Penzl, Herbert

Geb. 2.9.1910 in Neufelden (in der Nähe von Linz/Österreich), gest. 1.9.1995 in Berkeley/Calif.

 

Stu­dium mit Schwerpunkt Anglistik in Wien (insbes. bei Luick). 1932 mit einem (finanziell ungenügenden) Stipendium in die USA (an die Brown University, Providence/Rh. I.),[1] wo er seinen Lebensunterhalt zusätzlich durch eine Hilfskraftstelle am Sprachatlas für Neuengland sicherte (bei Kurath). Hier hatte er editorische Aufgaben (er übertrug Daten auf Karten), und kam so in engen Kontakt mit einer Reihe später führender US-Linguisten: B. Bloch, M. Joos u.a. – mit Bloch blieb er auch später verbunden, was nicht zuletzt in Hinblick auf dessen Herausgeberfunktion bei Language wichtig war.

Auf der Grundlage der ihm am Atlas zugänglichen Daten schrieb er noch in den USA seine Dissertation »The development of me. a in New England Speech« (vervielfältigt), mit der er 1935 in Wien promovierte – der Gegenstand entsprach der ihm beim Sprachatlas übertragenen Mate­rialstrecke /ae ~ a/.[2] Die Arbeit hat zwar einen traditionellen sprachgeschichtlichen Zuschnitt, zeigt aber eine deutliche Metho­denorientierung, die für ihn im nachhinein auch den markantesten Unterschied zwischen der deutschen und der US-amerikanischen akademischen Kultur ausmacht: einerseits wird das Material systematisch in Hin­blick auf verschiedene lautliche Umgebungen analysiert und vorge­stellt, andererseits dominieren Fragen der Variation bei den Spre­chern (analysiert in Hinblick auf Alter, Geschlecht, soziale Posi­tion u.s.w., s. bes. S. 114); bei den Forschern wertet P. deren »sekundäre Reaktionen« aus (z.B. 9-10). Noch in den USA veröffentlichte er eine kleine dialektologische Studie aus dieser Arbeit: »New England terms for ›poached eggs‹«,[3] die in der US-Presse eine beachtliche öffentliche Reaktion erfuhr – und so seiner späteren Integration in die US-Institutionen sehr förderlich war.

Dadurch daß P. die Dissertation auf Englisch einreichte, konnte er mit ihr auch die fremdsprachliche Leistungsanforderung für das Staatsexa­men einlösen, das er gleich im Anschluß an die Promotion ablegte. Er absolvierte daraufhin an einem Wiener Gymnasium sein Probejahr – mit dem Ergebnis, daß er auf keinen Fall in den Schuldienst wollte. In den USA hatte man ihm schon vor seiner Rückreise eine Unterrichtsstelle für Deutsch am Rockford College, Illinois, ange­boten, an das er sich daraufhin bewarb. 1936 erhielt er die Stelle (eine Art Lektoren-Stelle, keine [sprach-]wissenschaftliche Stelle!) und emigrierte[4] in die USA (mit einem Quota-Visum).

Seine Bindun­gen an die »deutsche« Kolonie dort sind zunächst auch deutlich: so ar­beitete er über das Pennsylvania-Deutsche, zu dem er erste Mundar­taufnahmen in einer Mennonitengemeinde in Illinois machte. Er publizierte darüber im Fahrwasser von Heinz Kloss, auf dessen Arbeiten er explizit Bezug nimmt, im Umfeld des Auswärtigen Amts in Deutschland: »Der gegenwärtige Stand der For­schung im pennsylvanisch-deutschen Dialekt«.[5] Dazu paßt auch, daß er später die Dissertation von Gumperz über eine deutsche Kolonie in Michigan betreute. Von Anfang an engagierte er sich bei der Linguistic Society of America, wobei die Linguistic Institutes mit ihrer Ausbildung für die Feldforschung für ihn zum Schlüsselerlebnis wurden. Er entdeckte die deskriptive Linguistik in den USA als etwas ganz Neues (obwohl er in Wien bei Bühler ge­hört und das Philosophicum abgelegt hatte und wohl auch von Trubetzkoy wußte, hatte das keinerlei Bedeutung für ihn gehabt).

