Pulgram, Ernst

Geb. 18.9.1915 in Wien, gest. 17.8.2005 in Irland (im Urlaub).

 

Nach dem Abitur in Wien 1934 studierte er dort Romanistik und klassische Philologie, Literatur- und Sprach­wissenschaft. Sprachwissenschaftlich war sein Studium sehr breit angelegt: in der vergleichenden Sprachwissenschaft bei Kretschmer, später Havers; mit allgemein sprachwissenschaftlicher Orientierung hörte er außer E. Richter (als deren Schüler er sich fühlte, s. seinen Nachruf auf sie) auch Trubetzkoy und Bühler. Der Schwerpunkt seines Studiums lag aber wohl bei der Literaturwissenschaft, wo er 1938 (bei Wurzbach[1]) promovierte. Die nicht mehr zugängliche Dissertation behan­delte die Rolle des französischen Theaters in Lessings Hamburger Dramaturgie.

P. war als Schüler in einer sozialdemokratischen Organisation und wurde deswegen von der Gestapo 1938 einem Verhör unterzogen. Daraufhin emigrierte er noch im Juli/August 1938 unter dem Druck der politischen Eska­lation in Wien, ohne den förmlichen Ab­schluß des Promotionsverfahrens ab­zuwarten[2] (die Promotionsurkunde wurde ihm erst nach dem Krieg ausgehändigt, unter Anrechnung seiner späteren Promotion in Harvard – er hatte in Wien das Rigorosum nicht mehr abgelegt). Die Familie blieb in Wien zu­rück.[3] Seine Ausreise gestaltete sich schwierig: über München, Italien und die Schweiz, wo er zunächst Asyl erhielt und in Zürich ein Semester in der Romanistik hören konnte. Im April 1939 emigrierte er unter großen Schwierigkeiten über Frankreich weiter in die USA (mit Unterstützung der Quäker, die Ver­wandte vermittelten). Zunächst hatte er zwei Jahre lang ver­schiedene Jobs als Arbeiter in Atlanta (Georgia) – zum Überleben und zum Englischler­nen. Nach dem Kriegseintritt der USA wurde er zum Mili­tär eingezogen und leistete den Dienst im Pazifik. Ende 1943 wurde er nach einer Krankheit entlassen. Mit der Sonderregelung für Kriegsveteranen wurde er mit einem Stipendium zum Studium zugelas­sen, ohne die bis dahin für ihn unüberwindlichen ökonomischen Hür­den.

Seit dem Frühjahr 1944 studierte er in Harvard, jetzt rein philolo­gisch mit sprachwissenschaft­lichem Schwerpunkt (auf dem Gebiet der klassischen und romanischen Sprachen, vor allem bei Whatmough[4]). Sein Studium schloß er im Sommer 1946 mit dem Ph.D. ab (zur Disser­tation: »The theory of na­mes«, s.u.). Während des Studiums wie nach dessen Abschluß war er Lehrer für Franzö­sisch und Deutsch in einem kleinen College in Schenectady (im Nor­den von New York). Persönliche Kontakte zum Lin­guistenkreis in New York hatte er nicht, er orientierte sich vielmehr an der Lin­guistic Society of America, deren jährliche Linguistic Institutes, damals in Ann Arbor, er regelmäßig besuchte; hier lernte er zum er­sten Mal syste­matisch den US-amerikanischen Strukturalismus ken­nen.

1948 erhielt er in Ann Arbor eine Stelle als Assistenz-Pro­fessor für Romanistik, wo er bis zur Emeritierung 1986 blieb (1956 wurde er full professor); mit einem Bein war er auch in dem dort beste­henden Interdepart­ment Program für Linguistik (zu seinen Kollegen dort gehörten u.a. auch Penzl und Politzer). In diesem Umfeld ar­beitete er sich systematisch in die strukturelle Sprachwissenschaft ein. Seine Kurse hielt er teilweise bei den klassi­schen Philologen, z.T. bei den Romanisten ab – aber nach eigenen Worten immer als Arbeit an Texten (und praktisch nur im Graduate-Be­reich). So oft es mög­lich war (Forschungsfreijahre, Beurlaubun­gen für Gastveranstaltun­gen u. dgl.), unternahm er Studienaufent­halte in Italien und übernahm auch zahlrei­che Gastprofessuren, auch in Österreich (1977 und 1983) und der BRD (1970, 1972, 1975).

