Peters, Willy Ernst

Geb. 12.8.1886 in Brisbane/Australien, Todesdatum unbekannt.

 

P.s deutsche Eltern waren vorübergehend nach Australien ausgewandert, wo er geboren wurde und auch die Staatsbürgerschaft erhielt. 1892 kehrten sie nach Deutschland zurück, wo P. in Danzig, Stettin und Neustadt/Westpreußen zur Schule ging, zeitweise auch in Aberdeen. Dort nahm er 1904 auch das Studium auf, zunächst in den Naturwissenschaften, dann in philologischen Fächern (1907 M.A.; 1909 Honors in Modern Language). 1908-1909 dort Lektor für deutsche Sprache. 1909 ging er zum Studium der Phonetik (bei Sievers) und Psychologie (bei Wundt) nach Leipzig, dann 1910 mit einem Forschungsstipendium nach Glasgow, wo er von 1911-1913 Lektor für Phonetik am Teacher Training College war.

1913 kehrte er wieder mit einem Forschungsstipendium nach Deutschland zurück, wo er in Hamburg an der phonetischen Abteilung des Kolonialinstituts (bei Panconcelli-Calzia) und in Leipzig (bei Sievers) arbeitete. Bei Beginn des Weltkriegs ließ er sich einbürgern. 1914 erhielt er eine Stelle am phonetischen Institut in Hamburg; 1915 ging er als Lektor für Englisch nach Leipzig, wo er 1923 promovierte. Von 1923-1931 war er Dozent an der Universität Tartu (heute Dorpat, Estland), 1934-1936 an der Universität Königsberg. Hier ist er aufgenommen, weil er in den »Londoner Listen« figuriert (und z.B. nicht im Kürschner 1941).

Phonetische Veröffentlichungen seit 1913, u.a. in der Zeitschrift Vox, mit dem Schwerpunkt bei Untersuchungen zur Intonation (»Sprechmelo­die«). In dieser Zeit verbesserte er ein Verfahren zur Aufzeichnung von Tonaufnahmen (damals mit dem Grammophon) über die Luftübertra­gung auf einen Kymographen. Dazu gehörte eine Vorrichtung, die Luftschwingungen durch eine Flüssigkeitsübertragung zu registrieren (»A new and accurate method of photographing speed«),[1] sowie eine Vorrichtung zur direkten Registrierung von Grammophon-Aufnahmen (»Two methods of enlarging grammophone records«),[2] mit denen er in Aberdeen gearbeitet hatte. Panconcelli-Calzia würdigte die Techniken als wichtige Fortschritte der experimen­tellen Phonetik.[3] Das war wohl auch der Grund, warum Panconcelli-Calzia ihn 1914 an sein Hamburger Institut holte.

Seine Dissertation ist »Die Auffassung der Sprachmelodie«,[4] mit der er 1923 in Leipzig promovierte. In ei­ner breit angelegten Versuchsreihe unternimmt er es dort, auditive Gehörseindrücke bzw. deren ästhetische Wertungen und Explikationen durch die Probanden instrumentell zu überprüfen, wozu ihm sein ei­genes Aufzeichnungsverfahren dient. Insofern ist die Arbeit ein Versuch, die Positionen einer auditiven Phonetik in der Tradition etwa von E. Sievers (der explizit Fragen der Wer­tung behandelt und den Versuch gemacht hatte, die Phonetik für die philologische Textexegese zu nutzen) mit der experimentellen Richtung zu verknüpfen. P. beruft sich dort auf Wundt und bezeichnet seine Arbeit auch als »rein psychologische Untersuchung« (S. 14). Mit Sievers zusammen hat er im Sinne von dessen »Schallanalyse« auch eine Untersuchung der Abhängigkeit von Intonationsverläufen von außersprachlichen Faktoren unternommen (Reaktionen auf Störungen des Sprechers, Einfluß der Art der Präsentation des Materials in Experimenten u. dgl.): »Der Einfluß der Sievers’schen Signale und Bewegungen auf die Sprechmelodie. Experimentalphonetisch untersucht«.[5]

Von einer größeren empirischen Untersuchung, die 1926/1927 auf estnisch erschien, war mir nur eine deutsche Kurzfassung zugänglich: »Bericht über eine experimentalphonetische vergleichende Untersuchung der Estnischen Sprachmelodie«.[6] Hier vergleicht er instru­mentell erhobene Intonationsverläufe estnischer Sprecher mit ande­ren Sprachen (Finnisch, Ungarisch, Russisch, Schwedisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch) und versucht reichlich spekulativ eine »völkerkundlich-psychologische« Interpretation: er identifi­ziert zwei intonationale Grundtypen, die er »rassisch« jeweils einem östlichen und einem westlichen Typ zuordnet. Im empirischen Befund mag die Untersuchung anregend sein (etwa zum »baltischen« Deutsch, das er auf »völkischer« Grundlage interpretiert – wobei sich die Intonation als »völkische Eigenart« [S. 4] als konstant erweist). Die kruden Wertungen (der rassisch östliche Typ ist auch »weib­lich«, der westliche »männlich«, S. 10) passen die Arbeit in den damaligen rassistischen Diskurs genauso ein wie die naive Vorstel­lung einer »anthropologischen« Kontrolle seiner Befunde anhand der Reproduktion von Portraitfotos seiner Informanten (S. 16). Unter methodischen Gesichtspunkten wurde die Arbeit denn auch ver­nichtend kritisiert von P. Meriggi,[7] während ausgerechnet Ernst Lewy sie trotz aller »metaphysischer« Überfrachtung als anregend empfahl (s. seine Rezension in der Z. Völkerpsych. u. So­ziologie 5/1929: 332-333). Bibliographierbar sind noch eine Reihe weiterer derartig typologisierender Untersuchungen aus seiner Tartuer (Dorpater) Zeit, die »Menschheitstypen« anhand von Stimm­charakteristika zu identifizieren suchen (insbes. auch in Anwen­dung auf Politiker-Reden wie Wilson, Roosevelt, Taft u.a.). Ansonsten lag sein Arbeitsbereich offensichtlich vorwiegend im Bereich des Engli­schen, für das er auch ein mir nicht zugängliches »praktisches Lehrbuch« verfaßt hat.

Seine weitere Biographie nach 1936 war nicht zu recherchieren.

Q: LdS: unplaced; Hinweise von E. Wolff (Hamburg); Hausmann 2003; Auskünfte des Universitätsarchivs Leipzig (S. Muhl v. 27.2.2008).



[1] In: Vox 23/1913: 129-134.

[2] In: Vox 23/1913: 261-272.

[3] S. Panconcelli-Calzia 1941: 70; ebenso ders. 1961: 120 mit einem Beispiel aus der in Hamburg damals extensiv unter­suchten Ewe-Sprache.

[4] Leipzig: Theosophisches Verlagshaus 1924.

[5] In: Psych. Stud. 10/1918: 387-570.

[6] Hamburg: Bangert 1927.

[7] In: Idg. F. 47/1929: 78.