Nach dem Modell der Linguistic Institutes begann er jetzt selbst die Arbeit mit Informanten in einer »exotischen« Sprache: er arbeitete mit afghanischen Studenten in den USA zum Pašto.[6] Über diese Arbeit publiziert er im Kontext der »harten« Deskriptivisten, z.B. »Aspect in the Morphology of the Pashto (Afghan) Verb«[7] – mit der dort übli­chen Emphase auf der deskriptiv inadäquaten Beschreibung der tra­ditionellen Grammatiken (die die schulgrammatisch fremde Ka­tegorie des Aspekts übersehen hätten). Die Arbeit am Pašto zog sich seitdem durch seine ganze Karriere. Sie markierte seinen definitiven Übertritt in die US-Linguistengemeinschaft: 1938 zog er eine schlechter bezahlte Assistentenstelle im sprachwissenschaftlichen Milieu der Universität Illinois in Urbana einer angebotenen Associate Professorship vor.

Eine entscheidende Etappe für seine weitere Integration in die US-Gesellschaft und auch in den inneren Kreis der US-amerikanischen Sprachwissenschaft war schließlich seine Mitwirkung an dem Sprachprogramm der US-Armee.[8] 1943 wurde er zum Militärdienst eingezogen und an die Sprachabteilung in New York versetzt, wo unter der Leitung von H. L. Smith der innere Kern der Strukturalisten arbeitete. Zu seiner Enttäuschung sollte er dort allerdings nicht über Pašto arbeiten (das politisch offensichtlich [noch] nicht im Blickpunkt war), sondern entsprechend den Verhältnissen auf dem europäischen Kriegsschauplatz zunächst Wörterbuchmaterialien für das Französische, später dann für das Norwegische erstellen. Zuletzt arbeitete er an englischen Lehrmaterialien für deutsche Kriegsgefangene. In der Anfangszeit hatte er offensichtlich mit politischen Vorbehalten innerhalb der Armee-Hierarchie zu kämpfen, da seine Familie noch in Österreich lebte. Insofern verrichtete er seinen Dienst zunächst im Gegensatz zu seinen Fachkollegen als einfacher Soldat. 1944 wurde er dann eingebürgert und immerhin auch zum Gefreiten befördert.

An der Universität Illinois nutzte er nach dem Krieg sein erstes Forschungsjahr 1948/1949 zu einem Feldforschungsaufenthalt in Afghanistan (und Pakistan). Als Ergebnis arbeitete er eine Referenzgrammatik zum gespro­chenen Pašto aus, die sowohl die dialektalen Differenzierungen wie auch die Sprachgeschichte berücksichtigt (»A Grammar of Pashto. A descriptive Study of the dialect of Kandahar, Afghanistan«);[9] auf dieser Grundlage erteilte er (gemeinsam mit afgha­nischen Informanten) auch Pašto-Unterricht an der Georgetown Univ. (im Rahmen des Air Force Programms). Die Grammatik wurde schnell ein Standardwerk, vor allem auch in Afghanistan, wo sie für die »Afghanisierung« der bis dahin am Persischen ausgerichteten offiziellen Kultur von Bedeutung wurde. 1961 wurde sie auch ins Pašto übersetzt – in der traditionell ausgerichteten Indogermanistik der USA, insbes. bei Edgerton, war das Echo weniger positiv.[10]

1958/1959 nahm er eine Gastprofessur in Kabul wahr, wo er als Sprachwissenschaftler den Einheimischen Pašto unterrichtete – im Kontext einer von der US-Regierung geförderten Sprachpolitik zum Ausbau dieser Nationalsprache (seine von ihm damals nicht durchschaute Instrumentalisierung im politisch-diplomatischen Konfliktfeld Afghanistan reflektierte er in seiner »Autobiographie«). Als Ergeb­nis dieses Aufenthaltes publizierte er später entsprechende Unterrichtsmaterialien (»A Reader of Pashto«)[11] – systematisch mit Drillübungen aufgebaut, zur Phonologie und Morphologie; daneben aber auch eine Einführung in die (arabische) Schrift der Texte (im Original mit Transliteration präsentiert), die deren orthographische Schwierigkeiten analysiert.

