Perloff, Marjorie

(geb. Gabriele Mintz)

Geb. 28.9.1931 in Wien.

 

Angesichts der rassistischen Bedrohung holten Verwandte in New York P. als praktizierendes jüdisches Mädchen im März 1938 in die USA. Von 1949 bis 1965 studierte sie an verschiedenen Universitäten der Ostküste, dann an der Catholic University in Washington/D.C., wo sie 1956 den Master (in Anglistik) machte; 1965 promovierte sie (über die Metrik bei Yeats, s.u.). 1953 heiratete sie den Arzt J. K. Perloff, dessen Namen sie annahm. Von 1966 bis 1971 lehrte sie (als praktizierende Jüdin) an der katholischen Universität in Washington in der Anglistik. Von 1972 bis 1976 war sie an der Universität Maryland, Baltimore, von 1976 bis 1986 an der Universität Southern California, seit 1987 an der Universität Stanford (Denomination ihrer Stelle: Professor in Humanities); 2001 emeritiert und seitdem wieder an der Univ. Southern California tätig. In den USA ist sie eine der prominentesten Literaturwissenschaftlerinnen, die außer in der engeren Fachwissenschaft vor allem auch im Feuilleton präsent ist. Für ihren Status im Fach sprechen die zahlreichen herausgehobenen Funktionen in Fachverbänden, die Einladungen zu Vorträgen, die Herausgeberschaft in Zeitschriften u. dgl.[1]

Im Sinne der arbeitsteiligen Professionalisierung der Geisteswissenschaften gehört sie in der gegenwärtigen Konstellation nicht zur Sprachwissenschaft. Mit ihrer Arbeit repräsentiert sie aber das, was für die meisten Neuerer in der Sprachforschung der Generation vor ihr konstitutiv war: die Analyse der Sprachform da, wo sie nicht pragmatisch-kommunikativ anderen als sprachlichen Zwecken dient, sondern gewissermaßen reine Sprachpraxis ist; entsprechend redefiniert sie das Poetische (vgl. hier bei Spitzer, Vossler oder Hamburger). Bestimmend für ihre Arbeit ist die Suche nach einer methodischen Kontrolle, wobei sie selbstverständlich das Instrumentarium der deskriptiven Sprachwissenschaft nutzt (was sie von den meisten ihrer literaturwissenschaftlichen Kollegen unterscheidet).

Ihr methodischer Ansatz ist schon in der Dissertation »Rhyme and Meaning in the Poetry of Yeats« deutlich,[2] in der sie die formalen poetischen Mittel bei Yeats deskriptiv erfaßt und die Entwicklung in seinem Werk mit Hilfe einer systematischen tabellarischen Darstellung und statistischen Auswertung extrapoliert. Ihre Leitfrage nach einer Poetik der Modernen operationalisiert sie hier, indem sie Yeats‘ Umgang mit den traditionellen poetischen Formen (metrisch gebundenen Versen, Reimen) durch die gesuchte Spannung mit »approximativen« Formen aufzeigt, deren Abweichung die formale Struktur impliziert. Die strikte sprachwissenschaftliche Methodik bei der Analyse ist für sie ein fester Bestandteil nicht zuletzt auch ihrer Lehrpraxis, wie sie es auch noch in einem späteren Aufsatz zum Aufbau eines poetologischen Seminars deutlich macht,[3] wo sie die für die jüngere phonologische Typologie grundlegende Unterscheidung in einen silbenzählenden und einen akzentzählenden Sprachbau nutzt, um den spezifischen Umgang von Yeats mit den akzentbestimmten Strukturen des Englischen zu analysieren.[4]

Entscheidend für ihre Weiterentwicklung ist es wohl gewesen, daß sie sich systematisch in Fragen des Sprachvergleichs eingearbeitet hat und so die Voraussetzungen hatte, die poetisch genutzten Sprachstrukturen in ihrer Eigenwertigkeit in den Blick zu nehmen – auch hier wieder in der Tradition der vorherigen Generation, wo z.B. Spitzer in der gleichen Weise sprachtypologische Fragen als Horizont für seine poetologischen Analysen nimmt. Insofern ist einer ihrer analytischen Ansatzpunkte das Problem der literarischen Übersetzung, wobei ihr Horizont immerhin das Deutsche, Französische und Russische umfaßt, s. etwa ihren Vergleich von englischen Hölderlin-Übersetzungen: »Hölderlin our Contemporary«,[5] wo sie besonders die Schwierigkeiten durch die strikte englische Wortstellung aufzeigt, die nur durch ein verfälschendes Zurückspringen in mittelenglische Wortstellungsfreiheiten überwunden werden kann; im Französischen hat sie mehrfach zu Rimbaud gearbeitet: z.B. »Pound and Rimbaud: The Retreat from Symbolism«,[6] zum Russischen etwa »Russische Postmoderne: ein Oxymoron?«.[7]