In Ann Arbor baute er (zusammen mit L. B. Kiddle) sy­stematisch ein Institut für Romani­stik auf, das den traditionell weiten Rahmen der Disziplin, von den italischen Vorstufen bis zu den einzelnen romanischen Sprachen (einschl. etwa auch Katalanisch oder Rumänisch) umfaßt; Ab­schlußarbeiten hatten offensichtlich eine dominant sprachwissenschaftliche Ausrichtung (s. den Band mit Arbeiten von Absolventen des Instituts: E. Pulgram (Hg.), »Ro­manitas. Stu­dies in Romance Linguistics«).[5] Ein Schwerpunkt war die sprachpraktische Ausbildung, für die er früh ein Sprachlabor installierte.

Die methodische Rigorosität von P.s Arbeiten weist ihn als deskriptiven Strukturalisten aus, der von seinem Forschungsgegen­stand wie den Problemstellungen zugleich in der vorstrukturalen Tradition der Klassischen Philologie wie der Romanischen Sprach­wissenschaft zuhause war – wobei er sein Verständnis von der Einheit von lateinisch-italischer und romanischer Sprachwissenschaft seinem Lehrer Whatmough verdankt. Von Anfang an artikulierte er sich theoretisch ambitioniert, wie schon sein selbstbewußter Beitrag mit Bemerkungen zum Verhältnis von Morphologie und Syntax auf dem 6. Intern. Linguistenkongreß in Paris 1948 zeigt.[6]

In seinem breitgefächerten Werk nimmt der namenkundliche Komplex, dem seine Dissertation 1946 gegolten hat, eine Sonderstellung ein. Die Dissertation » The theory of names« wollte er später als Erstlingsarbeit nicht mehr gelten lassen. Sie markiert seine damalige biographische Konstellation recht deutlich, gerade auch in den emphatisch vorgetragenen allgemeinen Teilen, die er vielleicht auch nicht zufällig erst später in Deutschland veröffentlichte. In der US-Szene avisierte er sich mit den materialen Teilen dieser Arbeit: bei der Linguistic Society of America mit einer vergleichenden Studie zur sozialen Schichtung der Namensgebung in den ie. Sprachen, wobei er die bis dahin vor allem in der deutschen Forschung favorisierte Rückprojektion von Namenskomposita (Friede-rich, Hadu-brand usw.) als Anachronismus bestimmt, der eine spätere, aristokratische Praxis spiegelt.[7]

Parallel publizierte er den lateinisch-italischen Teil, der für seinen Betreuer Whatmough wohl den Kern der Dissertation ausgemacht haben dürfte, bei den Klassischen Philologen: »The Origin of the Latin nomen gentilicium.[8] Auch hier betont er wieder die soziale Stratifikation der Namensgebung, wobei er die in Rom zuerst auftretenden (gesetzlich verpflichteten) erblichen Familiennamen (im Gegensatz zu personengebundenen Beinamen) auf eine kulturelle Symbiose der etruskischen und der voretruskischen italischen Kultur zurückführt, die aber erst unter den gesellschaftlichen Bedingungen Roms fest geworden sind.

Die theoretisch ambitionierteren allgemeinen Teile veröffentlichte er später auf deutsch bzw. in Deutschland: zuerst »Historisch-soziologische Betrachtung des modernen Familiennamens«,[9] danach »The theory of names«.[10] Emphatisch betont er dort die Möglichkeit, mit namenkundlichen Forschungen »zur Erkenntnis der Universalität des Menschtums und zum Verständnis des Menschseins bei[zu]tragen«[11] – was auch den etwas rhapsodischen Umgang mit heterogenen Materialien erklärt, der sich in seinen späteren Arbeiten nicht mehr findet.