P. publizierte eine Reihe von einschlägigen Studien in Afghanistan und Pakistan, wobei er auch systematisch sprachvergleichende Analysen vorlegte, z.B. »The origin of the past tense of the Pashto verb«,[12] wo er interne und externe Rekon­struktionsverfahren verbindet. Diese Arbeiten gehen ein in einen politisch vom Auswärtigen Amt der USA, finanziell von der Rockefel­ler Foundation geförderten Forschungsrahmen zu den sprachlichen Verhältnissen in Südostasien, bei dem auf fachlicher Ebene u.a. H. Hoenigswald engagiert war. Eines der dabei begonnenen Projekte war ein Pašto – Englisches Wörterbuch, an dem P. beteiligt war. Über dessen Fremdwortcorpus publizierte er einen Aufsatz »Western Loan-Words in Modern Pashto«,[13] in dem er die weitgehende phonologische und morphologische Integration der westlichen im Unterschied zu den persisch-arabischen Lehnwörtern analysiert – wobei für die Form die fremdsprachliche Orientierung der Sprecher (am Englischen, Deutschen oder Französischen) bestimmend ist. 1979 war P. nochmals offiziell als Gast der afghanischen Regierung im Land. Seine Pašto-Studien markieren P.s Profil als genuiner US-Sprach­wissenschaftler, der, wie seine Korrespondenz mit der Rockefeller-Stiftung in den 50er Jahren beweist, seiner alten Heimat gegenüber ein geradezu missionarisches Engagement zeigt, um ihr die moderne de­skriptive Sprachwissenschaft nahezubringen. Durch diese deskriptiven Arbeiten gehörte er ganz vordergründig-institutionell zum Kern der deskriptiven In-group der US-amerikanischen Sprachwissenschaft.

Bei seinen Arbeiten zum Pašto hatte er alle sprachlichen Ebenen berücksichtigt – anders als bei seinem »amtlichen« Forschungsgebiet, der Sprachwis­senschaft des Deutschen, für die er seit 1950 eine Stelle in Ann Arbor an der Univ. of Michigan hatte (zunächst als Assoc. Prof., seit 1953 als o. Prof. – seine Einstellung erfolgte im übrigen gegen das Votum des Traditionalisten Kurath, für den P. eben kein Philologe war!); seit 1963 war er Professor für »Germanic Philology« an der UCLA in Berkeley. Bemer­kenswerterweise kam er zuletzt auch wieder auf sein altes Forschungs­gebiet zurück: relativ lange hat er an einem sprachgeschichtlichen Einführungsband zum Alt- und Mittelenglischen gearbeitet »Englisch: eine Sprachgeschichte nach Texten von 350 bis 1992; vom Nordisch-Westgermanischen zum Neuenglischen«.[14] Entsprechend seinem Lehrauftrag hat er das Englische in seiner aktiven US-Zeit nur marginal behandelt – um sich ihm wieder nach der Emeritierung zu widmen: ein Projekt zur Geschichte des US-amerikanischen Englischen hat er nicht mehr abschließen können.

Sein Forschungsschwerpunkt war die historische Phonologie, zu der er eine Reihe von Handbü­chern/Einführungsdarstellungen vorgelegt hat, vor allem auch zahlreiche methodologische Studien. Seine knapp und präzise ge­faßten Abrisse empfehlen sich auch noch nach Jahren zum Nachschla­gen (»Lautsystem und Lautwandel in den althochdeutschen Dialek­ten«;[15] »Vom Urgermanischen zum Neuhochdeut­schen. Eine historische Phonologie«);[16] bei seinen kleineren Studien steht das methodische Problem der Extra­polation von phonologischen Strukturen aus dem graphischen Befund der Quellen im Vordergrund, wobei er der Auswertung von graphischer Variation großes Gewicht beilegt. Seine Darstellungen spannen vom vergleichend rekonstruierten Germanischen bis zum ge­genwärtigen Deutsch, wie einige Titel zeigen können: was das »Germanische« anbetrifft, hat er insbes. Arbeiten zum Gotischen vorgelegt: »Orthography and phonemes in Wulfila's Gothic«,[17] wobei ihn seine systematisch eingenommene »positivistisch-strukturale« Position (s. Vorwort zum Buch »Vom Urgermanischen...«, 1975) in Frontstellung zu den methodisch »historisch« argumentierenden Fachvertretern bringt (s. etwa seine Rezension von Krause, »Hand­buch des Gotischen«, München 1953),[18] wie er es in zusammenfassenden Darstellungen auch systematisch entwickelt hat, s. etwa »Zu den Methoden einer neuen germani­schen Stammbaumtheorie«;[19] »Zur gotischen Urheimat und Aus­gliederung der germanischen Dialekte«.[20] Entschieden wandte er sich gegen die Vernachlässigung der älteren (rekonstruktiv zu erschließenden) Periode in der Sprachgeschichte des Deutschen, wie sie sich in jüngeren Hand­büchern abzeichnet, s. seine Rezension zu W. Besch u.a. (Hgg.), »Sprachgeschichte«, 2 Bde., (1984-1985).[21]

