Politzer, Robert L.

Geb. 21.3.1921 in Wien, gest. 26.1.1998 in Kalifornien.

 

Vor der rassistischen Verfolgung emigrierte P. 1938 nach dem Mittelschulabschluß gemeinsam mit dem älteren Bruder in die USA. Die Eltern glaubten sich sicher und sind später im Konzentrationslager umgekommen (P. hat sie nie wieder gesehen). Seine weitere Ausbildung absolvierte er mit Unterstützung von Verwandten in den USA. 1943-1945 leistete er seinen Militärdienst beim militärischen Geheimdienst in Italien und in Frankreich. Danach wurde er naturalisiert und konnte mit einem GI-Stipendium studieren, was er für zwei Promotionen nutzte: eine romanistische an der Columbia University und eine politologische an der New School for Social Research, beide in New York. Der mitteleuropäische biographische Hintergrund blieb für seine weitere Laufbahn und Arbeit bestimmend: nach seiner eigenen Aussage war er als Schüler beeindruckt von Karl Kraus, sein wissenschaftliches Vorbild war Meyer-Lübke.

Auch nach der Promotion blieb er in dem europäisch (von Emigranten) geprägten Milieu in New York: nach der Promotion war er zunächst Französischlektor an der Columbia Universität und parallel auch an der New School for Social Research. Fachlichen Einfluß schreibt er außer Martinet dort vor allem Uriel Weinreich zu. In diesem Spannungs­feld erklärt sich seine formale strukturale Schulung auf der einen, der Bezug zu den diachronen Fragen der Variationsanalysen auf der anderen – und die Abgrenzung von der deskriptiven US-Lingui­stik (Trager, Harris). Seiner sozialwissenschaftlichen Promotion ist seine Ausrichtung auf quantitative Verfahren zu verdanken (s. hier bei Lazarsfeld).

Seine Karriere ist in engem fachlichen Kontakt mit anderen Immigranten verlaufen. 1949-1952 unterrichtete er an der Univ. in Washington, 1952-1956 in Harvard, ab 1956 in Ann Arbor (mit engen Kontakten zu den dortigen ande­ren Wienern Pulgram und Penzl). Erst 1960 erhielt er dort die tenure. Hier orientierte er sich zunehmend an der angewandten Sprach­wissenschaft (Sprachlehrforschung), wie sie Fries, Lado u.a. betrieben. 1963 kam er (über die Vermittlung von Juilland, eines weiteren Martinet-Schülers) nach Stanford, wo er das Ausbildungs­programm »Foreign Language Teaching« (mit-)aufbaute (das heutige Center for Educational Research at Stanford [CERAS]).

Entsprechend spannt sich sein Werk von den eher traditionellen Fragestellungen der Romanischen Sprachwissenschaft (»Ausgliederung« der romani­schen Sprachen, bezogen auf das »Vulgärlatein«) bis zu struktura­len Analysen, die er vor allem als Grundlagenstudien für einen (kontrastiv betriebenen) Fremdsprachenunterricht anlegte. Der sprachliche Gegenstandsbereich geht dabei über seinen romanistischen Lehrauftrag hinaus: nicht nur arbeitete er auch zum Deutschen, sondern vor allem auch zum Englischen als Zweitsprache, bes. zur Zweisprachigkeit von US-amerikanischen Minderheiten (Black English, Spanisch der Chicanos). Sein biographischer Hintergrund als Vertriebener bestimmte wohl auch seine Praxis als Hochschullehrer, in der er über 200 Examensarbeiten (Dissertationen) betreute, dabei eine große Zahl von schwarzen bzw. Chicano-Studierenden, die z.T. auch in ihrer Biographie nicht dem gewünschten Altersprofil entsprachen – Hakuta rühmt ihn in seinem Nachruf (Q) in dieser Hinsicht als einen von denen, die die spezifischen amerikanischen akademischen Verhältnisse an den neueren Universitäten geschaffen haben.

Die traditionelle europäische Orientierung seiner sprachwissenschaftlichen Ausbildung ist bei der Dissertation deutlich. Dort hatte er aktuelle sprachso­ziologische Fragen behandelt, mit denen er an die kulturso­ziologischen Diskussionen der 20er Jahre anknüpfen konnte (»A Study of the Language of Eighth Century Lombardic Documents«).[1] Gegen die Hyposta­sierung immanenter Strukturen der »internen« Rekonstruktion (wie sie Strukturalisten in ungebro­chener Tradition der Junggrammatiker betrieben), die dann auf z.T. vorgeschichtliche Randbedingungen projiziert wurden (etwa in der im Vordergrund stehenden Substrat­frage), steht bei ihm der Ausgang von subjektiven Befunden, den Selbsteinschät­zungen und Bewertungen der Sprachpraxis, soweit sie in die Über­lieferung eingeschrieben sind.

