Pollak, Hans Wolfgang

Geb. 1885 in Wien, gest. April 1976 in Perth/Australien.

 

Nach dem Abitur begann P. zunächst ein Medizinstudium in Wien, wechselte dann zur Philosophischen Fakultät, wo er laut Vita Sprachwissenschaft studierte (»Vorlesungen sprachwissenschaftlichen Inhaltes«), mit dem Schwerpunkt in der Skandinavistik und Indogermanistik. Während des Studiums konvertierte er vom Judentum zur katholischen Konfession. 1908 (nach 5 Semestern Fachstudium!) promovierte er in Wien mit einer Dissertation über die Nominalkomposition im Altnordischen.[1] Der Betreuer Much würdigt sie in seinem Gutachten als eine kenntnisreiche Vorarbeit für eine noch ausstehende systematische Untersuchung.

Nach der Promotion war er in Wien mit dem Aufbau des Phonogramm-Archivs der österreichischen Akademie der Wissenschaften befaßt.[2] Hier führte er Untersuchungen zur deutschen Intonation durch, die bewußt sprachwissenschaftlich-funktional angelegt waren und nach der syntaktischen Verankerung der prosodischen Strukturen und einer entsprechenden Interpretation der apparativ angefertigten Aufzeichnungen suchten, s. »Phonetische Untersuchungen I. Zur Schlußkadenz im deutschen Aussagesatz«;[3] »II. Akzent und Aktionsart«.[4] Er trennt bemerkenswert klar die prosodische Markierung von syntaktischen Strukturen (heute würden wir sagen: Parsing-Hilfen für den Hörer) von satzsemantisch zu interpretierenden Konturen. So werden diese Arbeiten denn auch in der neueren Forschung positiv wieder aufgenommen.[5] Bei einem Teil der Aufnahmen diente ihm H. Sperber als Informant, der auch mit ihm dort in anderer Hinsicht zusammenarbeitete, u.a. bei dem Versuch, die Sievers'sche Schallanalyse instrumentell zu verifizieren.[6]

1910 hatte er den Forschungsauftrag, Dialektaufnahmen in Schweden durchzuführen; zu den praktischen Problemen aufgrund der aufwendigen und für die Informanten befremdlichen Apparatur, s. seinen Reisebericht.[7] Transkriptionen mit Erläuterungen, vor allem auch zu den Korrespondenzen zwischen dialektalen und hochsprachlichen Formen, die er orthographisch notiert, hat er später publiziert: »Proben schwedischer Sprache und Mundart«.[8] An diesen Transkriptionen und Auswertungen hatte eine große Anzahl schwedischer Fachkollegen mitgearbeitet, und so erschien 1929 auch eine schwedische Ausgabe (in Stockholm).

Seine engen Bindungen an Schweden versuchte er in einem Spagat seiner Lebensführung aufrechtzuhalten: in Wien behielt er eine Teilzeitstelle an der Akademie (von 1915-1926); von 1916-1918 war er Lektor für Deutsch an der Universität Lund. In Wien unterrichtete an verschiedenen Gymnasien, von 1920-1926 mit einer festen Stelle für Deutsch und Latein. 1926-1934 nahm er dann wieder die Lektorenstelle in Lund wahr, bis er 1934 wieder nach Wien zurückkehrte, um wieder am Gymnasium zu unterrichten. 1938 wurde er aus rassistischen Gründen entlassen.

P. betrieb in Wien zunächst Phonetik in einem umfassenden Sinne, wie sein Referat zu Noreens »Vårt Språk« zeigt,[9] das er in Wien gehalten hatte, bevor er Lektor in Lund wurde. Dort verschob sich dann sein Arbeitsschwerpunkt. Seit dieser Zeit bemühte er sich auch darum, die skandinavische Sprachwissenschaft nach Deutschland zu vermitteln. Bereits vor seinem Weggang nach Schweden hatte er begonnen, Noreens »Vårt Språk« als allgemein sprachwissenschaftliches Grundlagenwerk für das deutsche Publikum zu bearbeiten. Eine Auswahl daraus mit einer Überarbeitung der Beispiele für das Deutsche erschien 1923,[10] später übersetzte er Thomsens Darstellung der Sprachwissenschaft.[11]