Zahlreiche zusammenfassende, ebenso wie Detailstudien hat er zum Alt­hochdeutschen vorgelegt – das Altniederdeutsche hat er dagegen nur indirekt in einem (höflich verkleideten) Verriß von Cordes‘ hyperstrukturalisiertem altniederdeutschen Elementarbuch behandelt,[22] s. aber unten seinen Beitrag in der Schützeichel-FS über Dialektmerkmale. Außer den oben schon genannten Werken, s. noch »The development of Germanic ai and au in Old High German«;[23] »Orthographic evidence for types of phonemic change«;[24] »Konsonantenphoneme und Orthographie im althochdeutschen Isidor«;[25] »Old High German <r> and its phonetic identification«[26] (hier bes. zu dem Problem phonolo­gischer gegenüber phonetischer Rekonstruktion – P. geht zumin­dest auf der phonetischen Ebene früh von beiden Realisierungen [r] und [ʀ] aus); »Althdt. /f/ und die Methoden der Lautbestim­mung«;[27] »Linguistic interpretation of scribal errors in Old High German texts«;[28] »Die mittelhdt. Sibilanten und ihre Weiterentwicklung«;[29] »Zur phonemi­schen Deutung der ›direkten Variation‹ in althdt. Denkmälern«;[30] »Zur Lautwiedergabe in Lehnwörtern des Althdt.«;[31] »Die pho­nemische Interpretation der ›umgekehrten‹ Schreibung«.[32] »Scri­bal practice, phonological change, and biuniqueness«;[33] »Zur Methodik der historischen Phonologie: Schreibung – Lautung und die Erforschung des Alt­hdt.«;[34] »Zur relativen Chronologie der hdt. Konsonantenver­schiebung«;[35] »Dialektmerkmale und Dialektkriterien im Ahd.«.[36]

Die mei­sten dieser Beiträge sind als methodische Mustererörterungen angelegt, wie es z.T. auch die Titel schon deutlich machen – als Nachweis, daß die kontrollierte Analyse von intra- und in­tertextueller Variation (die letztere nochmals chronologisch gestaffelt nach synchronen Schreibungen vs. »Post«- bzw. »Prägra­phien«) die Extrapolation von Sprachstrukturen erlaubt, die die Schreibungen in den Texten fundiert haben. Hier sah er, wie oben schon angedeutet, eine quasi-missionarische Aufgabe gegenüber den methodisch wenig skrupulösen Neo-Junggrammatikern an den deutschsprachigen Universitäten – aber auch gegen die Hyper­strukturalisten, die distributionalistisch das Kind eines sprachlichen Realismus mit dem deskriptiven Bad ausschütteten (außer seiner schon erwähnten Cordes-Rezension, s. auch die Besprechung von Simm­ler, »Untersuchung zum ahd. Konsonantismus«, 1981).[37] Einen gewissen Abschluß haben seine Studien in dem Band »Althochdeutsch. Eine Einführung in Dialekte und Vorge­schichte«[38] gefunden, der, ausgehend von jeweils ausgewählten Textbeispielen, die kursorisch erläutert werden, systematisch die Sprachstruktur auf allen grammatischen Ebenen von der Phonologie (Graphie!) bis zur Syntax darstellt.

Weniger extensiv hat P. das Mhd. bearbeitet, wo er seine Ar­beiten deutlich eher als komplementär zum deutschen philologisch-sprach­wissenschaftlichen Hauptbetrieb sieht, s. aber »Lautsystem und »Normalorthographie« des Mittelhochdeutschen«[39] (wo er wieder gegen einen positivistischen Hyperdeskriptivismus die Extrapolation des »Normalmhd.« der Dichterhandschriften als »Normal-System« gegenüber den individuellen Schreibervariatio­nen rechtfertigt). Auch hier hat er einen Einführungsband nach dem gleichen Muster wie dem für das Ahd. vorgelegt: »Mittelhochdeutsch. Eine Einführung in die Dialekte«,[40] der systematisch das klassi­sche höfische Mhd. (am Beispiel von Textauszügen aus dem Nibe­lungenlied, Walther, Hartmann, Veldecke) darstellt, ihm dann einerseits chronolo­gisch periphere Texte an die Seite stellt (frühmhd. Merigarto, spätmhd. Oswald v. Wolkenstein), andererseits nicht dichteri­sche Formen wie Prosa (Ekkehart) und Urkunden sowie einen Text des Jiddi­schen (Dukus Horant).

