Poebel, Arno Max

Geb. 26.1.1881 in Eisenach, gest. 3.3.1958 in Chicago.

 

Nach dem Abitur studierte P. von 1900 bis 1904 in Heidelberg, Marburg, Zürich und Jena »Theologie und Philologie« (Vita). Mit einem US-amerikanischen Stipendium ging er Anfang 1905 nach Philadelphia, um Alt-Assyrisch (Akkadisch) zu studieren, worin er dort im Wintersemester 1905/1906 auch promovierte. Im Anschluß daran war er dort an der sprachwissenschaftlichen Auswertung einer archäologischen Expedition der Univ. Pennsylvania zum Babyloni­schen beteiligt, deren Keilschrifttexte er mit einem (vor allem namenkundlichen) Kommentar mitherausgab (»The Babylonian expedition of the University of Pennsylvania. Series A: Cuneiform texts«).[1] In Verbindung damit unternahm er einen Forschungsaufenthalt in Istanbul (Konstantinopel). Er hatte dann noch verschiedene Arbeitsaufträge, u.a. bei der Keilschriftsammlung von Pierpont-Morgan in New York, die er in seiner Vita als »private Studien« deklariert.

1910 kehrte er nach Deutschland zurück und habilitierte in Breslau mit »Die sumerischen Personennamen zur Zeit der Dynastie von Larsam und der ersten Dynastie von Babylon«.[2] In einer systematischen Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Keilschrift etabliert er dort die Eigenständigkeit des Sumerischen in dem relativ opaken Feld der Eigennamen. Die traditionell ideographischen Schreibungen der sumerischen Elemente im Akkadischen[3] hatten früher dazu geführt, diese Formen auch akkadisch (semitisch) zu lesen. Er zeigt die phonographische Basis der sumerischen Schrift auf, die allerdings bei den Schreibern eine große Variation aufweist: neben morphologisch konstanten Schreibungen stehen Versuche, auch die Sandhi-Formen zu notieren; die semitischen Schreiber versuchten z.T. auch mit hyper-sumerischen Formen ihre Bildung zu demonstrieren; und schließlich führte die lange Zeit der Überlieferung zu den Problemen konservativer Graphien. Der zweite Teil der Arbeit dokumentiert das sumerische Namenmaterial und analysiert es in Hinblick auf die Wortbildungsmuster, wobei er die Determinationsverhältnisse in den Nominalkomposita systematisch mit den prädikativen Strukturen in einer Proposition vergleicht, bei der dieselben lexikalischen Elemente benutzt werden. Seine sprachwissenschaftliche Orientierung wird vor allem da deutlich, wo er auch typologisch aufschlußreiche Korrelationen feststellt, so z.B. daß bei den charakteristischen Verhältnissen der babylonischen Sprachmischung die Matrix-Formen, also die verbalen Elemente der Prädikation, semitisch sind, während die sumerischen Elemente vor allem eingebettet als nominale Formen vorkommen (S. 15).

Mit dieser Arbeit hatte P. sich als Autorität auf dem Gebiet des Sumerischen qualifiziert, darüber hinaus aber für die Altorientalistik überhaupt. 1919 bekam er eine a.o. Professur an der Universität Rostock, in deren Rahmen er vor allem seine Arbeiten zum Sumerischen weiterführte. 1923 publizierte er seine »Grundzüge der sumerischen Grammatik«.[4] Diese Darstellung verstand er als Handbuch, das die bis dahin wenig sprachwissenschaftlich-systematischen Arbeiten zum Sumerischen auf eine geklärte Basis stellen sollte. Insofern differenzierte er auf der deskriptiven Seite die inhomogene Quellenlage: einerseits sumerische Texte, die in einer semitischen Matrix verfaßt wurden (mit Sumerisch als weiterhin praktizierter Kanzleisprache), andererseits die internen Differenzierungen im Sumerischen, dialektale Formen, aber auch diachrone Entwicklungen; darüber hinaus bemühte er sich um eine typologisch kontrollierte Darstellung i. S. einer charakterisierenden Typologie, die systematisch die Zusammenhänge zwischen der agglutinierenden Morphologie des Sumerischen und den syntaktischen Strukturen herausstellt. Seine Argumentation ist durchgängig funktional angelegt: in der Darstellung einer verkettenden Satzstruktur mit finalem Prädikat (S. 39ff.), den nominalen Ausbauformen von komplexen Sätzen: Gliedsatzkonstruktionen (S. 155ff.), Relativkonstruktionen (S. 97ff.), den Ausbau nominaler Konstituenten mit komplexen morphophonologischen Erscheinungen (S. 134ff.) u. dgl. Auch seine Darstellungen der Schriftverhältnisse ist in diesem Sinne funktional: die Entwicklung der sumerischen Orthographie sieht er gesteuert durch die Ausrichtung auf eine optimierte Lesbarkeit, die grammatische Strukturen/Konstruktionen in den Texten isolierbar machen soll.

Er betrieb diese Forschungen, mit einem umfangreichen Kollationieren der Überlieferung, offensichtlich weitgehend in einem Ein-Mann-Betrieb und gab die Grammatik denn auch im Selbstverlag über ein Subskriptionsverfahren heraus. In der gleichen Weise kündigte er dort auch noch ein Studienbuch mit Texten an, das aber wohl nicht erschienen ist. 1925 erhielt er die ordentliche Professur für semi­tische und ägyptische Sprache an der Universität Rostock, wo er das Fach in seiner ganzen Breite vertrat: Sumerisch, Akkadisch, Arabisch, Syrisch, vor allem auch altsemitische Epigraphie.