In seiner Lunder Zeit arbeitete er mit einer Reihe von schwedischen Fachkollegen enger zusammen, publizierte zum Schwedischen und auch zum Deutschen. Entsprechend seinem Lehrauftrag bearbeitete er auch literarische und landeskundliche Gegenstände, wie z.B. ein gemeinsam mit A. Lindqvist erstelltes Lesebuch zeigt: »Deutsche Vergangenheit und Gegenwart 1770-1930. Gestalten – Ideen – Werke«,[12] das neben historischen und biographischen Erläuterungen auch sprachliche Anmerkungen zu den Texten bietet, die veraltete Formen, schwierige syntaktische Konstruktionen und Wortbildungen erläutern. Bemerkenswert daran ist der ausgesprochen pragmatische Zuschnitt der Textauswahl, die von literarischen Texten über solchen aus der Politik und der Wissenschaft (auch naturwissenschaftliche fachsprachliche Texte) bis hin zu privaten Texten, z.B. Soldatenbriefen aus dem Ersten Weltkrieg, reicht.

Im Zentrum seiner Arbeit stand aber weiterhin die Sprachwissenschaft, wobei die Verbalkategorien einen Schwerpunkt bildeten. Eine Analyse zum Gegenwartsschwedischen bot er in »Zur Frage der Aktionsarten des Verbums«.[13] Für die darauf bezogene heutige Diskussion sind vor allem seine Analysen distributioneller Beschränkungen der Verbformen bzw. die Analyse ihrer Kombination mit adverbialen Ausdrücken von Interesse, wobei er semantische Funktionen (Aspekt/Aktionsart) mit der Analyse von Diathese verknüpft, s. »Über Aktionsarten und Modi bei fast und beinahe«.[14] Daneben stehen weiterhin Arbeiten zum Altgermanischen, z.B. seine auf eine ausführliche Textauswertung gestützte Analyse »Über den Gebrauch der Tempora in Ares Íslendingabóc«.[15]

Die Probleme von Aspekt und Aktionsarten hatten ihn offensichtlich von Anfang an beschäftigt, s.o. schon zu seinen phonetischen Untersuchungen II (1919). Ausgesprochen deskriptiv geht er diesen Fragen methodisch kontrolliert nach, so z.B. zu den prosodischen Filtern für die morphologische Formenbildung in: »Zur Verwendung der Vorsilbe ge- im Partizipium Perfekti«.[16] Ein weiterer durchgängiger Untersuchungsgegenstand sind die infiniten Formen. Eine ausführliche Analyse hat er zu Bildungen wie er hat viel zu tun unternommen, die in der zeitgenössischen Forschung teils als Gerundium, teils als Gerundivum analysiert wurden. Er rekonstruiert die Entwicklung von syntaktischen Konstruktionen mit einem Verbalnomen zu grammatikalisierten Konstruktionen, dabei auch die Konkurrenzformen des substantivierten Infinitivs und anderer Bildungen (das Bezahlen und die Bezahlung u. dgl.).[17]

Recht bemerkenswert ist, daß er seine Untersuchung zum gegenwärtigen Gebrauch auf eine Umfrage unter »gebildeten« Personen in allen Teilen des deutschen Sprachgebiets stützt (s. Teil II: 25). In einer seiner letzten Arbeiten ist er auf diesen Gegenstand wieder zurückgekommen: »Zum Gebrauch des substantivierten Infinitivs des Deutschen«[18] – auf der Basis einer systematischen Exzerption infinitiver Formen in Goethes Faust. Allerdings nimmt er dort die neuere Diskussion dazu nicht mehr auf.[19] Relativ marginal sind dagegen Studien mit ganz anderen Themen, wie z.B. eine soziolinguistische Untersuchung, die er gemeinsam mit E. Låftman verfaßt hat: »Du oder Sie in der jetzigen deutschen Sprache und Verwandtes«[20] – bemerkenswert auch hier der Versuch, die Analyse der Höflichkeitsformen in der Gegenwart auf eine empirische Umfrage zu stützen (neben den ausgewerteten literarischen Belegen für die historische Entwicklung).