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt war bei ihm das Früh­neuhochdeutsche, das von der literaturwissenschaftlich orien­tierten Philologie relativ wenig bearbeitet worden ist, s. etwa »Zum Stand der Forschung im Frühneuhochdeutschen«.[41] Die Frage der relativen Autonomie der sich herausbildenden Schriftsprache ge­genüber ihrer Fundierung in den dialektalen Varietäten der Schreiber hat ihn hier zu einer systematischen Beschäftigung mit der zeitgenössischen Sprachreflexion geführt, deren Be­schreibungen er einer sprachwissenschaftlichen Kritik unter­zieht, s. bes. seine ausführliche kommentierte Ausgabe von J. Chr. Gottscheds »Deutsche Sprachkunst«.[42] Auch hier hat P. eine sy­stematische Darstellung vorgelegt, mit der er wohl nicht zufäl­lig auch die Reihe seiner Einführungsbände eröffnet hat (»Früh­neuhochdeutsch«).[43] Zusammenhängend zu diesem Feld, insbesondere zum Rahmenkonzept seiner Einführungsbücher, s. »Zu mittelhochdeutschen Dialekten als Gegenstand der Forschung«.[44]

Lag der Schwerpunkt der Analysen im Bereich der Sprachgeschichte des Deutschen zunächst offensichtlich bei phonologischen (und dar­auf bezogen: graphematischen) Fragestellungen, so hatte P. in den letzten Jahren, wie schon die genannten Einführungsbände zeigen (aber auch das in diesem Sinne ohnehin umfassendere Feld seiner Pašto-Arbeiten), begonnen, systematisch das Gesamtfeld sprachwissen­schaftlicher Analysen abzustecken, insbes. auch das der Textlin­guistik, wobei er auf die phasenverschobenen Entwicklungen auf den verschiedenen Analyseebenen verwies: die für die stilistische Gestaltung der Schreiber transparenteren Ebenen des Wortschatzes und z.B. auch der Wortstellung können hier asynchron zu den trägeren Entwicklungen der Phonologie sein, was eine lineare Operationalisierung von Periodisierungskriterien unmöglich macht, s. etwa »Frühneuhochdeutsch: Zu H. G. Roloffs Stilanalyse und der sprachlichen Periodisierung«.[45]

Eine bemerkenswerte Korrektur an seinem US-amerikanisch geprägten Credo vollzog er in diesem Zusammenhang durch eine explizite Berufung auf Roman Jakobsons Strukturanalysen. In ei­ner ganzen Reihe von kleineren Studien hat er die geschlossene poetische Struktur bzw. Gestalt von Dichtungen nachzuweisen versucht (ins­bes. im Rekurs auf Parallelismen in der thematischen Organisa­tion), die gelegentlich seiner Meinung nach die assoziativ-intui­tiv motivierten Texteingriffe bisheriger Interpreten überflüssig machen; hier spannen die Gegenstände vom Ahd. bis zum gegenwärti­gen Deutsch, s. »Methods of textual Linguistics and the Old High German Ludwigslied«;[46] »Zur ›Textkritik‹ poetischer Texte des Mittelalters«[47] (zur »Elegie« von Walther von der Vogelweide), »Zur linguistischen Analyse von Lyrik. Ein Ge­dicht Oswalds von Wolkenstein«;[48] »Semantische Struktur in Rilkes ›Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens‹«,[49] oder mit einer Parallelisierung der semantisch interpretierbaren phonetischen Struktur mit der lexikalisch artikulierten in: »Lexical and phonetic semiotics in Lyrics: Agnes Miegel’s ›Herbst‹«.[50] Derartige, von ihm auch als persönliche Grenzüberschreitung[51] angelegte, Studien erscheinen wohl nicht zufällig fast immer in Festschriften für befreundete Kollegen (keineswegs immer Sprachwissenschaftler).

Ohnehin ist das Bemühen um eine integrative Sichtweise des Faches in den letzten Jahren bei ihm deutlich. Schon früh hatte er im Kontext der deskriptiven US-Linguistik bzw. der daran angelagerten »angewand­ten Linguistik« für die Notwendigkeit der Einbeziehung histori­scher Fragestellungen plädiert, die die Folie für ein Verständnis sprachlicher Variation abgeben, das auch der elementare Fremdspra­chenlerner benötigt (s. »Linguistic training and the teaching of languages«).[52] Für das, was er in seinen oben angeführten konkreten Untersuchungen vorführt, hat er denn auch einen systema­tischen Studienführer vorgelegt, »Methoden der germanistischen Lin­guistik«,[53] der auf relativ knappem Raum (174 S.) mit einem ausführlichen Forschungsbericht die »philologi­sche« Tradition ebenso wie die vergleichende Rekonstruktion mit den Methoden deskriptiv-struktureller Sprachwissenschaft vermit­telt (vgl. auch sein Plädoyer für die Integration von Philologie und Linguistik in dem Einleitungsbeitrag in Jb. intern. Germanistik 1/1969: 11-4).