Diese Entwicklung war offensichtlich verbunden mit einer bewußten Verarbeitung ihrer Emigrationskarriere, wie sie in gelegentlichen autobiographischen Bemerkungen deutlich macht.[8] Dort berichtet sie von ihrer frühen Weigerung, sich den sprachlich-kulturellen Zwängen ihrer deutschen Einwandererfamilie zu unterwerfen, wobei wohl auch die Wahl des Studiengegenstandes Anglistik zu ihrem bewußt gesuchten Integrationsbemühen stimmte.[9] Erst später hat sie ihren Horizont erweitert, aber mit einer Fixierung auf die Entwicklungen, die in Wien ihren Ausgang genommen haben, wobei Wittgenstein für sie zu einer Schlüsselfigur wurde, nicht nur weil sie seine Arbeiten poetologisch liest, sondern weil sie auch seine Biographie auf Entsprechungen hin untersucht (er ist für sie vor allem auch ein »Dreivierteljude«).[10] Ohnehin durchzieht die Auseinandersetzung mit dem Faschismus ihre späteren Arbeiten, so vor allem in Hinblick auf den bei vielen Vertretern der literarischen Avantgarde endemischen Antisemitismus, allen voran bei ihrem später zentralen Bezugsautor Ezra Pound.[11]

Dabei »radikalisierte« sich auch ihr Untersuchungsgegenstand immer weiter: die Moderne ist für sie bestimmt durch die Abbildung eines »realistischen« Umgangs mit Sprache, der darin die alltagspraktisch bestimmenden referenziellen Bezüge nutzt – auch von daher wird Wittgensteins Auseinandersetzung mit der »Abbildtheorie« der Sprache für sie leitend.[12]

Da ohnehin die theoretische Reflexion konstitutiv für die Avantgarde-Literatur ist, geht für sie auch die Beschäftigung mit Sprachtheorie und mit moderner Dichtung zwangsläufig zusammen. In diesem Sinne bezieht sie sich ausführlich auf die französische Semiotik der 60er und 70er Jahre (R. Barthes, H. Meschonnic, P. Bourdieu, J.-F. Lyotard u.a.).[13] Dadurch kritisiert sie die naive Radikalisierung bei Vertretern der US-amerikanischen literarischen Avantgarde, die sich kritisch bemühen, die denotativen Bezüge der Sprache auszublenden, und dabei übersehen, daß in dem gleichen Maße die konnotativen Strukturen der genutzten sprachlichen Formen dominant werden.[14]

Ihre primär methodisch ausgerichtete Arbeitsweise läßt sie die formalen Zwänge aus den avantgardistischen Texten extrapolieren, die sich von den traditionellen Vorgaben der Metrik und des Reims frei machen. Hier setzt sie immer wieder an Yeats an, der zwar diese Vorgaben noch nutzt, aber gerade durch die Art und Weise, wie er seine Texte »auf die Seite« bringt (durch die räumliche Vorgabe der Zeilenorganisation), die Möglichkeiten zu poetischen Freiheiten findet.[15] Darin sieht sie eine Ressource, das für die Moderne charakteristische Spiel mit intertextuellen Bezügen zu ermöglichen, bei dem gelehrte Reminiszenzen mit alltäglichen Sprachformen kollagiert werden, wie es für die inzwischen klassischen Autoren Joyce oder Pound charakteristisch ist, mit denen sie sich entsprechend systematisch auseinandersetzt. Dabei ist Pound für sie der radikalere, weil er die Grenzen nicht nur im explizit artistisch intendierten Text, sondern auch in seiner alltäglichen Briefpraxis verwischt.[16]