Systematisch hat er in dieser Zeit auch altgermanische Themen weiter behandelt, vor allen Dingen im syntaktischen Feld. Dazu gehört, im Ausgang von seiner Dissertation, auch eine Rekonstruktion des Artikelsystems (insbesondere des skandinavischen enklitischen bestimmten Artikels): »Zur Stellung des Attributs im Urgermanischen«.[21] Dazu gehören auch Arbeiten zum Gotischen, die er gewissermaßen sein Leben lang fortführte, vor allem zu seinem Arbeitsschwerpunkt im Bereich der Verbalkategorien: »Zur Wiedergabe des griechischen Perfekts im Gotischen«,[22] mit einer systematischen Diskussion der Übersetzungsproblematik der gotischen Belege in Hinblick auf die griechische Vorlage. In der Argumentation distanziert er sich recht vorsichtig von Streitberg, hält aber grundsätzlich mit diesem daran fest, daß das Präfix ga- Aspektmarkierungen ausdrücken kann (im Kontext allerdings überschrieben werden kann). Diese Arbeit findet eine Fortsetzung in: »Zu den Funktionen des gotischen Präteritums«.[23] Gewissermaßen als Zusammenfassung seiner verschiedenen Arbeiten in diesem Feld hat er später den Versuch unternommen, ein systematisches Begriffssystem vorzulegen, das syntaktische Konstruktionsbedeutungen von grammatikalisierten Formen auf der einen Seite, lexikalischen Bedeutungen auf der anderen Seite unterscheidet: »Problematisches in der Lehre von Aktionsarten und Aspekt«.[24]

Durchgehend seit seinen frühesten Arbeiten findet sich bei ihm das Bemühen um eine allgemein-sprachwissenschaftliche Analyse. So diskutiert er ausgehend von seiner Dissertation das grammatische Begriffssystem von Brugmann (mit Rückgriff auf Noreen) in: »Zur exozentrischen Komposition«.[25] Später hat er dann in seinem australischen Umfeld einen ambitionierten zeichentheoretischen Versuch unternommen, das System grammatischer Kategorien, insbesondere der Wortklassen, zu begründen: »Are there word-classes in language from the point of view of function in meaning?«.[26] Diese sprachwissenschaftliche Orientierung verband er mit einer sprachdidaktischen Zielsetzung, indem er dafür plädierte, den Sprachunterricht durch eine kontrollierte sprachwissenschaftliche Begrifflichkeit anzuleiten. Auch hier operierte er vorzugsweise mit Argumentationen aus seiner Dissertation: »Zur Frage der Definition und Entstehung von Kompositis«,[27] dann systematisch »Sprachwissenschaft und Sprachunterricht«[28] (entsprechend einem Vortrag, den er als Lektor in Lund gehalten hat). In diesem Sinne bearbeitete er auch in Österreich Schulbücher für das Gymnasium, so z.B. die 9. Auflage von Tumlirz »Deutsche Sprachlehre für Mittelschulen«.[29]

Nach seiner Entlassung in Wien konnte er 1939 mit seiner australischen Frau, die er 1926 geheiratet hatte, nach Australien auswandern.[30] Dort hatte er zunächst eine Teilzeitstelle als Lektor für Deutsch an der Universität Melbourne, später dann an der Universität Western Australia in Perth, wo er 1949 eine Professur hatte. 1944 hatte er sich einbürgern lassen. In Perth fungierte er seitdem als Direktor der deutschen Abteilung und war in dieser Funktion gezwungen, das Fach in seiner ganzen Breite zu vertreten, also insbesondere auch den literarischen Bereich.

Darauf geht es wohl zurück, daß er in den letzten Jahren auch Textausgaben für den Unterricht erstellte, mit einem Schwerpunkt bei der Gegenwartsliteratur, und sich auch literaturwissenschaftlich betätigte, z.B. mit einer reichlich affirmativen Darstellung der »Klassikerlektüre«, die moderne Rezeptionsprobleme vollständig ausblendet: »Was Schiller uns heute bedeuten kann«.[31] Diese konservative Behandlung des Gegenstandes kontrastiert bemerkenswert mit seinen entsprechenden Arbeiten in der schwedischen Zeit.[32] Gelegentlich bearbeitete er auch Texte aus dem mittelhochdeutschen Kanon: »Zu Hartmans reiner maget«.[33] Schließlich hat er in dieser Funktion auch eine Reihe von Überblicksartikeln für das australische Publikum verfaßt, wobei er die Germanistik in weitem Sinne, also mit Einschluß der Skandinavistik, darstellt: s. »The Study of Germanic languages in Australian universities«[34] sowie auch landeskundliche Beiträge vor allem zur Skandinavistik, z.B. »Danish and Norwegian education«.[35]

Q: V (in der Promotionsakte, Wien); C. Kootznetzoff, »Bibliographical Essay on German Studies in Australia«, Sydney: Sydney UP 1969; G. C. Bolton, in: Australian Dictionary of Biography (http://adb.anu.edu.au/biography/pollak-hans-11441 abgerufen am 17. Juni 2013); Hinweise von M. Clyne, Melbourne; Universitätsarchiv Wien (Mitteilung K. Mühlberger 15.10.2002).