Einer breiteren Rezeption dieses Buches kam Anfang der 70er Jahre der Boom der generativen Grammatik in die Quere, deren methodischen Ansätzen gegenüber P. zunächst durchaus offen war (ironisch kommentiert er das in seiner »Autobiographie«, Q: S. 243, durch sein Interesse an »Tiefenstrukturen« gegenüber der sprachlichen »Oberfläche« seit seiner Begeisterung für Freuds »Psychopathologie des Alltagslebens« in seiner Wiener Studienzeit). Den Erklärungsanspruch der neuen Richtung lehnte er aber ab­, s. etwa seine Auseinandersetzung mit der generativen Pho­nologie in dem von ihm gemeinsam mit M. Reis und J. B. Voyles hgg. Band »Probleme der historischen Phonologie«, dort insbes. »Die ›kanonischen‹ distinktiven Merkmale in der histo­rischen Phonologie«.[54] In dieser Hinsicht sind seine Stellungnahmen in den letzten Jahren erheblich schärfer geworden, wo er sich wie­derholt im Rückgriff auf Householders ironischen Terminus der »Ho­kuspokus-Linguistik« für die positivistische Tradition erklärt hat, s. »Hokuspokus in der Linguistik«;[55] »Posi­tivism and ›Hocus-Pocus‹ in Germanic and English Linguistics«.[56] Dieser argumentative Tenor bestimmt auch seine persönliche Würdigung von Fachkollegen, s. etwa seinen Nachruf auf E. Haugen.[57]

Seine späteren, meist methodologisch angelegten Studien nutzte er ebenfalls zur Argumentation gegen generativistische Schematisierungen, denen er die differenzierende Arbeit mit Textquellen gegenüberstellte, so »Zum i-Umlaut in den althochdeutschen Dialekten«[58] oder »Die große englische Vokalverschiebung: Relative Chronologie und Kausalität«[59] – die hier (wiederholt) von ihm vorgetragene Sicht der Umlautphänomene in den germanischen Sprachen war eine der von ihm geradezu dogmatisch vertretenen Thesen seit seinen frühen Arbeiten.

Auf diese Weise geriet er zunehmend in die Rolle eines Mentors für die Sprachwis­senschaft des Deutschen, der von der autoritativen Posi­tion des Auslandsgermanisten aus die Sprachdiskussion (auch die Sprachpflegediskussion) in Deutschland begleitete. Von ihm liegen regelmäßige Stellungnahmen zur Orthographiediskussion vor, bei der er die Diskussion auf die Probleme einer Standardsprache vor der Folie einer großen regionalen Variation (mit Schwer­punkt bei phonographischen Problemen) zurückzulenken versteht – gegen die Fokussierung auf medial propagierte Problemstellungen wie vor allem die Reform der Groß- und Kleinschreibung, s. etwa »Orthographie und Phonemsystem im Deutschen«;[60] »Zur Frage der deutschen Rechtschreibreform«;[61] schließlich systematisch im historischen Vergleich der germanischen Orthographiesysteme »Zur alphabetischen Orthogra­phie als Gegenstand der Sprachwissenschaft«.[62] Gegen die gerne im internationalistischen Duktus daherkommende Reformdiskussion stellte er die Erfahrungen des Auslandsgermanisten; er publizierte seine Argumentation nicht zuletzt auch in germanistischen Zeitschriften der USA, z.B. seine Besprechung von Nerius, »Deutsche Orthographie« (1987);[63] »Droht noch eine Rechtschreibereform in Deutschland?«[64] – teilweise schon vorher in einem Diskussionsheft »Sprachgermanisten und die Rechtschreibreform«.[65]

Er war regelmäßig auf Tagungen in Deutschland anwesend und hat wiederholt Gastprofessuren an deutschen Universitäten wahrgenommen (Wien, Regensburg, München), und vor dem Hintergrund dieser inti­men Kenntnis immer, z.T. auch sehr kritisch, Stellung zu laufenden wissenschaftspolitischen Auseinandersetzungen genommen (etwa zu den Aktivitäten des Instituts für dt. Sprache in Mannheim)[66] sowie sich an Sprachpflegedebatten beteiligt (s. z.B. die Rezension zu Reiffenstein/Rupp/von Polenz/Korlén 1983);[67] seine sprachpflegeri­sche Position markierte er von der Warte eines Auslandsgermanisten in einer extremen Sensibilität gegen Anglizismen in dt. Veröffentlichungen (so passim in Rezensionen, aber auch in Dis­kussionsbeiträgen).