Sein Rang im Feld der Altorientalisten und nicht zuletzt wohl auch seine vielfältigen Beziehungen zu Fachkollegen in den USA brachten ihm 1929 eine Gastprofessur an der Universität in Chicago ein, wo er in der Projektgruppe des großen akkadischen Wörterbuchs mitarbeitete. Dort leitete er auch eine Babylonische Ausgrabungsexpedition. Als am 1.5.1933 seine Beurlaubung von der Universität Rostock nicht mehr verlängert und er zur Rückkehr aufgefordert wurde, verweigerte er diese aus politischen Gründen.[5] Er blieb in Chicago, wo seine Stelle in eine reguläre orientalistische Professur umgewandelt wurde; 1946 wurde er emeritiert. Den Kontakt zu der deutschen Forschung konnte er aufrecht erhalten und z.B. 1935 eine Forschungsreise nach Berlin durchführen.

In der Leitung der Projektgruppe des akkadischen Großwörterbuchs änderte er dessen Ausrichtung, die bei den vorausgehenden Planungen vorrangig auf die Wortschatzerfassung zielte. Demgegenüber insistierte er auf der Ausweitung der grammatischen Bestimmungen, über eine rein formale Annotation der exzerpierten Formen hinaus. Für die Lemmatisierung führte er das semitistische Modell eines Wurzelwörterbuchs ein. Seit 1931 fungierte er als »Scientific Editor«, nach dem Tod des früheren Herausgebers Chiera; 1933 war er der alleinige Herausgeber, bis er sich 1946 aus dem Unternehmen zurückzog. Hintergrund waren vermutlich auch Konflikte mit Gelb,[6] der nach dem Zweiten Weltkrieg die Leitung des Unternehmens übernahm und die Lemmatisierung wieder auf die Auflistung von Wortformen umstellte, die nach dem lateinischen Alphabet angeordnet waren.

Im Zusammenhang mit der Arbeit am akkadischen Wörterbuch publizierte P. eine Reihe von philologischen Studien, die insbesondere die Sicherung der Leseweisen der Inschriften betrafen, die in ihrem jeweiligen Kontext zu interpretieren sind, darüber hinaus aber zu sprachanalytischen Fragen im engeren Sinne, vor allem der Syntax. In diesen Arbeiten entwickelte er systematische interne neben vergleichend semitischen Rekonstruktionen, s. die Sammlung seiner Aufsätze: »Studies in Akkadian Grammar«[7] oder »Miscellaneous Studies«.[8] Auch hier zeigt er sich als ausgesprochener Sprachwissenschaftler, so in »The ›Schachtelsatz‹ construction of the Narâm-Sîn Text RA XVI 157f.«,[9] wo er einer Arbeit von Güterbock einen normativ verstellten Blick auf diesen Text vorhält. Während Güterbock den Text als sprachlich verunglückt kritisierte, da er nicht die von ihm erwartete hypotaktische Struktur aufweist, zeigt P., wie hier mit parataktischen Mitteln einer weitgehend asyndetischen Verknüpfung ein komplexer Schachtelsatz gebaut ist – entsprechend der typologischen Grundstruktur der Syntax der semitischen Sprachen, vor allem aber auch der Grundstruktur einer literat-artifiziell nicht stilisierten Sprachform (dabei operiert er mit Parallelen in Reminiszenzen aus seinem deutschen Heimatdialekt, S. 26, Anm.).

Nicht zuletzt durch den umfassenden Arbeitsauftrag in Verbindung mit dem Wörterbuch gehen seine Untersuchungen und späteren Publikationen über den sprachwissenschaftlichen Bereich im engeren Sinne hinaus und gelten der mesopotamischen Keilschriftkultur im umfassenden kulturgeschichtlichen Sinne. Seine Arbeiten zum Sumerischen sind im Fach nach wie vor grundlegend.[10]

Q: V (bei der Habilitationsschrift); Heidorn u.a. (Hgg.) 1969, Bd. I: 264; Nachruf in der New York Times v. 4.3.1958; Auskünfte Univ. Rostock (Frau Hartwig); Hanisch 2001: 75; E/J 2006.



[1] Philadelphia: Univ. Pennsylvania 1909, Bd. IV, 2 von ihm herausgegeben.

[2] Breslau: Fleischmann 1910.

[3] Er verwendet bewußt hier den Terminus, der sich in den zeitgenössischen mesopotamischen Quellen findet, im Gegensatz zu dem älteren und im US-Kontext bis heute üblichen Assyrisch.

[4] Rostock: Selbstverlag 1923. Der Rang dieser Arbeit ist auch heute noch unbestritten, s. etwa J. Renger: »bleibt weiterhin unentbehrlich« (in: »Der neue Pauly«, Bd. 13/1999: Sp. 102).

[5] So Heidorn, Bd. 1: 264. Nach Auskunft des Universitätsarchivs Rostock (Frau Hartwig, 20.5.2003) wurde er »auf sein Ersuchen [...] entlassen«.

[6] Zu ihm, s. im Textband Teil I, 2.1.

[7] Chicago: Chicago UP 1939.

[8] Chicago: Chicago UP 1947.

[9] In: »Misc. Studies«, 23-42.

S. z.B. die Hinweise auf ihn bei D. O. Edzard, »Sumerisch«, Leiden: Brill 2003.