Diese Frage war für die Verhältnisse im karolingischen Reich aufgeworfen worden, wo die kulturelle »Renaissance« expli­zite Dokumente über die Dif­ferenz von Latein und romanischer (Volks-)Sprache überliefert hat. P. zeigte durch sorgfäl­tige, statistisch kontrollierte Auswer­tungen von Texten des 7.-9. Jahrhunderts, wie auch in den anderen romanischen Regionen die fließende Adaptierung der schriftsprach­lichen Fixierungen etwa von Urkunden jetzt sprach­pflegerisch-kon­servativ unterbrochen wird und für eine inverse ei­genständige Be­schäftigung mit den (»ausgeglie­derten«) romanischen Sprachen Raum gibt, s. seine methodologische Diskussion »On the Emergence of Ro­mance from Latin«;[2] so auch das spätere Projekt im größeren Rahmen, das er gemeinsam mit sei­ner Frau durchführte: R. L. Politzer/ Frieda N. Politzer, »Romance Trends in 7th and 8th Century Latin Documents«,[3] wo in ei­ner wiederum statistisch kon­trollierten Untersuchung eines Corpus lateinischer Urkunden aus Italien die Differenzierung nach dialek­talen Reflexen der Schrift­sprache an der Variation individueller Schreiberhände kontrolliert wird (in Hinblick auf ein diagnosti­sches Raster phonologischer und morpho­logischer Merkmale der sog. La Spezia-Rimini-Linie der Ausglie­derung der Romania).

Den Hauptraum seiner (vor allem monographi­schen) Veröffentlichun­gen nehmen Fragen des Fremdsprachunterrichts ein, wozu er sowohl grundsätzliche Arbeiten (z.B. »Foreign Lan­guage Le­arning«)[4] veröf­fentlichte, wie Lehrbücher zu romanischen Spra­chen (Franzö­sisch, Spanisch), aber auch (jenseits seiner Lehrstuhl-Denomina­tion, aber seine Si­tuation als Immigrant reflektierend) zum Deut­schen. P. zeigte sich dabei als einer der produktiv­sten, aber in gewisser Hinsicht auch orthodoxeren Vertreter der Applied Lin­guistics der 60er und 70er Jahre, die auf dem kontra­stiven (strukturalen) Vergleich von Ausgangs- und Zielsprache des Fremd­sprachenunterrichts auf­baut. In der Frontstellung zum atomisti­schen traditionellen Unter­richt, der ein kumulatives Lern­konzept hat, das stückweise Ele­mente der Zielsprache memorisieren ließ, legt er das Gewicht auf den Aufbau einer »sprachwissenschaftli­chen« Haltung zum Lernen, die von dem Erwerb andersartiger struk­tureller Muster der Sprachen ausgeht (was ihn zwar gegen die Domi­nanz von Drillmethoden argu­mentieren, aber für program­mierten Unterricht aufgeschlossen sein läßt).

Als not­wendiger er­ster Schritt des Fremdsprachenler­nens ist von daher für ihn die grammati­sche Exploration der Muttersprache nötig (was in seinen Veröf­fentlichungen einen großen Raum ein­nimmt), worauf dann ziel­sprachenspezifische kontrastive Übungen aufbauen. Zwar ist bei ihm durchgehend die Rede von der Aneignung von cultural patterns, praktisch beschränkt sich der Fremdsprachenunterricht bei ihm aber auf die Kontrolle der gramma­tischen Strukturen, die die Laute ein­zelsprachspezifisch organi­sieren: der Unterricht (die Haltung des Lerners) wird explizit auf die alltäglich kommunikativ-situativen Sprechsituationen ausge­richtet – makro-kulturelle Differenzen wer­den so nicht themati­siert (außer indirekt über »Interfe­renz«probleme beim lexikali­schen Lernen). Das schließt im übrigen nicht aus, daß P. im gleichen Ansatz auch Lehr- und Lernma­terialien für den Literaturunterricht vorge­legt hat (daß eine Sprache zu lernen und sie zu lehren grundsätz­lich verschiedene Dinge sind, betont P. immer wieder – bei­dem widmet er unterschiedliche monographische Darstellungen!).

