Plessner, Martin

Geb. 30.12.1900 in Poznan/Posen, gest. 27.11.1973 in Jerusalem.

 

Studium an den Universitäten Ber­lin und Breslau, zugleich dort auch am Rabbinerseminar. Promotion 1925 in Breslau. Neben historischen Interessen hatte bei P. zuerst wohl die klassische Philologie im Vordergrund gestanden, die auch den Gegenstand seiner Dissertation bestimmte: »Der Oikonomikos des Neupythagoreers ›Bryson‹ und sein Einfluß auf die islamische Wissenschaft«.[1] Dort gibt er die Edition dieses Textes mit einem umfangreichen Kommentar, der vor allem auch die Quellenfrage aufarbeitet. Die Verlagerung seiner Interessen, die letztlich auch seine Pomotion bei dem Semitisten Brockelmann erklärt, war durch die Rezeption dieses Textes im vorderasiatischen Kulturraum bestimmt: so edierte er die arabischen, hebräischen und auch lateinischen Rezensionen dieses Textes mit einem entsprechenden Variantenapparat. In sprachlicher Hinsicht behandelt er vor allem lexikalische Fragen, während grammatische Analysen im engeren Sinne keine systematische Rolle spielen.

Wie schon in der Dissertation lag auch später sein Arbeitsschwerpunkt in der Islamwissenschaft bei der Wissenschaftsgeschichte, dabei vor allem den griechischen Quellen der arabischen (Natur-)Wissenschaft bzw. Medizin und deren europäischer mittelalterlicher Rezeption (in lateinischer Sprache). Von 1925-1927 war er Assistent bei Ritter, zu dem er auch später enge Kontakte aufrecht erhielt: bis zu seiner Entlassung auch durch geförderte Forschungsreisen nach Istanbul (s. hier bei Ritter). 1927-1929 war er Assistent am Forschungsinstitut für die Geschichte der Naturwissenschaften in Berlin, 1929-1930 in Bonn bei Kahle. Er habilitierte 1931 in Frankfurt in der Orientalistik mit einer historiographischen Arbeit zum Arabischen, die nicht publiziert worden ist. In diesem Feld veröffentlichte er mehrere monographische Arbeiten sowie eine Reihe von Artikeln in einschlägigen Enzyklopädien. In Frankfurt lehrte er als Privatdozent. 1933 wurde er aus rassistischen Grün­den entlassen und emigrierte nach Palästina. P. gehörte zu den wenigen Hochschullehrern, die sich damals auch republikanisch artikulierten: so hatte er 1931 auch die »Protesterklärung republikanischer und sozialistischer Hochschullehrer« im Fall Gumbel unterzeichnet.

In den Jahren bis zu seiner Vertreibung aus Deutschland hatte er auch zur Judaistik publiziert,[2] später veröffentlichte er im Anschluß daran vor allem auch zu den jüdisch-arabischen kulturellen Beziehungen. Bei seiner philologischen Beschäftigung mit arabischen Texten war es erforderlich, auch sprachliche Probleme zu behandeln. Einschlägig für die Sprachwissenschaft ist vor allem seine (in Hebräisch publizierte) arabische Grammatik, die wohl aus seiner Unterrichtstätigkeit in Haifa hervorgegangen ist, wo er von 1933-1945 als Lehrer unterrichtete. Seit 1949 war er bei der Nationalbibliothek in Jerusalem angestellt, seit 1955 als a.o. Prof. an der Hebräischen Univ. Jerusalem für arabische Sprachen und Literaturen, seit 1963 bis zur Emeritierung 1969 als ordentlicher Professor für islamische Kultur.

In den späteren Jahren hatte er die Verbindung zu seinem Herkunftsland wiedergefunden: seit 1966 war er Mitglied in verschiedenen deutschen Akademien (Berlin, Göttingen). Bereits 1956 wurde er auch wieder an der Universität Frankfurt als »Emeritus« geführt. Bemerkenswert ist, daß er dann auch wieder auf deutsch publizierte, so z.B. in seiner Rezension von Kahanes Buch »The Krater and the Grail« (1965).[3] Bei allem Lob für die sorgfältige Arbeit (von ihm hervorgehoben: die sprachwissenschaftliche Kontrolle der etymologischen Deutungen), die sich von den »orientalistischen« Phantastereien der Namensausdeutungen in der literaturwissenschaftlichen Tradition abhebt, kritisiert er dort, daß die Autoren ungenügend die spezifischen hermetischen Traditionen des Vorderen Orients von den häretischen Entwicklungen in Europa trennen. Bemerkenswerterweise moniert er auch, daß die Kahanes die spezifische deutsche Forschungstradition ungenügend berücksichtigen, die er in diesem Rezensionsartikel referiert.

Q: LdS: permanent; BHE; Kürschner 1970; Who's who in world jewry 1978; Répertoire intern. des médiévistes 1971; Walk 1988; Heuer/Wolf 1997; DBE 2005; Hanisch 2001: 73; Ellinger.

 



[1] Heidelberg: Winter 1928. Angeregt und faktisch betreut wurde die Dissertation von G. Bergsträsser, s. das Vorwort zum Druck.

[2] In den Ms. Gesch. u. Wiss. Judentums.

[3] »Orientalistische Bemerkungen zur religionsgeschichtlichen Deutung von Wolframs Parzival«, in: Medium Aevum 36/1967: 253-266.