heraus und kommentierte schwierige Einzeltexte. In diesem Zusammenhang hat er auch sprachliche Analysen vorgelegt, in Ver­bindung mit textphilologischen Einzelproblemen bes. bei gelegent­lich behandelten Texten der »Älteren Abteilung«, systematisch aber auch zur sprachlichen Form der neueren Dichtung: zu Fragen der sprachlichen Alte­rität gegenüber der Standardsprache, so bes. im Bereich des Ita­lienischen; metrischen Fragen in Verbindung mit allgemeinen Pro­blemen der Prosodie u. dgl. Vor allem bei den Arbeiten zum Italienischen spielt die dialektale Form eine besondere Rolle, so bei Pirandello, zu dem er seit 1937 eine ganze Reihe von Arbeiten vorgelegt hat.[2] Hierher gehört auch seine Beschäftigung mit der sizilianischen »Volksdichtung«, zu der er auch Texte edierte.[3]

R.s Arbeiten sind im weiteren Sinn der Vossler-Schule zuzurechnen.[4] Im Sinne dieses Pro­gramms ist Sprachanalyse für ihn Stilanalyse und Sprachkritik, die sich nur instrumentell formaler Verfahren bedient (wiederholt be­zieht er sich bei dieser Arbeit auf Anregungen von Leo Jordan). Noch 1948 publizierte er eine Replik auf Vosslers Positivis­muskritik, »Die Fachausdrücke der Sprachwissenschaft mit beson­derer Berücksichtigung der romanischen Philologie«,[5] die positivistisch-naturwissenschaftliche Denkfiguren in der sprachwissenschaftlichen Terminologie nachzeichnet (vor allem ge­gen biologistische Metaphern gerichtet); die Vossler-»Schule« zeigt sich im übrigen auch hier daran, daß R. selbst nicht frei von der Neigung zu Hypostasierungen ist, wenn er »primitive« und »hochkultivierte« Sprachen (nicht Sprecher!) gegenüberstellt (z.B. S. 202 u.ö.). Am explizitesten hat er die Sprachkritik in ei­nem Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung durchgeführt: »›Der Volksgenosse muß erfaßt, ausgerichtet, gleichgeschaltet und einge­setzt werden.‹ Ein sprachpsychologischer Versuch«,[6] in dem er den Faschismus (und den Kommunismus) als Moment einer Entwicklung der Massen-Zivilisation in den »mechanisierenden« Sprachformen zu fassen versucht. In diesem Feld hat er auch begriffsgeschichtliche Studien durchgeführt, in die später auch implizit die Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit eingeschrieben ist, so in der Auseinandersetzung mit dem Begriffspaar Kultur/Zivilisation in »Giambattista Vicos Kultur im ideologisch-linguistischen Kontrast«.[7]

In methodischer Hinsicht sind einige Studien sprachwissenschaftlicher, in denen er wohl auch versuchte, sein »vollromanistisches« Profil unter Beweis zu stellen, was damals eben auch einen sprachwissenschaftlichen Nachweis verlangte. Das gilt insbesondere für seinen Habilitationsvortrag »Probleme der Onomatopöie«,[8] in dem er in der Tradition neuer sprachwis­senschaftlicher Reflexion (Winteler, Jespersen u.a. sind die zi­tierten Autoritäten) ikonische Elemente der Sprache als durch de­ren Struktur artikuliert bestimmt (auch wenn extensiv periphere Ausdrucksformen genutzt werden). Wie er es relativ detailliert am Wortfeld bruire, bruit ... vorführt, zeigt die Wortgeschichte mehr Einflüsse konnotativ verknüpfter Formen auf der einen Seite, for­maler Integrationszwänge auf der anderen Seite als naturhafte Spiegelungen – gerade auch in diesem Bereich zeigt sich für ihn Sprachge­schichte als »Geistesgeschichte« (S.137) und nicht als Naturge­schichte.

Auch in anderen Arbeiten zu Fragen der sprachlichen Form geht er solchen direkten Deutungen nach, z.B. »Zum Problem der Geruchsempfindungen und Synästhesien in der französischen Literatur«.[9] Ansonsten bewegt er sich im Fahrwasser der Vossler-Schule und bemüht die dort üblichen Stereotypen, z.B. in: »Das Futurum exactum als Ausdruck der Vorwegnahme eines späteren Urteils«[10], wo er, v.a. auch im Anschluß an Lerch, »völkerpsychologische« Deutungen bemüht, die es ihm erlauben, beliebig Belege aus dem Altfranzösischen mit solchen aus der französischen Gegenwartsliteratur zu mixen.

I. S. der Vosslerschen Sprachsoziologie ist auch sein wortgeschichtlicher Beitrag »Die Bezeichnung der Ratio im Zeitalter der französischen Klassik in soziologischer Betrach­tung«,[11] wo er Ausdrücke im Wortfeld des Verstandes nicht nur in Hinblick auf globale zeitgenössische Positionen und sachli­che Schwierigkeiten analysiert, sondern auch zeigt, wie die sprachlich-begriffliche Differenzierung bei den Autoren vom Adressatenbezug ab­hängt (philosophisches Fachpublikum oder »mondänes«). Derartige sprachanalytische Bemühungen beschränken sich bei ihm zumeist auf eine Sammlung von (literarischen) Belegen, ausgehend von Übersetzungsproblemen, wie z.B. bei seiner Studie »Die französischen Entsprechungen der deutschen Vorsilbe ur-«.[12]

Bei diesen Arbeiten handelt es sich eher um sprachkritische Glossen, ohne Bezug zu einer methodischen Kontrolle. Das wird noch deutlicher da, wo er ungebremst seiner Phantasie folgt, wie z.B. bei der von ihm stolz als eigene Leistung herausgestellten wortgeschichtlichen Herleitung von italisch, das er, wie es ein Topos schon der älteren lateinischen Literatur war, mit vitulus »Kalb« zusammenstellt und dafür eine »totemistische« Deutung entwickelt.[13] Ernout/Meillet haben in ihrem etymologischen Wörterbuch des Lateinischen für dieses Deutungsmuster nur den lakonischen Verweis »Kalauer« (»calembour«) übrig, mit dem sie eine sekundäre volksetymologische Motivierung des Namens charakterisieren.