Stimmt diese Ausrichtung bei seinen Arbeiten zu der damals dominanten Applied Linguistics in den USA, zu deren führenden Vertretern er auch gerechnet wird, so sind die unterschwelligen Orientierungen durch seine Emigrantenkarriere doch deutlich. Dafür sprechen neben dem Studium und der Promotion an den New Yorker Universitäten die seit der Dissertation nahezu jährliche Publikation von Aufsätzen (vor allem zur diachronen Phonologie und Morphologie) in der von europäischen Emigranten geprägten Zeitschrift Word; hier war das intellektuelle Milieu für die kultursoziologische Fragestellung schon seiner Dissertation gegeben, als Gegenpol zur damaligen strukturalen Orthodoxie, für die zu dieser Zeit Leonard Bloomfield kultursoziologische Fragen explizit aus der strukturalen Beschreibung ausgeklammert hatte.[5]

Aus dem Rahmen der diachronen Forschungsarbeiten fällt eine Mund­artmonographie, die er auf der Basis wiederum von gemeinsamen Feldstudien mit seiner Frau (1961/1962) erstellt hat: »Beiträge zur Phonologie der Nonsberger Mundart«[6] – bei dem Emigranten P. sicher nicht zufällig eine deutsch­sprachige Veröffentlichung in der Reihe einer Universität seines Heimatlandes (als Bd. 6 der Innsbrucker »Romanica Aenipontana«). Ob­wohl von der Anlage her eine mikro-dialektologische Arbeit, die im Nonsbergtal Isoglossen durch Aufnahmen bei Informanten aus sämtli­chen Siedlungen dort ermittelt, ordnet sie sich sehr wohl in sein großes Arbeitsthema, der »Ausgliederung« der Romania, ein: hier an der Frage des Rätoromanischen, wofür auch die diachronen Pas­sagen der Arbeit stehen. P. zeigt sich in dieser Arbeit als rigoroser Deskriptivist, der sein Handwerkszeug in den USA ge­lernt hat, und der hier (noch mit der Veröffentlichung 1967!) »die neue (!) Methodik des Strukturalismus« (S. 7) in die traditionelle (bes. deutschsprachige) Romanistik einführen will – und zwar sowohl auf die Dialektologie wie auf die diachrone Forschung ge­münzt (für das letztere sind, bei einem Studenten der Columbia University nicht erstaunlich, die Arbeiten von André Martinet lei­tend, mit denen er »Systemzwänge« der Sprachentwicklung gegen den traditionellen phi­lologischen Atomismus setzt). Die Fronten er­scheinen hier schon phasenverschoben: der Deskriptivismus läßt ihn die phono­logische Interpretation dem traditionellen pho­netischen Impressio­nismus gegenüberstellen (vgl. bes. S. 27/28) und so blind sein für die gerade in diachroner Hinsicht aufschlußrei­che Analyse indivi­dueller Variation bei den Informan­ten, wie sie damals (folgenreich vor allem in den Arbeiten von La­bov) in der Dialektologie als Vor­läufer der späteren Soziolingui­stik unternom­men wurde.

Im argumentativen Duktus ist die Präsentation von Ergebnissen die­ser Untersuchung im US-amerikanischen Kontext bemerkenswert anders, in einem Beitrag zur FS für A. Martinet, die in New York erschien: »Causality and Prediction in the Diachronic Phonemics of the Val di Non«.[7] Der theoretische Bezugsrah­men ist hier explizit europäisch (Martinet, Trubetzkoy – Hinweise auf US-Autoren fehlen). P. nimmt eine Sekundäranalyse von Ettmayrs Befunden für seine Gegend zum Anlaß, mit den strukturellen Methoden der diachronen Phonologie à la Martinet die mutmaßliche weitere Entwicklung der jeweiligen Systeme zu extrapolieren und diese dann anhand seiner 63 Jahre späteren Befunde zu überprüfen – worin er mit Recht einen fruchtbaren Weg sieht, die Tragfähigkeit sprachwissenschaftlicher Erklärungsmodelle einer Überprüfung zugäng­lich zu machen (bes. S. 378). In diesem Beitrag sind jetzt auch explizit soziolinguistische Fragestellungen präsent: so zur Erklä­rung abweichender Entwicklungen durch »systemexterne« Faktoren wie der Interferenz durch die italienische Hochsprache und Nachbardialekte (Venetisch). Vor dem Hintergrund seiner traditionell-europäischen Orientierung hatte er wohl eine ausgesprochen ironische Distanz zu den modischen Neuerungen der wissenschaftlichen Szene, wozu er offensichtlich auch die generative Grammatik rechnete (s. die Hinweise im Nachruf, Q).