P. geht es hier um eine Sprachtheorie. Seine Autoritäten sind Europäer im empha­tischen Sinne wie Husserl (1954: 188), Bühler (1954: 180) und vor allem Bréal – vor dieser Folie setzte er sich extensiv vor allem mit Bloomfield auseinander, den er (kritisch) zitiert. In Abgrenzung zum US-amerikanischen Strukturalismus ging es ihm um die Bestimmung des Eigennamens als eine fundamentale an­thropologische Funktion in der Sprache – weshalb er ausgiebig völ­kerkundliches Material und literarische Beispiele anführt (vor allem aus der deutschen Lite­ratur!). Die Kategorie der Eigennamen ist für ihn universal und liegt insofern quer zu den sprachspezifischen Formklassen – inso­fern geht er (für eine sprachwissenschaftliche Dissertation!) recht kavaliersmäßig mit den sprach(-stadien-)spezifischen Wort­bildungsproblemen bei Namen um und verweist auf die fließenden Grenzen zwischen Eigennamen und Appellativa. Es ist sicher auch kein Zufall, daß er die Plausibilität seiner universal gemeinten Skizze der Namensgebung aus dem anschaulichen Fall der staatlichen Durchdringung/Erfassung in Deutschland/Österreich im 19. Jahrhun­dert nimmt: die administrative Namenszuweisung für Waldbauern – und Juden (S. 162ff.).

In Ann Arbor hatte er nach eigenem Bekunden optimale Arbeitsbedingungen erhalten, angefangen bei der ihm kongenialen Denomination seiner Professur (romanische Sprachwissenschaft und Klassische Philologie), deren Bandbreite sich auch in seinen Publikationen spiegelt. Italien bildet dabei seinen Arbeitsschwerpunkt, wo er auch regelmäßig seine Forschungssemester verbrachte. Synoptisch deutlich wird sein Arbeitsfeld bei seinem später vorgelegten Handbuch »The Tongues of Italy«:[12] ein umfang­reiches Kompendium zur sprachlich-kulturellen Entwicklung in Ita­lien von vorhistorischer Zeit bis zu den gegen­wärtigen Dialekten, wobei das Etruskische ebenso Berücksichtigung findet wie die Spra­chen der germanischen Invasoren. Treten bei diesem Versuch, »to correlate [the] linguistic with [the] non-lin­guistic components« der Ent­wicklung (Vorwort), systematische Be­trachtungen zu den sprachlichen Verhältnissen gegenüber dem son­stigen »cultural baggage of so­ciety« in der Darstellung eher zu­rück, so finden sich formale Analysen an anderer Stelle, so ins­bes. bei dem auf das Aufdec­ken der methodologischen Implikationen der Analyseprobleme abgestellten Studi­enbuch »Italic, Latin, Italian. 600 B.C. to A.D. 1260. Texts and Com­mentaries«[13] – allerdings auch hier mit bewußtem Verzicht auf die damals üblichen »structural sketches«.

Mit methodologischen Problemen der Rekonstruktion hat er sich wie­derholt in Aufsätzen befaßt (s. z.B. »Proto-indo-european reality and reconstruction«;[14] »The nature and use of proto-languages«;[15] vgl. zu zentralen Begriffen wie Verbreitung, Diffusion, Wandel, Entlehnung u.a. auch »On prehistoric linguistic expansion« in der Jakobson-FS).[16] Gerade weil er sich in der philologischen Tradition mit der Heterogenität sprachlicher Verhältnisse befaßte, wendete er sich ge­gen einen naiven Realismus, der in den Extrapola­tionen einer ver­gleichenden Rekonstruktion »Ursprachen« sehen will (und davon u.U. noch soziokulturelle Extrapolationen höherer Stufe ableitet). Die doppelte Frontstellung dieser Argumentation ist deutlich: auf der einen Seite gegen die fundamentalistische Posi­tion vor allem in der Indogermanistik, deren politische (rassisti­sche) Implikationen für ihn schicksalhaft wurden (sein o.g. Buch »Tongues of Italy« enthält ein Kapitel zum Rassentopos in der Sprachgeschichte, in dem die politischen Folgerungen angesprochen werden, Kap. 7, S. 71-88) – auf der anderen Seite gegen den strukturali­stischen Formalis­mus, der aus dem Blick verliert, was mit Sprache eigentlich thematisiert wird; s. in diesem Sinne etwa seine lo­bende Rezension zur Neuauf­lage von von Wartburgs »Ausgliederung« (1950),[17] bei dessen Sub- und Super­stratargumentation er das Fehlen rassi­stischer Implikationen her­vorhebt (S. 191) wie den »humanistic view of language« (S. 192) gegen­über strukturalistischer l'art pour l'art.