Insofern kommen bei ihr zunehmend auch die materialen Seiten der poetischen Sprachpraxis in den Blick, in ihrer Analyse des Verhältnisses von Pound zu Joyce z.B. die unterschiedliche Weise, wie diese die maschinenschriftliche und die handschriftliche Praxis nutzen. In diesem Sinne analysiert sie die Moderne in der Literatur als eine Reaktion auf die medialen Entwicklungen, die das Koordinatensystem für symbolische Praktiken verschieben. Folgerichtig steht in ihren jüngeren Arbeiten die Analyse von pragmatisch intendierten symbolischen Praktiken (vor allen Dingen der Werbung) neben solchen von explizit poetisch intendierten Praktiken.[17] Die für die Poetologie zentrale Abgrenzung zur alltäglichen pragmatischen Sprachpraxis ist insofern für sie doppelt artikuliert: einerseits durch die Trivialisierung der traditionellen metrischen Formen, die die »freien« Formen der modernen Dichtung als Gegenreaktion freisetzt, andererseits durch die Trivialisierung der Ästhetik moderner Dichtung, z.B. in der Werbung, die eben auch mit approximativen Formen der Anspielung statt des traditionellen Kanons expliziter Darstellung operiert.[18]

Dadurch ergibt sich für sie die Notwendigkeit zu einer sprachwissenschaftlich kontrollierten Analyse, die über die formalen metrischen Bindungen hinaus generell die textuellen Parallelismen bestimmt, mit denen bei den Lesern Erwartungen aufgebaut werden, die den Raum für die genutzten Variationen aufspannen: im Lautlichen als assonierende Parallelismen, syntaktische Konstruktionsmuster, aber auch in graphischen Variationen. Hier gilt eben auch, daß die Anordnung in Zeilen ohne metrische Bindung bei den »freien« Versen derartige Parallelismen schafft, die Leseerwartungen an semantische Korrespondenzen setzen.

Der Horizont ihrer Analysen wurde zunehmend komplexer. Sie analysiert die Anstrengungen der Avantgarde-Literatur, sich von dem schulischen Kanon des guten Stils abzugrenzen, zunehmend auch im sozialen und politischen Kontext der USA, vor allen Dingen bei der politischen Protestliteratur. Dabei stellt sich für sie aber auch die Frage nach Kriterien für die Abgrenzung poetisch-freier Formen gegenüber trivialen Sprachspielereien. Das Bemühen um eine Definition des Poetischen, die solche Abgrenzungen ermöglicht (insbesondere auch zum Kitsch), artikuliert sie auf einem erheblichen theoretischen Niveau (z.B. auch in einer Auseinandersetzung mit Adorno in ihrem Wittgenstein-Buch von 1996), vor allen Dingen aber auch in einer sehr scharfen Kritik an Erscheinungen des zeitgenössischen Literary Criticism, der nicht mehr in der Lage ist, studentische Sprachspäße von Dichtung zu unterscheiden.[19]

Immer wieder kommt sie auf ihren »Klassiker« Yeats zurück, um zu zeigen, daß nur eine deskriptiv genaue Analyse der dichterischen sprachlichen Praxis, zu der eben auch die graphische Präsentation gehört, es erlaubt, die in einer großen Bandbreite von so erschlossenen sprachlichen Parallelismen geschaffenen Lesererwartungen als Raum für sprachliche Variation auszunutzen, was allerdings nur dann Dichtung schafft, wenn darin auch eine Spannung zum inhaltlich Ausgedrückten gesetzt ist.[20] Von daher sind für sie die typologischen Unterschiede der metrischen Traditionen so wichtig mit dem Gegensatz von akzentzählenden Sprachen wie den germanischen, bei denen die metrischen Köpfe auch semantische Foci sind, zu der antiken (romanischen) silbenzählenden Tradition, die keine derartige formelle Koppelung kennt.

Zu ihren biographischen Rückbezügen gehört es auch, daß sie sich in späteren Jahren ausführlich mit den literarischen Entwicklungen in Österreich befaßt, wie ja auch der systematische Ansatz, den sie in der Auseinandersetzung mit der Avantgarde-Literatur vertritt, von ihr explizit in die spezifisch österreichische Tradition der Bewältigung der »Sprachkrise der Jahrhundertwende« gestellt wird, allen voran in ihrem durchgängigen Bezug auf Wittgenstein. Entsprechend sind auch die Autoren, mit denen sie sich zuletzt ausführlicher auseinandersetzt, etwa Ingeborg Bachmann, solche, die in der gleichen Weise die theoretische Reflexion zum Bestandteil ihrer literarischen Praxis machen. Ihre Arbeiten zu Ingeborg Bachmann lesen sich in diesem Sinne manchmal geradezu als Spiegelungen ihrer eigenen Bemühungen.[21]

