Naumann, Walter

Geb. 3.11.1910 in Aussig/Böhmen, gest. 1.4.1997 in Darmstadt.

 

Abitur in Hirschberg; danach Stu­dium der Romanistik und Anglistik in Marburg, München, Dijon und Bonn. 1935 Promotion in Bonn (»Der Sprachgebrauch Mallarmé's«, s.u.). N. war politisch in den Traditionen des Liberalismus zu Hause[1] und mit einer Tochter von H. Jacobsohn verlobt, die er 1941 auch heiratete. Er bemühte sich früh um die Emigration: von 1935-1937 war er Lektor in Toulouse und Paris. 1938 emigrierte er weiter in die USA, wo er zunächst Lektor an verschiedenen Universitäten war, an denen er Französisch, später dann Deutsch unterrichtete (Arkansas; Ann Arbor; Oberlin, Wisconsin).[2] 1956 kam er für eine Gastprofessur nach Marburg, wo er für germanistische Literaturwissenschaft habilitierte (mit einer Arbeit über Grillparzer). Seit 1957 hatte er eine Professur in Ohio. 1962 nahm er einen Ruf für eine Professur zur Vergleichenden Literaturwissenschaft an der TH Darmstadt an, behielt aber die amerikanische Staatsbürgerschaft bei, die er 1945 angenommen hatte. 1979 wurde er emeritiert.

In seinem Studium war er vor allem von Spitzer beeinflußt, nach dessen Modell er seine Dissertation als Stilanalyse verfaßte: »Der Sprachgebrauch Mallarmé's«.[3] Nach Spitzers und Auerbachs Weggang in die Türkei promovierte er damit bei Curtius in Bonn. Die Arbeit verstand er als deskriptive Grundlegung literaturwissenschaftlicher Interpretation: inhaltlichen Interpretationsfiguren ordnet er so ein Inventar von Ausdrucksformen zu, die er mit dem Anspruch der Vollständigkeit in einem umfangreichen Register erschloß. Diese Akzentuierung bestimmte auch sein weiteres literaturwissenschaftliches Werk, das hier nicht im einzelnen dargestellt werden kann. Er schrieb und publizierte selbst Gedichte, wie er auch literarische Übersetzungen anfertigte. Daß er sich selbst wohl als reinen Literaturwissenschaftler verstand, wird nicht zuletzt auch bei der Festschrift deutlich, in der sprachwissenschaftliche Beiträge fehlen.[4]

Q: V; Christmann/Hausmann; Sternfeld/Tiedemann; Arch. I.f.Z. München; autobiographische Notizen (»Es gab keine Zukunft«) im Jahresbericht der Studienstiftung des deutschen Volkes, Bonn 1991: 57-61; Dörner 2005. Nachruf: G. Gillespie, in: Yearbook of Comparative and General Literature 45-46/1997-1998: 201-203.

 

 



[1] Er war der Neffe von Friedrich Naumann, dem Begründer und Vorsitzenden der damaligen Demokratischen Partei (Vorläufer der heutigen FDP).

[2] S. dazu Dörner 2005.

[3] Marburg: Bauer 1936.

[4] H. G. Rötzer/H. Walz (Hgg.), »Europäische Lehrdichtung. FS für W. N.«, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1981.