Die methodologische Skepsis hat sich bei ihm im Laufe der Jahre noch verstärkt: wo er z.B. in seinem Buch von 1958 noch eine Interpretation sizilischer Inschriften als italisches Sikulisch akzeptierte (S. 176-177), sieht er zwanzig Jahre später keine Ba­sis mehr für eine solche Zu­versicht (1978: 71); s. auch seine entsprechende Kritik an R. A. Halls »External History of the Romance Languages« (1934), der dort immerhin in vielem schon P.s Ansichten gefolgt war.[18] Gegen die in den letzten Jahren in Mode gekommenen Makrorekonstruktionen, vor allem da, wo sie nicht als methodologische Extrapolation, sondern historisch realistisch verstanden werden, hat er immer wieder heftig, gelegentlich auch polemisch, Stellung genommen, so z.B. mit einer Kritik an der »nostratischen« Rekonstruktion (s. hier bei Menges) in: »Proto-languages in Prehistory: Reality and Reconstruction«.[19]

Ein weiteres Forschungsfeld war bei ihm die Phonetik/Phonologie. Wie seine Wiener Lehrerin Elise Richter hatte P. ein positives Verhältnis zur expe­rimentellen (apparativen) Phonetik, wie vor allem seine innerhalb der Sprachwissenschaft frühe »Introduction to the Spectogra­phy of Speech«[20] zeigt, die auf seine Studien mit dem Phonetiker Peterson in Ann Arbor zurückgeht. Insofern kann bei ihm die methodische Auseinandersetzung mit phonetisch-phonolo­gischen Analysen als Folie für die Untersuchungen überlie­ferter historischer Texte nicht überraschen, s. etwa seine Arbei­ten »Syl­lable, Word, Nexus, Cursus«[21] und »Latin-Ro­mance Phonology: Prosodics and Metrics«,[22] die in diesem Sinne Kategorien der antiken Rhetorik und Grammatik bzw. der traditionellen Textphilologie (Metrik) reinterpretieren und gegen die Verkürzung der Perspektive in der distri­butionellen Phono­logie angehen (mit der systematischen Nutzung von »weichen« Kate­gorien wie Silbe, Wort u. dgl., die in der »operatio­nalistischen« US-amerikanischen Phonologie verpönt waren). Vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen der nicht-linearen Phonologie erscheinen diese Arbeiten ausgesprochen aktuell, da sie anders als das letztlich der alphabetschriftlichen Gewohnheit geschuldete Vorgehen, komplexe Strukturen »synthetisch« aus der segmentalen Artikulation zu entwickeln, die analytischen Kategorien von oben nach unten entwickeln, von den komplexen prosodischen Einheiten zur silbischen und dann zur segmentalen Artikulation. Diesen Analyseansatz macht er auch für die Rekonstruktion der romanischen Entwicklungen produktiv und kritisiert in diesem Sinne Halls unreflektierten, theoretisch unkon­trollierten Gebrauch silbischer Begriffe in seiner Rezension von dessen »Proto-Romance Phonology« (1976).[23]