Bei diesen jüngeren Arbeiten wird deutlich, wie hier ein geschärftes Methodenbewußtsein (mit Rückgriff auf ausdrücklich sprachanalytische Verfahren) nicht nur mit einer Entfernung von der hermeneutisch-interpretativen Tradition der Literaturwissenschaft zusammen geht, sondern die biographisch bestimmte Ausrichtung an der jüngeren österreichischen Literatur auch eine Zäsur gegenüber einem klassischen Verständnis von Literaturwissenschaft markiert, das ihre frühere Beschäftigung mit deutscher Literatur bestimmte: die Annäherung an den klassischen Kanon, zu der nicht nur ihre schon erwähnten Arbeiten zu Hölderlin gehören, sondern etwa auch zu Goethe, bei dem sie z.B. Elemente der Moderne in der stilistischen Nutzung autobiographischer Formen findet, die von autobiographisch lesbaren Spuren in seinen Texten zu unterscheiden sind, s. »The autobiographical mode of Goethe: Dichtung und Wahrheit and the lyric poems«.[22]

Q: Weibel/Stadler; BHE; Keintzel/Korotin; Homepage von M. P.: http://epc.buffalo.edu/authors/perloff/ (Jan. 2009) u.a. mit detaillierter Bibliographie.



[1] S. die ausführliche Zusammenstellung auf ihrer Homepage. Zu ihrem Status in der US-amerikanischen Literaturszene, s. z.B. den Rezensionsartikel von David Zauhar, »Perloff in the nineties« (http://www.altx.com/ebr/reviews/rev9/r9zau.htm, Febr. 2009).

[2] The Hague: Mouton & Co. 1970.

[3] »Teaching Yeats‘ sound structures«, in: Richard J. Finneran (Hg.), »Yeats. An Annual of Critical and Textual Studies«, Vol. XIII, 1995, Ann Arbor: Univ. of Michigan Press 1995: 81-90.

[4] In ihrer Dissertation hatte sie sich an den damals in den USA maßgeblichen deskriptiven Vorgaben von Trager/Smith orientiert.

[5] In: Parnassus, Jg. 1986: 144-168.

[6] In: Iowa Review 6/1975: 91-117.

[7] In: Neue Literatur: Z. f. Querverbindungen 2/1994: 111-119; aus dem Englischen übersetzt, also von ihr nicht auf Deutsch verfaßt.

[8] S. bes. das Vorwort zu »Wittgenstein’s Ladder: Poetic Language and the Strangeness of the Ordinary«, Univ. of Chicago Press 1996.

[9] Auch die Änderung des Vornamens gehört wohl hierher.

[10] S. dazu »Russell and Wittgenstein on War: The Avant-Garding of the Tractatus«, in: Common Knowledge 2/1993: 15-34.

[11] S. dazu »Fascism, Anti-Semitism, Isolationism: Contextualizing the ›Case of E. P.‹«, in: Paideuma 16/1987: 7-21.

[12] S. noch »Toward a Wittgensteinian Poetics«, in: Contemporary Literature 33/1992: 191-213.

[13] S. »Lucent and inescapable rhythms: Metrical ›choice‹ and historical formation«, in: R. Frank/H. Sayre (Hgg.), »The line in postmodern poetry«, Urbana: Univ. Illinois Press 1988.

[14] S. dazu ihre Sammelbesprechung »The Word as such: L=A=N=G=U=A=G=E Poetry in the Eighties«, in: American Poetry Review 13/1984: 15-22 oder auch »Poetic Licence: Essays in Modernist and Postmodernist Lyric«, Evanston/Ill.: Northwestern Univ. Press 1990.

[15] »Spatial form in the poetry of Yeats: The two Lissadell poems«, in: Publ. Mod. Lg. Assoc. 82/1967: 444-454.

[16] S. »The Pound-Joyce Connection«, in: American Poetry 2/1984: 20-32.

[17] S. »Radical Artifice. Writing Poetry in the Age of Media«, Chicago: Univ. of Chicago Press 1991.

[18] S. z.B. ihre Analyse von Anzeigen, die das beworbene Produkt nicht zeigen, in: »Radical Artifice« (1991): 89.

[19] S. »The Linear Fallacy«, in: The Georgia Review 35/1981: 855-869.

[20] Vgl. noch »New Nouns for Old: Language Poetry, Language Game and the Pleasure of the Text«, in: M. Calinescu/D. Fokkema (Hgg.), »Exploring Postmodernism«, Amsterdam: Benjamins 1987: 95-108.

[21] »From Lyric to Language Game in the fiction of Ingeborg Bachmann«, in: Sulfur 31/1993: 162-184.

[22] In: Comparative Literature St. 7/1970: 265-296. Im übrigen auch bei dieser frühen Annäherung an die deutsche Tradition mit dem Hinweis auf Parallelen bei Yeats, S. 292-293.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 04. Februar 2015 um 10:35 Uhr