[1] Die Dissertation ist wohl nicht gedruckt worden. Sie war mir nicht zugänglich: nach der Personalakte wurde sie ihm im Jahre 1908 zur Vorbereitung des Druckes ausgehändigt.

[2] S. seine Berichte dazu in: Germ.-rom. Ms. 6/1914: 257-269 und in: Theutonista 1-2/1924-1925: 231-233. Er war u.a. auch mit der Bearbeitung afrikanistischer Aufnahmen befaßt, s. C. Gütl, »Jenseits von Afrika«, in: Forschungsmagazin der Österr. Akad. d. Wissensch. 11/2012: 18-21 (http://www.oeaw.ac.at/shared/news/2012/pdf/Thema_11_2012.pdf abgerufen am 17. Juni 2013).

[3] Wien: Hölder 1911.

[4] Wien: Hölder 1919.

[5] Ein Beispiel: H.V. Isačenko/ H. J. Schädlich: »Untersuchung über die deutsche Satzintonation«, Berlin (DDR): Akademie 1966 (= Studia Grammatica V).

[6] S.o. Germ.-rom. Ms. 6/1914: 257-269.

[7] In: Anzeiger der Philos.-Hist. Kl. der AdW Wien 11/1911: 72-77.

[8] Wien: Hölder 1913.

[9] In: Die neueren Sprachen 25/1915: 424-446.

[10] Adolf A. Noreen, »Die wissenschaftliche Betrachtung der Sprache«, Halle/S.: Niemeyer 1923 (Nachdruck Hildesheim: Olms 1975).

[11] V. Thomsen, »Geschichte der Sprachwissenschaft bis zum Ausgang des 19. Jhd.«, Halle/S.: Niemeyer 1927 (Nachdruck: Bern usw.: Lang 1979).

[12] Stockholm: Norstedt 1930.

[13] In: Moderna Språk 15/1921: 175-182 – der Aufsatz ist datiert in Wien 1921!

[14] In: Moderna Språk 28/1934: 65-74.

[15] In: Arkiv Nordisk Filologi 46/1929: 171-187. Auszüge daraus auch als »Zum Gebrauch des Präteritums im Altisländischen«, in: Festschrift Axel Kock, Lund: Gleerup 1929: 257-262.

[16] In: Moderna Språk 11/1917: 215-218.

[17] In: Zum Gebrauch des Infinitivs im Deutschen I, in: Moderna Språk 17/1923: 89-99, II in 18/1924: 21-34.

[18] In: Deutschunterricht für Ausländer 17/1967: 1-10.

[19] Insbesondere nicht das grundlegende Werk von G. Bech, »Studien über das deutsche Verbum infinitum«, 2 Bde., Kopenhagen: Munksgaard 1955-1957. Da Bech keine Sekundärliteratur diskutiert, ist allerdings auch unklar, wieweit er wiederum P.s Arbeiten aufgenommen hat.

[20] In: Moderna Språk 22/1928: 81-93.

[21] In: Idg. F. 30/1912: 283-302 – Nachträge ebd. 390-392.

[22] In: Studia neophilologica 2/1929: 1-27.

[23] In: Beiträge Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (Tübingen) 86/1964: 25-61. S. auch seine Rezension von Hempel »Gotisches Elementarbuch« (2. A. 195), in: Studia neophilologica 31/1960: 333-336.

[24] In: Z. dt. Ph. 86/1967: 397-420.

[25] In: Idg. F. 30/1912: 55-64.

[26] In: A. D. Ross (Hg.), »Report of the point of the 26th meeting of ANZAAS«, Perth 1947: 230-235.

[27] In: Z. österr. Gymnasien 59/1908: 1059-1064.

[28] In: Germ.-rom. Ms. 16/1928: 177-185.

[29] Wien: Hölder u.a. 1927. Ein weiteres Lehrbuch für Hauptschulen, das er zusammen mit Karl Linke redigierte, war mir nicht zugänglich.

[30] Ihr Vater war einer der höchsten Richter in Australien.

[31] In: Moderna Språk 52/1959: 381-394.

[32] Es wäre interessant zu untersuchen, wieweit das (auch) dem australischen akademischen Milieu geschuldet war.

[33] In: Germ.-rom. Ms. NF 16/1966: 207-208.

[34] In: Austr. J. Higher Education 3/1967: 4-7.

[35] In: Austr. J. Higher Education 1/1963: 49-57.