In Auseinandersetzung mit der Schultradition der Lateingrammatik rekonstruierte er die prosodischen Verhältnisse im Lateinischen in der Spannung zwischen den Entwicklungen im gesprochenen Latein gegenüber dessen gelehrter Ausrichtung am Modell der griechischen Metrik. Zumindest in der klassischen Zeit hatte das Latein eine quantitative Struktur, wobei der lexikalische Akzent ein Epiphänomen war, das bei einer rhythmischen Diktion unterdrückt werden konnte, in rustikaler Form so z.B. auch im saturnischen Vers. Dem stand das griechische Modell gegenüber, das den Akzent an quantitative Strukturen band, was es erforderte, daß auch die Positionslänge durch einen künstlichen langen Vokal artikuliert werden mußte (wobei die phonologischen Kontraste durch die qualitativen Differenzen im Vokalismus gewahrt werden konnten). Detailliert hat er diese Entwicklungen in dem genannten Buch von 1970 rekonstruiert. Pointiert hat er sie später noch einmal aufgenommen und den Gegensatz der isosyllabischen Struktur des Lateinischen (bewahrt in den romanischen Sprachen) im Vergleich zu den akzentdominanten (isotonischen) Strukturen der germanischen Sprachen herausgearbeitet, die zumindest in der jüngeren Entwicklung die Quantitäten nicht phonologisieren, s. »Latin-romance metrics: A linguistic view«.[24]

Gegenstück zu dieser Modellierung ist seine systematische Beschäftigung mit Fragen von Schrift und Orthographie, die er in gleicher Weise methodisch (struktural) reanalysiert, so in einer ganzen Reihe von Aufsätzen, u.a. »Phoneme and Grapheme: A Parallel«;[25] »Graphic and Phonic Systems: Figurae and Signs«.[26] Explizit an europäischen Traditionen an­schließend (Bühler, Prager Linguisten wie Vachek, aber auch Hjelms­lev u.a.) trennte er konsequent eine genetische Betrachtungs­weise des Zusammenhangs von geschriebener und gesprochener Spra­che und ihrer Systeme (ebenso wie eine Bewertung dieser Systeme etwa in pädagogischer Perspektive) von einer systematischen (funk­tionalistischen) Analyse.

In der strukturalen Tradition blieb allerdings auch für ihn die kommunikative Sichtweise der Schrift axiomatisch; insofern erweist er in seinen ausgesprochen klar argumentierenden Aufsätzen zwar die Abhängigkeit der »Figuren« (und ihrer Konfigurationen) des graphischen Systems von dem phoneti­schen, blieb aber doch im Horizont seiner Betrachtung der Schrift auf eine der Phonologie analoge grammatische Ebene be­schränkt (»höhere« grammatische Strukturen, die die meisten Ortho­graphien wie etwa die englische oder deutsche maßgeblich bestim­men, fallen dabei heraus): Orthographie ist allein der konservati­ven Tradition der Überlieferung gezollt; insofern diese für P. aber nicht zur Disposition steht, wendet er sich eindeu­tig gegen phonographische Reformbestrebungen.

Der theoretische Gewinn einer in diesem Sinne stringenten Reflexion auf das Ver­hältnis von geschriebener und ge­sprochener Sprache er­weist sich vor allem bei den diachronen Arbeiten. So stellt er etwa in der ge­nannten »Latin-Romance Phonology« gegenüber der traditio­nellen »naiven phonologischen« Interpreta­tion der Überlieferung die re­lative Autonomie der Schriftsprache heraus, mit den in der römischen »Klassik« dominanten hybri­den Hellenisierungen der gram­matisch-metrischen Ideale gegenüber der parallel dazu früh sich entwickelnden dialektalen Differenzie­rung der gesprochenen Spra­che, wie sie sich mit der »romanischen« Überlieferung später dann verfestigt dokumentiert. Diese methodisch reflektierte Position wird nicht zuletzt auch daran sinnfällig, daß er die in der Romanistik immer noch übliche Redeweise vom Vulgärlatein als später Vorstufe der romanischen Sprachen durch den synchron zu analysierenden Gegensatz von gesprochenem vs. geschriebenem Latein ersetzte.

Was seine Arbeiten mit den kulturwissen­schaftlichen Orientierungen der vorstrukturalen Sprachwissen­schaft verbindet, ist die komplementär zur methodologischen Model­lierung der Forschungsgegenstände vorangetriebene Reflexion auf die »methodenexternen« Bedingungen. Dabei dient bes. der Stilbegriff als Scharnier, s. etwa seinen pro­grammatischen Artikel »French /ə/: Statics and Dynamics of Lingui­stic Subcodes«,[27] der, wie erst in den jüngsten sprachsoziologischen Arbeiten üblich geworden, über die sozial definierte unterschiedliche Bewertung sprachlicher Va­rianten diese in ein grammatisches System aufseiten der Spre­cher/Hörer integriert – gegen den deskriptiven Agnostizismus der Konstatierung »freier Variation« oder auch »koexistierender Sy­steme«. Im gleichen Sinne behandelt er auch in »A sociolinguistic view of innovation: -ly and -wise«[28] die Dynamik adverbialer Bildungen in Hinblick auf Sprachbewertungssysteme. In diesen explorierenden Beiträgen versucht er, die nur »diachrone« Erweite­rung der struk­turalen Analyse in Richtung auf eine historische Sprachwissen­schaft zu überwinden.