So bearbeitete er auch später noch den sprachhistorischen Gegenstand seiner Dissertation, gewann ihm aber im Kontext seiner späteren Arbeiten neue, jetzt zunehmend soziolinguistische Perspektiven ab. In seinem Aufsatz »Synonymic repetition in Late Latin and Romance«[8] analysierte er das verstärkte Auftreten binomischer Synonymenreihungen vom Spätlateinischen zu frühromanischen Texten als Ausdruck der sich ändernden bilingualen Situation der Adressaten, in Reaktion auf die neben den prestigehaltigen klassizistischen Terminus ein verständlicherer umgangssprachlicher gesetzt wurde. Dabei war die Einbeziehung sozialer Fakten in seinem Untersuchungsfeld bei ihm weniger eine Aufnahme der soziolinguistischen Strömungen in der neueren Sprachwissenschaft als vielmehr seinem moralischen Engagement für Minderheiten geschuldet, in dem sich seine Biographie spiegelt.

Dieses Engagement bestimmte explizit seine Forschungen der letzten Jahre zum Spracherwerb und vor allem der Sprachförderung von Minderheiten in den USA: Schwarze und insbesondere auch Chicanos (mexikanische Immigranten und ihre Kinder). Emphatisch vertrat er hier die Position, daß alle Sprachen (und auch Sprachvarianten) gleich sind, daß ihre Stigmatisierung nicht zulässig ist, sondern daß sie auch neben dem Erwerb der (englischen) Hoch- und Schriftsprache gefördert werden müssen.[9] So tritt er für einen bilingualen Unterricht ein, der die Kinder, insbesondere solche aus den Unterschichten, in ihrem Selbstwertgefühl bestätigt. Er zeigt in systematischen Untersuchungen zum Lernerfolg auf der Grundlage einer differenzierten Typologie von Interferenzfehlern, daß die Leistungen von Schülern in bilingualen Schulen keinesfalls schlechter sind als in monolingualen.[10] Parallel untersucht er auch die Rolle des Unterrichts, insbesondere den Einfluß von Spracheinstellungen auf Seiten der Lehrer auf den Schulerfolg, wobei negative Sprachbewertungen mit einem negativen Schulerfolg korrelieren (negativ eingeschätzt wird vor allem auch das Code-Switching, anders im übrigen bei den Lehrern als bei den Schülern).[11] Obwohl er an seinen strukturalen (Drill-, Immersions-)methoden festhielt, suchte er nach Möglichkeiten, diese Schüler optimaler zu fördern, indem er sorgfältig verschiedene Momente in den unterschiedlichen Lernerkategorien aus verschiedenen sozialen Milieus isolierte, insbes. was die Möglichkeit des Transfers von Fertigkeiten in einer Sprache in die andere betrifft, s. etwa: »Social class and Bilingual Educa­tion: Issues and Contradictions«.[12] Dort auch Hinweise auf weitere Ar­beiten (vor allem auch von ihm betreute Examensarbeiten) seines »Linguistic Pluralism« überschriebenen Forschungs- und Ausbil­dungsprogramms.

Q: BHE; Interview mit R. P. (H. Walther, 1986); Nachruf von K. Hakuta u.a. in: http://facultysenate.stanford.edu/archive/1998_1999/reports/106147/106200.html (Jan. 2009). M. E. McGroarty, »A tribute to Robert L. Politzer, 1921-1998«, in: Applied Linguistics 19/1998: 429-431.



[1] Diss. Columbia Univ. New York 1947, publiziert 1949.

[2] In: Word 5/1949: 126-130.

[3] Chapel Hill: Univ. North Ca­rolina Press 1953.

[4] Engle­wood Clifts. o.J.: Prentice Hall 1965, 21970.

[5] S. Bloomfields in diesem Sinne programmatischen Aufsatz 1944.

[6] Innsbruck/Bregenz: Ruß 1967. Non ist eine Region westlich von Bozen (nördlich von Trient), sprachlich zum Ladinischen gerechnet.

[7] In: Word 24/1968: 371-379.

[8] In: Lg. 37/1961: 484-487.

[9] S. sein Vorwort in D. J. Bixler-Márquez./J. Ornstein-Garcia, (Hgg.), »Chicano Speech in the Bilingual Classroom«, New York: Lang 1988.

[10] »An error analysis of the spoken English of Mexican-American Pupils in a bilingual school and a monolingual school«, in: Language Learning 23/1973: 39-61.

[11] Mit A. G. Ramírez und E. Acre-Torres, »Language Attitudes and the Achievement of Bilingual Pupils in English Language Acts«, in: J. Fishman/G. A. Keller (Hgg.), »Bilingual Education for Hispanic Students in the United States«, New York: Teachers College 1982: 269-288.

[12] In: Bilingual Education Paper Series 5/2 (Los Angeles 1981).