Durch die Souveränität seiner langen Lehr- und Forschungserfahrung war er ein faszinierender Lehrer, wie ich es in einem gemeinsam mit ihm durchgeführten Studienstiftler-Seminar zum Gotischen im Herbst 1990 erfahren konnte. In der Zeit von der Emigration bis in die 60er stellte er sich vor allem als US-amerikanischer Sprachwissenschaftler dar, der seine persönli­chen Bindungen an die Heimat (in der er regelmäßig seinen Jahre­surlaub verbrachte) in eine Art missionarischen Gestus umsetzte. Zuletzt präsentierte er sich aber wieder, vielleicht auch vor dem Hinter­grund der für ihn letztlich doch fremdgebliebenen Entwicklungen der generativen Grammatik und ihrer Dominanz an den US-amerikani­schen Instituten, als Bestandteil der deutschsprachigen Wissenschaftlergemeinschaft. Seine Selbstbeschreibung als »philological linguist« entsprechend der zunächst nur widerstrebend akzeptierten Denomination »Germanic philology« in Berkeley (s. die »Autobiographie«, S. 249-250) ist wohl auch Bekenntnis zu seiner Herkunft. Und es ist denn sicher auch kein Zufall, daß seine Veröffentlichungen auch in englischsprachigen Sammel­bänden mit Vorliebe auf Deutsch abgefaßt sind. In den letzten Jahren erfuhr er zahlreiche Ehrungen, vor allem auch in Deutschland und Österreich, u.a. mit der Ehrenpromotion an der Universität Wien 1986.

Q: (Teil-)Bibliographie (auch vor 1979 unvollständig) in der FS hgg. von I. Rauch/G. F. Carr »Linguistic Method«, Den Haag: Mouton 1979: 11-18. P.s »Autobiographie« unter dem Titel »Must Linguists also be Philologists«, in: K. Koerner (Hg.), »First Person Singular II«, Amsterdam: Benjamins 1991: 239-254. Nachruf von M. B. Emeneau u.a., in: D. Krogh (Hg.), »University of California: In Memoriam 1995«, University of California 1995: 145-148. Zahlreiche Interviews bzw. Gespräche mit H. Penzl; briefliche Auskünfte von 1983 bis 1990; Unterlagen im Rockefeller Arch. Center. Nachrufe (mit Bibliographie und ausgewähltem Forschungsverzeichnis) von I. Rauch und K. J. Kaussen, in: Jb. intern. Germ. 28/1996 (H. 2): 9-24; R. L. Kyes in: Amer. J. Germ. Ling. Lit. 7/1995: 247-249; DBE 2005.



[1] Eine der für das Stipendium nötigen Empfehlungen schrieb ihm in Wien Sigmund Freud!

[2] S. dazu Kurath, »The pronunciation of Eng­lish in the Atlantic States«, Ann Arbor: Univ. of Michigan Press 1961 (Vorwort).

[3] In: American Speech, Jg. 1934: 90-95.

[4] Obwohl es in seiner eigenen Sicht keine definitive Emigration war!

[5] In: Sprachkunde (Ber­lin), Jg. 1937, Heft 3: 2-4.

[6] Eine ira­nische Sprache in Afghanistan – also eine im Horizont seiner indogermanistischen Orientierung angesiedelte Sprache. In diesen Jahren unterrichtet er auch in Einführungskursen vergl. ie. Sprachwissenschaft.

[7] In: St. Ling. 1/1943, Heft 16: 1-4.

[8] S. dazu seinen autobiographischen Bericht »Reminiscences of 165 Broadway, 1943-1945«, in: Historiographia Linguistica 18/1991: 247-250.

[9] Washington D.C.: American Council of Learned Societies 1955.

[10] S. P.s »Autobiographie«, S. 247.

[11] Ann Arbor: Michigan 1962.

[12] In: A.S. Dil (Hg.), »Shahidullah Presentation Volume«, Lahore: Linguistic Research Group of Pakistan 1966: 101-108.

[13] in: J. Amer. Orient. Soc. 81/1961: 43-52.

[14] Bern u.a.: Lang 1994.

[15] München : Hueber 1971.

[16] Berlin: Schmidt 1975.

[17] In: J. Engl. Germ. Ph. 49/1950: 217-230.