P. ist immer sehr streitbar aufgetreten – gerade auch gegenüber den »aggressiven« deskriptiven US-Linguisten, gegenüber denen er als naturalisierter Weltkriegsveteran keine Skrupel zu haben brauchte. Sein mit Vorliebe beharkter Kollege ist R. A. Hall Jr&., dessen Werk er seit 1952 mit bissigen Rezensionen begleitet (zum ersten Mal habe ich bei ihm 1976 in General Linguistics 16/1976: 25 anerkennende Worte für Hall gefunden – als Einleitung zur Bekräftigung seiner früheren Kritik). 1952 führte er am Beispiel von Hall die theoretische und politische Naivität der herrschenden Deskriptivisten vor, deren intoleranter Dogmatismus dadurch umso drastischer deutlich wurde (»Don't Leave Your Language Alone«).[29] In der Sache differenzierte er gegen Hall zwi­schen der Unvereinbarkeit von strukturaler (immanenter) Beschrei­bung und zwangsläufig wertender Analyse der gesellschaftlichen Be­dingungen der Sprachpraxis: mit deskriptiven Methoden sind die Probleme der Sprachkritik (nicht zuletzt in pädagogischer Perspektive) nicht zu erschlagen. Während er mit den gängigen Schimpfwörtern des US-amerika­nischen Demokratiebewußtseins kokettiert (z.B. seine eigene Hal­tung als »aristokratisch« bezeichnet), ist ihm vor dem Hintergrund der jüngsten europäischen Erfahrungen die naiv-gläubige Symptomku­riererei der US-amerikanischen Gesellschaft unerträglich, die re­alen Rassismus und reale soziale Diskriminierung unangetastet läßt (s. S. 430).

Schon bei seiner Dissertation (1946) zeigte sich ein bestimmender Zug aller seiner Veröffentlichungen: das durchge­hende Bemühen um stilisti­sche Eleganz und das Bonmot bzw. das ge­suchte Wort (mit Vorliebe spießt er sprachliche Schludrigkeiten in Besprechungen auf).[30] Das war sicherlich auch eine Form, europäische Identi­tät im sich eher formal-streng stilisierenden Umfeld der US-De­skriptivisten zu markieren. Er selbst würde dieser Analyse aller­dings nicht zustimmen; aber noch seine autobiogra­phisch geprägte Festansprache (»Pulgram's Progress«)[31] auf dem 6. Kongreß der (von ihm mitbegründeten) Linguistic Association of Canada and the United States (LACUS) ist durchzogen von exemplifizierenden Beispielen seiner mehr (schriftlich) oder weniger (mündlich) großen Virtuosi­tät im Englischen (s. bes. S. 9). In seiner Selbsteinschätzung gab es für ihn keine Zugehörigkeit zur Gruppe der Immigranten, sondern nur eine US-Ge­sellschaft, in der allein das Individuum zählte – in der er Non­konformist sein konnte. P.s Argumentationsweise weist deutlich Bezüge zu den »Non­konformisten« auf (wobei er auch polemische Seitenhiebe nicht scheut, so etwa in dem genannten Artikel); so zeigt sich auch eine Loyalität zu seinen Schicksalskollegen, deren Werke er in Rezen­sionen begleitet (auch bei entlegeneren Bereichen wie etwa zu Wagners sardischem etymologischen Wörterbuch, bei dem er etwa die Verdienste der Wörter und Sachen-Tradition rühmt),[32] wie diese umgekehrt an seiner Fest­schrift beteiligt sind (s.u.).