Die akademische Karriere von R. weist nach außen keinen großen Bruch auf: seit der Habilitation war er in München als Dozent der Romanistik tätig; seit 1945 amtierte er als Vertreter auf der va­kanten romanistischen Professur in Würzburg und war dann von 1947 bis zu seiner Emeritierung dort o. Professor. Allerdings war er bei den Nationalsozialisten als offen praktizierender Katholik Ziel dauernder Angriffe. 1937 wurde ihm vorübergehend aufgrund entsprechend negativer politi­scher Beurteilungen die Lehrbefugnis entzogen; er konnte dann zwar doch weiterlehren, wurde aber nicht (wie es turnusmäßig hätte er­folgen sollen) zum planmäßigen Dozenten ernannt. Insofern wird er 1936 in den Listen der »Notgemeinschaft« auch als »displaced« avi­siert (s. den in dieser Hinsicht vergleichbaren Fall des Katholi­ken Havers).[14]

Seine politische Einstellung war zumindest ambivalent, wie an seiner Studie zum Führer der französischen faschistischen Bewegung, Jacques Doriot, deutlich wird: »Doriot und seine ›Französische Volkspartei‹«.[15] Es handelt sich um eine kenntnisreiche Darstellung von Doriots Biographie, den Parteiprogrammen und auch dessen Situierung im politischen Umfeld, die aber von unverhohlener Bewunderung für diesen als Kämpfer gegen den Kommunismus und als Nationalisten, der ein Bündnis mit Deutschland anstrebt (und gegen das Diktat von Versailles ist) – aber auch als Pazifisten, der den Antisemitismus ablehnt. Die politische Konfliktlinie war bei R. offensichtlich vor allem durch seinen Katholizismus bestimmt.

Nach dem Weltkrieg kam seine politische Haltung in pazifistischen Aktivitäten zum Ausdruck, die er auch außerhalb seines engen Fachgebietes verfolgte, z.B. mit einem Katalog zu pazifistischen Filmen;[16] vor allem aber auch mit aktivem Engagement für Wehrdienstverweigerer.

Q: V; LdS: unplaced; A. San Miquel u.a. (Hgg.), »Romanische Literaturbeziehungen im 19. u. 20. Jhd.« (FS), Tübingen: Narr 1985 (Bibliographie S. xiii-xix); der Eintrag für ihn im Diz. Encicl. letter. italiana, Bd. 4 (Bari 1967) zeigt seine Wertschätzung in Italien; zu seiner Situa­tion in München, s. Seidel-Vollmann 1977: 241-242; u. Hinweise von M. Franzbach (Bremen); Nachruf von R. Schwaderer, in: Rom. F. 101/1989: 86-87; Hausmann 2000: 132ff.



[1] Maschinenschriftlich Würzburg 1924.

[2] »Pirandello e il dialetto siciliano«, in: Lingua Nostra 27/1966: 47-53 mit einer Erklärung sizilianischer Namen (»Masken«) bei diesem.

[3] »Volksdichtung in sizilianischer Mundart aus S. Alfio (Catania)«, in: Germ.-Rom. Ms. 27/1939: 435-439.

[4] Mit H. Rheinfelder gab er 1932 auch die Festschrift zu Vosslers 60. Geburtstag heraus (München: Hueber 1932), die aber bis auf Rheinfelders wortgeschichtliche Studie über »Gloria« nur literaturwissenschaftliche Beiträge enthält, von R. über eine spanische Renaissance-Novelle.

[5] In: R. Brummer (Hg.), »Romanica« (FS F. Neubert), Berlin: Stundenglas, S. 185-207.

[6] In: »Ein Leben aus freier Mitte« (FS U. Noack), Göttingen 1961: 342-351.

[7] In: W. Pöckl (Hg.), »Europäische Mehrsprachigkeit« (FS M. Wandruszka), Tübingen: Niemeyer 1981: 275-283. In diesem Text findet sich durchgehend eine (positive) Auseinandersetzung mit Auerbachs Vico-Übersetzung.

[8] In: Volkstum u. Kultur d. Ro­manen 1/1928: 113-139.

[9] In: Germ.-Rom. MS 14/1926: 454-455.

[10] In: G. Reichenkron (Hg.), »Syntactica et Stilistica« (FS E. Gamillscheg), Tübingen 1957: 421-428.

[11] In: »Interlinguistica« (FS M. Wandruszka), Tübingen: Niemeyer 1971: 270-279.

[12] H. Stimm/J. Wilhelm (Hgg.), »Verba et Vocabula« (FS Gamillscheg), München: Finck 1968: 449-460.

[13] Z.B. in: »Le Origini delle parole Italia e Italiano«, in: Paideia 8/1953: 1-13.

[14] Zu den Konflikten, v.a. auch zu R.s Formen der Resistenz, siehe Hausmann 2000: 134-136.

[15] In: Z. f. Politik 28/1938: 185-195.

[16] (Mit W. Stock/G. Förster), »Filme gegen Krieg«, Gerolzhofen: Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendfilmarbeit und Medienerziehung der Jugendfilmclubs in Bayern e. V. 1977,21981.