[18] In: Lg. 30/1954: 409-414.

[19] In: B. Gesch. dt. Spr. u. Lit. (Tübingen) 108/1986: 16-29.

[20] In: Idg. F. 90/1985: 147-167.

[21] In: Lg. 65/1989: 638-643.

[22] In: Lg. 52/1976: 511-514.

[23] In: Germanic Rev. 22/1947: 174-181.

[24] In: Proc. 8th Congr. Linguists, Oslo 1958: 146-148.

[25] In: »Mélange de lin­guistique et de philologie. F. Mossé in memoriam«, Paris: Didier 1959: 354-361.

[26] In: Lg. 37/1961: 488-496.

[27] In: Z. Mundartf. 31/1964: 289-317.

[28] In: Linguistics 32/1967: 79-82.

[29] In: Word 24/1968: 340-349.

[30] In: »Mélanges pour Jean Fourquet«, Paris: Klincksieck 1969: 287-293.

[31] In: Proc. 6.th Int. Congress of Phonetic Sciences, Prag 1970: 731-733.

[32] In: Actes de 10e Congr. Int. des Linguistes, Bukarest 1970: 63-66.

[33] In: The German Quarterly 44/1971: 305-310.

[34] In: B. Gesch. dt. Spr. u. Lit. (Tübingen) 104/1982: 169-189.

[35] In: »Dialectology, Linguistics, Literature«, FS C. E. Leach (hg. von W. W. Moelleken), Göppingen: Kümmerle 1984: 208-221.

[36] In : Berg­mann u.a. (Hgg.), »Althochdeutsch«, Heidelberg: Winter 1987: 103-113. Diesem Beitrag in der Schützeichel-FS korrespondiert seine lobende Rezension von dessen Ahd. Wörterbuch in Lg. 59/1983: 229.

[37] In: Lg. 59/1983: 229-231.

[38] Bern: Lang 1986.

[39] In FS Klaus Mat­zel (hgg. von H. W. Eroms u.a.), Heidelberg: Winter 1984: 215-224.

[40] Bern: Lang 1989.

[41] In: FS E. Skala (hg. von P. Wiesinger), Göppingen: Kümmerle 1988: 1-8.

[42] Als Bd. 8 der Gesammel­ten Werke, Berlin: de Gruyter 1980.

[43] Bern: Lang 1984.

[44] In: Z. dt. Ph. 110/1991: 170-183.

[45] In: FS. H. G. Roloffs, Bern: Lang 1991, Bd. 1: 15-19.

[46] In: FS A. A. Hill (hgg. mit M. A. Jazayeri u.a.), Den Haag: Mouton 1976: 163-169.

[47] In: H. Bluhme/G. Hammarström (Hgg.), »Descriptio Lin­guistica«, Tübingen: Narr 1986: 240-255.

[48] In: FS J. P. Strelka (Hg. K. K. Polheim), Bern usw.: Lang 1986: 11-21.

[49] In: FS H. Politzer, »Austriaca«, hgg. v. W. Kudszus/H. C. Seeba, Tübingen: Niemeyer 1975: 329-339.

[50] In: I. Rauch/G. F. Carr (Hgg.), »Insights in Germanic Linguistics II«, Berlin: Mouton 1996: 235-237 – die postume Veröffentlichung beruht auf einer von den Herausgebern veranlaßten Übersetzung ins Englische!

[51] So operiert er z.B. in der Miegel-Studie (1996) mit seinen spezifischen Lesereaktionen als Österreicher auf einen hochsprachlichen (d.h. in Hochlautung zu lesenden) Text.

[52] In: Lg. Learning. J. Applied Ling. 8/1958: 1-3.

[53] Tübingen: Niemeyer 1972.

[54] Wiesbaden: Steiner 1974: 1-22.

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[57] In: Amer. J. Germanic Ling. Lit. 7/1995: 84.

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[59] In: Incontri Linguistici 15/1992: 19-26.

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[62] In: Ph. A. Luelsdorff (Hg.), »Orthography and Phonology«, Amsterdam: Benjamins 1987: 225-238.

[63] In: American J. Germanic Ling. a. Lit. 3/1991: 199-201.

[64] In: Die Unterrichtspraxis 27 (hgg. von The American Association of Teachers of German)/1994: 105-108.

[65] In: Jb. intern. Germanistik 16/1965: 71-126, hier: 81-83.

[66] S. Jb .intern. Germanistik 1/1969: 193-194.

[67] In: Z. Dialektologie u. Ling. 52/1985: 221-222.