Auf diese Weise hat er es ge­schafft, seine Arbeitsweise den methodisch-theoretischen Anforde­rungen der US-amerikanischen scientific community anzupas­sen – und so, wenn auch abgeschirmt durch sein»"philologisches« Arbeitsge­biet, zu den erfolgreichen Immigranten zu gehören. Für seine Inte­gration in die dortige scientific community sprechen u.a. seine Aktivitäten in der Linguistic Society of America, seine Grün­dungstätigkeit und Präsidentschaft (1977-1979) der Linguistic Asso­ciation of Canada and the United States sowie umfangreiche Akti­vitäten auf internationalen Fachtagungen; charakteristisch ist vielleicht auch die Streuung seiner zahlreichen Aufsätze und Re­zensionen: hier stehen (bis Ende 1986) 27 Beiträge in Language sieben in Word gegenüber. Seinen fachlichen Stellenwert unterstreicht die Festschrift (1980), wo trotz thematischer Eingrenzung Beiträge von Romanisten bis zu In­dogermanisten vertreten sind, der Observanz nach vergleichbare Nonkonformisten (Kahane, Malkiel...), aber auch europäische (Martinet) wie »hartgesottene« US-Strukturalisten (z.B. R. A. Hall). Eine Auswahl seiner »Kleinen Schriften« ist zugänglich als »E. P.: Practicing Linguist. Essays on Language and Languages, 1950-1985«.[33]

P. ist vielleicht der offensivste Europäer unter den US-Emi­granten: anders als Spitzer argumentierte er nicht vom Ressentiment her, sondern zeigte auf einem methodischen Niveau die Begrenztheit bzw. theoretische Unbedarftheit von wissenschaftlichen Strömungen, die versuchen, gewissermaßen aus der Fachgeschichte herauszusprin­gen. Er war methodisch offen und praktizierte souverän die In­strumente der strukturalen Entwicklung: auf dieser Ebene ließ er auch die jüngsten Entwicklungen zu einer formalen Modellierung bei der sprachlichen Beschreibung gelten (s. seine ausführliche Kritik an Chomsky bzw. der Generativen Grammatik).[34] In der Tradition von Husserl und Bühler aber kritisierte er scharf jede Form der Materialentgleisung, die metho­disch-technische Konstrukte mit realistischen Ansprüchen außer­sprachwissenschaftlicher Art befrachtet und damit de facto die Möglichkeiten zu empirischem Forschungsfortschritt dogmatisch be­schränkt: so bei den deskriptiv-strukturalistischen Homogenitäts­annahmen nicht anders als bei dem Realismus in der vergleichenden Rekonstruktion oder dem Kognitivismus der generativen Grammatiker; das biographische Trauma wird deutlich, wenn er den latenten Terrorismus und Rassismus dogma­tischer Positionen stigmatisiert.[35] Daß er sich dabei nicht einfach auf eine europäisch-deutsche Position zurückgezogen hat (wie es bei Spitzer der Fall war), zeigt seine vielleicht noch schärfere Kritik eben die­ser Tradition, wie sie im Deutschland der Nachkriegszeit konser­viert wurde, ohne mehr als oberflächliche Retouchen und ohne Aus­einandersetzung mit den methodologischen Weiterentwicklungen, s. etwa seinen Verriß von Güntert/Scherers »Grundfragen« (²1956) – 1957 auf englisch (!) in Kratylos 2/1957: 89-90.

Von dieser Position aus erklärt sich auch sein in den letzten Jahren immer deutlicher dokumentiertes fachgeschichtliches Interesse, angefangen bei seinen autobiographischen Arbeiten (außer den schon genannten, s. hier bei Q) oder auch seine Beiträge zum Personalschrifttum, in Würdigungen, in Zeitschriften oder z.B. seine Artikel in Stammerjohann (1996). Dazu gehörte auch seine ausgedehnte Rezensionstätigkeit, nicht zuletzt deutschsprachiger Arbeiten, die er dabei immer auch fachgeschichtlich einordnete. Bei P. wird gerade in dieser Hinsicht deutlich, was die deutschsprachige Nachkriegssprachwissenschaft negativ charakterisiert: das Fehlen einer solchen kritischen Position, die die methodischen Instrumente der neueren Entwicklung mit den Traditionen der europäischen (deutschen) Sprachwissenschaft vermittelt.

Q: »... quem legis ut noris...«, in: E. F. K. Koerner (Hg.) 1998: 161-185; H. J. Izzo (Hg.), »Italic and Romance. Linguistic Stu­dies in Honor of Ernst Pulgram«[36] (Bibliographie bis 1980 in der Festschrift, S. IX-XVII); vollständige Bibliographie von E. Pulgram brieflich. Nachrufe: G. Sard, in: The University Record Online (Univ. of Michigan) v. 17.10.2005; St. Dworkin, in: Rom. F. 118/2006:61-64. Interview mit P. 1985, und weitere Hinweise und persönliche Materialien von P.

 



[1] Wolfgang von Wurzbach (1879-1957). 1906/1907 habilitiert für romanische Literaturgeschichte an der Universität Wien, seit 1921 dort a.o. Prof. für Romanistik. 1938 entlassen, 1946 wieder als o. Prof. eingestellt.

[2] P. war auch von der rassistischen Verfolgung bedroht, hat diesen Gesichtspunkt aber in seiner Selbstdarstellung nie herausgestellt. Er repräsentiert damit die große Gruppe derer, für die die Zuschreibung rassi(sti)scher Attribute eine Stigmatisierung darstellt.

[3] Der Bruder stu­dierte damals in England, wo er zeitweilig in­terniert war; später emigrierte auch er in die USA.

[4] Joshua Whatmough (1897-1964), zunächst als Latinist an englischen Universitäten tätig, seit 1926 in den USA. Professur für vergl. Sprachwissenschaft an der Harvard University.

[5] Ann Ar­bor: Univ. Michigan Press 1984 – Festschrift für L. B. Kiddle.

[6] In den »Actes« des Kongresses (Paris: Klincksieck 1949): 481-483.

[7] »Indo-european personal names«, in: Lg. 23/1947: 189-206.

[8] In: Harvard Studies in Classical Ph. 58-59/1948: 163-187 – hier dankt er auch explizit Whatmough für die redaktionelle Hilfe.

[9] In: Beitr. Namensf. 2/1950: 132-165.

[10] In: Beitr. Namensf. 5/1954: 149-196 (zugleich auch als Monographie 1954 in Berkeley gedruckt).

[11] In: Beitr. Namensf. 2/1951: 154.

[12] Cambridge/Mass.: Harvard UP 1958.

[13] Heidelberg: Winter 1978.

[14] In: Lg. 35/1959: 421-426.

[15] In: Lingua 10/1961: 18-37.

[16] »For Roman Jakob­son«, Den Haag: Mouton 1956: 411-417 – der FS zu Jakobsons 60. Geburtstag.

[17] In: Lg. 27/1951: 188-192.

[18] In: General Linguistics 16/1976: 24-28.

[19] In: Language Sciences 17/1995: 223-239.

[20] Den Haag: Mouton 1959.

[21] Den Haag: Mouton 1970.

[22] München: Fink 1974.

[23] In: General Linguistics 17/1977: 160-171.

[24] In: Hildegard L. C. Tristram (Hg.), »Metrik und Medienwechsel«, Tübingen: Narr 1991: 53-80.

[25] In: Word 7/1951: 15-20.

[26] In: Word 21/1965: 208-224.

[27] In: Lingua 10/1961: 305-325.

[28] In: Word 24/1968 (= Fest­schrift Martinet): 380-391.

[29] In: Quarterly J. Speech 38/1952: 423-430.

[30] Z.B. bei seinem Gegenspieler R. Hall, ebd.

[31] In: 6th LACUS-Forum, Columbia, S. C.: Lacus 1980: 3-17.

[32] S. Lg. 36/1960: 419-421, bes. 420.

[33] 2 Bde., Heidelberg: Winter 1986-1988.

[34] In: Mod. Lang. J. 55/1971: 474-480.

[35] S. z.B. gegen Hall in: Mod. Lg. Quart. 38/1952: 427.

[36] Amsterdam: Benjamins 1980.